Pinocchio hing, als ich mit Hund Tito auf dem Sofa kuschelte, traurig und allein im Schatten des frühen Abends an der Wohnzimmerlampe. Auch der Zwerg Alex Kinkelknut ist ihm abhandengekommen. (Hier ist die Geschichte von AlexdemZwerg und Pinocchio nachzulesen, mitsamt Bildern). Da ich schon einen Bleistift in der Hand hielt, um Tito zu zeichnen, erbarmte ich mich und zeichnete auch den Pinocchio.
Und wie ich ihn so zeichnete, vernahm ich sein klagendes Stimmchen. „Anderes hat mein Vater Geppetto mir versprochen, als bei dir an einer Deckenleuchte zu hängen“. Verblüfft ließ ich den Bleistift fallen. Wie bitte? Dieser hölzerne Knabe konnte reden? Aber ja, ich hätte es wissen müssen! Pinocchio war aus sprechendem Holz geschnitzt! Genau deshalb gelangte er ja überhaupt in Geppettos Werkstatt und wurde zu dem, was er eben wurde: eine redende, handelnde, leidende, lernende Holzfigur auf dem Weg zum Menschentum.
Wie war doch gleich seine Geschichte? Er wird erschaffen – und reißt gleich mal aus. Geppetto, der Gute, sucht ihn überall und landet seinetwegen sogar im Gefängnis. Irgendwann kommt Geppetto frei und Pinocchio heim. Er verspricht, artig zu sein und zur Schule zu gehen. Doch auf dem Weg zur Schule …. trifft er auf seinesgleichen: ein Puppentheater. Und das muss natürlich zünftig gefeiert werden.
Hin und her – auf und ab wendet sich Pinocchios Schicksal! Wen trifft er nicht alles auf seinem Weg, stets guten Willens, ein braver Bursch zu werden, aber ach! auch vergesslich, was die guten Vorsätze angeht.
Fünf Goldstücke hat ihm der Puppensieler Mangiafuoco (Feuerfresser) für den Vater mitgegeben, der alt und krank ist. Und was macht er, als er il Gatto e la Volpe (Kater und Fuchs) trifft?

la volpe – der Fuchs
Er gibt damit an. Und natürlich wollen die an die Goldstücke. Auch die Räuber sind scharf darauf, hängen ihn an eine Eiche, damit er verrät, wo er sie hat (in seinem Mund hat er sie versteckt!). La Fata dai capelli turchini (die Fee mit den dunkelblauen Haaren) rettet ihn und macht ihn wieder gesund. Die hab ich auch mal gemalt, wie ihr seht.
Anstatt nun schnurstracks zu seinem Vater zu eilen, trifft er wieder il Gatto e la Volpe. Und lässt sich sein Gold stehlen. Und kommt ins Gefängnis, als er den Diebstahl deklarieren will. Und flieht. Und muss für einen Bauern den Wachhund spielen.
Diesmal sind es il Grillo parlante (die sprechende Grille) und eine Piccione (Taube), die ihm helfen heimzukommen. Doch sein Vater ist inzwischen auf der Suche nach dem kleinen Ausreißer mit einem Boot ins Meer hinausgefahren.
Pinocchio will ihm nacheilen, doch eine große Welle nimmt ihn mit sich fort. Auf der Insel der fleißigen Bienen kommt er zu sich, will nun selbst fleißig arbeiten, zumal er gerne isst, und ohne Arbeit auch kein Essen. Das einzige, was er leistet, ist freilich, einer alten Frau den Korb zu tragen – und das ist seine Wohltäterin, la Fata dai capelli turchini. Perfekt! Wieder verspricht Pinocchio, sich zu bessern, und la Fata dai capelli turchini verheißt ihm, dass er, wenn er fleißig in die Schule geht, ein richtiger Junge aus Fleisch und Blut werden kann.
Doch ach! Lucignolo (Kerzendocht), sein langer dünner Freund, überzeugt ihn, viel besser sei es im Spieleland. Da könnten sie nach Herzenslust spielen und bräuchten ihre Zeit nicht mit Lernen zu vergeuden. Dort gefällt es ihnen gar sehr, bis sie in Esel verwandelt und an einen Zirkus verkauft werden. Und da sich Esel Pinocchio verletzt und daher unbrauchbar ist, wird er weiterverkauft an einen Mann, der aus Eselshäuten Trommeln fertigt. Zu diesem Zweck wird der Esel ins Meer getrieben, damit die Fische ihn abnagen, bis nur die Haut übrig ist. Doch in unserem Fall bleibt … nur Pinocchio übrig, der nun von einem Riesenhai verschluckt wird und dort, im Bauch des Fisches, seinen Vater wieder trifft.
Gemeinsam gelingt es ihnen, dem Hai zu entkommen …. und Pinocchio verspricht, nun endlich ein verantwortlicher Junge zu werden, der das Lügen unterlässt.
Ich schaue auf meinen Pinocchio und frage: Und? Ist es dir gelungen? „Aber ja“, ruft er im Brustton der Überzeugung, und ich kann zusehen, wie seine Nase lang und länger wird. Ist eben ein Pinocchio – denke ich. Und damit er sich besser fühlt, gehe ich Zwerg Alex suchen, auf dass er ihm noch einmal Gesellschaft leiste. Ihr erinnert euch?

Da hängen sie nun und schaukeln und singen im Duett:
Alex:
„Ich und der Pinocchio
wir sind ein schönes Paar“ –
Pinocchio:
„und wenn ich mal ne Lüge sag
so stimmt sie und ist wahr!“
Alex:
„Er liebt mich heiß und wer es wagt
Sich mit mir anzulegen
Den spießt er mit der Nase auf
Denn er ist sehr verwegen.“
Pinocchio und Alex:
„Wir schaukeln uns in Himmelshöhn
Weit über menschliches Gedröhn
Und kreiseln um die Welt
Wer es nicht glaubt,
kriegt eins aufs Haupt
bis dass der Groschen fällt.“
(Anmerkung: Alle Bilder bis auf die erste Zeichnung habe ich in früheren Beiträgen veröffentlicht. Bei der Auswahl habe ich diesmal eine möglichst große Vielzahl an Techniken zeigen wollen: Zeichnung, Malerei, Legebild, Collage)