Montag ist Fototermin: Architektur als bürgerlicher Selbstausdruck (ein Beispiel)

Architektur fasziniert mich, erfreut mich, stört mich, quält mich…. Architektur, dieser  Gestalt gewordene Traum vom Selbst, das sich im Raum manifestieren möchte. So wie die Menschen in ihrem Outfit, in ihrer Wohnungseinrichtung, in ihren Kommunikationsbedürfnissen höchst unterschiedlich sind, so auch in den Bauten, die sie für sich errichten.

Der Ausdruck des Traums vom Selbst in Form eines Gebäudes wird natürlich begrenzt durch Bauvorschriften, durch geforderte Funktionen, durch verfügbare Baumaterialien, durch Kosten, durch kulturelle Vorbilder, gesellschaftliche Einbettung und Moden. Und da er eine öffentliche und dauerhafte Sebstdarstellung ist, kann er auch nicht ganz absehen vom Geschmack der Zeitgenossen, die seinen Anblick ertragen müssen.

Wenn ich durch eine Stadt streife, sind es weniger die Auslagen, die Plakate oder Menschen, die meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie sind mir zu flüchtig, zu geschichtslos. Die architektonischen Manifstationen haben es mir angetan.

Was zum Beispiel drückt dieses elegante Gebäude aus, das in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts an der Südostflanke des Lykabettos entstand? Es ist ein hellgrau verputzter Backsteinbau mit steinernem Sockel  und tiefliegendem Eingang, repräsentativem Haupteingang, den hohe Säulen flankieren, einfachen Schmuckleisten, traditionellem Keramikdach, hohen Räumen, mäßigen Fensteröffnungen und überdachtem fein vergittertem Balkon.

Hier zeigt sich ein wohlhabendes solides Bürgertum, sicher seiner selbst, unaufdringlich, maßvoll.

Eine Reederei-Gesellschaft hat es vor etlichen Jahren gekauft und entsprechend den herrschenden Bauvorschriften renoviert. Es wurde mit einem weiteren aus derselben Epoche stammenden Nachbarhaus durch ein modernes gläsernes Zwischenstück, das verfallene Ställe ersetzte,  verbunden. Dadurch wurde Platz für den Bürobedarf geschaffen.

Ein neues bauliches Ensemble entstand, das an die ältere Tradition anknüpfend seinerseits von Wohlstand spricht, aber doch eher wie eine Fassade wirkt, hinter der nun ein anderer Geist herrscht.

Als ich so stand und das Gebäude betrachtete, kam eine ältere Dame vorbei, schlicht gekleidet, grauhaarig, schank.  Ich sprach sie an, sicher, dass sie mir die gewünschte Information über den Bau geben könnte. Woher nahm ich meine Sicherheit? Sie entsprach genau dem Typus des gebildeten und maßvollen, einstmals wohlhabenden und nun verarmten Bürgertums. Zu Hause in ihrer etwas dunklen hochwandigen Wohnung wird sie hölzerne Schränke mit Büchern, deren Seiten aufgeschlitzt werden mussten, und silbern gerahmten Fotos, einen polierten Esstisch mit steifen Stühlen und einer Fruchtschale, auch einen Blumentisch und einen tiefen Sessel am Fenster haben …. Und natürlich wusste sie, was es mit dem Gebäude auf sich hatte und erzählte mir bereitwillig davon. Ich aber dachte bei mir: was ist, wenn diese Menschen, die die Geschichte des Ortes in sich tragen, nicht mehr sind?

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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13 Antworten zu Montag ist Fototermin: Architektur als bürgerlicher Selbstausdruck (ein Beispiel)

  1. Durch die Spiegel Fassade wird aber das wohlhabende understatement Bürgerhaus reflektiert, was ich dann auch wieder schön finde!

    Wenn Du Dich für Architektur interessierst, dann würde Dir bestimmt auch Baden Baden gefallen! Oder kennst Du es?

    Liebe Grüße Babsi

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    • gkazakou schreibt:

      Auch ich finde diese architektonische Lösung gelungen, liebe Babsi. Ich bin keine Puristin, die nur das Original gelten lässt. Es ging mir nicht um Bewertung, sndern um Wahrnehmung:
      Baden-Baden kenne ich ein wenig, u.a. das Spielkasino. Architektur interessiert mich in jeder Stadt, in jeder Form, ob sie nun gelungene oder auch ganz verkorkste Ergebnisse zeitigt. Diesmal war es halt dies Gebäude.

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  2. lachmitmaren schreibt:

    Spiegelfassaden sind irgendwie so gar nicht meins. Das hat für mich etwas Aggressives und sich nicht in die Karten schauen lassen Wollendes … . Im Feng Shui stehen solche Fassaden für das Feuer-Element meine ich mich zu erinnern. Und wurden in HongKong zu bestimmten Zeiten gezielt eingesetzt gegen Konkurrenten (jedenfalls behauptet das die Feng Shui-Epertin aus HongKong, deren Bücher ich einst verschlungen habe … 😊).

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    • gkazakou schreibt:

      Ich habe ein gespaltenes Vehältnis zu spiegelndem Glas. es hat, außer den von dir genannten problematischen Eigenschaften, auch das Angenehme, den Himmel zu spiegeln – und das ist in dicht bebauten Städten manchmal doch fast eine Befreiung. es ist ein bisschen so wie bei Sonnenbrillen. .Auch da kompensieren die Bilder,die sich drin spiegeln, manchmal den Verlust an Intimität

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  3. Myriade schreibt:

    Ich schaue mir auch sehr gerne verschiedene Bauten an. Was ich an Bau nr, 1 auffallend finde, ist der Eingang, der sehr an ägyptische Gräber erinnert, zumindest in der Perspektive in der du ihn fotografiert hast

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  4. Werner Kastens schreibt:

    Genauso könntest Du fragen, was ist die Welt ohne uns, wenn wir dereinst mal nicht mehr sind?

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    • gkazakou schreibt:

      „ohne uns“ -also ohne die gesamte Menschheit, ist schon noch eine andere Frage als „ohne eine bestimmte Art von Menschen“, finde ich. Genauso wie wir bei der Tierwelt sagen: es ist schade, wenn zB der Königstiger ausstirbt…. aber die Ratten überleben.

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  5. Verwandlerin schreibt:

    Jeder Architekt wäre in Love with your Intro!

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  6. Wunderschön war das Gebäude einst. Heute wurde ein modernes Schmuckstück daraus.
    Das alte war mich lieber…
    Tja, wo bleiben die Erinnerungen, wenn sie keiner mehr weitergeben kann`Schade ist es drum.
    Das Vergessenwerden liegt mir auf der Seele und ich freue mich noch heute über all die Geschichten, die mir meine Oma erzählte.
    Ich habe das Gefühl, daß zu vielen der Jugendlichen heute die Geschcihten der Alten nicht mehr so wichtig sind, wie sie mir mal waren, und es macht mich traurig.

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  7. Leela schreibt:

    In der Akasha Chronik soll alles erhalten bleiben…

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  8. Zeitenwende! In Deutschland sterben die Kaufhäuser nur so weg. Das waren früher unsere Einkaufsquellen.

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