Nachtrag zum Tag der Frau : Nelly’s.

Gestern war ja „Tag der Frau“, heute ist Frau wieder das, was sie auch sonst ist: die Hälfte der Menschheit. Gerade deshalb will ich ihr heute meine Aufmerksamkeit zuwenden.

Anlass gibt mir eine Ausstellung, die ich heute sah: Die großartige Fotokunst der Elli Sougioultzoglou-Seraidari, bekannt unter ihrem Berufsnamen “Nelly’s“. Eine gute Einführung bietet ein Text mit Video des Benaki-Museums. Der Text ist auf deutsch, das Video englisch. Schau mal rein, wenn du magst, es lohnt sich.

Nelly stammte aus Aydin in Kleinasien, das im Rahmen der Unruhen während der neutürkischen Staatsgründung 1919 verwüstet wurde. 1920 folgte sie ihrem Bruder nach Dresden, wo sie eigentlich Kunst studieren wollte, doch dann aus Gründen des Überlebens zur Fotografie wechselte. 1924 eröffnete sie ein Studio in Athen. Berühmt (und berüchtigt) wurde sie wegen ihrer „schockierenden“ Fotos von fast oder ganz nackten Tänzerinnen in den antiken Stätten. Ausdruckstanz und Theater waren damals Schwerpunkte ihrer Arbeit.

Sie war aber auch eine hochbegabte Portraitistin. Die wohlhabenden Bürger Athens kamen in ihr Studio, um sich portraitieren zu lassen. Und machte sie sich einen Namen als Mode-Fotografin. 

Gelegentlich unternahm sie abenteuerliche Reisen ins Landesinnere und auf die damals noch sehr primitiven Inseln. So schuf sie die klassisch-romantische Ikonografie (zeitweise im Auftrag des Tourismus-Ministeriums), die sie aus Deutschland mitbrachte und die für Griechenland prägend wurde:  antike Ruinen, Hirten und Bauernvolk in Trachten, stolze Kreter, Volkstanzgruppen, Musiker, alte Handwerke.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weniger bekannt sind ihre herzbewegenden Bilder vom Elend der aus Kleinasien vertriebenen Griechen.

So schuf sie ein großartiges Panorama der griechischen Lebenswelt und Ausdrucksformen in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. 1939 ging sie in die USA, wurde eine internationale Berühmtheit, kehrte nach dem Krieg zurück, arbeitete, schuf weiter an ihrem Werk, starb 99-jährig.

 

 

 

 

Hier nun noch zwei Portraits von Frauen (mit Spiegelungen).

Ich bin keine Fotografin, und so kann ich die Mittel, mit denen sie arbeitete, nicht einordnen. Aber es ist auch mir klar, dass das damalige Fotografieren eine hohe Kunst war – vom Aufbau des Motivs bis hin zu den letzten per Hand vorgenommenen Retouchen.

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Welttheater, 4. Akt, 21. Szene: Übers Fragen und Essen.

Was zuletzt geschah: Domna hat die Alten davon überzeugen, dass die Liebe mit dem Tod nicht endet. Daraufhin lösen sie sich von der irdischen Ebene, zurück bleiben ihre Knochen.

Auftritt Trud, die Fragende.

Trud:

Wo seid ihr denn, ihr Lieben?

Wo seid ihr denn geblieben?

Habt ihr die Trud denn ganz vergessen?

Blieb für die Trud auch was zu essen?

 

Was ist das denn für eine Nahrung?

Was machtet ihr für ne Erfahrung?

Hat jemand Grund für ne Beschwerde?

Was tun die Knochen auf der Erde?

 

Domna

Halt ein, halt ein mit deinen Fragen!

Willst du dich stets mit Fragen plagen?

Trud (leicht pikiert):

Jetzt fragst du selbst, nicht wahr, Poetin?

Fast wie ne Oberstudienrätin!

Die fragt ja immer: Wie heißt dies?

Wer weiß wie jener Feldherr hieß?

 

Wer nahm den Apfel und warum?

Wer starb in Herkulaneum?

Sie fragt und fragt, obwohl sies weiß

um anzusporn der Schüler Fleiß.

 

Ich aber stelle echte Fragen

die nicht in sich die Antwort tragen.

Ich frag erneut nach dieser Nahrung

und was gewannt ihr an Erfahrung.

Clara:

Ich sags: der Reis hat gut geschmeckt

und an dem Eis hab ich geschleckt.

Vom Reis ist auch noch etwas über

ich bring ihn gerne zu dir rüber.

Jenny

Das Essen war so übel nicht

doch halbwegs stinkt mir die Geschicht.

Da warn zwei Alte, die verschwanden

sind nur die Knochen noch vorhanden.

Domna:

Verloren zwischen Erd und Himmel

gibt es ein riesengroß Gewimmel

von Seelen die vermissen

was sie auf Erden waren

und erstmal lernen müssen

was neu nun zu erfahren

in Himmelsweiten ist.

Man haftet an dem Alten

das man schon halb vergisst

und halbwegs will behalten.

So waren diese Alten.

Doch aufgezehrt war ihre Frist

Sie mussten nun entweichen

um Größres zu erreichen.

Trud:

Dies Größre, sag, was mag das sein?

Domna:

Das musst du finden ganz allein.

 

Wer immer fragt, der will nur nehmen,

er wünscht, dass andre Antwort geben.

Dann braucht er sich auch nicht zu schämen

weil er nie Unrecht hat im Leben.

 

Du musst mal aufhörn mit dem Fragen

und auch mal eine Antwort wagen!

Es kommt der Tag, da wirst auch du

dem ewgen Fragen gönnen Ruh.

Trud.

Wie kannst du da so sicher sein?

Ist diese Welt nicht Trug und Schein?

Ist Fragen nicht der einz’ge Halt

im Zeitensturm, im Finsterwald?

 

Du scheinst die Antwort ja zu wissen

auf alle Fragen dieser Welt.

Das dient dir dann als Ruhekissen.

Na wenn schon. Wenn es dir gefällt?

 

Ich aber werde umgetrieben

von all dem Nichts, der Leere rings!

Schon längst weiß ich nicht mehr zu lieben.

Denn jeder macht ja nur sein Dings.

 

Da bleibt mir nichts als weiterfragen:

Was ist der Sinn? Was ist der Zweck?

Wozu muss dies die Menschheit tragen?

Warum kommt nichts und nichts vom Fleck?

 

Wozu wird denn ein Kind geboren?

und wächst heran mit Ach und Krach?

und ist von Anfang an verloren,

bis schließlich ihm das Auge brach?

Domna:

Ach Trud, verzeih, wenn ich dein Fragen

nicht allzu ernst zu nehmen weiß.

Komm her und fülle deinen Magen

mit diesem guten Safranreis.

 

Er schmeckt sehr gut und ist noch heiß.

Sehr lecker ist das Erdbeereis.

 

Probier es nur, und du wirst sehen,

dies Leben ist nicht gar so schlecht.

Es wird bestimmt vor dir bestehen.

Ja, iss nur, iss, so ist es recht.

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Den Wert des guten Essens haben vor Domna schon etliche andere Dichter erkannt:

Capriccio: Gedichte über das Essen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Welttheater, 4. Akt, 20. Szene: Domna und die Toten

Was zuletzt geschah: Domna setzt sich zu den beiden Alten an den Tisch. Jenny und Clara bedienen sich an den Speisen.

Domna

Wie darf ich mit euch reden, sagt mir an?

Alte:

Ich bin die Lies, und das ist Klaus, mein Mann.

Was treibt dich her in unser altes Haus,

Wann war denn das, so sag es mir doch, Klaus!

Alter:

Das war, ja lass mich rechnen, ja, das war

bevor die Kinder in die Fremde gingen

der Hans und Grete waren schon ein Paar

womit die Übel dann anfingen….

Alte:

Die Übel? Welche? Was ist denn geschehn?

Was wars, dass beide in die Fremde gehn?

Alter:

Was wars… ich weiß nicht, ich muss sie wohl fragen

wenn sie vorbeischaun in den nächsten Tagen

Alte:

Wer soll vorbeischaun, sag, die Grete starb

bevor sie dieses Haus erwarb.

Was Hans dann tat, weiß ich nicht mehr

es ist ja auch schon lange her.

Alter:

Was fragst du dann? Was willst du wissen?

Komm her zu mir, ich will dich küssen!

Alte (kichernd) :

Du magst mich immer noch, mein Alter?

Bin ich wie einst dein bunter Falter?

Dein Schmetterling, dein süßer Fratz?

Alter:

Ja freilich, komm mal her, mein Schatz

und gib mir einen dicken Schmatz!

Alte:

Das schickt sich nicht, Besuch ist da.

Alter:

Wer denn? Wer kam? die Großmama?

Alte:

Ach Kläuschen, nein, die ist doch tot

nun lass und iss dein Abendbrot.

Domna:

Ihr lieben Leute, mir will scheinen

dass auch ihr beiden schon vor Zeiten

mit eurem Hiersein wart im Reinen

und wechseltet die Lebensseiten.

 

Ihr gingt hinüber zu den Toten

doch etwas hält euch hier gefangen.

Das ist zwar keineswegs verboten

doch besser ist es zu gelangen

 

auf jene Seite ganz und gar

und nicht zu haften an dem Alten.

Denn dann erkennt ihr das was war

und überblickt all die Gestalten

 

die euch im Leben einst begegnet.

Dann seht ihr: dies war falsch, dies richtig

Am End der Rechnung seid gesegnet

denn ihr versteht: die Lieb ist wichtig

 

und alles andre geht vorbei.

Denn das, was ihr im Leben tatet

ist vor dem Himmel einerlei

solange ihr der Lieb entratet.

 

Nur Liebe kann den toten Stoff beleben

sie wirkt und wogt durch alle Weltensphären

Wir Menschen können unsren Anteil geben

und unsererseits die Weltenliebe nähren.

 

Die irdisch Liebe ist ganz wie ein Sänger

der eingesperrt im Käfig klagend singt

Der Körper ist grad wie ein Vogelfänger

der nur durch Liebe singt und klingt.

 

Im Sterben lasse diesen Vogel frei

damit er seine Schwingen breiten kann

der Käfig, ja, der bricht entzwei,

nur auf den Vogel kommt es an.

 

Er fliege heim, zurück ins Große Ganze

der Kraft, die euch im Irdischen beseelt.

Auf dass ihr teilhabt an dem höh’ren Glanze.

und euch im Geisterreiche neu vermählt.

 

Alter:

Du meinst, wir dürfen uns lieben

auch wenn der Stoff vergeht?

Alte:

Und auch wenn nichts mehr geblieben

und der Körper zu Staub verweht?

Domna:

Ja freilich,

das mein ich.

Alte und Alte:

So wollen wirs wagen

denn schwer zu ertragen

ists Dasein als klapprig Gebein

und nicht tot, nicht lebendig zu sein.

Ihre Figuren lösen sich auf . Zurück bleiben ein paar Knochen und ein Gefäß. Der Raum wird hell.

Domna (für sich)

Immer wieder, ob wir der Liebe Landschaft auch kennen,
und den kleinen Kirchhof mit seinen klagenden Namen
und die furchtbar verschweigende Schlucht, in welcher die andern
enden: immer wieder gehn wir zu zweien hinaus
unter die alten Bäume, lagern uns immer wieder
zwischen die Blumen, gegenüber dem Himmel.

(Rainer Maria Rilke)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Politik

Auch wenn sich das hier auf meinem Blog kaum ausdrückt, bin ich nach wie vor ein „zoon politikon“, was griechisch ist und heißt: ein Lebewesen, das sich um Politisches kümmert. Politik hinwiederum bedeutet: Angelegenheiten der Polis, des Gemeinwesens zu ordnen, Interessen auszugleichen, zu Übereinkünften zu kommen.  Ein Zoon politikon ist also kein „politisches Tier“, sondern ein „Mensch als Politis“ (Bürger). Vollwertiger Mensch ist man, nach altgriechischer Auffassung, erst, wenn man sich um die allgemeinen Angelegenheiten aktiv kümmert. Sonst ist man ein „Idiot“ – auch das ein griechisches Wort, das „Privatmensch“ bedeutet.

Ich bin also tagtäglich auch „politisch“ unterwegs, meist freilich in passiver Rolle. Das ist nicht immer erfreulich oder gar lustbetont. Manchmal aber doch. Dann nämlich, wenn die einem angetragenen Geschichten so absurd sind, dass man vor Lachen Tränen vergießt.

Ich kann die Geschichte, die mich heute amüsierte, natürlich auch selbst erzählen, überlasse das aber lieber einem gewitzten Kommentator, den ich gerne lese:

https://egon-w-kreutzer.de/ Titel: Pro-ukrainische Gruppe.

Ob du verstehst, warum ich Tränen lachte?

 

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Welttheater 4. Akt, 19. Szene: Mit den Toten speisen

Was zuletzt geschah:

Jenny wurde von Kairos in den Raum der magischen Wunscherfüllung gebracht, den wir von Clara schon kennen. War es bei Clara das erwünschte „Taschengeld“, so ist es bei Jenny das ersehnte „Frühstück“, das vor ihr erscheint. Doch hat sie Angst zuzugreifen (Angstmacher Schurigel warnt sie vor den Folgen). Zwei feiernde Alte laden Jenny ein, sich zu bedienen. Doch traut sie ihnen nicht über den Weg. Da erscheinen Domna und Clara am Fenster.

Domna:

Hier bist du, liebes Kind? Willst mit den Toten speisen?

So ist es recht, so war es früher Sitte

als Lebende und Tote noch in tiefrer Weise

verbunden war΄n und sie in unsrer Mitte

durchaus geduldet und sogar willkommen

an unsrem Alltagsleben teilgenommen.

 

Jenny:

Was sagst du da? Du sagst mir, die sind tot?

Verdammt, mir schien, dass sie verzehren

als wäre nichts, normal ihr Abendbrot.

Mit Toten will ich lieber nicht verkehren.

Domna:

Sie tun dir nichts, ich komme auch herein

und setze mich mit ihnen an den Tisch

Sie mögen das, sonst sind sie oft allein.

Das Essen selbst ist hoffentlich noch frisch.

Jenny

Du willst mit denen essen? Du bist cool.

Du fürchtest nix, nicht mal den Höllenpfuhl.

Domna

Es gibt so Tage, wo die Toten wieder

wie sie’s zuletzt gewohnt, bei uns erscheinen.

Ich seh sie oft, ich kenn auch ihre Lieder

ich hör sie lachen, fluchen, greinen.

Jenny:

Du hast ja lustigen Verkehr

den brauch ich nicht, den kannst du gern behalten.

Ich hab auch keinen Hunger mehr

Ich werd mich doch nicht setzen zu den Alten!

Domna

Die Toten sind wie wir, woher auch sollten

sie andres wissen, als was sie im Leben

errungen haben, als sie alles wollten,

nur Weisheit nicht, die würde sich ergeben,

 

so dachten sie, wenn sie gestorben sind.

So denken ja all die, die grade leben

Und manche denken gar nicht, liebes Kind,

und sagen: wonach soll ich streben?

 

Nach diesem Leben ist ja Schluss und Ende

da tu ich eben jetzt, was mir gefällt.

Dann kommt der Tod. Woher die Kraft zur Wende

dann kommen soll, wenn schon der Leib zerfällt

 

und wie zu ändern ist, was sie zuvor getan

und trieben, dachten, wünschten und begehrten –

das weiß ich nicht. Es geht mich auch nichts an.

Das überlass ich gerne den Gelehrten.

Jenny:

Du sagst, die Toten sind grad so wie du und ich?

Ich glaub, du machst dich lustig über mich!

Die Toten sind ein Haufen Haut und Knochen

 wie das gerupfte Huhn, das fertig ist zum Kochen!

Domna:

Das glaubst du, weil du meinst, was du vor Augen,

das sei auch schon die ganze Wahrheit.

Doch ich, weil meine Augen gar nichts taugen,

kann andres sehn und zwar mit großer Klarheit.

 

So seh ich deutlich, dass die beiden Alten

gestorben sind und dennoch essen wollen.

Denn dieser Wunsch erhielt sich beim Erkalten.

Wir müssen diesem Wunsche Achtung zollen.

 

Drum stellen wir den Toten dann und wann

ne Speise hin und schmücken sie mit Blumen.

Und jeder der zur Speisung kommen kann

der isst und trinkt und  lässt den Vögeln Krumen.*

 

Jenny:

Na besten Dank! Wo hast du das gesehen?*

Domna

Was früher galt, das ist nun hier geschehen.

Du siehst es ja,  es gibt hier Speis und Trank!

Mit ihnen sagen Lebende den Toten Dank. 

Jenny:

Das mag ich nicht, das finde ich fatal!

und wie die Alte schlürft an ihrem Aal

das macht mich kirre, das halt ich nicht aus.

Mach was du willst, ich gehe lieber raus.

 

Domna:

Du Jenny bist ja frei zu machen was dir passt.

Ich aber setz mich zu den Toten hin

und wenn ihr mir was von den Speisen lasst

so ess ich die und bleib doch, die ich bin.

Domna, für sich:

Wie Orpheus spiel ich
auf den Saiten des Lebens den Tod…

Aber wie Orpheus weiß ich
auf der Seite des Todes das Leben…
(Ingeborg Bachman, Eurydike)

Die Poesie spielt immer an den Grenzen

wo Rauch die Formen leicht verwischt

wo ferne Sonnen in den Nächten glänzen

und fremd ein Stern im Nebelland erlischt.

Jenny

Dann lass die Speisen ich mir eben munden,

sie sind ja extra für mich hingestellt.

Es ist dies eine der höchst seltnen Stunden

Wo du zu essen kriegst auch ohne Geld.

 

 

*Anmerkung:

Domna bezieht sich hier auf Bräuche, die in Mexiko an den „Tagen der Toten“ noch sehr lebendig sind. Sie gehen zurück auf vorchristliche Überzeugungen.  https://gerdakazakou.com/2017/11/01/tage-der-toten-in-mexiko-november-2006/

Tage der Toten in Puebla Tage der Toten in Puebla, Mexiko, 2006. (Leider habe ich die Originalfotos nicht mehr). Die jungen Frauen haben die eine Hälfte ihres Gesichts weiß  mit dunklen Augenhöhlen geschminkt. Zwischen ihnen stehen große Schalen und Körbe mit Früchten und anderen Speisen. Im Hintergrund wird eine Art Hochzeitsdrama aufgeführt. Tage der Toten in Puebla

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Rosinenmännchen und Pistanzienmamsells

Ist ja schön, spät abends noch am Küchentisch zu sitzen und eine Musiksendung mit höchst erfreulichen jungen Menschen anzusehen.

Aber die eigenen Hände wollen auch etwas zu tun haben. Also greifen meine in das Glas mit den Korinthen (dunkle Rosinen). Die Hände meines Mannes bevorzugen die fistikia (Pistazien), die noch in der Schale sind. Dann sind da noch Teelöffel, Korken, Messer auf dem Tischtuch. Und schon entstehen allerlei „Legebilder“.

Und da ich heute bisher nur höchst zweifelhafte Lustbarkeiten gepostet habe, poste ich jetzt, was sich während einer schönen Stunde ereignete. Nur die Musik musst du dir dazu denken.

 

 

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Fragwürdige Lustbarkeiten: Wäldchen, Bach und Architektur

Heute ging ich bei strahlendem Wetter raus, eine Runde in der Nachbarschaft zu drehen, auf der Jagd nach fotografierbaren Lustbarkeiten. Das gelang mir nur in sehr bescheidenem Maße. Denn Schönes sah ich sehr wohl, es wurde aber ausgestochen von weniger Schönem und sogar Katastrophalem.

Wie zum Beispiel dem Sterben unseres Pinienwäldchens. Ja, die meisten der Bäume sind fast oder ganz tot. Die Pinienprozessionsraupen haben sich ausgetobt, haben den im überheißen Sommer des Vorjahrs angegriffenen Pinien den Garaus gemacht. Nun bedeckt zwar frühlingshaftes Grün – insbesondere der großblättrige Frauenmantel und die blühenden Malven – den kargen Boden, aber die Bäume, die armen Bäume…..

Entschlossen, mich nicht runterziehen zu lassen, wandere ich weiter und steuere schließlich einen Wasserlauf an: das Remma von Halandri. Wasser führt dieser Wildbach momentan nicht. Steil abbrechende Wände mit kräftigem Bewuchs rahmen ihn. Das weiße Flußgestein ruht still und harmlos unten am Grund. Seine Wildheit ist nach kräftigen Regenfällen gefürchtet, mit Schaudern denke ich, wie wir den 14-jährigen Sohn einer lieben Kollegin suchten, der hinausgegangen war, die plötzlich sich bildenden Sturzfluten zu fotografieren. Sein Leichnam wurde später draußen im Meer gefunden. Das ist nun vierzig Jahre her und immer als Bild präsent, wenn ich mich an diesem Wasserlauf aufhalte.

Die  Unberechenbarkeit des Baches hat sogar die sonst vor nichts zurückschreckenden illegalen Häuslebauer davon abgehalten, richtige Häuser an sein Ufer zu stellen. Nur allerlei Baracken und Behelfsbauten, durch die Möchtegern-Eigentümer eventuelle Eigentumsrechte geltend machen, belagern ihn.

In dem Maße, wie ich mich vom Bachlauf entferne, wird die Bebauung intensiver. Griechische Vororte entwickeln sich anarchisch: Man baut dort, wo man mit einigem Fug und Recht behaupten kann, Boden zu besitzen. Erst entstehen die Häuser, dann die dazugehörige Infrastruktur wie Straßen, Kanalisation, Gas-, Wasser-, Stromversorgung. Jedenfalls war es lange Zeit so, daher wechseln Prachtbauten mit verunkrauteten Leerstellen, liebevoll gestaltete Einfamilienhäuser mit mächtigen Wohnanlagen ab, und so manche Straße führt in eine Sackgasse.

Heute habe ich nur zwei neu entstandene Wohnanlagen fotografiert. Die eine ist noch nicht bezogen. Die Wohnungen sind sicher nicht schlecht, und vom Balkon hat man einen weiten Ausblick…. Das ist immerhin ein Vorteil gegenüber den kleinen Häuschen dazwischen, die im Schatten der Großen nun allen Glanz verloren haben.  Und die älteren Sieger in diesem Höhenwettlauf müssen nun hinnehmen, dass sie nicht mehr ins Weite, sondern auf eine Wand mit Balkonen blicken….

(Wegstrecke 6.5 km)

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Welttheater 4. Akt, 18. Szene: Jenny zwischen Schurigel und den Alten

Was zuletzt geschah: Jenny, hungrig, packte Kairos am Schwanz, in der Hoffnung auf Essen, und verschwand mit ihm. Clara und Domna machen sich ihretwegen Sorgen und wollen sie suchen.

Kairos bringt Jenny an denselben Ort, an den er zuvor schon Clara gebracht hatte. Doch ist es dort jetzt etwas dunkler.

Jenny:

Den Raum, den kenn ich doch? Hier war die Clara schon

und spielte mit den Talern, die hier lagen.

Und ich, ich sagte ihr, dass sich΄s nicht lohn

den Knast und Schlimmeres zu wagen.

 

Ich glaub es wäre klug, sich zu verziehen

bevor hier noch wer kommt und mich verpetzt

Wer weiß ob es mir dann gelingt zu fliehen

wenn man vielleicht gar Hunde auf mich hetzt.

 

Am Boden erscheinen allerlei Leckerbissen und eine übergroßes Eis.

Doch ach, was seh ich, meine Lieblingsspeisen!

Wer hat mir die denn grade hier serviert?

Soll ich sie etwa lassen den Ameisen?

Ich seh schon wie das Volk hier aufmarschiert!

 

Ne, ne, da ess ich lieber selber

von jenem Erbeereis, das mich anlacht!

Und jener Reis, wer sah schon einen gelber?

Er glänzt und duftet, das es eine Pracht.

Auftritt Schurigel, der Angstmacher

Schurigel 

Ja iss nur, friss, du wirst schon sehen

was dir für Unglück draus entsteht!

Die Götter wirst du noch anflehen

doch niemand hört auf dein Gebet!

 

Denn der wer stiehlt, der muss bezahlen

mit einem Leben hinter Gittern!

Das ists, war Götter uns befahlen!

Ja hört es nur, mit Angst und Zittern!

 

Du sollst nicht stehlen, sprach der Gott!

und nicht begehren, was dir nicht zu eigen.

Willst du nicht enden gar auf dem Schafott

Musst dem Gesetz du stets Gehorsam zeigen.

Jenny

Was ist mit mir? warum bin ich beklommen?

Ich fürchte mich. Ich muss wohl hungrig bleiben.

Da steht das Mahl, und ich hab nichts genommen!

werd anderswo zu essen was auftreiben.

 

Wendet sich zum Ausgang. Dort sitzen nun zwei Alte und trinken und speisen.

Alte:

Heda lustig, lass uns speisen

Alter

Und der Becher soll auch kreisen

Alte

Tot sind wir noch lange nicht

Alter

auch wenn uns sehr plagt die Gicht.

Alte

Gib schon her den fetten Aal

denn man lebt ja nur einmal

Alter

Gib den Schnaps, der spendet Hitze

selbst wenn sie zu nichts mehr nütze

Jenny:

Könnt ihr mir ne Auskunft geben?

Seid ihr schon tot, oder am Leben?

 

Alte und Alter:

Das ist uns selber nicht ganz klar!

wer weiß schon, was ist Trug, was wahr.

 

Alte:

Wie heißt du denn, wo kommst du her?

Alter: 

Was willst du denn? was dein Begehr?

Jenny:

Der Hunger treibt mich und mein Magen

Hatt nichts zu essen seit drei Tagen

Ich habs versucht, hat nicht geglückt

wenn der nix kriegt, spielt er verrückt

Alte:

Du willst was essen? Na, greif zu!

dann gibt dein Magen sicher Ruh!

Alter

Du hast es sicher schon entdeckt!

Ich hoff dass dir das Essen schmeckt

Jenny

Ich darf das essen? Wirklich? Echt?

Und nachher wird mir auch nicht schlecht?

Egal, ich trau mich, wird schon recht sein.

die Speisen werden schon nicht schlecht sein.

Als erstes probier ich den Reis

und nachher gönn ich mir das Eis.

 

Am Fenster erscheinen Clara und Domna

wird fortgesetzt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kunst am Sonntag: Giacometti

Da ich heute im Erinnerungsmodus bin:

Giacometti hält unangefochten die Spitze meiner Präferenzen, seit ich das erste Mal fasziniert vor einer seiner Skulpturen stand. Da war ich 17 oder 18, in einem Park in Gent (Belgien), in dem eine jährliche Skulpturenausstellung stattfand, zu der mich ein belgischer Freund mitgenommen hatte. Ich kam ja aus der extremen norddeutschen Provinz und hatte faktisch noch keine international bedeutsame Kunst zu Gesicht bekommen.

Nun also stand ich vor einer dieser dünnen Frauen aus Bronze. Daneben gab es andere Künstler, deren Werke mir ebenfalls unauslöschlichen Eindruck machten: Giacomo Manzù mit einem Kardinal, Ossip Zadkine mit einer wild in den Himmel greifenden Figur, Marino Marini mit einem Pferd,  das ein stürzender Reiter mit seinen Schenkeln umklammert. Aber dieser eine, der war noch mal anders, der ging mir durch und durch.

In späteren Jahren habe ich sehr vieles von Giacometti gesehen, habe auch seine Malerei kennen und lieben gelernt. Im Goulandri-Museum begegnete ich nun wieder einer seiner hohen dünnen Frauengestalten. Das Museum hat sich eine, wie ich finde, intelligente Lösung einfallen lassen, um die Skulptur von den bunten Exponaten dahinter zu isolieren und eine Art heiligen Raum der Stille zu schaffen.

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Hinterm Kloster Penteli

Einen kleinen Ausflug machten wir heute. Nicht weit, grad mal hoch zum Vorort Alt-Penteli ging es, um im großen Freigelände hinter dem Kloster herumzuspazieren.

An allen vier Horizonten des Himmels türmen sich große Wolken –  gut geformte Wolken übrigens, die meine Sympathie haben. So müssen Wolken um diese Jahreszeit sein. Das Gelände, das man durch ein kleines Tor betritt, ist von attischer Vegetation geprägt und von Frühlingsblühern übersät. Die Komplementärfarben Violett und Goldgelb herrschen vor, hübsch eingebettet ins frische Grün. Eine kleine Gruppe zärtlicher Mandelbäume vorm Dunkelgrün der Pinien und Zypressen. Eine der letzten Eichen, die einst ganz Attika bedeckten. Das alte Gemäuer des byzantinischen Klosters, heute Ausstellungsraum für Websachen, leider geschlossen. In der Ferne der Gipfel der Penteli mit den Antennen (leider), auf der anderen Seite der von der Sternwarte gekrönte Hügel, den die Stadt sich einverleibt hat. 

Trotz der Nähe der Stadt fühle ich Weite. Ich atme tief durch. Die Lebensgeister melden sich wieder.

rechts Gipfel der Penteli

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