Dora zum ElftenDritten: Prinz Karneval (abc-etüde)

Beim Bummeln durch Kalamata treffen wir auf eine bunte Gestalt, die einen lustigen Kontrast zu den traurigen leeren Lagerhallen dahinter bildet. Dora erklärt ihn sofort zu ihrem Verwandten. Das sei ihr Großonkel, der zu besseren Zeiten Prinz Karneval genannt wurde. „Der war lustig!“ beteuert sie. „Und wenn die Menschen auch manchmal griesgrämig waren und sich gegenseitig tot schlugen, so war er doch immer pünktlich zur Stelle, um alle zum Lachen zu bringen. Hallo, Onkelchen, was machst du hier so allein an diesem trüben Ort?“

Auch mir ist die Frage gekommen, was er hier macht? wo seine Zeit doch längst abgelaufen ist? Carne vale! Schluss mit dem Fleisch, seit Montag wird gefastet. Als er ankam, hat ihn kaum jemand beachtet, und nun räumt ihn niemand weg. Wie ein vergessener Weihnachtsbaum im Land der Ungläubigen.

„Vielleicht“, schlage ich vor, „würde es deinem Großonkel gefallen, wenn wir ihn ein bisschen ausstaffieren? Meinst du, ihm würde ein Zylinder gefallen?“ Dora ist Feuer und Flamme. Sofort schleppt sie den Zylinder herbei, den eben noch der Zauberer auf dem Kopf trug, Schon kommen die ersten Tänzer angesprungen, und unter ihren Füßen, wo rauer Asphalt war, sprießt nun eine blühende Frühlingswiese.

Ach die Schuhe

ohne Ruhe

immer nach dem Tanze drängen

wollen tanzen

bis in Franzen

sie an wunden Füßen hängen

wenn sie fallen

von den Ballen

tanzen barfuß auf der Wiese

die verrückten

und verzückten

Rüdiger und Anneliese.

Karneval

verrucht und prall

lebt in jedem Menschenkind

Er soll leben!

 dass vergeben

sei was Menschensünden sind.

 

Dies ist mein dritter Beitrag zu Christianes abc-etüden mit Wörtern von Alice 

abc.etüden 2022 10+11 | 365tageasatzaday

 

 

 

 

 

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Dora zum ZehntenDritten: Himmelsglanz

Selten sieht man solche Bilder im südlichen Peloponnes, und nun gar Mitte März. Kälteeinbruch und Regen, unddie hohen Gebirgsgipfel rundum sind erneut mit Schnee bedeckt.

Kalamata, 10. März 2022

Dora hält es bei so viel Glanz und Leichtigkeit nicht am Boden.  Sssss…t saust sie in großem Bogen ins Blaue hinauf und hinaus….

Als ich am Hafen ankomme, winkt sie mir schon aus der Kajüte eines leicht schaukelnden Boots:

„Komm! Spring! Wir machen eine Spritztour!“ schreit sie. Dora hat gut reden. Gern schiffte ich mich ein auf einem der hübschen Kaikis, dem gelben, dem blauen, mit Dora als Leichtmatrose. Aber kann ich springen wie sie?

Ich muss mich bescheiden. Doch träumen kann ich und mich mit den Möwen treiben lassen und mit ihnen singen und krächzen.

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Dora zum NeuntenDritten: kata-strophische abc-Reimereien

Ich setze mich an den Computer und überlege, wie ich mit den Wörtern BLÜHEN – RAU – ZYLINDER einen ordentlichen Text machen könnte.  Das sind nämlich die drei Wörter, die Alice für Christianes abc-Etüden gespendet hat und um die herum man eine Geschichte basteln soll. Oder ein Gedicht, egal.

Dora sitzt mir wie meist auf der Schulter und hüpft auf und ab.

Ich: He, Dora, sei mal still, wie soll ich nachdenken, wenn du so wackelst?

Dora: Du brauchst nicht nachzudenken. Ich schenke dir ein Gedicht. Du willst doch ein Gedicht, oder?

Ich: Ja, schon. Aber…

Dora: Also schreib schon, ich diktiere dir eins:

Zylinder sind wie Kinder

Weht der Wind gelinder

Sind sie froh gestimmt

Wehn die Winde rau

Machen sie Radau

Denn der Wind der nimmt

sie fort mit ins Wasser

Da werden sie nasser

Er schmeißt sie rein in den Sumpf

Da machen sie …. Plums

 

Ich: Bitte, Dora, ist ja gut, wunderbar, dein Geschenk, aber es reicht.  Es reicht wirklich.

Dora: Nee, da fehlt noch was:

Im Zylinder werden Blumen blühen

Die bei Eiseskälte feurig glühen.

Ich: Och, Dora, ja, ein tolles Gedicht. Fast alles reimt sich. Aber wieso sind Zylinder wie Kinder? Blühen die auch, wenn man sie in den Sumpf schmeißt? Ich weiß nicht, ob das stimmt. Und überhaupt. Aber egal, danke! Ja, es ist wunderschön, dein Geschenk! Sei jetzt nicht sauer, bitte. Einem geschenkten Gaul….

Dora: sieht man nicht ins Maul! Hehe!

Und wer das tut,

kriegt eins aufn Hut,

ob Zylinder oder Mütze,

er landet in der Pfütze!

Ich muss Doras Gedicht hier stehenlassen, sonst ist sie traurig. Doch ein Bild kann ich wohl beisteuern: Celia mit Zylinder im Eisgarten, wo herrliche Blumen blühen. und obgleich alles aus Eis ist, sind die Winde nicht rau, sondern lau und süß (Nachtzirkus)

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Im Eisgarten (Nachtzirkus)

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Make-love-not-war (Impulswerkstatt No 2)

Einladung zur Impulswerkstatt – März-April 2022

Phallus, von griech. phallós (φαλλός) ‚männliches Glied‘ und dessen (kultischen Zwecken dienende) Nachbildung, bestehend aus einem länglichen Stück Holz, an das ein aus rötlichem Leder gefertigtes Abbild des männlichen Gliedes gehängt wird.

Ans Licht drängende Lebenskraft zeigt dies Foto, liebe Myriade. Was ist es? Eine Buche? Ein Ahorn? Es ist sicher kein Zufall, dass die Form dem Phallus, zu „deutsch“ Penis (Schwanz)  ähnelt. Hier drängt das lebendige Blatt hervor, will quasi hervorspritzen, um sich zu entfalten. Der Frühling drängt mit Macht, Widerstand ist vergebens. „Der alte Winter in seiner Schwäche zog sich in raue Berge zurück.“ (Goethe, Faust I, Osterspaziergang)

Der Phallus ist  Symbol der Zeugungskraft. In allen Kulturen, soviel ich weiß. Er ist ein Instrument des „Liebemachens“, der Zeugung und Lusterzeugung, aber auch der Angeberei, des männlichen Überlegenheitswahns, der Aggressivität. Er will sich nicht nur verspritzen, sondern eindringen, und er sucht seinen Willen durchzusetzen, meistens mit erlaubten, oft auch mit unerlaubten Mitteln. Besonders im Krieg tut er es mit Gewalt.

Ja, im Krieg ist „Liebemachen“ der Eindringlinge (sic!) nichts als Vergewaltigung. Auch das wussten schon alle Kulturen, seit eh und je. Die Frau als Beute.  Der Mann als Besiegter durfte zuschauen, wie der Sieger in die Frau eindrang. Die Frau ist die Erde, die aufgebrochen wird, um den Samen des Siegers hineinzusäen. Das sind archetypische Zusammenhänge, die im Untergrund der Seele bis heute wirksam sind. Aus ihnen speist sich die Angst der Frauen und der Mut der Krieger.

Make Love not war – dieser Slogan der Protestierer gegen den Vietnamkrieg – meinte die beiden männlichen Tätigkeiten – „Liebe machen“ und „Krieg machen“ – als Alternative. Tu das eine, lass das andere. Es ist leider keine Alternative. Es ist Frühling und es ist Krieg. Beides zugleich. Schon im uralten Mythos vom Raub der Persephone (Proserpina) durch Hades erklingt dasselbe Lied. Es ist ein Frühlingsmythos.

IMG_2909 Persephone 2Die Lanze, das Schwert, mit denen der Krieger den Feind durchbohrt, ist ein verwandelter Phallus. Er macht den männlichen Feind zur wehrlosen „durchbohrten“ Frau. Mir fallen dazu zwei Bilder ein. Das eine ist von Piero della Francesca. Es zeigt eine Kampfszene: gegeneinander anreitender Krieger – einer mit aus der „Scheide“ gezogenem offenem Schwert – und eine wie bittend am Boden gekrümmte Gestalt. Ich machte daraus einen Scherenschnitt.

 

Das andere Bild ist eine archetypische Szene: ein männliches Wesen (Ritter, Engel) tötet mit seiner Lanze den sich windenden Drachen. Diese Szene ist nicht nur im Christlichen (Erzengel Michael, St. Georg als Drachentöter), sondern weltweit verbreitet.

Wer in der Geschichte der Engel ist und wer der Drachen – das ist eine Frage der Deutung.

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abc-etüde mit Zylinder: In memoriam „Der Nachtzirkus“

Kaum las ich das Wort „Zylinder“, fiel mir der Nachtzirkus von Erin Morgenstern ein (Danke Bruni!), den ich so gerne las und der mich zu vielen Legebildern inspirierte, darunter eben auch dieses mit dem Zylinder:

O ja, die Autorin dieses exquisiten Romans hat eine blühende Fantasie, die damals auch meine mitnahm und zu vielen vielen Bildern anregte.

Überall zeigt der Zylinder die Anwesenheit des Zauberers an, so wie hier in seiner Garderobe.

Aber wie kommt das Wort „rau“ ins Spiel? Vielleicht in der Schafsszene?

Die Schafe sind heute schlecht aufgelegt, als Bayley sie von einer Weide zur nächsten führen will. Sie widerstehen seinem Schubsen, Fluchen und Schieben, finden das Gras auf der jetzigen Wiese viel besser als das hinter dem Gatter in der niedrigen Steinmauer, ganz gleich, wie sehr  Bayley sie vom Gegenteil zu überzeugen sucht.
Plötzlich meldet sich eine Stimme hinter ihm. „Hallo Bayley.“
Poppet sieht irgendwie anders aus, wie sie da hinter der Mauer steht. …Ihr Rock ist zu gerüscht für einen Werktag, und ihre Stiefel sind zwar staubig, aber zu schick und unpraktisch zum Herumlaufen auf einer Farm. Ihr rotes Haar ist offen, der Wind weht es ihr um den Kopf.

Nix da. Das Wort „rau“ streikt. Oder? Wird Celias Stimme nicht doch etwas rau, als ihr künftiger Geliebter sie ein bisschen an ihren Vater erinnert? „Sie erinnern mich ein bisschen an meinen Vater.“, sagt sie. – „Und warum?“ – „Wegen der Art, wie Sie die Wahrnehmung manipulieren. (…) Im übrigen können Sie das bei mir gern bleiben lassen,“ fügt sie hinzu, als sie endlich weiß, was sie an seinem Äußeren so verstört. – „Was bleiben lassen?“ fragt Marco. – „So auszusehen. Sie können das sehr gut, aber ich merke genau, dass es nicht ganz echt ist. (…)“

291 Wörter

Dies ist ein Beitrag zu Christianes abc-etüden mit Wörtern von Alice

Die Wörter? Zylinder, blühen, rau. Die Schnipsel für die Legebilder stammen, mit wenigen Ausnahmen, von Jürgen Küster aka Buchalov. Poppets Haar und rechter Stiefel stammen von Ulli Gau und Baileys Gürtel und Poppets Ärmel von Susanne Haun. Sämtliche Einträge zu diesem Buch findest du unter dem Stichwort: Nachtzirkus.

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Dora zum AchtenDritten: Hülle und Füllung (Impulswerkstatt)

Einladung zur Impulswerkstatt – März-April 2022

Ich beschaute deine diesmaligen Bilder, Myriade, scrollte hoch und runter  und  hoch und blieb immer wieder am ersten Bild hängen. Diese weißliche leere Hülle schien mir förmlich nach einer Füllung zu schreien, sie kam mir vor wie die abgelegte Puppenhülle, in der eine Raupe lebte, bevor sie zum Schmetterling wurde. Was für ein Mensch mochte sich darin wohlfühlen?

Hin und her liefen meine Gedanken.

Offenbar kam es hier auf die Individualität des Trägers nicht an, jeder konnte hineinschlüpfen und darin verschwinden. Gut oder böse, arm oder reich, blond oder schwarz, Männlein oder Weiblein oder irgendwas dazwischen  – egal, die Hülle würde alles aufnehmen. Und da heute der Tag der Frau ist, dachte ich: wie diese islamischen Frauengewänder, deren Inhalt dem allgemeinen Blick verborgen bleibt und sich nur dem Besitzer offenbart. Er allein hat das Recht, den Inhalt zu kennen und zu genießen.

Schließlich rief ich Dora zu Hilfe. „Sag mal, Dora, wer könnte denn in dieser Hülle stecken?“ – Ungewöhnlich nachdenklich betrachtete Dora das weißliche Ding. „Vielleicht der Vladimir Biden, über den ihr in letzer Zeit so viel redet? Oder vielleicht steckt …

Portrait des US-Präsidenten mit den Augen des Russland-Päsidenten. Collage

…der Joe Putin drin?“ – Verblüfft schaute ich Dora bei ihren Tricksereien zu. Mal lächelte mich das strahlende Biden-Lächeln unter der Kapuze an, aber die Augen gehörten dem Putin,  dann wieder blitzten die schlauen Biden-Äuglein hervor, aber der Mund war der des Putin. „Hör auf!“ rief ich, „du machst mich ganz schwindlig! Die beiden sind doch verschiedene Persönlichkeiten, stehen in verschiedenen Lagern, du kannst sie doch nicht einfach ….“

Wie ich noch protestiere, hat Dora schon ein neues Bild gezaubert. Das aber verwirrt mich sogar noch mehr. „Wer ist denn die Macht, die beide in die großen Taschen gesteckt hat? Ich erkenne sie nicht! Ist da überhaupt wer drin?“

„Was weiß ich!“ antwortet Dora seelenruhig. „Für die Füllung bin ich nicht zuständig. Das ist eure Angelegenheit. Wen würdest du denn reinstecken?“

„Na“, sage ich, „vielleicht den Apoll?“

Der Apoll passt zum heutigen „Tag der Frau“ ganz gut, finde ich, denn er symbolisiert die Sonne, die wir Deutsche uns gerne als Frau vorstellen,  und er liebte Knaben. Eine passende Füllung für unsere Zeit, in der wir die Mann-Frau-Spaltung der Menschheit allmählich überwinden. Ob wir bei anderen Spaltungen ebenso erfolgreich sind? Möge Apoll, Gott des Lichts, der Kunst und Weisheit, uns dabei zur Seite stehen!

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Dora ist versöhnt: Ende gut

Das möchte Dora euch allen grad noch mitteilen (ihr heutiges Geschenk): „Verzagt nie, denkt nie, das wars jetzt. Versucht es ruhig noch einmal. Ende gut, alles gut“.

Was ist passiert? O, nichts besonderes. Nur dass Dora doch noch ihren Flug mit dem Drachen bekommen hat. Denn als wir in die Stadt fuhren – es dämmerte schon sehr und regnete leicht -, hielt ich an einem Müllcontainer, um Abfälle zu entsorgen. Wie ich mich umdrehe, sehe ich Dora durch die Luft sausen und sich an einen Drachen hängen. Den hatte ein Papa, der den Kummer seines Sohnes nicht mit ansehen konnte, dass es mit dem Drachensteigen nicht geklappt hatte, nun doch noch – Regen hin, Nacht her  – in die Luft gebracht. Also der Papa hat den Drachen, nicht den Sohn in die Luft gebracht.

Du siehst nichts? Zu weit weg? Nun, in diesem Falle kann ich helfen: Zoom!!

Bravo, Dora!  Ich werde mir deinen Spruch merken. Wie war der doch gleich? Ach ja:  „Ende gut, alles gut.“ Na, dann Gute Nacht und angenehme Träume!

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Dora zum SiebtenDritten: Reiner Montag

Dora schmollt. Als ich es bemerke, nähere ich mich ihr und frage vorsichtig an: „Was ist los, meine Liebe?“ – „Was ist los, meine Liebe?“ äfft sie mich nach und verzieht das Gesicht. „Was mit dir los ist, wüsste ich gern!  Erst schmeißt du mein gestriges Geschenk in den Papierkorb…“ – „Moment, Dora“, protestiere ich, „das war kein Geschenk, und dass ich es zurückgegeben habe, hat gar nichts mit dir zu tun.“ – „Na, meinetwegen. Aber geärgert hat es mich doch! Und heute schenke ich dir das beste Wetter, und was weißt du damit anzufangen?“ –

„Nun aber mal langsam, Dora! Wir waren doch am Strand, um den Drachen steigen zu lassen, wie es sich für den heutigen Tag gehört, und wir haben auch Langana (Spezialbrot für den Reinen Montag) und Käse und Dolmaden (Reis in Weinblättern) besorgt und wie alle anderen auch haben wir am Strand in der Sonne gelegen und Tsipouro (Trebenschnaps) getrunken und … “ – „Ja, ja, ja, weiß ich ja alles! Und anstatt euch zu freuen, habt ihr gemeckert, dass kein Wind ging und die Drachen nicht steigen wollten und dass der Krämer keinen Taramosalat (Fischrogencreme) mehr hatte.“

Jetzt übertreibt Dora aber. Wir haben nicht gemeckert, nur festgestellt, wie die Dinge halt sind. Ich glaube, sie selbst war enttäuscht, dass sie keinen Wind herbeizaubern konnte, um ihrerseits mit einem Drachen zu fliegen. Nur einer schaffte es kurze Zeit in den Himmel, und Dora war nicht schnell genug aufgesprungen. Dabei hatte sie wirklich nur einen winzigen Schluck Tsipouro probiert.

Aber dieser winzige Schluck war für Dora offenbar zu viel. Ihre gute Laune ist dahin, und sie beginnt erneut ihr Lamento: „Und kaum warst du zu Hause, hast du wieder deine Nase ins Internet gesteckt, um alle Scheußlichkeiten der Welt zu beschnüffeln, wie eine Schmeißfliege zieht es dich zu jedem Mist, dabei könntest du ja auch mal……“ – „Ja, bitte, was könnte ich auch mal, liebe Dora? Ich tu es doch! Ich freu mich an den Blumen, an den Katzen, an den Kindern und Lämmern und sogar an manchen Hunden und Erwachsenen. Ich freu mich an all deinen wunderbaren Gaben. Aber leider gibt es auch Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen ich nicht absehen kann. Ich muss meine Nase reinstecken, wie du so prächtig formulierst, sie beschnüffeln und den Gestank ertragen, der mir entgegenströmt. So sind wir Menschen nun mal gemacht. Das Leid des einen lässt uns nicht kalt, und die Untaten des anderen erhitzen unser Gemüt, auch wenn wir nicht selbst betoffen sind. Wie ist es denn bei euch und eurer Art? Seid ihr vollkommen gleichgültig?“

So gings eine Weile, aber nun sind wir quitt. Und ich kann getrost in die Stadt fahren, um noch ein bisschen nachzufeiern. „Hast du Lust mitzukommen?“ rufe ich, schon für die Ausfahrt gestiefelt und gespornt. „Aber klar!“ kräht Dora vergnügt. Und los geht΄s!

Allen hier Mitlesenden wünschen wir einen fröhlichen Start in die Woche!

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Die Griechen von Mariupol (Ukraine)

Nicht so sehr nach Kiew wie nach Mariupol schauen die Griechen (und nun auch ich) in diesem fürchterlichen Konflikt. Denn dort leben seit undenklichen Zeiten Griechen, mit eigener Kultur, Sprache und Tradition. Der Name der Stadt selbst ist griechisch: Marienstadt.

Dieses Foto habe ich einem griechischen Zeitungsartikel entnommen. Meine Informationen entstammen griechischsprachigen Artikeln der Tagespresse. Es gibt auch deutschsprachige Quellen über Mariupol, beispielsweise im vergangenen Jahr bei BR über gewaltige Umweltprobleme, Konflikte und Geschichte der Stadt hier, doch die setzen verständlicherweise den Aktzent nicht beim Griechentum der Stadt.

Hier siehst du, warum Mariupol so traurig aktuell ist:

Die Industrie- und Hafenstadt von einer halben Million Einwohnern, davon ca 90 000  (nach anderen Zählungen 150 ooo) Griechen, liegt nur wenige Kilometer von der Grenze zur Provinz Donetsk und ist ein bedeutender Hafen mit Schwerindustrie des sowjetischen Typus. Den Titel der „schmutzigsten Stadt der Ukraine“ hat sie sich durch die beiden Stahlwerke Asovstal und Iljitsch verdient, die im Besitz von Rinat Achmetov  sind. 25 000 Menschen arbeiten Tag und Nacht allein in Asovstal. Anstatt der dringend benötigten Filteranlagen kaufte Achmetov, der Reichste der ukrainischen Oligarchen, die teuerste Immobilie der Welt (die Villa König Leopolds II. von Belgien an der Côte d’Azur – auch er ein „Menschenfreund der besonderen Art“) für 200 Mio Euro. (Quelle hier).

Das berüchtigte Nazi-Asov-Regiment, das 2014 das Gewerkschaftshaus von Mariupol in Brand steckte –  40 Menschen kamen ums Leben (Foto: dpa) …..

Eine Frau trauert in dem teilweise ausgebrannten Gewerkschaftsgebäude in Odessa, in dem am Freitag über 40 Menschen starben.

(Foto: dpa)

und dem sehr viele Menschenrechtsverbrechen angelastet werden, hat seinen Sitz in der Region. Diese und andere Nazis, die als Freiwilligenverbände seit einigen Jahren in die reguläre Ukrainische Armee integriert wurden, sind auch der Anlass oder Grund für den russischen Einmarsch und für ie Bereitschaft Israels, im Krieg zu vermitteln. Die vom CIA gefütterten und mit Waffen vollgestopften Asov-Banden verhindern zur Zeit die Evakuierung der Bevölkerung (insbesondere auch der russischsprachigen Griechen), die sie als lebenden Schutzschild benutzen. (Unterschiedliche Darstellungen bei: Der Spiegel, Russia Today, Deutsche Welle).

Die griechische Besiedlung der Küsten des Schwarzen Meeres begann im 6. vorchristlichen Jahrhundert. Die kaum erschlossene Küste des Asovischen Meeres wurde durch einen Erlass der Zarin Katerina 1778 zum Siedlungsgebiet für Griechen der Krim, als das Osmanische Reich für die christliche Bevölkerung zur Bedrohung wurde.  Von 1810 bis 1873 hatte die Region  eine eigenständige griechische Gebietsverwaltung, und Nichtgriechen durften sich sis 1859 nicht dort niederlassen. Die Bevölkerung wuchs stark insbesondere nach Fertigstellung der Eisenbahnlinie. Der Hafen von Mariupol wurde, nach Odessa, der wichtigste des Russischen Reiches. Schwerindustrie siedelte sich an und bestimmt bis heute das Leben. Während der Russischen Revolution und des anschließenden Bürgerkriegs verlor es wieder viel seiner Bedeutung.  Viele Griechen  wurden in den Jahren des Stalinismus nach Sibirien umgesiedelt. Vom 8.10.1941-43 wüteten die Deutschen in Mariupol, brachten Unheil auch über die verbliebenen Griechen. Die große jüdische Gemeinde wurde fast ganz vernichtet.

Wie lebendig das dortige Griechentum im Jahr 2021 trotzdem noch ist, zeigte sich bei der „Mega Giorti“ (Großes Fest) am 21. Oktober 2021, anlässlich des 200. Jahrestags der „griechischen Revolution“, mit der das Griechentum weltweit des Beginns des Befreiungskampfes gegen das Osmanische Reich gedachte (Video auf Ukrainisch, leider ohne Untertitel).

Nun herrschen dort wieder Krieg und Vertreibung, Hunger und Angst. Wieviele dieser liebenswürdigen Menschen werden sich aus den Trümmern retten können?

Im Umfeld der Stadt gibt es 29 griechische Dörfer. Die Bewohner nennen sich Rumäi und sprechen die „rumäische Sprache“ – von „Rum“  (Römer), wie die Griechen in Konstantinopel, der Hauptstadt des Oströmischen Reiches, genannt wurden.  Es ist ein Dialekt des Griechischen, der nur hier gesprochen wird und daran erinnert, dass das Reich von Byzanz sich bis hierher erstreckte, bevor es von anderen Mächten zerstört wurde.

Wie konnten sich griechische Sprache und kulturelle Eigenheiten über so lange Zeiträume halten? Durch die Kirche und die Schulen. Die Schulbildung der Kinder lag in den Händen der Gemeinden, die zugleich kirchliche wie weltliche Aufgaben erfüllten. Bereits 1687 gab es in der „Kirche der Erzengel Michael und Gabriel“ in Nezin eine griechische Schule.  Ein erstes „Gymnasium für höhere Wissenschaften“ wurde in Bezborontcko gegründet. Seit 1824 entstand in Mariupol die erste griechische Schule. Eine Höhere Militärschule („Griechisches Gymnasium“) wurde mit Erlass von Katerina 1775 in Cherson gegründet .

Auch in Odessa wurden seit 1814 griechische Schulen gebildet. Bedeutend war die von wohlhabenden Kaufleuten finanzierte „Griechische Handelsschule“.

Schulkinder, Mariupol, Ukraine, beim jährlichen Schulfest.

Quelle: protagon

Erinnerung ans klassische griechische Altertum in Mariupol:

Quelle: protagon

Evzonen in Mariupol

Ουκρανία: Οδοιπορικό στη Μαριούπολη των Ελλήνων | Protagon.gr

Quelle: protagon

PS.  Was ist das Asov-Regiment und der Rechte Sektor? Ich fürchte, zu wenige wissen, dass es sich um echte neo-nazistische Kampfverbände handelt, die gegenwärtig einen heftigen Zulauf von international verbandelten extrem rechten „Kämpfern“ erhält. Die Ukraine ist das einzige Land weltweit, das solche offen nationalsozialistischen, suprematistischen Freiwilligenverbände in seine reguläre Armee integriert hat. Momentan wird in Europa nicht nur ein schrecklicher Krieg geführt sondern es bildet sich auch ein neo-nazistisches Schlangennest, in dem all die, die man eben noch meinte unter Kontrolle zu haben, erneut ihr Weltbild mit Brutalität und Krieg durchzusetzen versuchen.

Seid wachsam!

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Wortman Themenwort No 6: Ordnung

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„Ordnung muss sein“.  Die Schuhe hängen nicht von der Decke, sondern stehen dort, wo sie sollen: auf dem Boden. Die Lampe ist, damit sie nicht umfällt, ordentlich mit zwei Steinen beschwert. Ist das nun Ordnung? Ich finde: ja, durchaus. Es ist eine lebensnahe Ordnung.

Das Thema „Ordnung“ ist freilich sehr sehr viel größer als die Anordnung von Schuhen im Raum. Historisch durchlaufen wir gerade eine Phase extremer Unordnung. Denn eine schlimmere Unordnung als den Krieg gibt es nicht, auch wenn die Armeen der Inbegriff von Ordnung zu sein scheinen. Das ist die Dialektik der Ordnung. … Eben schaute ich nach, ob zu diesem Thema schon etwas geschrieben wurde. Und tatsächlich: unter eben diesem Titel erschien ein Buch von Zygmunt Bauman: Dialektik der Ordnung: Die Moderne und der Holocaust. Oxford 1989. Bauman ist Professor in Tel Aviv, Warschau und Leeds.

Bei Bücher.de gibt es eine Besprechung (Roland Große Holtforth, literaturtest.de). Ich zitiere: Die „Betonung und Erklärung des Holocaust als deutsches Verbrechen ist verhängnisvoll, denn sie führt dazu, dass alle anderen und insbesondere alles andere entlastet sind.“ … Die systematische Menschenvernichtung … wurde inmitten einer modernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und mit Akribie ausgeführt, in einer hochentwickelten Zivilisation und im Umfeld außergewöhnlicher kultureller Leistungen.“

Und das heißt, möchte ich hinzufügen: Systematische Menschenvernichtung ist weder ein deutsches noch ein einmaliges Phänomen. Unsere moderne, rationale Gesellschaft hat die Eigenschaften, die seine Wiederholbarkeit ermöglichen.

***

Ιn einem Kapitel zum „Griechischen Alphabet des freien Denkens“ habe ich über das Begriffspaar Ordnung-Chaos nachgedacht. Falls du Lust hast zu schauen – hier ist der link:

Griechisches Alphabet des freien Denkens: T wie ΤΑΞΗ/Ordnung, Klasse

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