
Dies ist mein dritter Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt.
Gleich werde ich den Kamin anzünden wie jeden Winterabend. Dann sitze ich davor und betrachte die Flammen, ihr unruhiges flackerndes Spiel. Die Wärme tut mir gut, sie ist anders als die der Zentralheizung. Auch wirkt das Feuer als estia (Herd, Punkt, um den sich Menschen und Ereignisse konzentrieren): sind mehrere Menschen im Raum, zieht es sie zum Feuer.
Die Hestia war den Griechen eine der zwölf Olympischen Gottheiten. In Rom hieß sie Vesta. Das Feuer durfte nicht ausgehen, denn es war schwer, es wieder zu entfachen. In den Kirchen, aber auch an den häuslichen Altären brennt bis heute ein Öllämpchen, das nicht ausgehen darf. Die „ewige Flamme“ hält die Erinnerung wach, stellt ein gefährdetes Kontinuum her zwischen jetzt und früher. Das Osterlicht wird jährlich aus Jerusalems Grabkirche herangebracht, um die erloschenen Kerzen der Christenheit erneut zu entzünden.
Heute ist es leicht, Feuer zu machen. Ich benutze nicht nur Späne, Piniennadeln und alte Zeitungen, sondern auch Streichhölzer und Anmachhelfer : weiße Kunststoffkuben, mit leicht entzündlichem Sprit durchtränkt. Im Nu habe ich eine ausreichende „estia“, auf die ich dann gröbere Holzstücke legen kann.
Da sitze ich also und starre in die Flammen. Und denke: ist Feuer ein Element wie die anderen? Wie Wasser, Erde, Luft und vielleicht auch Holz? Es ist so anders! So unfassbar! Es besteht nur im Prozess der Umwandlung, nicht für sich selbst. Es wandelt Holz und Wachs oder andere brennbare Substanzen um in Licht und Wärme. Und während es das tut, existiert es als Flamme, als züngelnde, flackernde Erscheinung, die verzehrt, was als brennbare Substanz in ihre Reichweite kommt, und dann …. erlischt. Sie hört auf zu sein. Bis sie wieder entfacht wird.
Licht und Wärme bringt mir das Feuer des Kamins, und damit eben das, was mir die Sonne bei Tage bringt. Und doch ist es ganz anders, fühlt sich anders an. Rötlich, violett, bläulich, gelb je nach Art des Verbrannten ist die ruhelose flackernde Flamme, die so gar nicht dem vertrauten hellen Sonnenlicht gleicht. Schatten huschen über die Wände, über die Gesichter der Menschen, hier glänzt ein Auge auf, dort sinkt ein Gesicht ins Dunkel. Die Menschen sprechen leise, sie erzählen Geschichten. Pausen treten ein, die niemand unterbricht, es drängt ja nicht. Man hat Zeit. Das Feuer brennt, es züngeln die Flammen, sie reden – oder spricht das Holz, das verbrennt? Ab und an legt man ein Stück Holz nach, schiebt die glühenden Stücke mit der Zange zusammen, klopft Funken aus dem Holz, wenn die Flammen erlöschen wollen. Und schaut zu, wie sie immer neu entstehen, indem sie das Holz fressen.
Und merkwürdig: Die unruhige flackernde Flamme beruhigt mein Inneres, ich entspanne mich. Mein Denken wir langsamer, geht mehr in die Tiefe, anstatt wie wenn ich dem elektrischen Licht ausgesetzt bin, an der Oberfläche hinzuflackern.
