Franz Kafkas „In der Strafkolonie“ (abc-etüde)

Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.22 | Wortspende von Gerda Kazakou

Haut-feurig-schweben

Hat mich doch der Teufel geritten und habe wieder einmal Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ gelesen. Ich wusste ja, wovon sie handelt, aber die Einzelheiten waren mir entfallen. Das Zeremonielle der Hinrichtung, die fast zärtliche Beschreibung des Folterinstruments: Bett und Schreiber, und dazwischen „schwebt“ die Egge, die  sich hinabsenkt auf den bäuchlings ausgestreckten nackten „Verurteilten“ , um in seine Haut einzuschreiben, was er in zwölf Stunden zu lernen hat, bevor der Spieß seinen Leichnam durchspießt und in die Grube schmeißt.  Mit vielen Verzierungen wird der Urteilsspruch in die Haut gestanzt. Um die Schrift zu vertiefen, wurden die in die Haut gestanzten Löcher früher mit einer feurig-ätzenden Flüssigkeit betäufelt, aber der neue Kommandant  hat das zum Leidwesen des Offiziers, der zugleich Richter, Maschinist und Exekuteur ist, abgeschafft. Im beschriebenen Fall ist die zu lernende Message „Ehre deinen Vorgesetzten!“

»Kennt er sein Urteil?« »Nein,« sagte der Offizier …»Es wäre nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem Leib.«

Der „Reisende“, der all dies mit Befremdung aufnimmt, ist dann auch Zeuge der dramatischen Wende: Der Offizier begreift, dass die Zeit der herrlichen Maschine vorüber ist. Er regelt den Schriftzug neu und legt sich selbst unter die Egge, damit er im Sterben die neue Message begreife: „Sei gerecht!“ Aber die Maschine gibt buchstäblich ihren Geist auf. Sie  zerfällt und mordet den Offizier auf ganz unzeremonielle Weise, so dass er rein gar nichts zu lernen imstande ist, bevor sein aufgespießter Leichnam in der Grube landet.

Ist diese Geschichte damit beendet? Nicht ganz. Der Reisende begibt sich zum Grab des alten Kommandanten, der die Maschine erfand und zu höchsten Ehren brachte. Auf der Grabplatte steht eine Prophezeiung: Der Alte werde zurückkehren.  Der Reisende beeilt sich, die Insel zu verlassen.

Mein Legebild „In der Presse“ nimmt indirekt auf diese Geschichte Bezug.

300 Wörter

under pressure

 

 

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Dora zum ZweiundzwanzigstenZweiten: Klein-Sophia

„So ein dolles Datum“, schreit Dora begeistert. „22.02.2022. Da muss ich mir ein besonderes Geschenk ausdenken! Eins, das du sicher in Erinnerung behalten wirst!“

Mir wird ein bisschen mulmig, als ich das höre. Besondere Daten, Ereignisse, die einem in Erinnerung bleiben – nee, schöne sind das ja selten. Und nun gar heute, wo du nicht weißt, was dich um die nächste Ecke erwartet. Das sage ich zu Dora, die aber wischt meine Ängste mit einer großzügigen Bewegung weg. „Quatsch, alte Schwarzseherin! Alles wird gut!“ verkündet sie. „Du wirst schon sehen!“.

Und tatsächlich ist das heutige Geschenk von ganz besonderer Art. Meine kleine Schutzbefohlene Christina – sie ist inzwischen schon 25, aber da ich sie als 4Jährige kennenlernte, als die Mama an einer Straßenecke bettelte, bleibt sie für mich klein – Christina also schenkte mir heute zwei Fotoabzüge von ihrem Töchterlein, das, wenn genug Geld da ist, auf den schönen Namen Sophia getauft werden wird. Christinas Mama heißt so. Eigentlich heißt sie nicht so, sondern hat einen für unsereins unaussprechlichen  Roma-Namen. Ich kenne sie nur als Sophia, seit damals, als sie, frisch aus Albnien kommend, mit zwei kleinen Kindern, das dritte im Bauch, an einer Straßenkreuzung bettelte. Und nun ist sie also Oma.

Die kleine Sophia ist winzig, sie hat es schwer gehabt in ihrem jungen Leben, braucht teure Extranahrung, um zu wachsen. Ihre Eltern – Christina und Panagiotis – mühen sich redlich, aber wer kann in diesen Zeiten Geld verdienen, das ausreicht für Wohnung und Nahrung und Heizung und Medikamente? Einen Tag gibts Geld, am anderen nicht. Einen Tag kommt eine gewaltige Stromrechnung, am anderen will die Kinderärztin bezahlt werden.

Doch nun hat sich Dora der Kleinen angenommen. Dora sagt: „Keine Angst, ich werde schon für sie sorgen“.

Dora, Dora, vergiss bitte nicht, dass du nur in diesem Jahr zuständig bist! Christina und Sophia wollen auch danach gerne noch leben. Also wenn schon, denn schon: sorge vor!

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Themenwort bei Wortman: Überraschung! Ouroboros

Eine echte Überraschung ist es, als ich beim Nähertreten sehe: das helle Ding da auf dem Feigenblatt ist ein Ouroboros – eine Schlange also, die sich vom Schwanz her selbst verzehrt. Bevor es ihr gelingt, sich zum Verschwinden zu bringen, ist sie gestorben.

Mit ihr verschwand die Unendlichkeit aus unserem Leben.  Das Leben endet seither mit dem Tod.  Oder doch nicht? Man wird sehen. Womöglich ist der Tod für eine Überraschung gut?

Dies ist ein Beitrag zu Wortmans Themenwort „Überraschung“.

Wiki: der Ouroboros „ist ein Symbol der kosmischen Einheit, die sich in der Formel ἕν τὸ πᾶν hen to pan, deutsch ‚Eins ist Alles‘ ausdrückt, und insbesondere der Entsprechung von Mikro- und Makrokosmos. …“

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Dora zum EinundzwanzigstenZweiten: Und ICH?

„Und ICH?“ schreit Dora bei so mancher Gelegenheit. Merkwürdig. Ich hatte angenommen, eingefleischte Schenker wie Dora seien selbstlos. Das aber ist ein Irrtum. Sie liebt es sehr, beachtet zu werden – nach dem Motto „Ich schenke selbstlos, kann ich da nicht jedenfalls verlangen, dass man mir huldigt?“

Und so war es auch heute Morgen, als wir die gestrigen Blogbilder anschauten. „Und ICH?“ schrie sie. „Habe nicht ICH dir all die schönen Eindrücke geschenkt, einschließlich der Kuh, und du hast mich nicht mal erwähnt, geschweige denn ein Bild von mir gepostet!“

Nehmt es ihr nicht übel, sondern bedenkt, dass sie noch ziemlich kindlich ist. Kinder sind so. Sie wollen gern der Mittelpunkkt sein und freuen sich, wenn sie in Alben und auf Regalen Fotos von sich finden. Es gibt nun mal nichts Interessanteres als das eigene kleine Ich. Hier also ein Nachtrag mit Dora-Bildern:

Dora hangelt am Kuhstrick

Dora spiegelt sich im verschmutzten Fenster eines Klosternebengebäudes

Dora beleuchtet einen Klosterdurchgang

Dora inspiziert ein Olivenbaumloch

Dora reitet auf meiner Schulter

Danke, Dora, treue Begleiterin durch dieses Jahr! Danke für all deine Geschenke!

 

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Weiße Kuh im Klostergelände (tägliches Zeichnen)

Kloster Pendeli (rechts im Hintergrund)

Mein Spaziergang führte mich heute an einen Ort, den ich noch nie betreten hatte. Freundin Effi – Nachbarin und Malerin – zeigte ihn mir.

Effi zeigt mir das Gelände

Es handelt sich um ein ausgedehntes parkähnliches Gelände mit Wäldchen und Sümpfen, das sich hinter dem altehrwürdigen Kloster Pendeli erstreckt und  eben diesem gehört.  Die Pforte ist immer offen, der Zugang frei. Ich war begeistert, und noch begeisteter war ich, als ich in einem Pinienwäldchen zwei grasenden weiße Rinder erblickte.

Besonders die große Kuh hatte es mir angetan, denn sie erinnerte mich an die Nymphe Io, die von Hera in eine Kuh verwandelt wurde – damals, vor langer Zeit. Um Io kreist meine Phantasie seit Jahren, und so erhielt sie auch eine große Rolle in meinem Romanfragment „Schwanenwege“. Auch eine Legebildreihe gestaltete ich. Schau mal hier, wenn du Lust hast.

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Nachdem ich das ganze Gelände inspiziert hatte – Effi sammelte derweil Kräuter -, setzten wir uns unter ein blühendes Mandelbäumchen und versuchten, die Kuh zu zeichnen. Tatsächlich gelang sie mir ohne lebendes Modell als Legebild besser als heute mit dem Stift.

Die geruhsam grasende Kuh lud zu genauem Zeichnen ein – aber kaum hatte man die erste Linie einigermaßen gefunden, wendete sie den Kopf, drehte den schweren Leib, hob einen Fuß und wanderte weiter. Also musste man von vorn beginnen. Ich füllte sechs Blätter des winzigen Reporterblocks.

Vielleicht, dachte ich, sollte ich die Kuh doch mal anhand von Fotos studieren – und  machte eine Menge Fotos von der Schönen. Hier nur drei Überblendungen mit Zeichnungen.

Schön wars im Klostergelände!  Die Abendwolkenbank, als sei sie ein Meereshorizont, wie mit dem Lineal gezogen.

Lieblich das blühende Mandelbäumchen im Abenddämmer, dahinter, nun unsichtbar, die weißen grasenden Rinder.

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Dora zum ZwanzigstenZweiten: Kata-strophisches Sanduhr-Gedicht (abc-etüde)

abc.etüden 2022 08+09 | 365tageasatzadayhttps://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/02/20/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-08-09-22-wortspende-von-gerda-kazakou/

Haut-feurig-schweben sind die neuen Etüdenwörter, die ich, ich weiß nicht aus welchem Impuls heraus, gespendet habe. Von Christianes Seite leuchtet mir ein Sonnenuntergang entgegen. Von meiner auch – jedenfalls gestern. Auch für heute steckt ein Sonnenuntergang in der Röhre. Wird er zur Etüde? Warum eigentlich nicht?

Sanduhr-Gedicht

Dora, du schwebst im feurigen Licht!

deine Haut aus Papier

brennt nicht

dir

brennt nicht

deine Haut aus Papier

Dora, du schwebst im feurigen Licht.

 

***

Der Sand der Sanduhr rinnt

Klein-Dora ist noch ein Kind

weiß nicht, dass andre Kinder rennen

weil ihre Haut und Häuser brennen

über ihnen Drohnen schweben

 töten ihr noch junges Leben.

***

Mandelblüten schweben im Raum

der Tag ist versunken

am Mandelbaum

feurige Funken

weiß

nicht heiß

am Mandelbaum

der Tag ist versunken

 Mandelblüten schweben im Raum

 

Die Aufnahmen machte ich gestern abend, als eine Freundin und ich noch eine Runde durch den Stadtwald drehten. Später kamen dann Bilder aus der brennenden Ukraine, kam die unsägliche Propagandashow aus München, und verdarben mir die Freude am glühenden Himmel, am blühenden Baum.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dora zum NeunzehntenZweiten: Zimmerreise

Neugierig ist Dora, und so ist sie, kaum dass wir ankommen, in unserer Athener Wohnung unterwegs. Alles muss sie begutachten und kommentieren. Ich habe freilich auch noch anderes zu tun, als ihre Kommentare mitzuschreiben: Blumen gießen und schauen, was überlebt hat, Gießanlage kontrollieren, mitgebrachte schmutzige Wäsche in die Waschmaschine füllen, gewaschene Wäsche aufhängen, Maschine neu befüllen, Nachbarn begrüßen, grünen Bohneneintopf kochen, den Computer in Gang setzen und was derlei Dinge mehr sind.

Mache ich eine Tür auf, ist Dora schon hindurchgeschlüpft und inspiziert, was sich dahinter verbirgt. Der lange Flur zwischen Wohnzimmer und Küche wird zur Rollerbahn.

Am meisten aber interessiert sie sich für die Regalwand in meinem Zimmer. „Was ist dies? Wer ist das?“ verlangt sie zu wissen. Und da stehe ich nun und versuche mich zu besinnen.

„Das bunte Katzenvieh, das haben wir aus Mexiko mitgebracht, und den gefilzten Schwan hat Johanna gemacht und mir geschenkt… “ – „Mexiko, wo ist das und warum warst du dort? Wer ist Johanna? Was ist Filzen? Ist das dasselbe wie Flitzen? “ – „Langsam, eins nach dem anderen, Dora. Also, die Frau auf dem Foto daneben, das war ich mal und …

die Eulen, ach, Dora, es sind so viele, wie soll ich noch wissen, woher jede einzelne stammt? Wer sie mitgebracht hat?  Die beiden langen hölzernen Kerle, die an den Büchern lehnen, die kommen aus Afrika, aus Zimbabwe, die hat …“

Aber nun hat Dora das Pfeifenköpfchen und deren tollen Schatten entdeckt. Den Schatten muss sie gleich selbst ausprobieren. Die Strohpuppen auf dem Foto dahinter interessieren sie nicht. Ich aber erinnere mich: Ja, das waren Flüchtlinge, die Helen Escobedo, meine mexikanische Freundin, vor vielen Jahren (1997) in Hamburgs Park Moorweide installierte. Wind und Wetter zerstörten sie, es blieben nur die Kreuze und ein paar Fetzen. Aber eines Tages, als Helen sie wieder einmal besuchte, um ihren Zustand zu dokumentieren, sah sie, dass junge Menschen diese armseligen Kreuze mit bunten Bändern und Blumen geschmückt hatten und um sie herum einen Feentanz aufführten. Das machte sie froh.

Danke, Dora, dass du mich mit all deiner neugierigen Fragerei  hierher geführt hast, so dass ich mich nun so lebhaft an Helen und unsere Reise nach Mexiko  erinnern kann. Und ja, das bunte Katzentier oben im Regal haben wir damals gekauft, als wir sie besuchten.

Vielleicht erinnert sich der eine und die andere noch ans Pfeifenköpfchen und an die beiden langen afrikanischen Kerle und an die Eulen und an den gefilzten Schwan… – ich habe sie ja alle schon mal gezeichnet und hier, auf diesen Seiten, vorgestellt. Wenn du Lust hast, schau zB mal hier und hier und hier.

Flötentöne

Mit einmal bin ich es müde, ein Mensch zu sein.
Mit einmal trete ich ein in Schneidereien und Kinos,
undurchdringlich und welk wie ein Schwan aus Filz,
treibe ich hin auf einem Wasser von Ursprung und Asche.

Pablo Neruda.

(Übersetzung zitiert nach http://www.planetlyrik.de/pablo-neruda-der-grosse-gesang/2012/09/)

 

 

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Dora zum AchtzehntenZweiten: Licht.

Ich schaue gern und fast täglich dem Sonnenuntergang zu. Es ist ein Schauspiel, das mir nie langweilig wird.  Wie sich die Farben entwickeln, verschmelzen, verlöschen – ein allmählicher Vorgang, doch zugleich rasend schnell wie die Drehung der Erde, die sich von der Sonne abwendet und ihr Gute Nacht sagt. Wie schnell sich die Erde dreht? Na, bei uns ungefähr 1600 km pro Stunde. Das ist deutlich schneller als ich mich mit dem Auto fortbewege, wenn ich, wie heute, von der Mani nach Athen fahre.

„Ich fahre nicht gern bei Dunkelheit“, sagte ich vorhin zu Dora. „Den Sonnenuntergang müssen wir heute abkürzen!“ Aber Dora sprang aufs nächste Gebüsch und schrie:“Lass dir nur Zeit! Ich leuchte dir, da siehst du mindestens genauso gut wie am Tag. Meine Lampe ist heller als die Sonne!“

Welch eine Selbstüberschätzung! Dora ist, scheint’s, in der Gegenwart angekommen, in der so mancher meint, die technischen Hilfsmittel seien denen überlegen, die die Natur für uns bereit gestellt hat. Doch in einem hat sie Recht. Ohne ihr künstliches Licht hätte ich die Strecke Mani-Athen nicht wohlbehalten hinter mich gebracht. Also sage ich danke für ihre Hilfeleistung.

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Fragen Sie Ihren Apotheker (Schnipsellegen mit Lyrifant-Wörtern)

Ich hatte mal wieder Lust auf Schnipsellegen und griff in die Kiste. Was ich hervorog, war ein buntes Gemisch, darunter etliche rosa Teile. Die stammen von Sabine, dem Lyrifant. Auf jedem Schnipsel gibt es einen Buchstaben. Diese Schnipsel haben mir schon viel Freude bereitet und einen Haufen Bilder und Texte inspiriert. Hier der erste Eintrag von vielen weiteren.

Hurra! Lyrifants Schnipsel sind da!

Bisher hatte ich nicht beachtet, dass auf den rosa Fetzen auch Bruchstücke eines maschinengeschriebenen Textes zu lesen sind. Mühsam entzifferte ich einige Worte. Beim C stand – wie könnte es anders sein – „fragen Sie Ihren Apotheker“, beim h das irgendwie auch aktuelle Wort „Haftung“… und beim m  „Folge zu leisten“ (m wie „man muss“?)

Wer wagt da zu widersprechen? Ich leistete Folge und begann, ein Bild zu legen.

Um weitere Überraschungen zu vermeiden, sortierte ich alle anderen beschrifteten Schnipsel aus und ließ nur die harmlosen weil schriftlosen gelten. Das Ergebnis meiner Bemühungen sieht so aus:

Links erscheint eine artige Dame mit dem Zettel Fragen Sie …Apotheker“, vermutlich ist der Zettel ein Rezept oder, nach heutigen Maßstäben,  ein Impfzertifikat. In der Mitte hockt das maskierte Wesen „Haftung“, es gleicht einem Tierchen, das nicht weiß, ob es Fisch oder Karnickel ist. Rechts sehen wir die strenge pharmakologisch-epidemische Wissenschaft mit dem Doktorhut (?) und der Armbinde „Folge zu leisten“. Diese Hand hält wie ein Fähnchen das Verschriebene und zugleich die Dame auf gebotenen Abstand, die andere Hand versteckt hinter dem Rücken ein leeres Blatt. Die Rechnung vielleicht, die erst noch aufgemacht wird? Oder eine weitere künftige Verschreibung? Wer weiß.

Das ist alles, was die Schnipsel mir erzählt haben. Mehr weiß ich nicht. Vielleicht könnten ja die anderen rosa Dingerchen, die ich aussortiert habe, Auskunft geben?

 

Nacht, erfüllt von Sternen,
Buch, was strahlst an Schicksal,
Nachricht du uns zu?
Freiheit oder Joch?
Von welcher Fügung kündest du
Am mittnachtweiten Firmament?

Velimir Chlebnikov

(vergl. dazu https://gerdakazakou.com/2020/10/01/vom-hofhund-zu-zaum-mit-lyrifants-schnipseln-um-die-ecke-denken/)

Auch hier ist gleich Mitternacht, der volle Mond steht am Himmel und überstrahlt den Orion. Gute Nacht!

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Dora zum SiebzehntenZweiten: Hoch oben!

Dora liebt es, wie ihr wohl schon bemerkt habt, die Welt von einem höheren Standpunkt aus zu betrachten.

Kaum kommen wir an einer Mauer vorbei, steht sie schon oben und verkündet, was man von da oben alles sehen kann, was mir als armseliger erdgebundener Fußgänger ganz verborgen bleibt.  Ich gönne ihr den Spaß und lasse sie gewähren…

… zumal wenn der Boden eine Trockenwiese ist, auf der ein Sternenmeer blüht. Es sind Asphodelen, höher und prächtiger als ich sie sonst gesehen habe, und vom Abendlicht durchglüht.

Aber das war nicht heute. Heute haben wir es mit einem anderen Höhenabenteuer zu tun. Unser Ziegeldach, das vom Boden aus in etwa 4-5 m beginnt und sich dann über dem Gebälk unseres Salons elegant verzweigt, gefällt auch einer Tierfamilie. Welche es ist, habe ich nicht herausfinden können. Ich tippe auf Wiesel oder Marder, aber auch ganz banale Ratten kommen in Frage.  Gelegentlich rieseln blaue Isolationskrümel in die Wohnstube, die ich dann auffege und drohend an die hohe Decke starre. Die da oben lassen sich von meinem Blick aber nicht erschrecken – sie sehen ihn nicht mal. Und zum Dranklopfen ist die Decke bei weitem zu hoch.

In diesen Tagen wurde es da oben immer lebendiger, das Kratzen und Scharren machte mir Angst, ich sah schon unsere Isolation in Fetzen. Also fragte ich unseren albanischen Freund Giorgos, der schon beim Bau des Hauses mitwirkte, um Rat. Er kam mit einer langen Leiter, stellte sie an der niedrigsten Stelle an die Wand und erklomm das Dach, fegte es von alten Piniennadeln sauber, begutachtete die Ziegeln. Später fuhren wir Zement-Materialien einkaufen, und nun hockt er seit Stunden auf dem Dach und macht Löcher und Lücken zu. Alle wird er so nicht erreichen können, das Dach ist zu steil.

Dora ist seither nicht vom Dach runter zu kriegen. Sie turnt über die Ziegel, balanciert auf dem Schornstein, beschreibt die Aussicht, fuhrwerkt mit dem Besen herum, benutzt auch ihre Latüchte als Besen, lobt sich für ihren Erfindungsreichtum und gibt Giorgos gute Ratschläge. Der ist zum Glück ein geduldiger freundlicher Mensch und lässt sich von Dora nicht aus der Ruhe bringen.

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