Odysseus und der Zyklop

Polyphem, der Vielberühmte, war der Name des Zyklopen, den Odysseus überlistete, verhöhnte und schließlich seines Augenlichts beraubte. Die Geschichte ist allseits bekannt, seit Homer sie zuerst erzählte. Das war, so scheint es, im achten vorchristlichen Jahrhundert, also vor knapp dreitausend Jahren.

Ulisses and the Cyclop

Odysseus und Polyphem (c) Gerda Kazakou

Nach seinem Namen befragt, nannte sich Odysseus „ουδείς“, das heißt „Niemand“. Insofern war er ein anonymer Täter, der sein Opfer nicht nur blendete, sondern auch in die Irre führte. War das nun fein? Vermutlich nicht. Und doch gibt es wohl „Niemanden“, der dem Odysseus nicht innerlich auf die Schulter klopfte, weil er so ein Schlauberger und Held war.

Wie Homer die Geschichte darstellt, hatte Polyphem sein trauriges Schicksal redlich verdient. Denn er war nicht gastfreundlich zu Odysseus und seinen Kumpanen, die sich uneingeladen in seiner Höhle breitgemacht hatten. Er hatte menschenfresserische Tendenzen, er soff und war überhaupt ganz unzivilisiert. Odysseus’ Tat, so Homer, war ein Akt der Selbstverteidigung.

Wenn man ein bisschen tiefer hineinschaut in die Menschheitsentwicklung, wird man allerdings stutzig. Polyphem war ein Sohn des Meeresgottes Poseidon und ein Zyklop, also ein „Rundäugiger“. Nur ein Auge hatte er auf der Stirn. Dieses Auge ist das, was wir heute das „dritte Auge“ nennen und das uns so sehr fehlt, wenn wir in die Zukunft schauen wollen. Es ist das alte Hellsehen, die Fähigkeit des „Schauens“, das Odysseus, der Intellektuelle und Rationalist, zielgenau ausstach. Mit ihm wurde der moderne Mensch geboren.

Auf dem Bild sieht man das einfach strukturierte Gesicht des Polyphem. Der Dreizack seines Vaters Poseidon und die Schafe und Ziegen, die er weidete, sind ihm als Symbol beigefügt. Sein Auge ist blutunterlaufen, denn Odysseus sticht ihm eben das glühende Ende eines angespitzten Holzes hinein. Odysseus hat ein zusammengesetztes, kompliziertes Gesicht, denn er ist ein Intellektueller, ein moderner Mensch. Er schaut nicht auf sein Opfer und auch nicht auf seine Hand, die zielgenau die Mordwaffe führt. Er wird eine Geschichte erfinden, die seine Tat als gerechtfertigt hinstellen wird. Sein Symbol ist die Eule der Athene.

Poseidon ist das ungestüme Gefühl, Athene das kluge Kombinieren. Odysseus hat den Sohn des Meergottes ausgetrickst. Poseidon wird es ihm heimzahlen. Aber nach zehn Jahren Irrfahrt wird Odysseus zurückkehren zu seinem Ithaka. …. Und wieder aufbrechen.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, alte Kulturen, Dichtung, die griechische Krise, Mythologie, Vom Meere abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Odysseus und der Zyklop

  1. Pingback: Das Lachen des Polyphem… | mannigfaltiges

  2. Pingback: Mirror of the Mind, 2. Nachtrag: Die Liebe des Polyphem | GERDA KAZAKOU

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s