Tagebuch der Lustbarkeiten: Sonnenuntergang bei Piräus

Auf dem Dach des Stavros-Niarchos-Kulturzentrums stehend, machte auch ich – wie all die anderen, die sich dort herumtrieben – Fotos vom Sonnenuntergang über Zea, dem kleineren Hafen von Piräus. Mehr von diesem Ausflug erzähle ich morgen. Als Vorgeschmack schon mal ein Eintrag über das Niarchos-Kulturzentrum hier und hier.

 

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Impulswerkstatt, Bild 4: Eine Fantasie

Ich bestaune dieses Wundergefährt, liebe Myriade, lausche dem harten Getrappel der Hufe auf dem Asphalt. Die Reifen schnurren leise mit. Manchmal schnauft der stolze rechts ziehende Globetrotter leise, er würde gern ein schnelleres Tempo vorlegen, muss aber Rücksicht nehmen auf den schwerfälligeren Gefährten an seiner linken Seite.

Der Herr dieses Gefährts sitzt im Dunkeln, ich erkenne seine Gesichtszüge nicht. Kappe und schwere Joppe. Was transportiert er? Die Seiten des Aufbaus sind durchsichtig, wohl als Wind- und Regenschutz für zahlende Gäste, die den Ausblick auf die Landschaft genießen wollen? Dann wäre dieses Gefährt, das wie ein Hybrid aus verschiedenen Zeiten wirkt, für Touristen gedacht?

Ich halte es an und setze mich hinein. Auf gehts. Mein Kopf vibriert leise, der Blick durch die Plastikbahnen zeigt mir eine mürbe Landschaft, wie weggerückt hier ein Schild, dort ein Gestrüpp. Voran gehts, und doch nicht voran. Das Land ist eben und ohne größere Abwechslung. Müdigkeit kriecht in meine Glieder, die sich entspannen. Trappel-trappel-trappel und das Rollen und Sirren der Räder. Schon kommt der Schlaf. Kommt der Traum. Der Wagen durchrollt nun eine immer mehr sich weitende Landschaft, leer bis zum Horizont. Meine Sehnsucht nach einem Ort lässt diesen entstehen: Altes Gemäuer, enge Gassen, Sonnenlicht fällt schräg hinein, malt Lichtbahnen und Schatten auf grobe Pflaster. Der Wagen rüttelt. Ein Ball rollt aus einer Nebengasse heraus, die Pferde scheuen, schnauben. Wo sind die Menschen? A, hier ist ein Markt, ich darf aussteigen, zwischen frisch geernteten Kohlköpfen und Kohlrabi, Möhren und Äpfeln bahne ich mir den Weg. Wohin? Ein offener Platz, eine Treppe führt weiter hinauf. Doch ich bin des Wanderns müde. Eine Bank, die Farbe der Bretter blättert schon ab und die geschwungene schwärzliche Seitenlehne zeigt Rostspuren. Mir ist sie recht. Ich lasse mich nieder, treibe hinaus, weiter, weiter, vorbei an den flatternden Segeln der Schiffe, hinaus dorthin, wo ein kleines Segel erscheint. Das wird mich aufnehmen und zu meinem Ziele bringen, vielleicht. Und so schlafe ich ein, traumlos jetzt.

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abc-etüden: Der werdende Dichter – kata-strophisch

Schreibeinladung für die Textwochen 10*11*12*13**23 | Wortspende von Werner Kastens

 

Der werdende Dichter

 

Die Mutter, verzückt und mit leuchtendem Blick:

„Toll war der Henry, und das outfit so schick!“

 

Der Vater schaut grimmig, er hat sehr gelitten

er ging ja nur mit auf der Gattin ihr Bitten.

 

Lesungen kennt er vom Parlament

hat schon so manche von ihnen verpennt.

 

Und nun gar der Heinz, sie nennt ihn jetzt Henry

Sie glaubt ja im Ernste, das sei heute trendy.

 

Er werde am Ende ein Riesensuccess.

Da lohne sich eben auch jeglicher Stress.

 

Er seufzt und er grummelt: beim Sohnemann

da stelln sich die hübschesten Mädelchen an.

 

Ne Dichterlesung scheint bei den Weibern zu wirken

Die verdrehen die Augen wenn einer geschickt

mit Reimen verkuppelt die Busen mit Birken

und ihnen versonnen ins Äugelein blickt.

 

Er selbst ist genügsam,  ist nur Protokollant

von politischen Reden, die andere schwingen.

Er protokolliert getreulich, dann streut er den Sand

und widmet sich endlich den wichtigen Dingen.

 

Die wären? Ich weiß nicht, er hält sie geheim.

Mir kommt das zupass, denn so passt auch der Reim.

Legearbeit aus Brunis und Susanne B’s Schnipseln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Welttheater: 6. Zwischenbilanz: 2.-13.3.2023

Seit der letzten Zwischenbilanz am 1. März ist die Welt nicht stehengeblieben – und auch meine Theaterwelt hat sich weitergedreht.

Und schon ist eine weitere 12-Tages-Bilanz fällig.  Erinnert sei daran, dass das ganze Welttheater ein Thema variiert: Geben-und-Nehmen-im Ausgleich, zuerst formuliert durch die blinde Dichterin Domna.

In der 4. Zwischenbilanz machte ich mir Gedanken über meine Figuren: Sind sie feste Typen oder entwicklungsfähig wie reale Menschen? Die Probe aufs Exempel wäre nun nachzuschauen, was die Figuren seither umgetrieben hat. Dazu muss ich die einzelnen Szenen in Erinnerung rufen.

Da ist zunächst am 2.3. das Urteil der Diaphania (Transparenz), mit dem sie Tschinns Lebensprinzip zurückweist.

Wenn es allein nach deiner Meinung nur ginge

Herr Tschinn, dann stünde es schlechter als schlecht

um unsere Welt, wo was ihm gefällt, sich jeder gleich raubt

Und wer als Erster erscheint, der nimmt was er will.

Das, so argumentiert sie, sei schon seit dem Trojanischen Krieg nicht mehr gestattet, als sich Achill und Agamemnon um die geraubte Tochter des Apollon-Priesters, Chrisseis, stritten. (Mit dieser Szene beginnt die Ilias). Apoll schickt die Pest ins Lager der Griechen.

Da Tschinn die Rechtmäßigkeit seines Besitzanspruchs nicht nachweisen kann, wird sein angefangenes Gebäude vom Strand geräumt. Hat Tschinn etwas hinzu gelernt, sich gar entwickelt? Vielleicht hat er einen ersten Schritt getan, denn der selbstbewusste „Macher“ tituliert sich selbst nun als „armer Wicht“ und klagt:

Was ich begonnen, ist zerronnen

und gar nichts habe ich gewonnen!

In Zukunft wird er die Voraussetzungen für dauerhafteren Erfolg (Resilienz) vielleicht genauer prüfen.

In der nächsten Szene geht es um „Magie“ – also um die verbreitete Illusion, man könne sich durch magische Mittel in den Besitz des Erwünschten setzen. „Magisches Denken“ gehört zu Recht in die Kindheit, denn das Kind hat nicht die Fähigkeit, sich durch eigene Leistung am Leben zu erhalten. Im Erwachsenenalter aber ist es verfehlt.

Clara erhält die „Geschenkebox“, die Dora ihr im Traume schenkte und die sie verlor, als sie Kairos folgte, von Hera zurückerstattet. Clara darf noch ein Weilchen „Kind“ bleiben, die „erwachsene Realität“ konnte sie nicht einfangen (Geld als Tauschmittel, vergl. dazu https://gerdakazakou.com/2023/02/10/welttheater-4-akt-10-szene-verfuehrung/).

Und wie ist es bei Heranwachsenden wie Jenny? Sie glaubt nicht mehr an Magie. Das Leben hat sie gelehrt, dass „alles seinen Preis hat“.  Halb neidvoll, halb ironisch schaut sie auf das magische Denken des Kindes (das sie selbst war):

Was ich mir wünsche, das versteht sich

das ist ein dickes Omelett.

Ich teile es auch fromm und redlich

Leg mich dann ins gemachte Bett.

 

Und wenn ich Lust hab auf was Süßes

dann ruf ich einfach: Komm schon her

da kommts dann wirklich, ich begrüß es

und ess und sag: ich kann nicht mehr.

Wird Jenny also in ihrer Entwicklung ins Kindliche zurückgeworfen, indem sie mit magischen Lösungen liebäugelt? Nein. Ihr hartes Überlebenstraining hat sie zur Realistin gemacht. Doch als Realistin ist sie „einseitig“. Sie hat etwas verloren.

Domna, die Poetin, weist auf diese Einseitigkeit hin, indem sie Rilkes Gedicht „Magie“ zitiert. Ins magische Denken des Kindes können wir nicht zurück, doch gibt es neben der „Realität“ die Welt der „Kunst“. Und wenngleich in der Wirklichkeit Flammen zu Asche werden, kann die Kunst diesen Vorgang umdrehen:  Staub wird zur Flamme.

Aus unbeschreiblicher Verwandlung stammen
solche Gebilde –: Fühl! und glaub!
Wir leidens oft: zu Asche werden Flammen;
doch, in der Kunst: zur Flamme wird der Staub.

Hier ist Magie. In das Bereich des Zaubers
scheint das gemeine Wort hinaufgestuft…
und ist doch wirklich wie der Ruf des Taubers,
der nach der unsichtbaren Taube ruft.

In der Folge wird Jennys Thema „Hunger“ weiter verfolgt. Hunger ist eine unleugbare „Realität“, die nach Lösungen schreit. Um ihren Hunger zu stillen, lässt Jenny sich sogar auf Kairos ein. Domna klagt die Gesellschaft an, die es erlaubt, dass wenige viel zusammenraffen und den Hungrigen das täglich Brot vorenthalten. Moral setze einen vollen Magen voraus (Brecht).

In der nächsten Szene wird Jenny angesichts der anscheinend „magisch“ herbeigezauberten Speisen zwischen Angst und Begierde hin und hergeworfen. Die Angst (repräsentiert durch Schurigel) rät ihr, lieber hungrig zu bleiben als das Risiko einzugehen, im Kittchen zu landen. Zwei Uralte, anscheinend die Bewohner des Hauses, erscheinen auf der Bühne und erlauben ihr zu essen. Und so will sie zugreifen, doch…

da erscheinen Domna und Clara am Fenster. Domna klärt Jenny auf, dass die beiden Alten Tote (Gespenster) sind, die sich von den irdischen Genüssen nicht lösen konnten.

Hier bist du, liebes Kind? Willst mit den Toten speisen?

Jenny ist schockiert: Nein, keinesfalls will sie mit Toten zu tun haben, die für sie nur ein Haufen Knochen sind. Domna hingegen sieht ihre Aufgabe darin, den erdgebundenen Seelen zu helfen, sich zu lösen, und setzt sich zu ihnen. Jenny, vom Hunger getrieben. isst schließlich von den Totenspeisen, denn 

Es ist dies eine der höchst seltnen Stunden

Wo du zu essen kriegst auch ohne Geld.

Hat Jenny damit einen Entwicklungsschritt gemacht? Vielleicht. Denn ihre atavistische Angst vor Toten, die im Widerspruch zu ihrem erwachsenen „Realismus“ steht, scheint sich verringert zu haben.

In der nächsten Szene hilft Domna den Verstorbenen, ihre Position zu begreifen. Die Erinnerungen der Alten sind chaotisiert, Früheres und Späteres geraten durcheinander. Doch in diesem Wirrwarr gibt es eine Konstante: die zärtliche Liebe, die sie verbindet.

Alte (kichernd) :

Du magst mich immer noch, mein Alter?

Bin ich wie einst dein bunter Falter?

Dein Schmetterling, dein süßer Fratz?

Alter:

Ja freilich, komm mal her, mein Schatz

und gib mir einen dicken Schmatz!

Domna singt daraufhin eine Hymne auf die Liebe

Nur Liebe kann den toten Stoff beleben

sie wirkt und wogt durch alle Weltensphären

Wir Menschen können unsren Anteil geben

und unsererseits die Weltenliebe nähren.

 

Die irdisch Liebe ist ganz wie ein Sänger

der eingesperrt im Käfig klagend singt

Der Körper ist grad wie ein Vogelfänger ….

und baut damit den Verstorbenen eine Brücke, vom Diesseits zu lassen.

Alter:

Du meinst, wir dürfen uns lieben

auch wenn der Stoff vergeht?

Alte:

Und auch wenn nichts mehr geblieben

und der Körper zu Staub verweht?

Die Alten haben unter Domnas Anleitung eine Entwicklung durchgemacht und können daher nun den irdischen Plan verlassen. Ihr Platz auf der Bühne wird frei.

Die Unterhaltung zwischen Domna und den Alten hat keinerlei Resonnanz bei Jenny und Clara. Das Thema geht sie (noch nicht) an. Anders ist es für Trud, die mit einem Schwarm von Fragen die Bühne betritt. Domna ermahnt sie, nicht nur zu fragen, sondern auch Antworten zu suchen (Geben und Nehmen im Ausgleich).

Wer immer fragt, der will nur nehmen,

er wünscht, dass andre Antwort geben.

Trud greift ihrerseits die Dichterin an, die auf alles Antworten habe.

Du scheinst die Antwort ja zu wissen

auf alle Fragen dieser Welt.

Das dient dir dann als Ruhekissen.

Die beiden Positionen bleiben unvermittelt im Raum stehen. Domna lenkt Truds Aufmerksamkeit von ihren Lebenszweifeln weg und hin auf den zuverlässigen Boden des irdischen Genusses. 

Ach Trud, verzeih, wenn ich dein Fragen

nicht allzu ernst zu nehmen weiß.

Komm her und fülle deinen Magen

mit diesem guten Safranreis.

 

Probier es nur, und du wirst sehen,

dies Leben ist nicht gar so schlecht.

Es wird bestimmt vor dir bestehen.

Ja, iss nur, iss, so ist es recht.

Damit schließt sich der Kreis, der durch Jennys Hunger und die nachfolgenden Entwicklungen eröffnet wurde.

Wir können nun nach den anderen schauen, die wir im Sumpf zurückgelassen haben; Danai, Wilhelm, Abud und Hawi. Wie ist es ihnen in der Zwischenzeit ergangen?

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Fastenessen

Ganz in unserer Nähe – man muss nur zum Bachtal der Sappho (Zufluss des Kifissos) hinabsteigen und auf der anderen Seite wieder hinauf – gibt es ein Lokal, das den schönen Namen „das Willkürliche“ trägt. Willkürlich bzw illegal ist es, weil es nie eine Baugenehmigung erhielt, eine Betriebsgenehmigung dann aber doch. Am Wochenende öffnet es auch mittags, sonst nur am Abend bis Mitternacht, um die Nachbarn nicht zu stören.

Dort lassen wir uns nach langer Zeit mal wieder nieder. Viele junge Familien mit Kindern sind gekommen. Der Wirt, hager, langhaarig und auf eine undefinierbare Weise „alternativ“, kennt uns von früher, bedient uns persönlich.  Wir bestellen kleine Gerichte: gedünstete Pilze, Zucchini-Klöße, Spinatgebäck, Garneelen überbacken, gekochte dicke Bohnen, dazu einen offener Weißwein. Das ist für zwei Personen mehr als genug, ist fastengerecht, schmeckt köstlich und kostet an die 30 E. 

Der Weg nach Hause ist zum Glück nicht weit. Danach ist eine Siesta dringend angesagt.

 

 

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Kunst am Sonntag: Verbrannte Skulpturen (Myriades Impulswerkstatt, Bild 2)

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Beim Anblick deines Bildes, so sagte ich, liebe Myriade, steigen viele Reminiszenzen auf und wollen an die Oberfläche. Verbranntes, Verkohltes, doch immer noch Form. 

Meine zweite Erinnerung führt mich ins archäologische Museum von Neapel.

Zwischen den Exponaten aus den untergegangenen Städten Pompeji und Herculaneum und in den offenen Höfen des Museums stehen Holzskulpturen, viele davon verkohlt. Sie erschüttern mich mehr als die aus dem Brand geretteten, gesäuberten und glänzenden Werke einer früheren Epoche. Denn diese Holzskulpturen sind zeitgenössisch. Sie sind lebendig.

skulptur aus verbranntem Holz, Arch. Mus. Neapel 2018

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Die Skulpturen sind keinem Feuer zum Opfer gefallen, sondern der italienische Künstler, Aron Demetz (Jg 1972), hat sie kunstvoll selbst verbrannt.

 

Das ist schwer zu ertragen. Es geht ins Mark, denn die verbrannten Figuren (rechts) wirken lebendiger als die antiken Bronzeskulpturen (links) und vielleicht sogar als die Besucher des Museums, die sich wie Schattenrisse gegen das Licht abheben (Mitte). Und so zwingen sie den Betrachter, sich mit dem qualvollen Tod durch Verbrennen auseinanderzusetzen.

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Sie rufen die Leiden der von der Lava verschlungenen Menschen ins Gedächtnis … doch wie ein sich ausbreitendes Feuer greift es über auf die Scheiterhaufen, auf denen Millionen Menschen verbrannt wurden, weil sie anders dachten und anderes glaubten, als die Herrschenden erlaubten. Und weiter greift es über auf die Bewohner der belagerten Orte, die sich selbst verbrannten, um größerem Unheil zu entgehen („ολοκαυσιμα“ =Holocaust), und auf das rennende in Flammen stehende vietnamesische Mädchen. Und immer weiter breitet sich die Feuersbrunst aus, sie wird zu den Flammenmeeren der mit Phosphorbomben in Brand gesteckten Städte des zweiten Weltkriegs und geht auf im Rauch der Krematorien, in denen die Ermordeten eines furchbaren Regimes verbrannt werden.

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Erinnerung an einen Brand. (Myriades Impulswerkstatt Bild 2)

Beim Anblick deines Bildes, liebe Myriade, steigen viele Reminiszenzen auf und wollen an die Oberfläche. Verbranntes, Verkohltes, doch immer noch Form. 

Erste Reminiszenz. Besuch in der Brandzone. Hier starben Menschen. Man zählte schließlich mehr als 100. Ich baute aus herumliegenden Steinen einer zerbrochenen Mauer ein Steinzeit-Gehöft. Stein ist haltbarer als Holz, dachte ich, es brennt nicht so leicht, und: ein neuer Anfang muss gemacht werden. Immer wieder.

Mein Neffe Vasilis Botoulas sammelte die verbrannten Stücke des Hauses wie Reliquien.

Der Fensterrahmen der Toilette im Hausgiebel.

Er machte später Kunst daraus. Darüber habe ich schon geschrieben (hier).

Einen alten Kirschbaum gab es nicht in diesem Garten.

 

 

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Der Flug der Nike (Annas Fotoprojekt)

Heute sah ich die Zusammenfassung von Anna Eulenschwinges Fotoprojekt „Atem“.

Ich mag dieses Projekt sehr, in dem aus der Literatur gewonnene Wörter zu Leitbegriffen des Fotografierens werden. Schade, dachte ich, dass du es vergessen hast. Dabei  beschäftigt mich das Thema „Atem“. Oft wird mir das Atmen schwer, und das ist fast wie Sterben.

Was ist Atem?

Wenn sich der lebendige Stoff mit dem Atem der Welt so verbindet, dass er selbst zu atmen beginnt, kann er die innere Bewegung in eine eigenständige äußere Bewegung umwandeln. Die an den Ort gebundene Pflanze wird zum beseelten sich im Raum frei bewegenden Tier. 

Atem ist ein Sieg über die Kräfte des Anhaftens.

Der Atem setzt frei.

Ohne Freiheit reduziert sich Leben aufs Pflanzenhafte.

Diese Gedanken führen mich zu Nike, Göttin des Sieges.  Der Künstler, der die vorwärtsstürmende geflügelte Gestalt der Nike aus dem festen Marmor schlug, hat dem Sieg über die Unbeweglichkeit unsterblichen Ausdruck verliehen. (Dies ist eine Kopie, das Original steht im Louvre).

Doch ach! Noch ist sie nicht frei! Noch kann sie nicht zum großen Flug abheben! Ihre Flügel sind gebunden, ihr Fuß ist mit dem Sockel verwachsen. Der Traum des Künstlers, die Materie zum Leben zu erwecken (Pygmalion) – er bleibt ein Traum.

Als ich Ende August letzten Jahres in Alexandroupolis landete, um wieder einmal Samothrake zu besuchen, sah ich im Flughafen eine Reihe von Bildern der Künstlerin Martha Tsovaridou unter dem Titel „Der Flug der Nike“. Sie fügt die Siegesgöttin in einen Ring ein, als wollte sie fragen: Wie kann sich die Bewegung frei-ringen? Wie ist Freiheit, wie der Sieg über die Unbeweglichkeit zu er-ringen?

Gefangen im Ring ist die Nike, sie windet sich. Die Brust weitet sich, sie ringt nach Atem.

Sie sprengt den Ring, sie kämpft, doch die festhaltenden Kräfte sind gewaltig. Atmet sie schon? Kann sich die freie Bewegung durchsetzen?

Die Möwen zeigen mir später, wie es geht. Doch gilt es zu bedenken:

 „O Mensch, du wirst nie nebenbei der Möwe Flug erreichen….“ (Morgenstern: Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen….)

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Kloster im Hymettos

Noch ist dein Himmel blau, die Felsen wild,
Schön sind die Täler und so grün die Auen,
Und Honig träuft in des Hymettos Gauen;
Noch sieht man Bienen duftge Zellen bauen,
die freigebornen Wandrer dieser Höhn…

www.welt.de/img/kultur/literarischewelt/mobile1563...So schrieb der Griechenland-begeisterte Romantiker Lord Byron, den ich vorhin schon einmal erwähnte. (aus „Childe Harold’s Pilgrimage„, deutsch von Adolf Böttger. Quelle Wikipedia). Lord Byron starb am 19.4.1824 im belagerten Messolonghi).

Photo: Welt.de

Im Prinzip stimmen seine Zeilen auch noch heute. Zwar kriechen am 1.200 m hohen Gebirgszug heute die Siedlungen hoch und höher, und der Gipfel ist mit Antennen jeder Art zugestellt, aber dazwischen ist ein sehr schönes weitläufiges Waldgebiet erhalten geblieben. Darinnen versteckt liegen ein paar winzige Klöster.

An einem war ich heute mit einer Freundin verabredet, um die vorösterlichen „Anrufungen“ (Chairetismoi) zu hören. Das ist eine besonders schöne, der „Gottesgebärerin Maria“ gewidmete Liturgie, auch Akathistos-Hymnos genannt, weil sich die Gläubigen nicht setzten, als er 626 zum ersten Mal erklang. Er dauerte so lange, bis die Konstantinopel belagernden Avaren abzogen. Auch später bewährte sich der Hymnus in Notzeiten und wird daher hoch geschätzt. Mich erinnert er mit seinen rhythmischen Anrufungen stark an die Hymnen, mit denen im Altertum die Götter und Göttinnen wegen ihrer je besonderen Eigenschaften gerühmt und um Schutz und Hilfe angefleht wurden. Das gilt besonders für die sogenannten Homerischen und die Orphischen Hymnen, die überliefert sind.

Als ich nach recht abenteuerlicher Fahrt am Kloster ankomme, ist die Liturgie vorbei. Ein Irrtum der Freundin. So kann ich nur einen schnellen Blick in das durch wenige Kerzen erhellte Innere der Kirche tun. Fotografieren verboten.

Als sich hinter uns das Tor schließt, igelt sich das Kloster wieder ein und versinkt in seiner 1000 jährigen Ruhe.

Draußen verdämmert der Tag.

Wenn du genau hinschaust und ein bisschen heranzoomst, siehst du das Häusermeer von Athen, in dem die ersten Lichter aufflammen. Gegenüber blaut das Parnitha-Gebirge.

Hochragende Zypressen und gewaltige Mauern, aber auch NATO-Stacheldrahtrollen schützen die Ruhe des uralten Klosters.

Morgen früh um sechs beginnt die nächste Liturgie …. Nein, ich werde nicht dabei sein. Schade eigentlich. Aber der Morgenschlaf ist mir heilig.

 

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Anlässlich der Ausstellung Nelly’s: „Nationale Identität“

Bei der gestern besuchten Ausstellung von Nelly΄s fiel mir eine Foto-Gruppe ins Auge und brachte mich zum Nachdenken. Es handelt sich um die Gruppe „Parallelen“: antiken Kunstwerken werden jeweils passende zeitgenössische Menschen zugeordnet – dem Zeus ein zeitgenössischer Bärtiger mit Hirtenstab, der Göttin mit dem „klassischen“ Profil eine Bäuerin, dem antiken Kalbsträger ein Hirt, der auf die gleiche Weise sein Tier trägt, der Keramikgruppe Tänzerinnen in Trachtenkleidung …

Auch mir geht es gelegentlich so, wenn ich einen Menschen, eine Szene sehe, dass mir die antike „Parallele“ ins Auge sticht. Immer noch steht der Hirt, auf seinen Stab gestützt, so da, wie er vor Urzeiten stand, immer noch tanzen Frauen ihre Rundtänze wie einst, und oft genug denke ich beim Anblick eines ehrwürdigen Greises mit wallendem Bart oder bei einer Frau mit „klassischer“, fast ohne Einkerbung von der Stirn sich fortsetzender Nase an die aus frühen Zeiten überlieferten Abbildungen.

Doch hier in der Ausstellung handelt es sich nicht um spontane Wahrnehmungen, sondern um Programm: eine Nation, ihrer selbst noch nicht sicher, schafft sich eine Identität, indem sie sich mythologisch, rassisch und kulturell auf eine längst vergangene Epoche beruft. Man konstruiert eine Kontinuität, die den Anspruch auf eine eigene unverwechselbare „nationale Identität“ begründet. Das ist nicht weit entfernt von ähnlichen Bestrebungen im Deutschland des 19. Jahrhunderts (Romantik, Wagner), die dann während der 20-30er Jahre des vorigen Jahrhundert krankhaft-rassistische Züge annahmen. Ähnliche Tendenzen finden sich auch heute noch bei vielen „in der Entstehung befindlichen Nationen“, aktuell u.a. in der Ukraine. 

Nelly hat ihre künstlerische Ausbildung während der 20er Jahre in Dresden erhalten. Ihre Lehrer waren Hugo Erfurth und Franz Fiedler (von den Arbeiten dieser beiden ist fast nichts erhalten, da ihre Archive zerbombt wurden). Im Text des Benaki-Museums wird dieser Einfluss ihrer Lehrer so zusammengefasst: „die ihr eine neue Herangehensweise an die Fotografie und die europäische Neoromantik nahebrachten“.

Hellas, das waren in der Romantik des 19. Jahrhunderts der Hirtenknabe und die schöne Schäferin, vielleicht auch der nachdenkliche Philosoph in antiken Ruinen. Stellvertretend für diese europäische Sicht auf Hellas sei das Bild von Nicolas Poussen zitiert: Et in Arcadia ego.

Et in Arcadia ego - WikipediaDas romantische Griechenland-Bild half, etwa mit der Begeisterung Lord Byrons oder den Gemälden von Delacroix,  den diesem Bild kaum entsprechenden Griechen in ihrem Befreiungskampf gegen das Osmanische Reich. Nelly modernierte das Bild ein wenig, passte es an den Neo-Romantizismus des beginnenden 20. Jahrhundert an. Und so gibt es bei ihr nicht nur Bäuerinnen und Hirten, sondern auch schöne Ausländerinnen, die ihre Schleiertänze zwischen den heiligen Ruinen tanzen, und Fotomodelle präsentieren die neu erfundene „griechische“ Mode zwischen den Ruinen. 

Nikolska Benaki

  

Nelly arbeitete Ende der 30er Jahre unter der  deutschfreundlichen Metaxas-Regierung für das neu entstandene Touristik-Ministerium und machte sich sehr verdient um die neue „Marke“ Griechenland. Ihr fotografischer Blick, der auch in den USA populär wurde, prägte das Label, dass sich dann gut als touristisches Produkt verkaufte und weiterhin verkauft. Das, was als „Hellas“ beworben wird, ist nicht das, was Griechen für sich selbst als wichtig empfinden, sondern ist vom Außenblick – von den Erwartungen des Kunden – geprägt.

                   Foto

             (Originalfoto von Nelly’s 1938 und Foto aus dem Touristik-Ministerium 2019)

Ein nostalgischer Teil der Griechen hängt diesem Bild an. Sie waren es denn wohl auch vor allem, die ich nachdenklich vor den Bildern stehen sah, die „ihre“ Kultur in der Welt berühmt machten. So waren wir? Das waren wir? Wer waren wir? Wer sind wir heute? schienen sie zu fragen.

Viele Heutige aber wollen dieses antikisierend-bukolische Bild endlich loswerden und Griechenland als modernen Staat „neu erfinden“. „Re-labeling“ nennt man diesen Vorgang, der wohl auch grad in Deutschland abläuft, das sich vom Label eines tolle Autos produzierenden Landes verabschiedet und als Vorkämpferin für grünes Denken und Frauenrechte zu etablieren versucht.

Nelly selbst stammte aus Kleinasien, aus einem Griechentum, das sich durchaus nicht über Hirten, Volkstänze und physiognomische Ähnlichkeiten mit der Antike definierte. Man war modern, städtisch, christlich. Das kleinasiatische Griechentum wurde 1919-1923  entwurzelt und in alle Winde zerstreut. Der Unternehmensgeist dieser Menschen war sprichwörtlich. Nelly’s war eine davon. Aristotelis Onassis ist ein anderes Beispiel.

 

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