Biedermeier. Eine abc-Etüde

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/10/17/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-42-43-21-wortspende-von-puzzleblume/

„Biedermann und die Brandstifter“ sind schon vergeben, das Biedermeier-Schränkchen und verwandtes Mobiliar und Personal sind aufgebraucht … was bleibt mir da übrig, als mich dem wahren, dem echten, dem ersten und ursprünglichen Biedermeier zuzuwenden? Der schrieb sich allerdings mit a: Gottlieb Biedermaier hieß er – eine Kunstfigur.  Gott lieb – ja, freilich. Ein Biedermann.  So gefiel der Bürger dem Fürsten Metternich und den königlichen Herrschaften Europas, die sich nach Napoleons Sturz wieder bequem auf den angestammten Stühlen niederlassen wollten – ungestört durch Zeter und Mordio aufrührerischer Bevölkerungen.

Diese Aufrührer ließen es sich freilich nicht nehmen, den armen Gottlieb mit niederträchtigen Versen zu verhöhnen:

Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
und seine Frau, den Sohn am Arm;
sein Tritt ist sachte wie auf Eier,

sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm.

So reimte Ludwig Pfau, Herausgeber des „Eulenspiegel“, im Jahre 1847 (zit. wikipedia)

Ob Pfau, ob Heine oder Büchner – diese selbsternannten Revoluzzer konnten das Lästern nicht lassen, und so war es nur konsequent, dass sie ins Exil und gelegentlich auch ins Gefängnis mussten. Gottlieb Biedermeier konnte das nicht passieren. Denn er wusste, was sich schickt und was man der Obrigkeit schuldet. Ungerechtigkeit? Zensur? Unmenschliche Haftbedingungen? Brutale Polizei, Menschenschinderei? Himmelschreiendes Elend der Massen? Mag sein, mag sein. Und wenn aller mühsam erkämpfte Freiheits-Fortschritt wieder flöten ging – Herrn Biedermeiers Frieden würde es nicht stören. War es zu Hause nicht gemütlich? Man gab sich bescheiden, verzichtete auf übertriebenen Tand. Man lebte gediegen. Und auf den Straßen sorgte die Polizei für Ruhe und Ordnung.

Herrliche Zeiten! Mögen sie wiederkommen! Die Obrigkeit weiß am besten, was dem Bürger frommt. Was geht dich die Freiheit an? Spiel nicht mit den Schmuddelkindern! Sing nicht ihre Lieder! Psst! Halt’s Maul!

Ich will mein volles Freiheitsrecht!
Find ich die g’ringste Beschränknis,
Verwandelt sich mir das Paradies
In Hölle und Gefängnis.

(Heinrich Heine, „Adam der Erste“)

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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18 Antworten zu Biedermeier. Eine abc-Etüde

  1. kopfundgestalt schreibt:

    Jeder sieht Freiheit anders…
    Manch einer denkt da an an „Das Schlaraffenland“ von Bruegel. dort gibt es alles und noch viel mehr.

    Gefällt 1 Person

  2. Christiane schreibt:

    Was wahrscheinlich der Grund ist, dass sie hierzulande den Biedermann wieder im Theater bringen – in Meiningen, einem Theater mit großer Tradition, wo sich scheinbar jemand der Wachsamkeit verpflichtet fühlt.
    Danke für die Etüde. Sehr bezeichnend als Blick von außen.
    Morgenkaffeegrüße 😁☁️☕🥐👍

    Gefällt 4 Personen

  3. nandalya schreibt:

    Viele Menschen sehnen einen nicht greifbaren (Zukunft) oder vergangenen Zustand herbei und vergisst dabei den Augenblick. In einer Zeit, die von einer Gesundheitsdiktatur beherrscht wird, wird falsch verstandene Freiheit für viele noch wichtiger. Wer den PC und den Fernseher ausschalten kann, wer sich frei von staatlicher Propaganda macht, hat sich zumindest davon „befreit.“ Freiheit heißt, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Gehen wir spazieren. Ich werde jetzt mit dem (Test)Auto fahren. 😉

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  4. Gisela Benseler schreibt:

    Oh Gerda, spricht da eine Revoluzzerin?! Immerhin: Wahrheit ist auch im Spott zu finden.
    Wahrheitssuchende aber spotten nicht, da alles viel zu ernst ist. Aber sie ziehen sich nicht ins bequeme Stübchen zurück und überlassen die Menschheit ihrem Schicksal. Nein, sie suchen stets nach friedlichen Lösungen.

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  5. Olpo Olponator schreibt:

    Noja. Die dritte Biedermaier-Epoche ist beinahe über Nacht künstlich über uns hereingebrochen worden, die Gegenbewegung schwächelt wie der Vormärz… Auch Nestroy wird wieder verachtet werden und andere Nestroys werden ebenfalls ins Gefängnis gehen, nachdem man sie lange genug versteckt, verleugnet und verteufelt haben wird.
    Die Konsequenz aus der gegenwärtigen Epoche der selig Schwachen im Geiste wird aber sein, daß 99% der Menschheit an der Nadel hängen werden, weil schon ein Schnupfen tödlich sein könnte.
    Das ist immerhin ein Fortschritt im aktualisierten Zeitgeist Metternichs.

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  6. Gisela Benseler schreibt:

    Gerda, um was es Dir eigentlich geht, das will ich nicht überhören, übersehen. Und das „herauszufiltern“, lohnt sich wohl auch. Ja, und das Aufrütteln aus „bleiernem Schlaf“(entnommen der Gralsbotschaft „Im Lichte der Wahrheit“). Jedenfalls sind Gleichgültigkeit und Trägheit niemals lebensfördernd, wo auch immer. Das muß uns Menschen wohl immer wieder gesagt werden.
    Aber das Friedenswirken ist eigentlich der Weg dazu. Das fängt im Kleinen an, meistens bei uns selbst.

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  7. Gisela Benseler schreibt:

    Und die Napoleonischen Kriege mußten ja ein Ende nehmen. Was fällt einem dazu ein? Also ich muß so etwas zum Glück nicht entscheiden.

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  8. Werner Kastens schreibt:

    Ich frage mich: wer ist denn willens, den Schirlingsbecher zu trinken?

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  9. Gisela Benseler schreibt:

    Dein Bild ähnelt mittelalterlichen Gemälden der Hölle. Und auch auf Erden gibt es Ausgeburten davon, und wir müssen sicher davon wissen, daß es sie gibt. Nun fragt sich nur: Können wir das verhindern? Und wie?
    Ich glaube, das muß in unserem eigenen Inneren beginnen.
    „Laß Dich nicht vom Bösen üerwinden; sondern überwinde das Böse mit Gutem“. Ein Wort von Paulus.

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  10. Eine formvollendete freiheitliche Etüde, liebe Gerda, die in die Tiefe geht, Herrn und Frau Biedermaier den Revoluzzern gegenüberstellt und uns, bzw. mir ein klein wenig schlechtes Gewissen macht, denn ich tue nichts, um Freiheitliches zu erhalten oder Neues hinzuzugewinnen, aber meine kleine gefühlte Freiheit liebe ich sehr.

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  11. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 44.45.21 | Wortspende von wortverdreher | Irgendwas ist immer

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