„bunt“ ist das Wort der Woche (Royuschs Foto-Challenge)

Projekt „Wöchentliche Fotochallenge“ #35

Ein schwieriges Wort? Nun, wie man es nimmt. Herbstwälder darfst du von mir nicht erwarten. Die gibt es hier in der Gegend nicht. Außerdem sind die nicht eigentlich bunt, sondern farbig. Auch Blumen sind nicht bunt, sondern entweder orange oder rot oder blau oder gelb – mit gelegentlicher Ausnahme einer Frühlingswiese oder eines gepflückten Straußes, wo man dann durch Grün den nötigen Ausgleich hat.

Bunt ist schon etwas anderes. Da stoßen sich reine Farben auf engem Raum und machen sich gegenseitig das Leben schwer – es sei denn, sie lassen ein wenig Unbuntes – also schwarz oder weiß – zwischen sich stehen, so dass ein Minimalabstand geschaffen wird. Dann finde ich „bunt“ nicht nur erträglich, sondern sogar ausgesprochen erheiternd.

Hier siehst du, wie ein unbuntes Bild in ein buntes verwandelt wird – durch Umdrehen der Schnipsel. Täter ist ein zehnjähriger Junge.

Bei Spielzeug ist „bunt“ fast die Regel, denn es herrscht der Glaube vor, dass die meisten Kinder „bunt“ mögen. Und so ist es wohl auch.

Und da ich ein kindliches Gemüt habe, zeigt auch der Header meines Blogs eine bunte Gesellschaft: ein Symposion.

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Mani-Alltag: unterwegs nach Kalamata

Der Alltag besteht hier, wie überall, nicht nur aus Oh! und Ah! und ist das aber schön!, sondern aus all dem dazwischen, also Autofahren, um in die Stadt zu kommen, und dann Warten, während der Gatte einkauft, manchmal eine überfahrene Jungkatze vom Asphalt auflesen, immer Müll in die dafür vorgesehenen Container füllen – es gibt hier inzwischen drei Sorten: für Verpackungsmaterial jeder Art, für Glas jeder Art und für alles übrige; ferner gibt es an einigen wenigen Plätzen Automaten für Plastikflaschen, Container für Altöl, fürs Recyceln von Kleidung und Schuhen, ja es gibt sogar dank der privaten Aktion Re:Think große hölzerne Container für Gartenabfälle zwecks Kompostierung.

Da wir heute nach Kalamata fuhren, habe ich unterwegs an zwei Stellen (Apotheke, Bäckerei), während ich wartete, mal nicht gezeichnet, sondern geknipst, um die, wie ich finde, typische Mixtur aus Busch und Kraut, Bau und Asphalt einer griechischen Zersiedlungslandschaft zu zeigen. Die Bilder sind rein zufällig nach rechts, links, nah oder von fern gerangezoomt entstanden.

Ich finde ja, dass der Himmel und die gelegentlichen Ausblicke aufs Meer einem helfen,  bauliche Schandtaten einfach zu übersehen. Das tue ich meistens und nenne es „ausblenden“.

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Kunsttherapeutisches mit Bildlegen, Malen, Masken, Tieren

Heute war wieder mein zehnjähriger Freund D zu Besuch. Ich möchte ein wenig erzählen und zeigen, was wir so trieben. Vielleicht kannst du es bei Gelegenheit brauchen.

Wir beginnen auf D’s Wunsch hin mit dem Bilderlegen: Abwechselnd legen wir Maries Schnipsel – die weiße Seite nach oben. Na, was ist das? „großer Hausschuh, Schlange, Fisch“. Hihi, haha, hoho.

Umdrehen lasse ich ihn alleine. Er mag es sehr.

„Und?“, frage ich, „wie gefällt es dir besser: weiß oder farbig?“ Klar, mit Farben. Viel besser.

„Und welche Farbe gefällt dir am besten?“ Dieses Spiel habe ich kürzlich erfunden: Ich lasse die Farben sortieren: rechts außen die liebste (es ist blau), links außen die unangenehmste (weiß) und so fort, bis zur Mitte hin. Dadurch habe ich einen Hinweis auf Affinitäten auch in der Familie.

Und nun wollen wir mal sehen, welche Farben und Formen er der Familie verpasst. Aha, der kleinen Schwester hat er eine ungeliebte (dunkel-violett) – dem Vater eine geliebte Farbe (grün) zugeordnet, die Mutter hält die Mitte. Mutter und Vater erscheinen in Komplementärfarben (grün-orange), die Geschwister liegen farblich nahe beieinander (blau-violett).

Beim Weitermalen mischt er die Farben sorgfältig: Blau-Violett (die Geschwister) – orange-grün (die Eltern).

Um zu malen, wählt er übrigens von allen angebotenen Pinseln den dicksten aus.

Und malt noch ein zweites Bild, das uns beiden sehr gefällt.

Kunstunterricht in der Schule? Nein,  leider nicht. Den gibt es nur in den ersten beiden Grundschulklassen – eine Stunde pro Woche…… Seufz.

Wir aber wollen noch Theater spielen. Also machen wir uns Masken aus Schreibmaschinenpapier, in das wir vier Löcher reißen.

Dann bemalen wir unsere Masken. Seine wird ein gebildeter Typ, der beruhigend auf das  wütende Kleinkind einzuwirken versucht. So jedenfalls entwickelt sich unsere Show.

Auch Tiere spielen wir, ohne Masken. Wie schon das letzte Mal, wählt er als Lieblingstier den Wolf. Wir spielen  nicht nur wölfische Szenen, sondern ich frage auch nach dem Charakter der Tiere: der Esel ist…, die Katze ist…, die Schlange, der Fuchs, das Huhn…. und welches Tier den Vater (Löwe, Wolf), die Schwester (Schlange, Katze), mich (Eule, Meise) charakterisiere. Die Tiere sind ja meist einem menschlichen Charakterzug zugeordnet, das versteht er gut, und auch, dass der Wolf als aggressiv gilt. Ob er als Mensch diesen Wolf in sich trage? Da lächelt er lieb und meint: „ich glaube nicht“. Warum also wählst du ihn? „Weil das Leben es erfordert“. Aber in seiner Antwort ist ein kleines Fragezeichen. Also frage ich: Ist der Wolf denn wirklich so gut dran? Und: Was bist denn du deiner Meinung nach als Tier? „Eine Katze“ (wie die Schwester). Und magst du Katzen? „Nicht so“. Also magst du dich selbst nicht besonders? —

Natürlich kann ich den Dialog nur dem Sinn nach wiedergeben. Er lief auf die Frage hinaus, ob es nicht besser sei, das zu sein und gerne zu sein, was man ist, als etwas werden zu wollen, was man sowieso nie wirklich sein kann und was auch nicht besonders erstrebenswert ist.

 

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Wasser spielt über Steine (kleine Beobachtungen)

Gestern war ich wieder schwimmen und freute mich an dem Lichtspiel über den Steinen. Die Bewegung des Wassers wird hier durch einen ins Meer ragenden Felsen gebrochen, und so kommt es neben dem Felsen zu kleinen Strudeln und vielfältigen Überschneidungen zwischen dem heranflutenden und dem zurückflutenden Wasser. Diese Bewegung teilt sich dann in Lichtspielen den Steinen im Uferbereich mit.

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Saft, Öl und Marmelade vom Feigenkaktus! Die Produktion ist angelaufen

N’s Feigenkaktus-Produkte

Vorhin brachte Freundin N, von deren Bemühungen um den Feigenkaktus ich kürzlich erzählte ( hier ) ihre neue Produktreihe. Die Sonne schien durch den Saft und gab ihm eine intensiv rote Farbe. Ich schenkte mir ein Glas ein, fügte Eisstücke und ein paar Tropfen Zitrone hinzu und trank. Seither fühle ich mich putzmunter. Der Saft soll übrigens bei Diabetes helfen.

Saft des Feigenkaktus

Dann öffnete ich eines der Ölfläschchen und nahm einen Tropfen auf die Zunge. Angenehm im Geschmack, befand ich.  Auch auf meine alte Haut gab ich ein paar Tropfen und massierte sie ein. Nebenbei erfragte ich vieles Wissenswerte über die Produktion.

Seit zwei Jahren kämpft N um dieses Projekt. Es begann damit, dass sie einen Mann kennenlernte, der ein großes Feld mit diesen gewaltigen Kakteen und eine Maschine zur Entsaftung sein eigen nennt. Aber seine Rezeptur stimmte nicht, das Produkt hielt sich nicht und ließ sich nicht absetzen.  N, die bereits Marmeladen, Chutneys und Säfte herstellte, kümmerte sich drum. Nach vielen Versuchen gelang es: Der Saft ist jetzt rund und wohlschmeckend und kann, wenn er geöffnet ist, noch ein paar Tage im Kühlschrank überleben. Es ist ein ganz und gar natürlicher zuckerfreier Saft, dem zum Süßen ein wenig Traubensaft und zur Festigung Peptin vom Apfel zugesetzt werden. Seine leuchtend rote Farbe erhält er von einer bsonderen Sorte Feigenkakteen, die ich kürzlich erstmals auf einem Gelände in Attika sah. Freundin E entdeckte sie:

Früchte einer roten Sorte Feigenkaktus

Die Marmelade, die du links im ersten Foto siehst, ist aus der häufigeren orangefarbenen Frucht gemacht.

Früchte des Feigenkaktus

Und das Öl? Ja, das ist etwas ganz Besonderes mit einer, wie ich meine, großen Zukunft. Gewonnen wird es aus den harten Kernen der Kaktusfrucht durch einfache kalte Pressung.

Kerne des Feigenkaktus

Um einen Liter Öl zu gewinnen, braucht man eine Tonne Frucht. Die Kerne, die beim Entsaften anfallen, werden zertrümmert und in einem langsamen, acht Stunden währenden Prozess herausgezogen. Als Hautöl ist es unübertroffen. Es kann auch eingenommen werden. Nach bisherigen (noch nicht offiziell bestätigten) Erkenntnissen wirkt es gegen Entzündungsprozesse und jede Art von Tumor. Wenn du dir die Gestalt des Feigenkaktus mit seinen mächtigen Wucherungen und knollenartigen Früchten vor Augen führst, wirst du diese Vormutung leicht nachvollziehen können.

Öl des Feigenkaktus

Bisher arbeitet N mit drei stundenweise angestellten Helfern fast alles von Hand. Die maschinelle Ausstattung ist rudimentär, sogar die Etiketten klebt sie eigenhändig auf die Flaschen. Dass die Produktion jetzt überhaupt anlaufen konnte, ist einer großzügigen Spende zu verdanken, die eine meiner Blog-Leserinnen überwies.  Unendlich dankbar ist N und bin ich über diesen Vertrauensbeweis.

blühender Feigenkaktus

Falls jemand von euch an den Produkten und/oder an der Förderung des Projekts interessiert ist, wäre es mir eine Freude, das Anliegen zu vermitteln.

 

 

 

 

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Zimmerreise: W wie Wand (nächtliches Zeichnen)

Noch in Athen, konnte ich mal wieder nicht schlafen. Müde wanderten meine Augen über das Stück leere Wand gegenüber. Ein minimalistisches Bild zeichnen – warum nicht? Ich fischte meinen Skizzenblock aus dem für die Abreise gepackten Rucksack und zeichnete die Wand samt der leicht geöffneten Schlafzimmertür, dem Lichtschalter, einem Stück Bild und einem Stück Kommode mit Kleidungsstücken.

Nun nahm ich die andere Hälfte der Wand in Augenschein. Die war weniger minimalistisch: Sie enthielt, von rechts nach links gelesen, das ganze Bild mit dem gemalten Sonnenuntergang, darunter die Klamotten auf der Kommode, die mir zublinzelten, als wollten sie sagen: auch wir schlafen nicht!, ein Stück Zentralheizung und einen ovalen hohen Spiegel, in dem sich ein Teil der Kleidung spiegelte, sowie die Zimmerecke.

Damit war die gegenüberliegende Wand abgegrast. Schlafen? Nein, denn von der Zimmerecke winkelte ja eine andere Wand ab. Die wollte nun ebenfalls gezeichnet werden. Da gab es erneut den hohen ovalen Spiegel (nun rechts im Bild) und daneben, in der Zimmerecke lehnend, einen hohen Pappkarton, der gerahmte Bilder von einer früheren Ausstellung enthält. Darunter wird ein Stück Parkett sichtbar. Der größte Teil der „Wand“ besteht in einer Balkontür mit handgewebten Gardinen. Nein, nicht ich habe sie gewebt, natürlich, sondern das waren fleißige Genossenschaftsfrauen aus dem Epirus, einer gebirgigen Gegend an der Grenze zu Albanien. Davor steht ein Korbsessel, auf dem sich ebenfalls Kleidungsstücke tummelten, obendrauf ein geblümter Rock. Das alles könnte glatt ein Interieur von Matisse moblieren, oder?

Schließlich landete mein Blick beim Nachtschränkchen neben dem Kopfende des Bettes. Darauf die Lampe, die mein Tun aufmerksam verfolgte. Und allerlei Fläschchen sowie in Handy. Das hatte ich vorsorglich ganz ausgeschaltet, denn mit Handy neben mir kann ich sowieso nicht schlafen.

Die Zimmerreise ist damit beendet. Die andere Hälfte des Raumes lag im Dunkeln. Und so soll es auch bleiben. Gute Nacht!


Dies ist ein Beitrag zu Puzzleblumes „Zimmerreisen“ https://puzzleblume.wordpress.com/2021/10/15/einladung-zu-den-zimmerreisen-11-2021/2021-10-15-einladung-f-zimmerreisen-11-2021-mit-vw/#main

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Herbst in der Mani

Als wir vor zwei Wochen von der Mani Abschied nahmen, war es zugleich ein Abschied von einem langen Sommer. Nun sind wir zurück, der Sommer aber nicht. Ein milder Herbst ist an seine Stelle getreten. Soll ich das Schwimmen dennoch wieder aufnehmen? Zweifelnd betrachte ich den leergeräumten Strand und die Straße vor dem Angali („Umarmung“), auch der doppelte Espresso gibt mir keine überzeugende Antwort.

Vielleicht ja, vielleicht nein. Ich bin ja eben erst angekommen und ein wenig müde. Müde wie dieser Tag. Vielleicht reicht es ja vorerst, in den Himmel zu schauen …

oder ins purpurne Herz der blauen Winden.

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Biedermeier. Eine abc-Etüde

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/10/17/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-42-43-21-wortspende-von-puzzleblume/

„Biedermann und die Brandstifter“ sind schon vergeben, das Biedermeier-Schränkchen und verwandtes Mobiliar und Personal sind aufgebraucht … was bleibt mir da übrig, als mich dem wahren, dem echten, dem ersten und ursprünglichen Biedermeier zuzuwenden? Der schrieb sich allerdings mit a: Gottlieb Biedermaier hieß er – eine Kunstfigur.  Gott lieb – ja, freilich. Ein Biedermann.  So gefiel der Bürger dem Fürsten Metternich und den königlichen Herrschaften Europas, die sich nach Napoleons Sturz wieder bequem auf den angestammten Stühlen niederlassen wollten – ungestört durch Zeter und Mordio aufrührerischer Bevölkerungen.

Diese Aufrührer ließen es sich freilich nicht nehmen, den armen Gottlieb mit niederträchtigen Versen zu verhöhnen:

Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
und seine Frau, den Sohn am Arm;
sein Tritt ist sachte wie auf Eier,

sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm.

So reimte Ludwig Pfau, Herausgeber des „Eulenspiegel“, im Jahre 1847 (zit. wikipedia)

Ob Pfau, ob Heine oder Büchner – diese selbsternannten Revoluzzer konnten das Lästern nicht lassen, und so war es nur konsequent, dass sie ins Exil und gelegentlich auch ins Gefängnis mussten. Gottlieb Biedermeier konnte das nicht passieren. Denn er wusste, was sich schickt und was man der Obrigkeit schuldet. Ungerechtigkeit? Zensur? Unmenschliche Haftbedingungen? Brutale Polizei, Menschenschinderei? Himmelschreiendes Elend der Massen? Mag sein, mag sein. Und wenn aller mühsam erkämpfte Freiheits-Fortschritt wieder flöten ging – Herrn Biedermeiers Frieden würde es nicht stören. War es zu Hause nicht gemütlich? Man gab sich bescheiden, verzichtete auf übertriebenen Tand. Man lebte gediegen. Und auf den Straßen sorgte die Polizei für Ruhe und Ordnung.

Herrliche Zeiten! Mögen sie wiederkommen! Die Obrigkeit weiß am besten, was dem Bürger frommt. Was geht dich die Freiheit an? Spiel nicht mit den Schmuddelkindern! Sing nicht ihre Lieder! Psst! Halt’s Maul!

Ich will mein volles Freiheitsrecht!
Find ich die g’ringste Beschränknis,
Verwandelt sich mir das Paradies
In Hölle und Gefängnis.

(Heinrich Heine, „Adam der Erste“)

 

 

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Montag ist Fototermin: Architektur als bürgerlicher Selbstausdruck (ein Beispiel)

Architektur fasziniert mich, erfreut mich, stört mich, quält mich…. Architektur, dieser  Gestalt gewordene Traum vom Selbst, das sich im Raum manifestieren möchte. So wie die Menschen in ihrem Outfit, in ihrer Wohnungseinrichtung, in ihren Kommunikationsbedürfnissen höchst unterschiedlich sind, so auch in den Bauten, die sie für sich errichten.

Der Ausdruck des Traums vom Selbst in Form eines Gebäudes wird natürlich begrenzt durch Bauvorschriften, durch geforderte Funktionen, durch verfügbare Baumaterialien, durch Kosten, durch kulturelle Vorbilder, gesellschaftliche Einbettung und Moden. Und da er eine öffentliche und dauerhafte Sebstdarstellung ist, kann er auch nicht ganz absehen vom Geschmack der Zeitgenossen, die seinen Anblick ertragen müssen.

Wenn ich durch eine Stadt streife, sind es weniger die Auslagen, die Plakate oder Menschen, die meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie sind mir zu flüchtig, zu geschichtslos. Die architektonischen Manifstationen haben es mir angetan.

Was zum Beispiel drückt dieses elegante Gebäude aus, das in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts an der Südostflanke des Lykabettos entstand? Es ist ein hellgrau verputzter Backsteinbau mit steinernem Sockel  und tiefliegendem Eingang, repräsentativem Haupteingang, den hohe Säulen flankieren, einfachen Schmuckleisten, traditionellem Keramikdach, hohen Räumen, mäßigen Fensteröffnungen und überdachtem fein vergittertem Balkon.

Hier zeigt sich ein wohlhabendes solides Bürgertum, sicher seiner selbst, unaufdringlich, maßvoll.

Eine Reederei-Gesellschaft hat es vor etlichen Jahren gekauft und entsprechend den herrschenden Bauvorschriften renoviert. Es wurde mit einem weiteren aus derselben Epoche stammenden Nachbarhaus durch ein modernes gläsernes Zwischenstück, das verfallene Ställe ersetzte,  verbunden. Dadurch wurde Platz für den Bürobedarf geschaffen.

Ein neues bauliches Ensemble entstand, das an die ältere Tradition anknüpfend seinerseits von Wohlstand spricht, aber doch eher wie eine Fassade wirkt, hinter der nun ein anderer Geist herrscht.

Als ich so stand und das Gebäude betrachtete, kam eine ältere Dame vorbei, schlicht gekleidet, grauhaarig, schank.  Ich sprach sie an, sicher, dass sie mir die gewünschte Information über den Bau geben könnte. Woher nahm ich meine Sicherheit? Sie entsprach genau dem Typus des gebildeten und maßvollen, einstmals wohlhabenden und nun verarmten Bürgertums. Zu Hause in ihrer etwas dunklen hochwandigen Wohnung wird sie hölzerne Schränke mit Büchern, deren Seiten aufgeschlitzt werden mussten, und silbern gerahmten Fotos, einen polierten Esstisch mit steifen Stühlen und einer Fruchtschale, auch einen Blumentisch und einen tiefen Sessel am Fenster haben …. Und natürlich wusste sie, was es mit dem Gebäude auf sich hatte und erzählte mir bereitwillig davon. Ich aber dachte bei mir: was ist, wenn diese Menschen, die die Geschichte des Ortes in sich tragen, nicht mehr sind?

 

 

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Kunst am Sonntag: Pat Andrea und family

Athen ist gesteckt voll mit kleinen privaten Galerien, die noch immer die schöne Sitte haben, tagsüber für jederman geöffnet zu sein. Bzw die seit Ende  des letzten lockdown wieder geöffnet sein dürfen. Und so verband ich meinen Athen-Bummel auch diesmal mit einem kleinen Galeriebummel.

Als erste steuerte ich die Galerie Alma gleich neben dem Hauptkrankenhaus und der Metrostation Evangelismos an. Die ausstellenden Vier, deren Stil mir ähnlich vorkam, entpuppten sich als nahe Verwandte. Pat Andrea, Jg 1942, Sohn des holländischen Künstlerpaars Metty Naezer und Kees Andrea, figuriert hier als der Älteste und, wie ich meine, Stilgebende.

Die nächste Generation – Cristina Ruiz Guinazu und Mateo Andrea – bleibt dem stark grafisch-symbolistisch geprägten Vorbild verhaftet, findet dabei aber zu neuen thematischen Schwerpunkten.

Christina Ruiz Guinazu, Jg 1951, geboren in Argentinien, wo sie lebt und arbeitet.

Mateo Andrea, Jg. 1983, ebenfalls in Argentinien geboren

Die Jüngste, Azul Andrea, Jg 1988, ebenfalls in Argentinien geboren, arbeitet mit Installationen. Keine Fotos gemacht.

Alle vier Knstler haben eine internationalle Präsenz.

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