Wüstenstaub und Kriegsgedröhn belasten erneut unsere Atmosphäre und mein Gemüt. Deshalb möchte ich euch heute mit einem Kapitel meines unveröffentlichten Romanfragmentes „Schwanenwege“ bekanntmachen, das sich genau damit befasst: mit Krieg und Wüstenstaub.

„Erinnerungsspuren“ (c) gerda kazakou, Februar 2014
Der Kontext: Elisabeth, 76, verwitwet, aus einer Wiener Musikerfamilie und ehemals Pianistin, sitzt am Krankenhausbett ihres jüngsten Sohnes Swen, 32. Bei ihr ist ihr Ältester, Harald, 43. Erzählt wird aus Haralds Perspektive, doch ich habe die ihn betreffenden Abschnitte weggekürzt, um mich hier ganz auf Elisabeths Geschichte zu konzentrieren.
Elisabeth und der Vater
Harald traf seine Mutter am Krankenbett. Elisabeth wirkte zerbrechlicher denn je. Ihre Hände zitterten, während sie Swen mit einem Tüchlein die Stirn trocknete. Ihre Augen, die sie flüchtig dem Eintretenden zuwandte, hatten einen merkwürdigen Glanz, der wie eine fremde Haut über der blassen Iris lag.
Harald zog sich einen Stuhl ans Bett. Swens Zustand schien unverändert ernst zu sein.
(…)
Sollte es tatsächlich so schlecht um Swen stehen, oder steigerte sie sich gerade mal wieder in eine ihrer tragischen Rollen hinein? Es war vielleicht gut, ihre Stimmung zu versachlichen, sie auf andere Gedanken zu bringen. Doch womit nur?
Da fiel ihm seine gestrige Frage ein, und in ihren Rücken hinein fragte er: „Sag mal, Mutter, war Vater eigentlich als junger Mann in Ägypten?“
Sie fuhr herum, starrte ihn einen Moment verständnislos an: „Vater? Wie kommst du da drauf!“
„Mir kam heute Nacht so eine Erinnerung, als ich über einen deutschen Forscher in dänischen Diensten las. Carsten Niebuhr. Der war zu einer Expedition in der arabischen Welt.“
„Kenn ich nicht. Kann mich zumindest nicht erinnern. Ich war ja noch ganz klein, als Vater starb.“
Jetzt war es an Harald, verwirrt zu sein. Doch ja, natürlich, sie sprach von ihrem Vater. Von diesem Opa hatte er gar keine Vorstellung. Wann war er gleich gestorben? Und wie alt war sie da gewesen? Vor Harald tat sich ein Riss auf, auf den er nicht gefasst gewesen war. Mutter lebte in ihrer Vergangenheit, geradeso wie er, ja, wie er in der seinen. „Vater“, das war für sie ein ganz anderer als für ihn, das war ein Fremder, der in weit zurückliegender Zeit gestorben war. Gestorben oder gefallen? Nicht einmal das wusste er mit Sicherheit, wie er beschämt feststellte. Sollte er nachfragen? Jetzt?
„Wie alt warst du eigentlich, als dein Vater starb?“, fragte er schließlich in ihren Rücken.
Jetzt drehte sie sich ihm endlich voll zu. „Elf“, sagte sie. Sie sagte nichts als „elf“, und sah ihn dabei mit einem Blick an, den er sich nicht zu deuten wusste. Ein wilder Vorwurf lag darin, und eine Qual.
(…)
Elisabeth blickte immer noch in seine Richtung, aber es war jetzt mehr ein Starren, als täte sich vor ihr der Abgrund einer fernen Zeit auf. Dann fing sie an zu sprechen, erst zögernd, dann immer hektischer. „Du willst wissen, ob Vater in Ägypten war? Nein, ganz bis hin hat er es nicht geschafft. Im Mai einundvierzig haben sie ihn eingezogen und auf die Schnelle zum Panzergrenadier ausgebildet. Er kam dann an die Afrikafront. Seine Arbeit als Musiker hat ihn nicht mehr geschützt, ich weiß nicht, warum. Mutter sagte, er sei dem Regime nicht genehm gewesen. Ich erinnere mich aber gar nicht, dass zu Haus viel von Politik die Rede war“.
Sie schwieg, stand abrupt auf, trat ans Fenster. Sie legte ihre Stirn an die Scheibe, starrte hinaus. Harald kannte das. O wie gut er das kannte!
„Im Juni zweiundvierzig war er dann das letzte Mal auf Heimaturlaub bei uns.“
Harald hatte Mühe zu verstehen, die Wörter kamen wie verwaschen aus ihrem Mund.
„Von seinen Erlebnissen an der Front erzählte er sonst nichts, nur am letzten Tag, da ging er mit mir im Schönbrunner Tiergarten spazieren. Plötzlich blieb er stehen, atmete tief durch und sagte ganz glücklich: ‘Welch herrliche Luft, es duftet so schön nach Gras und Sommerwind’.“
Elisabeths schmale Schultern hoben und senkten sich. Ihr Atem beschlug die Fensterscheibe. Dann drehte sie sich um und starrte Harald an. Er hatte nicht den Eindruck, dass sie ihn sah.
„Dann sagte er noch, ich kann mich fast an den Wortlaut erinnern, vielleicht, weil es das letzte Mal war, dass wir zwei so beisammen waren: ‚Das Schlimmste am Krieg in der Wüste, musst du wissen, das ist nicht der Feind mit seinen Bomben und Kanonen. Das Schlimmste ist der Staub, das verschlägt einem schon den Atem. Unsere Panzer zerwühlen die Straßen, die oft nur Sandpisten sind, und wenn dann der Sturm dreinfährt, ist es kaum zum Aushalten. Dieser feine Wüstenstaub geht in die Augen, er verstopft die Ohren und verklebt Nase und Mund. Dazu der Schweiß. Du würdest deinen Papa gar nicht erkennen mit all dem Staub auf seinem Gesicht und in den Haaren. Da sehen alle gleich aus, Menschen und Fahrzeuge und Gerät, alles mit einer dicken Schicht Staub überkrustet. Wegen der Staubwolken kann man auch nicht weit sehen, nur ein paar Meter.’“
Wieder verstummte Elisabeth und begann, unruhig im Raum umherzuwandern. „Ich fand das irgendwie beruhigend“, flüsterte sie, als spräche sie zu sich selbst oder vielleicht auch zu dem Toten, ‚mit all dem Staub, sagte ich, kann euch der Feind nicht entdecken‘. Vater lachte und legte seinen Arm um mich. ‚Bist mir eine ganz Gescheite‘, sagte er, ‚ja, der Rommel, der Fuchs, hat den Sand wohl extra bestellt, zur Tarnung.‘
Elisabeths Stimme wurde eindringlich. Den Kranken schien sie ganz vergessen zu haben. „Als dann die Bombardierung von Wien anging und sich alles in Staub verwandelte, da fiel’s mir wieder ein. Wenn dann der Sturm in die Trümmer fuhr, war das Atmen schwierig, grad wie in der Wüste, dacht ich. Und gegen die Tiefflieger half es auch nicht. Hat auch dem Vater nichts geholfen. Im Wüstenstaub haben sie ihn begraben“. Ihr Mund war bitter. „Später haben sie die Knochen eingesammelt, die sahen sich nun wirklich alle gleich, aber man hat sie doch umgebettet und über die einen ein teutonisches Denkmal getürmt und über die anderen ein italienisches oder ein britisches, und all die Namen der Gefallenen eingemeißelt in die Wände. Tausende und Tausende.“
Ihre Stimme brach ab, Stille breitete sich aus, in das nur das gequälte Atmen des Kranken klang. Doch Elisabeth hörte es nicht, sie war in Wien, damals, vor dreiundsechzig Jahren. Sie war ein kleines Mädchen, das zwischen Vater und Mutter ging, an jenem letzten Abend, bevor der Vater für immer aus ihrem Leben verschwand. Sie gingen ins Kino, in den neuen Mozart-Film, der gerade in den Kinos angelaufen war. Harald Holt war in der Hauptrolle zu sehen, die Wiener Philharmoniker spielten. Wen die Götter lieben, hieß der Film. “ ‚Wen die Götter lieben, den rufen sie früh zu sich‘, das war auf Mozart gemünzt, er wurde ja nur 35. Der Vater starb schon mit 34, und vielleicht stimmte es ja, dass die Götter ihn geliebt hatten, denn was dann noch alles kam, all das Elend und die Kälte und die vielen Toten immerzu, das musste er jedenfalls nicht miterleben.“
Plötzlich begann Elisabeth wieder zu reden, das Gesicht bleich und verzerrt. Harald hatte Mühe, den Zusammenhang zu finden. Sie sprach von den Wiener Philharmonikern, zu denen auch ihr Vater gehört hatte. „Die taten ja so, als wäre alles Bestens. Musik war alles, das andere zählte überhaupt nicht. Musik war das A und das O. Noch vierundvierzig feierten sie mit Pomp und großen Reden den Achtzigsten von Richard Strauß, und Karl Böhm dirigierte den Rosenkavalier. Mutter war auch geladen, als Kollegenfrau und Heldenwitwe, sie nahm mich mit und zeigte mir die Bonzen, die da in der ersten Reihe saßen, alle in Gala-Uniform. An den Schirach erinnere ich mich, und an den Herrn Bürgermeister Blaschke, der war bei der SS. Ich glaube, ich habe sie damals richtig gehasst, all diese Leute, die lebten, und mein Vater war tot. Tot und im Wüstensand verscharrt!“
Abrupt und für Harald erschreckend drehte sie sich um. Mit großer anklagender Gebärde wies sie auf Swen: „Und jetzt stirbt dieser hier! Auch er ein Götterliebling, und ist noch nicht mal dreiunddreißig. Ich wollt, die Götter würden ihn weniger lieben!“ Sie ballte die Fäuste: „Ich hasse euch und eure mörderische Liebe! Ich geb ihn nicht her, diesen nicht! Den Vater habt ihr mir genommen, jetzt wollt ihr auch den Sohn? Ihr sollt verflucht sein!“
Sie wandte sich zu Harald, ihr Gesicht eine tragische Maske: „Dein Vater fand den Satz ja herrlich, wie alles Griechische! ‘Am besten, nicht geboren zu sein, am zweitbesten, jung zu sterben’ – das gefiel ihm! Gefiel ihm!! Wozu habe ich fünf Kinder in diese Welt gesetzt, unter Schmerzen und Qual? Wozu wird man Mutter? Wär ich doch umgekommen damals im Bombenhagel, aber nein! Ich lebte, unser Haus blieb verschont, während alles ringsum zu Staub wurde, und Großmutters Flügel stand heil und glänzend in der Stube.“
Die Knöchel ihrer Hände, mit denen sie die Stuhllehne umklammerte, traten weiß hervor: „Der Flügel. Der war ja Papas Vermächtnis. Papa hatte mir die ersten Töne drauf beigebracht und gesagt: Der ist für dich, meine geliebte kleine Tochter. Seine Mutter hatte drauf gespielt, und er sollte ihn dann erben, aber er liebte die Oboe weit mehr, das war ihr großer Kummer. Die Wiener Oboe speziell hatte es ihm angetan, von Kind an schon. ‘Wer wird nach mir auf dem Flügel spielen? jammerte sie. Ja, das bist nun du, meine kleine Tochter, du wirst ihm Ehre machen, nicht wahr?’ Ach Papa, ich hab’s ja versucht, aber dann kamen die Kinder, und ich hab dich verraten, und nun stirbt mir dieser hier, und es war alles vergebens.“

„zwei tote Rechthaber“ (c) gerda kazakou, Februar 2014
(…)