Dora zum SechzehntenZweiten: Geschmacksfragen

Ich habe einen Stapel großer grauer Pappen hervorgezogen, auf denen  ich vor vielen Jahren Farbstudien mit Pigmenten und Kleister gemacht habe.  Als ich gerade dabei bin, die Portraitskizzen von den anderen zu trennen, guckt Dora zur Atelierstür herein und fragt: „Kommst du mit auf einen Bummel?“ – „Ach nee, lass man“, sage ich, „Ich muss hier ausmisten. Das meiste von dem alten Zeugs muss weg. Aber ich kann mich nicht entscheiden,“ – „Ich helfe dir!“ bietet Dora sich spontan an.

Doras Geschmack ist zwar eher fragwürdig, aber eine Hilfe kann ich gut brauchen. Also breite ich die Pappen mit den Portraits aus: „Was soll ich behalten? Was wegwerfen?“ – Dora legt das Köpfchen schief, grimassiert und ist nur mit einem Bild einverstanden – das ist auch das einzige, dass ich, so vermute ich, nicht selbst gemalt habe. Es ist mir ganz fremd. „Das ist zwar alles ziemlich schlecht gemalt“, befindet Dora, „behalte es trotzdem, wenn es dir wichtig ist.  Das orange, was mir aber nicht dir gefällt, das gibst du mir! Den Rest kannst du ja an andere verschenken“

Eine merkwürdige Einstellung hat Dora. Ich bin empört. „Ich soll verschenken, was mir nicht gefällt? Ja, spinnst du? Das wäre ja eine Beleidigung für die Beschenkten!“ Aber Dora widerspricht mir entschieden. „Glaubst du, dein Geschmack ist der Goldstandard?  Was dir nicht gefällt, kann ja anderen durchaus gefallen. Ich nehme das orange, es passt farblich ausgezeichnet zu mir. Und darauf kommt es an! Außerdem ist die junge Dame hübsch und elegant und fletzt sich nicht so im Sessel wie andere, die du gemalt hast.“

Ach ja, wie war das noch mal? De gustibus …. Und was mache ich jetzt mit den anderen elf Pappen? Aufheben oder verschenken oder wegwerfen?

 

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Kata-Strophen mit de Bonos 6 Hüten und den sieben Zwergen (Abc-etüde)

abc.etüden 2022 06+07 | 365tageasatzaday

Notwendige Vorbemerkung:

Edward de Bono wurde in den 80er Jahren ziemlich bekannt als Erfinder des Begriffs lateral thinking, eingedeutscht als „Querdenken“. Diese Art des Denkens gilt als unbequem, aber auch kreativ, sie gilt als chaotisch-assoziativ, aber auch hilfreich, wenn man mit dem rationalen „vertikalen“ Denken nicht weiter kommt.  1986 erfand er ein Kommunikationsspiel mit sechs „Denkhüten“ (Six Thinking Hats), das sich bald bis hinauf in die Chefetagen der Unternehmen großer Beliebtheit erfreute. Es beruht auf der Beobachtung, dass es oft zu Streit kommt, weil Menschen unterschiedliche Denkstile benutzen. In einem Gruppenprozess sei es daher von Vorteil, wenn die Teilnehmer sich einigen, welcher „Hut“ (Denkstil)  grad dran ist. Dann setzen sie sich den entsprechenden Hut auf. Wichtig sei, dass alle sechs „Hutarten“ zu ihrem Recht kommen, so dass sich alle Beteiligten einbringen können.

Die einzelnen Hüte stehen für

  • blau: ordnendes, moderierendes Denken: Überblick über die Prozesse, momentaner Stand des Entscheidungsprozesses (,Big Picture‘: der blaue Himmel)
  • weiß: analytisches Denken: Fakten, was ist bekannt und was nicht, welche Anforderungen bestehen und wie können sie erreicht werden (objektiv: das weiße Blatt)
  • rot: emotionales Denken, Empfinden: Konzentration auf Gefühle und Meinungen (subjektiv: Feuer und Wärme)
  • schwarz: kritisches Denken: Risikobetrachtung, Probleme, Skepsis, Kritik und Ängste mitteilen (kritisch: Schwarzmalerei, Advocatus Diaboli)
  • gelb: optimistisches Denken: Chancen, was ist das Best-Case-Szenario (spekulativ: Sonnenschein)
  • grün: kreatives, assoziatives, divergentes bzw. laterales (Quer-) Denken: neue Ideen, Kreativität (konstruktiv: Wachstum)

Als ich das von Kain Schreiber für die abc-etüden gesprendete Wörtchen „quer“ las, kamen mir die verqueren Debatten der letzten Jahre in den Sinn. Mir fiel auch auf, dass  eine merkwürdige Vermischung der Begriffe Querdenken und Querfront stattgefunden hat. Ich machte etliche Anläufe, um dies mit 300 Wörtern in kata-strophischer Weise darzustellen. Manche Versionen waren sehr bissig. Die heutige ist mild-gelassen. So lautet so:

Als ich wandere durch den Hain

Vernehm ich Zwergenstreiten

Sie sind zwar von Statur sehr klein

Doch hört man sie von weitem.

*

Ich schleich heran, um mehr zu sehn

Und dem Gespräch zu lauschen

Auf einem Stein sitz ich bequem

Nicht weit vom Meeresrauschen.

*

Es waren sechs und bunt gewandet

Blau, gelb und weiß, grün, schwarz und rot

Sie waren eben angelandet,

Von Ferne sieht man noch das Boot.

*

O weh o weh, was sie spektakeln!

Der eine schreit, der andre grollt

Es fehlte noch, dass sie sich hakeln

Und einer übern andern rollt.

*

Der Blaue ruft: Ich bin gescheiter

Als alle ihr, denn ich bin lang

Und ergo blicke ich auch weiter

Und weiß wo’s hinfließt und entsprang.

*

Die Rote, ja, es ist ne Frau

Schreit: Still, seid still, ich fühle

Mit allen und ich fühl genau

Die Hitze und die Kühle!

*

Der Weiße hat nen langen Bart

Der lässt rein gar nichts gelten

Als Fakten, das  ist seine Art

Auch wenn die andern schelten.

*

Der Schwarze, o, der Sauertopf

Der hört nicht auf zu grübeln

Und angefüllt ist ihm sein Kopf

Von allen Weltenübeln.

*

Dem Gelben stets die Sonne lacht

Er sieht die Dinge heiter

Auch in der allertiefsten Nacht

Bleibt er ein Hoffnungsstreiter.

*

Der Grüne der trägt keinen Hut

Denn er mag gern quer denken

Was er braucht, ist Gedankenmut

Er will sich selber lenken.

*

Ein siebter Zwerg kommt nun herbei

Groß ist er wie ein Baum

Der spricht: Es ist doch einerlei

Platz ist auf kleinstem Raum.

*

Die Sonn ist weiß, doch wenn ihr Licht

Durch Dunkles wird gebrochen

Dann kommen, hach, du glaubst es nicht

Die Farben rausgekrochen.

*

Lasst jedem seins, dann passt ihr friedlich

Auch in das kleinste Boot 

Ja schau, so soll’s, macht’s euch gemütlich

Denn morgen seid ihr tot.

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Das, was zählt: die Selbstbestimmung des mündigen Menschen (Erweiterung des Debattenraums)

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In aller Bescheidenheit: Genauso sehe ich es auch. Ich bin kein „Impfgegner“, aber ich lasse es nicht zu, dass andere darüber bestimmen, was zu „meinem Besten“ mit mir und meinem Körper zu geschehen hat. Der Preis, den ich dafür bezahle, ist nicht die Weltmeisterschaft, aber in Analogie zu meinen beschränkten Möglichkeiten ist der Preis genauso hoch. Und so wie ich denken all die, die ich kenne und die sich der sogenannten Impfung verweigern. Auch sie bezahlen einen verdammt hohen Preis dafür, dass sie das in einer Demokkratie Selstverständliche fordern: als selbstestimmte Menschen respektiert zu werden.

Ich danke Novac Djokovic für seine klare Ansage. Will er sich impfen lassen – ok. Will er  sich nicht impfen lassen – auch ok. Was geht mich sein Impfstatus an? Was mich angeht, ist seine Haltung. seine Würde, sein kares Bewusstsein von Verlockung und Preis. Und dass auch ein  Weltmeisterschaftstitel nichts wert ist, wenn er zu teuer erkauft wird. Der, der ihn jetzt in Australien erhielt – seinen Namen habe ich bereits vergessen. Aber der, der ihn nicht erhielt – dessen Name bleibt mit Großbuchstaben in mein Gedächtnis und in das Gedächtnis so vieler eingeschrieben. NOVAC DJOKOVIC.

Wieso kommt mir gerade jetzt die Erinnerung an einen Mann, der einst, am  5. Juni 1989, auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking stand, ein Mensch allein gegen die Panzer? Du sagst, das sei nicht vergleichbar? Ich meine doch! In Analogie zur Brutalität des Systems, gegen das sich ein Mensch stellt, hat auch das NEIN unterschiedliche Konsequenzen. Die Haltung dahinter ist aber dieselbe.  Drum gilt auch der Satz: Lass das Übel nicht zu sehr an Kraft zunehmen, wehre den Anfängen.  Ist das Übel erst ins Riesenhafte gewachsen, reicht ein Verzicht auf einen Weltmeistertitel nicht mehr aus, um ihm zu begegnen.

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Dora zum FünfzehntenZweiten: Osterglockenläuten

Im Garten eines Kirchleins sehe ich die ersten Osterglocken. „O, schau, Dora, Osterglocken! Wie entzückend!“ Schwupps ist Dora durch den Drahtzaun geschlüpft und hängt sich an den erstbesten Stängel.

„He, was tust du da?“ rufe ich erschrocken. „Ich läute sie, was denn sonst!“ Und tatsächlich!  Einen ganz ganz ganz feinen Klang meine ich zu hören, als es still in mir wird. Ist es das Echo der Kirchenglocken, die an Ostern wieder läuten werden? Oder kommt der Glockenklang aus den Blüten selbst?

 

 

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Kirchlein am Hang (tägliches Zeichnen)

Als ich gestern dem sinkenden Abend in Kitries zuschaute, machte ich auch eine Skizze von der Küste. Es gibt da ein Kirchlein am Hang, dazu auch ein paar Ferienhäuser, manche halbfertig, wenig ansehnlich auch das Drumherum. Dennoch ergibt das Ensemble ein ganz nettes Motiv.

Beim Zeichnen wurde mir bewusst, dass Spiegelungen keinen Unterschied zwischen hässlichen und schönen Bauten machen. Sie spiegeln alles auf dieselbe Weise – und machen uns damit vor, wie wir die Welt reflektieren sollten: ohne Bewertung. Auf den nachträglich gemachten Fotos gab ich daher der Spiegelung mehr Raum und setzte die Zeichnung 50% transparent hinein.

Hier ein zweites hochformatiges Foto, überblendet mit der querformatigen kleinen Zeichnung.

Die Fotos, die ich mit 20minütigen Abstand aufnahm: liks tatsächlicher Abstand, rechts herangezoomt.

Und die Küste mit den schönen Spiegelungen, wie sie sich mir von der entfernteren Mole aus und ohne Zoom darstellte. Im Zentrum, etwas nach links versetzt, ist das Kirchlein zu erahnen.

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Montag ist Fototermin: Berg und Meer

In die Berge zog es mich heute. In der Ferne das Dorf Sotirianika, von wo ich meinen Aufstieg begann.

Bei Sonnenuntergang bin ich wieder am Meer, am kleinen Fischerhafen Kitries. Dort, wo jede Bewegung zu enden scheint.

Leichtes Glucksen und Platschen der Wellen, und meine Schritte auf dem Kies. Ein Angler steht auf der Mole.

Ein Fischer ist hinausgefahren.

Der Tag vergeht.

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Montag ist Fototermin: Schattenwurf (kleine Beobachtungen)

Mein heutiger Ausflug brachte mich recht weit hinauf in die Berge und über schmale Wege zurück hinunter ans Meer.  Eine Fülle von Bildern habe ich mitgebracht. Hier hielt ich bei einer kleinen alten Kirche, fand den Eingang auf der abgewendeten  Seite, öffnete die Eisentür einen Spalt, und Licht fiel in den einfachen Kirchenraum. Mit dem Licht fiel auch mein Schatten lang und schmal hinein und endete erst bei der Ikone der Mutter Maria. Was mich irgendwie anrührte und freute.

 

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Themenwort bei Wortman: Merkwürdig = deplazierte Verkehrsmittel

„Merkwürdig“ lautet das > P10-Themenwort W#03 by Wortman für diese Woche. Da gibt es freilich wiederum die verschiedensten Interpretationsmöglichkeiten: Bedeutet es seltsam? Kurios? Komisch? Ungewöhnlich? oder einfach etwas, das sich zu merken lohnt? Ich interpretiere es hier mal als „deplaziert“, nicht an dem Ort also, wo man etwas erwarten würde, und beziehe es auf Verkehrsmittel:

Ein Auto, das von Efeu überwachsen auf der Straße parkt, ist schon etwas merkwürdig …

ein Boot in einem Bergdorf…

oder gar auf der Autostraße … Wohin willst du, so ganz ohne Wasser unter dem Kiel?

 

Auch dieser Parkplatz scheint mir für ein Boot etwas merkwürdig gewählt zu sein

Da wundert es kaum noch, wenn einem eine Lok auf überwachsenen Gleisen entgegenrollt.

oder ein Esel die Vorfahrt auf der Landstraße nach Sparta nicht beachtet.

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Dora zum VierzehntenZweiten: Heizung für Vögel

Heute nacht konnte ich ein Gespräch zwischen zwei Vögeln belauschen und lernte wieder mal was Neues über Dora.

„Mir ist so kalt“, hörte ich einen dicken Vogel namens Jannis jammern. „Die Heizkosten sind in die Höhe geklettert, die Leute sparen. Nirgendwo ein Öfchen, um sich zu wärmen.“ „Ich habe eine kleine Öllampe gefunden“, spricht tröstend die Grete. „die zünden wir jetzt an und wärmen uns“. – „Aber wie sollen wir die denn anzünden?“ fragt zweifelnd der Jannis. „Wir haben doch keine Streichhölzer mehr, oder?“ – „Nein, leider nicht. Aber ich rufe meine Freundin Dora!“ – „Dora? Sollte ich die kennen?“ fragt Jannis und rümpft den Schnabel. „Ich kenne keine Dora“.

„Hier bin ich, alter Schnabelrümpfer“, schreit Dora und tanzt vor dem Miesejannis auf und ab. „Kennst du mich nun?“ – „Na, meinetwegen. Aber hör auf, mir vor dem Schnabel rumzutanzen! Es macht mich ganz schwindlig… Wie willst du kleiner Wurm uns schon helfen können—“ – „Ich wüsste schon wie!“ schreit Dora…

Und eh Jannis noch auf die Idee kommt, sie zu verspeisen, ist Dora schon zur Öllampe gejumpt und bringt sie mit ihrer Geschenkleuchte zum Brennen.

„Da staunst du, was?“ schreit Dora und hüpft davon.

Habts gut, ihr Vögelein! Möge die Kerze euch Wärme spenden!

Das Bild ist übrigens aus haargenau denselben Schnipseln entstanden wie die zwei vorangegangenen, und auch bei den zwei davor fanden sie Verwendung. .

Die Schnipsel stammen aus sehr verschiedenen Schnipselsätzen und passen überhaupt nicht zueinander. Das ist eine kleine Extra-Herausforderung.

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Dora zum DreizehntenZweiten: Museumsbesuch (Kunst zum Sonntag)

„Du jammerst immer, dass du nicht mehr ins Museum kannst. Was gibt es denn da zu sehen, dass du da unbedingt hinwillst?“ So fragt mich Dora heute morgen. Ach, was gibt es nicht alles in den Museen zu sehen! Verschwundene Welten, technologische Errungenschaften und vor allem: Kunst! „Kunst, kleine Dora, herrliche Skulpturen aus Marmor, wie sie heute niemand mehr machen kann. Makellose, reine Magie!“ Ich komme ins Schwärmen, und Tränen laufen mir aus den Augen, mit denen ich sie sonst bewunderte: die Skulpturen des klassischen Altertums.

„Es gibt doch die virtuelle Welt, warum musst du denn unbedingt in die reale?“ fragt Dora nun. Ach, sie ist ein Kind der Zeit, ich vergesse es immer. 2022, in diesem Jahr existiert sie, von früher weiß sie nichts. Und auch nicht vom Danach.

Zu einem virtuellen Museumsbesuch kann ich sie ja mal mitnehmen, denke ich, und öffne mein Archiv. Dora guckt und kommentiert artig mit „cool“ und „wow“, vor allem aber möchte sie sich selbst zur Geltung bringen – wie ein heutiges Kid  eben. Und so tanzt sie dem Apoll unter der Nase auf der Lotusblume herum, damit er an ihr schnuppere …

und steigt dem in Aphrodite verliebten Satyr auf die Hörner.

Ich fürchte, von Kunst versteht sie nicht sehr viel. Ihr Geschmack ist, wie ich kürzlich schon feststellen musste, auf dem Niveau chinesischer Schaufenstergestaltung.  Aber den spielerischen Geist der Alten – den hat sie sich erhalten. Aphrodite mit ihrer Sandale, die Amor-Putte, der Satyr – sind sie nicht genauso liebenswert verrückt wie meine kleine Dora? Und Apoll – siehst du nicht, wie er  über das moderne Kid göttlich lächelt, das auf seiner Schulter posiert, als hätte es ihn soeben erdacht und geschaffen?

 

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