Montag war Fototermin: Landschaft (mit Gedichten von Pega Mund)

Schweres Gewölk zieht sich über den Bergen zusammen. Die tiefstehende Sonne (gegen halb sechs) färbt die Bäume gelb. Auch die hohen Zypressen sind stark gelb dort, wo die Sonnenstrahlen sie treffen.

Ich kann mich an dem ständig wechselnden Farbenspiel nicht sattsehen.

Ich zoome ein Stück der abgebrochenen Bergkante heran, die in einem Gelbton leuchtet.

Die Lichtverhältnisse ändern sich sehr schnell um diese Jahreszeit. Anderthalb Stunden zuvor fotografierte ich den „Silberstreifen am Horiont“. Woher die Linie oberhalb des Horizonts stammt, kann ich nicht sagen. Eine Luftspiegelung? (Anm. : Es ist tatsächlich eine Stromleitung, die durchs Heranzoomen sichtbar wurde – so stellte ich heute fest)

Im Haus wird es dunkel. Die Leselampe brennt schon. Ein besonderes Lesewerk erwartet mich: reste von  landschaft. Die Dichterin Pega Mund hat es mir geschenkt, heute kam es an. Ich nehme den fein gestalteten schmalen Gedichtband  mit großer Freude zur Hand und beginne zu lesen: S.5  am rande des kontrollierbaren stockt die zeit was lebt wird zu lehm das auge spurt quer : Die Verse nehmen mich mit, ich kann nicht aufhören, bis es tiefe Nacht ist.

S. 27

das kontrollierbare franst aus

an den rändern was wächst wird zu rauch

was lebt wird zu lehm

knistern im offenen feld schnee mischt

sich ein und verwischt die wehrlosen reste

der landschaft

das kontrollierbare franst aus

an den rändern sitzt unsere braut sitzt

fädelt flickt

(Pega Mund, reste von landschaft)

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Altes Portrait Annäherung No. 8 (tägliches Zeichnen)

Dieses Portrait zeigt eine junge Frau namens Katerina, Tochter einer Freundin und Kunststudentin. Es steckte nicht zwischen den anderen im Regal, sondern stand einsam auf einem Schrank, wo es von einigen BesucherInnen sogar beachtet wurde. Was es durchaus verdient, finde ich.

Heute beim Abzeichnen wurde mir besonders das wellenartig Fließende  bewusst, das dem Bild zusammen mit dem vorherrschenden hellen Blau etwas Träumerisches verleiht.  Schwierig, dies mit einem schwarzen Kugelschreiber nachzuempfinden.

Zwei Anläufe machte ich, beide nicht recht gelungen. Aber das Zeichnen gab mir wieder allerlei Stoff zum Nachdenken und Experimentieren.

Das Original ist ein kraftvolles Portrait, doch vermutlich kaum so, wie sich eine junge Frau gerne selbst sehen möchte. Wie aber möchte sie sich sehen? Ich vermute mal, sie möchte glatter, weicher, vielleicht auch mondäner erscheinen, also mehr der Art von Frauen entsprechen, die es im Kino zu Starrollen brachten.  Vielleicht fühlt sie sich hinter einer solchen „interessanten Maske“ sicherer. Warum sonst schminken sich die meisten jungen Frauen, selbst wenn sie eine ausgezeichnete Haut und ausdrucksvolle Augen und Mund ihr Eigen nennen?

Durch das Überblenden von Gemälde und Zeichnung sowie digitale Bearbeitung schuf ich die junge Dame etwas um. Stil 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Ein Vergleich des Original-Portraits mit einer anderen bearbeiteten Überblendung macht anschaulich, was ich meine: links die Frau, wie sie „ist“ (Seelenbild) und rechts, wie sie „erscheinen möchte“ (Rollenbild).

oder auch in SW: links das Original, rechts die Überblendung

Nun, das sind so Spielereien.

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Dora zum SiebtenZweiten: relative Kata-Strophen (abc-etüde)

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/02/06/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-06-07-22-wortspende-von-kain-schreiber/abc.etüden 2022 06+07 | 365tageasatzaday

Heute morgen zeigte ich Dora Gerhards Relativitäts-etüde (hier). Die fand sie ausgezeichnet und auf sich selbst passend, denn sie ärgert sich ein bisschen, dass ich sie wie eine Zwergin darstelle. Eigentlich sei sie ja sehr groß, übergroß sogar. Denn „Wer ist größer als eine Wunscherfüllerin und Allesschenkende wie ich?“

„Na ja“, wage ich einzuwenden, „du magst zwar in gewisser Weise eine Riesin sein, aber körperlich kommt das nicht zum Ausdruck. Ich jedenfalls sehe dich als meine niedliche Begleiterin, mein Summsebienchen, das mich kein bisschen beschwert, wenn es mir auf der Schulter hockt.“

„Papperlapapp!“ schreit Dora. „‚Körperlich kommt das nicht zum Ausdruck! Das ist nicht nur geschnörkelt, es ist falsch. Ich sag dir, wie es richtig ist!“ Und sie stellt sich vor mich hin und spricht wie eine gelernte Kata-Strophen-Dichterin die folgenden Worte.

Von Riesen und Zwergen

Zypressen ragen so hoch, so steil

in die Bläue des Himmels hinein

Da fühl ich mich wie ein Zwergelein, weil

Ich bin dort nur winzig klein.

*

Doch hüpf ich zur Spitze und kreuz und quer

Und lande im Palmenwipfel

Dann bin ich ein Riese und schau bis zum Meer

Und hinüber zum Bergesgipfel

*

Der Standpunkt macht meine Größe aus

Er gibt mir den Überblick

Und willst du selber mal hoch hinaus

Dann lerne aus meinem Trick.

 

Und begeistert über ihre neu erworbenen Talente hüpft sie, hebt ab und landet auf meiner Schulter. Bravo, Dora, nun hast du mir sogar eine Etüde geschenkt und ich brauche nicht selbst zu dichten. Danke!

(254 Wörter)

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Schattenselbst im Garten (tägliches Zeichnen)

Gegen halb fünf im Garten. Ich schaue auf die lebendig grüne Fläche des Klees unter den Bäumen. Zu zeichnen finde ich nichts, was mich reizt, bis ich meinen eigenen Schatten wahrnehme. Der bildet eine mächtige dunkle Pyramide im Mittelfeld, und im Winkel dazu steht ein heller langer Stock, der das immer noch sehr kümmerliche Kumquatbäumchen stützte.

Lässt sich das zeichnen? Auf dem Foto sieht es ja ganz geordnet aus, aber in der Realität ist es schwer, eine Struktur auszumachen. Mal sehen, was ich auf dem winzigen Reporterblock zustande bringe.

Und noch ein zweiter Versuch:

In Kombination mit dem Foto sieht die zweite Skizze so aus:

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Dora zum SechstenZweiten: Wortmans „Themenwort“ 2: Vorstellung

Ein schönes Wort hat Wortman für die zweite Woche seines Foto-Challenge „Themenwort“ ausgesucht: Vorstellung. Doch welche Art von Vorstellung ist gemeint? Ich stelle mir etwas vor? Ich stelle mich vor? Ich  besuche eine Vorstellung?  Ich spiele vielleicht sogar bei einer Vorstellung mit? Nun, dies alles und irgendetwas dazwischen:

Das Strand wird zur Bühne, das Meer zur Kulisse. Ich stelle mir vor, der Narr trägt seinen Blumenstrauß über die Bühne. Eine menschliche Schattenfigur kommt ihm entgegen, irritiert über so viel Lebendigkeit. Die Rollen zwischen dem Menschen und der Kunstfigur scheinen vertauscht.

Dora kommt hereingehüpft. Auch sie will eine Rolle spielen. Ich stelle mir vor, dass sie sich als erstes dem Narren vorstellen wird: „Guten Abend, mein Lieber! Darf ich mich vorstellen? Ich bin Dora, die Schenkende, am 1. Januar dieses vortrefflichen Jahres geboren. Und du, woher bist du hier aufgetaucht und reingeschneit? Sind die Blumen für mich? Ich nehme sie gern! Natürlich kannst du dir auch was wünschen, jederzeit, und schon hast du es. Ich bin da nicht kleinlich ….“. Was wird der Narr sagen, sofern Dora ihm eine Chance lässt, sich zu äußern? Nimmt der Schattenmann überhaupt wahr, was sich da alles auf der Bühne abspielt? Wie geht es weiter?

                                      Ich bin gespannt auf eure Vorstellungen!

 

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Altes Portrait Annäherung No. 7

Dies ist eine andere Portraitstudie des Mannes aus Serbien, den ich vorgestern zeigte – der Mann, von dem ich sagte, dass er streng religiös und in gewisser Weise von religiösen Vorstellungen der Sünde und der Reinheit besessen war. Jedenfalls was dies mein Eindruck. Die vorige Studie zeigt ihn mit niedergeschlagenen Augen (s. links die Abbildung). Auf der heutigen aber sind die Augen weit geöffnet und dominieren das Gesicht.

Ich habe wiederum versucht, das Portrait abzuzeichnen. Obgleich die Zeichnung nicht an das gemalte Original herankommt. hat sie doch auch ihre Berechtigung und ist nicht zum Wegwerfen, finde ich.

Es ist dasselbe und doch ein ganz anderes Gesicht geworden. Dasselbe insofern, als es bis auf kleine Abweichungen formal dem Original entspricht, wie ich beim Überblenden feststellte. Der entscheidende Unterschied liegt wieder in der emotionalen Aufladung, über die ich ja schon bei den vorigen Versuchen gesprochen habe. Ein lebendiges Modell wirkt auf mich ganz anders als eine Vorlage. Das ist auch der Grund, warum ich lieber mit Modellen arbeite. Diese experimentelle Reihe bestätigt es mir erneut.

Gemälde-Zeichnung 50% überblendet, unbearbeitet, leicht beschnitten.

 

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Vom Krieg, Weltuntergang und Bäumepflanzen (Fundsache)

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Beim Spazierengehen in Kalamata fiel mir ein hoher Baum mit stark beschnittenen Ästen auf. An seinem Stamm war ein Täfelchen angebracht. Neugierig wie ich bin, ging ich über den Rasen, um nachzuschauen, was es mit dem Baum auf sich hat.

Und las, in gebildeter Hochsprache: „Gepflanzt von Pantelis Dormousoglou 1941.“

1941.  Hm. Da war Krieg. Griechenland war von Deutschen und Italienern besetzt. Hunger und große Not. Und jemand hat einen Baum gepflanzt, den man mit einem Schildchen ehrte. Kein Apfelbaum, kein Fruchtbaum. Ich kann nicht erkennen, was es für ein Baum ist. Vielleicht im Sommer, wenn er wieder Blätter hat.

Was war denn damals eigentlich los in Kalamata?

28. April 1941: Die Schlacht von Kalamata, die letzte auf dem griechischen Festland zwischen den Deutschen und dem britischen Expeditionskorps…

27. September 1941: Gründung der E.AM (Griechische Befreiungsarmee)

Irgendwann dazwischen, davor oder danach hat der Herr Dormousoglou Lust verspürt, ein Bäumchen zu pflanzen. Ich lege meine Hand an die Rinde des Baumes und flüstere ihm zu: „Da hast du das Rechte getan, Panteli. Der Krieg ging vorbei, der Weltuntergang ist noch nicht eingetreten: Dein Baum aber ist da.“


ps. Den obigen angeblichen Lutherspruch habe ich im Netz aufgesucht und folgendes Interessante gefunden:

„Luthers Apfelbäumchen ist ein Begriff, der 1944 erstmals nachweisbar ist… Der …Spruch erlangte als Symbol für den Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg bundesweite Bekanntheit, verursachte Baumpflanzungsaktionen und ist Titel eines Benefizalbums bzw. einer LP von Reinhard Mey aus dem Jahr 1989 …..

Der Theologieprofessor und Lutherforscher Martin Schloemann, der ein Buch über dieses Zitat schrieb, kam zu dem Ergebnis, dass es nicht von Martin Luther stammt. Vielmehr entstamme er dem Lutherbild aus dem 19. Jahrhundert, des den Familiengarten pflegenden, frommen Hausvaters. Luther habe sich tatsächlich aber mehr auf den Weltuntergang gefreut, als ihn zu fürchten.

Nach dem Krieg hätten der Landesbischof Hanns Lilje und der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann das Wort weiter verbreitet. Es wurde Symbolwort für den Wiederaufbau. … Auch Otto Grotewohl,  bestimmte RAF-Sympathisanten, der schwedische Ministerpräsident Olof Palme, Rita Süßmuth, Wolfgang Schäuble und Helmut Kohl hätten das Wort „Apfelbäumchen“ vielfach verwendet…. (alle Infos von Wikipedia)

Gottfried Benn
 
Was meinte Luther mit dem Apfelbaum?
Mir ist es gleich – auch Untergang ist Traum –
ich stehe hier in meinem Apfelgarten
und kann den Untergang getrost erwarten –
ich bin in Gott, der außerhalb der Welt
noch manchen Trumpf in seinem Skatblatt hält –
wenn morgen früh die Welt zu Bruche geht,
ich bleibe ewig sein und sternestet –
meinte er das, der alte Biedermann
u. blickt noch einmal seine Käte an?
Und trinkt noch einmal einen Humpen Bier
u. schläft, bis es beginnt – frühmorgens vier?
Dann war er wirklich ein sehr großer Mann,
den man auch heute nur bewundern kann.
Gottfried Benn: Sämtliche Gedichte, Stuttgart (Klett-Cotta)1998, S.460.
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Dora zum FünftenZweiten: In der Bucht

Wir steigen in unsere kleine Bucht hinunter, um zu schauen, welche Verwüstungen die letzten Stürme hinterlassen haben.  Die Kante mit dem Pfad ist unterspült und teilweise abgebrochen, bald wird man ihn nicht mehr benutzen können. Viele Schilfwurzeln liegen nun im Freien. Dora spendet einer Wurzelfamilie Licht, die da zusammenhockt und mit blinden Augen in die unbekannte Helligkeit blinzelt.

„Ich hab eins für dich! Guck mal!“ schreit Dora. Und tatsächlich sehe ich, wie die kleine Dora ein prächtiges Wurzelwesen, das allein am Strand liegt, hochstemmt. Dankbar nehme ich ihr Geschenk entgegen. Vielleicht werde ich es nachher zeichnen.

Auch sonst hat sich einiges verändert. Die Wellen haben die Tamariske, die nur noch ein Haufen toter Stämme ist, seit jemand ihre riesigen Wurzeln durchsägte,  weitergetragen bis hin zu dem, was vom Schwesterbaum verblieben ist.

Dora ist verstört, als sie die Stämme so hilflos und entblößt von ihrer Borke herumliegen sieht. „Warum?“ klagt sie. „Ich arbeite immerzu, um euch glücklich zu machen, und dann kommt einer her, sägt dem armen Baum die Wurzeln ab und und macht ihn unglücklich. Da hab ich keine Lust mehr, euch zu beschenken.“ Sie legt ihre Strahlendose auf den Stamm und ihre Geschenkbox in den Sand und schmollt.

„Kleine Dora, ich kann dich ja verstehen! Aber was nützt es zu klagen! Vielleicht schenkst du dem Baum ja neue Wurzeln?“ sage ich bittend.  Aber Dora ist sauer. „Bin ich dafür da zu reparieren, was ihr absichtlich kaputt macht?“

Nun, lange hält es Dora zum Glück nicht aus zu schmollen. Und so ist sie schon wieder munter dabei, als ich zum alten Haus gehe, um auch dort die Schäden zu untersuchen. Na, besten Dank! Da wird wohl nix mehr draus.

Als Dora eine Schaukel neben dem verwilderten Orangenbaum entdeckt, ist ihre gute Laune gänzlich wiederhergestellt. Ich atme auf. Es ist nämlich gar nicht angenehm für mich, wenn Dora schmollt.

 

 

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Altes Portrait: Annäherung No. 6 (Maria)

Und wieder habe ich ein Portrait aus dem Stapel gezogen. Das klingt einfacher als es ist. Denn die alten Bilder sind hoch gelagert und dicht neben- und übereinander gestapelt, teilweise mit einander verkeilt, und wenn man mühsam eins rauszieht, kommt einem der ganze Stapel entgegen. Umso mehr empfinde ich es grad als notwendig, mir diese weggestapelten Portraits eins nach dem anderen zu vergegenwärtigen, indem ich versuche, sie abzuzeichnen.

Heute ist es das Bildnis einer jungen Frau, Maria hieß sie. Sie studierte an der Kunstakademie. Wir hatten angehende Künstlerinnen besonders gern als Modell, denn sie fragten nicht danach, ob ihr Portrait „ähnlich“ oder gar schmeichelhaft wurde. Sie betrachteten es ausschließlich nach künstlerischen Gesichtspunkten und gaben uns so manchen nützlichen Rat.

Hier nun also „Maria“.

Ich verlor mich beim Abzeichnen in die schmerzhaften Lippen, die traurigen Augen, und es gelang mir keine brauchbare Zeichnung. Nur das eine Auge ließ ich gelten. Hier habe ich den rechten Teil der Zeichnung wie eine Halbmaske über das gemalte Gesicht gelegt.

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Dora zum ViertenZweiten: Am Hafen (Über Besitzen und Schenken)

„Soll ich dir die Yacht schenken?“ ruft Dora und lässt ihre Geschenkfackel sprühen. „Danke, nein“, rufe ich zurück. „die ist mir zu mondän! Aber wie wärs mit einem Kutter?“ – „Willst du den großen weißen oder lieber den kleinen dahinten?“ schreit Dora und hüpft beängstigend nah am Rand der Hafenmole entlang. „Der weiße gehört doch der Polizei, das geht nicht! Das gibt Ärger,“ schreie ich zurück. „Der kleinere wär mir recht. Aber sicher gehört der auch jemandem, den kannst du mir nicht schenken.“

Wird Dora jemals begreifen, was Eigentum ist? Sie denkt, alles gehört allen oder niemandem, man könne es hin und her verschenken, je nach Gusto und Augenblicksstimmung. Ein Boot, das am Kai liegt, und niemand braucht es, warum sollte sie es mir nicht schenken, denkt sie, damit wir eine kleine Spritztour machen? Danach, meint sie, könne ich es ja an den nächsten Interessierten weiterschenken. Ach Dora! So geht das nicht! Um etwas verschenken zu können, muss man es erst mal besitzen. Schließlich gibt es Eigentumsgesetze, die sind unerschütterlich, ehern und für immer in Stein gehauen.

„Komm“, sage ich, „gehen wir mal da rüber, angucken können wir den Kutter ja“. Also gehen wir rüber, aber der Zugang ist mit einer Schranke gesperrt. Ein Mann in einem Wachhäuschen, fast noch ein Junge, verkündet uns, man erwarte ein Schiff, darum.  „Ein Schiff kommt?“ freut sich Dora. „Das wollen wir ansehen! “ Und so spazieren wir am hohen Zaun entlang bis zum Ende des Hafenbeckens, dort, wo eine weitere Mole mit einer hohen stabilen Mauer den Hafen vom offenen Meer abschirmt. Wir lehnen uns mit dem Rücken an die sonnendurchwärmte Mauer und schauen. Das Meer atmet tief und traumverloren. Nirgendwo ein Schiff.

Na, dann eben nicht. Auf dem Rückweg machen wir vor einem Riesengraffiti halt, das mir schon zuvor aufgefallen war: Adams lebendiger Finger berührt den Finger eines Kunstmenschen, so dass Funken sprühen. Dora interessiert sich nicht für das Graffiti und erst recht nicht für meine düsteren Gedanken, sondern für die Katzen, die direkt davor aus einem Napf fressen. Ein Hafenarbeiter hat ihn soeben gefüllt. „So geht schenken,“ sagt Dora und guckt mich naserümpfend von der Seite an. „Der Mann versteht mehr vom Schenken als du. Oder hat er etwa danach gefragt, wem die Katzen gehören?“

„Bei Katzen ist es was anderes,“ murmele ich wenig überzeugend. „Katzen gehören niemandem, grundsätzlich. Boote hingegen…. Komm, ich mache dir eins, ja? Und das schenke ich dir dann. Einverstanden?“

Auf gehts! Schiffchen ahoi!

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