Der Junge und die Schlangenmaske (Kreativstunde und Kleine Beobachtungen)

Gestern kam der inzwischen elfjährige K zur Therapiestunde. Seit dem letzten Mal vor zwei Monaten ist er stark gewachsen. Dass er in manchem ein Kind, in anderem ein hoch entwickelter junger Mensch mit einer uralten Seele ist, hatte ich schon bei unseren früheren Treffen begriffen. Dass er die familiäre Krise auf die für ihn bestmögliche Weise bewältigt, macht mich froh. Er kommt nur, wenn er selbst Lust dazu hat – das ist unsere Abmachung. Besondere Anliegen hat er diesmal nicht, war aber sofort einverstanden, auch mal das Legespiel zu versuchen, dass ich mit D erfunden habe.

K ist sowohl für die meisten komplizierten Verschränkungen als auch für den alleinfliegenden Vogel verantwortlich.

K hatte 8, ich sieben Zufallstreffer beim Farbenraten – für mich eine Gelegenheit, über Zufall zu sprechen und darüber, dass beim Würfeln…. Nichts Neues für den Elfjährigen, er hatte das bereits im Schulunterricht durchgenommen.

Als nächstes ließ ich ihn – wie zuletzt den etwas jüngeren D – Tiere zuschreiben:

Welches ist dein Lieblingstier? (Fälschlicherweise verstand ich Leon, Löwe. Er aber meinte das Chamäleon).

Welches Tier „bist“ du selbst ( Zebra, „gerät leicht in Panik“), deine Mutter (Gazelle, „schnell und ausdauernd“), dein Vater (Wasserbüffel, „lebt am Amazonas, hat gebogene Hörner“), dein Freund M (Fuchs, „der Fuchs ist nicht schlau, wie man behauptet, sondern klug“), dein Lehrerin (Emu), ich (Eule), mein Mann (Flamingo) …

Ob er einen Löwen („Leon“) kenne? wollte ich wissen, denn „Lieblingstier“ ist ja so etwas wie Vorbild.  Ja, ein Mitschüler, ganz klar. Wieso denn? Na, der passt sich immer total an… Und erst da ging mir auf: ich hatte mich verhört, er sprach vom Chamäleon (Χαμαιλέον) und nicht vom Leon. So so. Er selbst sieht sich als Zebra, das durch seine Zeichnung sehr auffällt und bei Gefahr aufschreckt und davonrast, um nicht Opfer zu werden. Sein Ideal aber wäre das Gegenteil: sein können wie ein Chamäleon, mit der Umwelt verschmelzen und daher so gut wie unsichtbar sein ….

Wir gingen dann zum Maskenmalen über. Das vorige Mal wollte er das Malen noch abblocken, diesmal ließ er sich gerne darauf ein und malte mit großer Konzentration ein Bild mit einer merkwürdigen Formensprache.

Nie wäre ich drauf gekommen, was es mit Ks Maske auf sich hatte. Er erklärte es mir: In Indien gebe es Schlangenbeschwörer, die malten den Schlangen Masken auf, bevor sie ihre Kunststücke vorführten. Eine Schlange mit aufgemalter Maske …. Ich war nicht wenig erschüttert.

Noch dies und das trieben wir und besprachen wir. „Machen wir Schluss?“ fragte ich, als anderthalb Stunden vorbei waren. „Okay, du hast jetzt noch solange, wie der Sand durch die Sanduhr läuft, Zeit, um eine Frage zu stellen“. Gebannt schaute er auf den feinen Strahl des Sandes. Schließlich sagt er: „Schon als Kind wurde mir beklommen beim Anblick der Sanduhr.“ -„Und?“ frage ich, „was hast du dagegen getan?“ – „…“ “ – „Willst du jetzt etwas tun?“  Da legt er die Sanduhr auf die Seite, und das Rieseln verstummt. Die Zeit bleibt stehen. Wir atmen beide auf. Es fällt ihm eine Geschichte ein, nicht Dornröschen, sondern eine eigene. Und wir sprechen über Zeit, ob es denn eigentlich die Zeit ist, die vergeht und stillsteht? Oder ob es nicht eher die Bewegung ist, oder die jedem Ding innewohnende Entwicklung? Blume, Tier, Mensch, dies Ding hier, jedes hat seine Zeit. „Auch das Ding?“ Ja, auch das Ding, auch das zerfällt irgendwann zu Staub. Dinge haben nur langsamere Entwicklungen als Lebendes. Und um von allzu schwierigen philosophischen Fragen wegzuführen, frage ich leichthin: „Wann wird die Zeit im Unterricht lang? – „Das hängt vom Stoff, vom Lehrer und von meiner Verfassung ab“, war seine Antwort.

(Kleine Beobachtungn): Inzwischen war Nacht, und ich brachte ihn zu Fuß heim. Plötzlich hatte er doch noch eine Frage. „Warum habe ich vor mir den Schatten, obwohl die Lampe doch von vorne scheint?“ – Die Antwort fand er gleich selbst. „Ach so, ja, hinter mir ist auch eine Lampe!“ Gebannt verfolgten wir nun das Wachsen und Schrumpfen unserer Schatten vor und hinter uns – und schon waren wir am Gartenzaun seines Hauses, wo uns sein Hund laut bellend begrüßte.

Ps. Schließlich hat K sein Werk selbstbewusst mit blauen Initialen unterzeichnet. Das schwarz-weiße runde Ding ist, wie er mir erläuterte, Yin-Yang. Darüber sprachen wir vor zwei Monaten, und es war diesem feinsinnigen Jungen mit dem langen schwarzglänzenden Indianerhaar, das er gegentlich wie einen Vorhang vor sein Gesicht fallen lässt, und der, wie er lachend erzählt, unzählige Male für ein Mädchen gehalten wurde, wichtig genug, es nun hier einzufügen. Yin und Yang im Ausgleich, das möchte, das kann er erreichen.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Erziehung, Kinderzeichnung, kleine Beobachtungen, Kunst, Leben, Psyche, Therapie, Tiere abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Der Junge und die Schlangenmaske (Kreativstunde und Kleine Beobachtungen)

  1. wildgans schreibt:

    Es hört sich so „reich“ an, was du da schreibst…(im Sinne von intensiv…)
    Gruß von Sonja

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  2. Lopadistory schreibt:

    Schöne Geschichte 🙂

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  3. signorafarniente schreibt:

    Ganz erstaunlich finde ich, dass du sowohl für D als auch für K die (weise) Eule bist. 🦉
    Aus deinen Erzählungen scheint mir K. ein aufgewecktes Kerlchen zu sein, mit einer tollen Beobachtungsgabe. 😃

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  4. Leela schreibt:

    Sehr schöne, positive Nachrichten… sie sind wichtig in Zeiten wie diesen…

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  5. Peter Klopp schreibt:

    Die Kunsttherapie wird auch hier in Kanada mehr und mehr zur Heilung von manchen Krankheiten mit Erfolg eingesetzt. Es freut mich zu lesen, wieviel Erfolg du mit diesem jungen Menschen hast, liebe Gerda.

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  6. Wie schön, Deine Therapiestunden mit den beiden Jungen ein wenig miterleben zu können, liebe Gerda. Sie kommen gerne zu Dir und sie gehen immer mit neuen Erkenntnissen nachhause und alles ohne Zwang, aber mit spielerischer Freude.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Bruni! Ja, die Kinder brauchen eigentlich keine Therapie, sondern die Eltern. Aber wenn sie schon geschickt werden, sollen sie es jedenfalls mit dem Gefühl von Freiwiilligkeit und Nutzen verbinden. Es gibt sowieso schon zu viele Pflichtstunden für Kinder.

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