Welttheater: 6. Zwischenbilanz: 2.-13.3.2023

Seit der letzten Zwischenbilanz am 1. März ist die Welt nicht stehengeblieben – und auch meine Theaterwelt hat sich weitergedreht.

Und schon ist eine weitere 12-Tages-Bilanz fällig.  Erinnert sei daran, dass das ganze Welttheater ein Thema variiert: Geben-und-Nehmen-im Ausgleich, zuerst formuliert durch die blinde Dichterin Domna.

In der 4. Zwischenbilanz machte ich mir Gedanken über meine Figuren: Sind sie feste Typen oder entwicklungsfähig wie reale Menschen? Die Probe aufs Exempel wäre nun nachzuschauen, was die Figuren seither umgetrieben hat. Dazu muss ich die einzelnen Szenen in Erinnerung rufen.

Da ist zunächst am 2.3. das Urteil der Diaphania (Transparenz), mit dem sie Tschinns Lebensprinzip zurückweist.

Wenn es allein nach deiner Meinung nur ginge

Herr Tschinn, dann stünde es schlechter als schlecht

um unsere Welt, wo was ihm gefällt, sich jeder gleich raubt

Und wer als Erster erscheint, der nimmt was er will.

Das, so argumentiert sie, sei schon seit dem Trojanischen Krieg nicht mehr gestattet, als sich Achill und Agamemnon um die geraubte Tochter des Apollon-Priesters, Chrisseis, stritten. (Mit dieser Szene beginnt die Ilias). Apoll schickt die Pest ins Lager der Griechen.

Da Tschinn die Rechtmäßigkeit seines Besitzanspruchs nicht nachweisen kann, wird sein angefangenes Gebäude vom Strand geräumt. Hat Tschinn etwas hinzu gelernt, sich gar entwickelt? Vielleicht hat er einen ersten Schritt getan, denn der selbstbewusste „Macher“ tituliert sich selbst nun als „armer Wicht“ und klagt:

Was ich begonnen, ist zerronnen

und gar nichts habe ich gewonnen!

In Zukunft wird er die Voraussetzungen für dauerhafteren Erfolg (Resilienz) vielleicht genauer prüfen.

In der nächsten Szene geht es um „Magie“ – also um die verbreitete Illusion, man könne sich durch magische Mittel in den Besitz des Erwünschten setzen. „Magisches Denken“ gehört zu Recht in die Kindheit, denn das Kind hat nicht die Fähigkeit, sich durch eigene Leistung am Leben zu erhalten. Im Erwachsenenalter aber ist es verfehlt.

Clara erhält die „Geschenkebox“, die Dora ihr im Traume schenkte und die sie verlor, als sie Kairos folgte, von Hera zurückerstattet. Clara darf noch ein Weilchen „Kind“ bleiben, die „erwachsene Realität“ konnte sie nicht einfangen (Geld als Tauschmittel, vergl. dazu https://gerdakazakou.com/2023/02/10/welttheater-4-akt-10-szene-verfuehrung/).

Und wie ist es bei Heranwachsenden wie Jenny? Sie glaubt nicht mehr an Magie. Das Leben hat sie gelehrt, dass „alles seinen Preis hat“.  Halb neidvoll, halb ironisch schaut sie auf das magische Denken des Kindes (das sie selbst war):

Was ich mir wünsche, das versteht sich

das ist ein dickes Omelett.

Ich teile es auch fromm und redlich

Leg mich dann ins gemachte Bett.

 

Und wenn ich Lust hab auf was Süßes

dann ruf ich einfach: Komm schon her

da kommts dann wirklich, ich begrüß es

und ess und sag: ich kann nicht mehr.

Wird Jenny also in ihrer Entwicklung ins Kindliche zurückgeworfen, indem sie mit magischen Lösungen liebäugelt? Nein. Ihr hartes Überlebenstraining hat sie zur Realistin gemacht. Doch als Realistin ist sie „einseitig“. Sie hat etwas verloren.

Domna, die Poetin, weist auf diese Einseitigkeit hin, indem sie Rilkes Gedicht „Magie“ zitiert. Ins magische Denken des Kindes können wir nicht zurück, doch gibt es neben der „Realität“ die Welt der „Kunst“. Und wenngleich in der Wirklichkeit Flammen zu Asche werden, kann die Kunst diesen Vorgang umdrehen:  Staub wird zur Flamme.

Aus unbeschreiblicher Verwandlung stammen
solche Gebilde –: Fühl! und glaub!
Wir leidens oft: zu Asche werden Flammen;
doch, in der Kunst: zur Flamme wird der Staub.

Hier ist Magie. In das Bereich des Zaubers
scheint das gemeine Wort hinaufgestuft…
und ist doch wirklich wie der Ruf des Taubers,
der nach der unsichtbaren Taube ruft.

In der Folge wird Jennys Thema „Hunger“ weiter verfolgt. Hunger ist eine unleugbare „Realität“, die nach Lösungen schreit. Um ihren Hunger zu stillen, lässt Jenny sich sogar auf Kairos ein. Domna klagt die Gesellschaft an, die es erlaubt, dass wenige viel zusammenraffen und den Hungrigen das täglich Brot vorenthalten. Moral setze einen vollen Magen voraus (Brecht).

In der nächsten Szene wird Jenny angesichts der anscheinend „magisch“ herbeigezauberten Speisen zwischen Angst und Begierde hin und hergeworfen. Die Angst (repräsentiert durch Schurigel) rät ihr, lieber hungrig zu bleiben als das Risiko einzugehen, im Kittchen zu landen. Zwei Uralte, anscheinend die Bewohner des Hauses, erscheinen auf der Bühne und erlauben ihr zu essen. Und so will sie zugreifen, doch…

da erscheinen Domna und Clara am Fenster. Domna klärt Jenny auf, dass die beiden Alten Tote (Gespenster) sind, die sich von den irdischen Genüssen nicht lösen konnten.

Hier bist du, liebes Kind? Willst mit den Toten speisen?

Jenny ist schockiert: Nein, keinesfalls will sie mit Toten zu tun haben, die für sie nur ein Haufen Knochen sind. Domna hingegen sieht ihre Aufgabe darin, den erdgebundenen Seelen zu helfen, sich zu lösen, und setzt sich zu ihnen. Jenny, vom Hunger getrieben. isst schließlich von den Totenspeisen, denn 

Es ist dies eine der höchst seltnen Stunden

Wo du zu essen kriegst auch ohne Geld.

Hat Jenny damit einen Entwicklungsschritt gemacht? Vielleicht. Denn ihre atavistische Angst vor Toten, die im Widerspruch zu ihrem erwachsenen „Realismus“ steht, scheint sich verringert zu haben.

In der nächsten Szene hilft Domna den Verstorbenen, ihre Position zu begreifen. Die Erinnerungen der Alten sind chaotisiert, Früheres und Späteres geraten durcheinander. Doch in diesem Wirrwarr gibt es eine Konstante: die zärtliche Liebe, die sie verbindet.

Alte (kichernd) :

Du magst mich immer noch, mein Alter?

Bin ich wie einst dein bunter Falter?

Dein Schmetterling, dein süßer Fratz?

Alter:

Ja freilich, komm mal her, mein Schatz

und gib mir einen dicken Schmatz!

Domna singt daraufhin eine Hymne auf die Liebe

Nur Liebe kann den toten Stoff beleben

sie wirkt und wogt durch alle Weltensphären

Wir Menschen können unsren Anteil geben

und unsererseits die Weltenliebe nähren.

 

Die irdisch Liebe ist ganz wie ein Sänger

der eingesperrt im Käfig klagend singt

Der Körper ist grad wie ein Vogelfänger ….

und baut damit den Verstorbenen eine Brücke, vom Diesseits zu lassen.

Alter:

Du meinst, wir dürfen uns lieben

auch wenn der Stoff vergeht?

Alte:

Und auch wenn nichts mehr geblieben

und der Körper zu Staub verweht?

Die Alten haben unter Domnas Anleitung eine Entwicklung durchgemacht und können daher nun den irdischen Plan verlassen. Ihr Platz auf der Bühne wird frei.

Die Unterhaltung zwischen Domna und den Alten hat keinerlei Resonnanz bei Jenny und Clara. Das Thema geht sie (noch nicht) an. Anders ist es für Trud, die mit einem Schwarm von Fragen die Bühne betritt. Domna ermahnt sie, nicht nur zu fragen, sondern auch Antworten zu suchen (Geben und Nehmen im Ausgleich).

Wer immer fragt, der will nur nehmen,

er wünscht, dass andre Antwort geben.

Trud greift ihrerseits die Dichterin an, die auf alles Antworten habe.

Du scheinst die Antwort ja zu wissen

auf alle Fragen dieser Welt.

Das dient dir dann als Ruhekissen.

Die beiden Positionen bleiben unvermittelt im Raum stehen. Domna lenkt Truds Aufmerksamkeit von ihren Lebenszweifeln weg und hin auf den zuverlässigen Boden des irdischen Genusses. 

Ach Trud, verzeih, wenn ich dein Fragen

nicht allzu ernst zu nehmen weiß.

Komm her und fülle deinen Magen

mit diesem guten Safranreis.

 

Probier es nur, und du wirst sehen,

dies Leben ist nicht gar so schlecht.

Es wird bestimmt vor dir bestehen.

Ja, iss nur, iss, so ist es recht.

Damit schließt sich der Kreis, der durch Jennys Hunger und die nachfolgenden Entwicklungen eröffnet wurde.

Wir können nun nach den anderen schauen, die wir im Sumpf zurückgelassen haben; Danai, Wilhelm, Abud und Hawi. Wie ist es ihnen in der Zwischenzeit ergangen?

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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