Einen Herbstbaum gemeinsam legen, mit Maries Schnipseln (Therapiestunde)

Heute kam mein zehnjähriger Freund, mit dem ich übe, seine Gefühle auszudrücken. Denn da hapert es wie bei vielen Kindern, die durch Elternhaus und mehr noch durch die Schule in ihrem Ausdruckswillen gehemmt werden. Daher beherrschen auch viele Erwachsene nicht das ABC der Sich-Ausdrückens und Kommunizierens innerer Befindlichkeiten.

D wurde von seiner Mutter und seiner lebhaften siebenjährigen Schwester gebracht. Und so machten wir alle vier ein kleines Spiel, bevor wir zu zweit allein blieben. Vorbereitet hatte ich Maries einseitig eingefärbte weiße Schnittreste. Diesmal gab ich ein Thema vor: „Baum“. In strenger Reihenfolge legten wir abwechselnd je einen Schnipsel, bis alle verbraucht waren. Wir vier waren sehr konzentriert bei der Sache und vergaßen sogar zu sprechen.

Hoppla! Das soll ein Baum sein? Wie merkwürdig ist er gewachsen! Nun, wir standen ja an zwei Seiten des Bretts, und jeder hat seine eigene Perspektive angewendet: der eine sah den Baum von rechts nach links, der andere von unten nach oben wachsen und baute die Schnipsel entsprechend längs oder quer an. Erst am Ende einigten wir vier uns stumm auf die nun gezeigte Richtung. Und wie geschah das? Durch die fallenden Blätter, die die Einordnung des Baums ins Schwerkraftfeld der Erde anzeigen.

Nun gings ums Umdrehen der Schnipsel auf die eingefärbte Seite. Denn noch ist ja nicht Winter, wir wollten einen Herbstbaum wachsen lassen. Und da es der Termin des Jungen war, und er die kleine Schwester  gern aus seinen Aktivitäten raushält, gab ich ihm die Vorhand: er durfte so viele Schnipsel wie er wollte umdrehen. Es war ihm überlassen, wann er an seine Schwester abgab. Und so drehte er um und hörte nicht auf. Die Mutter wurde unruhig, sagte: willst du A nicht auch mal lassen? Ich: das entscheidet D ganz allein. Wenn er will, gibt er ab. Und D drehte um und genoss es… bis er seiner Schwester dann doch freiwillig Raum gab: sie durfte den Stamm umdrehen. Und alle waren es zufrieden und freuten sich an unserem gemeinsam erschaffenen Baum.

Und nun wurden wir zu Bäumen: Ich wurde eine Eiche – D eine Zypresse – A wusste nicht so recht, nahm dann die Olive draußen vor der Tür – und die Mutter wurde zur Weide. Und dann kam ein Sturm auf – die Bäume schwankten und die Äste schwangen – dann hörte der Sturm auf und es kam ein Regen, plitsch platsch fiel er auf uns Bäume – und dann hörte der Regen auf und es kam die Sonne, es kamen auch Vögel, die Zweige öffneten sich, nahmen die Vögel entgegen, die zwitscherten….

Fünf Minuten höchstens dauerte das Spektakel, dann zogen Mutter und Tochter fröhlich ab und Gerda und D blieben zurück, um ein bisschen weiterzumachen.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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11 Antworten zu Einen Herbstbaum gemeinsam legen, mit Maries Schnipseln (Therapiestunde)

  1. Tolle Arbeit! Sie trägt zumindest schnipselweise zur Steigerung der Ausdruckskraft bei.

    Gefällt 2 Personen

  2. Mitzi Irsaj schreibt:

    Liebe Gerda, das klingt für mich nach einer sehr schönen Beschäftigung, die Spaß macht und sinnvoll ist. Wenn allein schon das Lesen darüber Spaß macht, dann das legen sicher auch. Und deinem kleinen Freund viele Möglichkeiten bietet sich auszudrücken.

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Mitzi. Das Legen ist vor allem einfach, eine Art von Entspannung und gibt mir zugleich Gelegenheit zu beobachten (und selbst Spaß zu haben). Wichtiger sind dann andere Sachen. Heute spielten wir u.a. Tiere durch: Wolf wollte er sein und ich wurde das Schaf (er musste so sehr lachen über mich, dass er gar nichts Wölfisches hatte), dann wurde ich der Jäger, der den Wolf erschoss (er fiel sehr dramatisch hin), dann wurde er der Jäger und ich der Wolf, der ein Schaf (Mädchenpuppe) riss und er erschoss mich und barg das kleine Schaf zärtlich, brachte es in Sicherheit. Das ist ein kleiner Ausschnitt nur und zeigt mir sehr viel: das sensible Kind, das den sehr strengen oft schimpfenden und strafenden Vater nachahmt (Wolf, Identifizierung mit dem Aggressor) bis hin zum Erbarmen mit der kleinen Schwester, wenn die vom Vater zusammengebrüllt wird (Schäfchen). Wir haben das nur gespielt, kein Wort der Interpretation, sondern sind dann gleich weitergegangen zur nächsten Episode. Für eine direkte Interpretation ist er zu jung.

      Gefällt 6 Personen

  3. Myriade schreibt:

    Mit gefällt der weiße Baum sehr, das ist doch ganz eindeutig ein Baum, ein besonders lebendiger

    Gefällt 1 Person

  4. Ganz wundervoll, liebe Gerda!

    Gefällt mir

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