Dichterlesung 1960 (abc-etüde, autobiographisch)

Schreibeinladung für die Textwochen 10*11*12*13**23 | Wortspende von Werner Kastens

 

Dichterlesung.

Die Dame mittleren Alters, grauhaarig, will mir scheinen – oder war es nur mein Eindruck, damals, selbst 17 Jahre jung und voller Lebenslust, Wut und Protest gegen so vieles –   würdevoll begrüßt vom Schuldirekter, Herrn Dr. Dr. Thielemann (Germanistik und Theologie), bestieg die Bühne der Aula, setzte sich auf den bereitgestellten Stuhl, rückte das Leselicht zurecht. Wir Schüler waren bereits in dem großen Raum versammelt, ordentlich sortiert nach Klassenstufen. Ich selbst war damals bis zur Unterprima vorgerückt.

Die Aula befand sich in einem im „wilhelminischen Stil“ errichteten Backsteingebäude, etwas abseits des Zentrums der norddeutschen Kreisstadt, dessen größte Attraktion die Eisdiele am Marktplatz war. Eine Dichterlesung hatte es bisher noch nie gegeben, man war, was das Kulturleben betrifft, sehr genügsam. Überhaupt hatte man genügsam zu sein, in jeder Hinsicht.

Ich war nicht genügsam und erregte Anstoß. In mir tobte der Aufstand. Was hatte diese ältliche Dame mir schon zu erzählen? Anderes brauchte ich, andere Lektüre suchte ich, als mir diese Selbstdarstellerin ihres eigenen ach so aufregenden Lebens bieten könnte. Sicher hatte sie auch ihre Beteiligung am deutschen Verbrechen heruntergespielt. Das taten sie ja alle. Wie leicht hatte man die „deutsche Frau“ verkuppeln können mit den schneidigen Herren der Welt.  Und hinterher waren ja alle soo überrascht, als sich herausstellte, welchem System sie gedient hatten.

Ja, so war das damals. Ich war verstört und zornig. Erbarmungslos und ungerecht. Die Rechtfertigungen der Älteren interessierten mich nicht. Ihre Moral schon gar nicht. Mich interessierte die Wahrheit. Die tiefe Wahrheit des Menschen,  die allein mir erklären könnte, was geschah. Die Abgründe der menschlichen Seele wollte ich erkunden. Alles war ich bereit, in mich aufzunehmen und zu bedenken, nur die Scheinheiligkeit nicht. Nicht die Beschönigung.  Da war ich unerbittlich.

Siebzehn war ich damals, und die vortragende Autorin war Luise Rinser.  

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Welttheater 4. Akt, 17. Szene: Jenny ist hungrig

Was zuletzt geschah:

Der Strand wird freigeräumt. Hera erstattet Clara die Geschenkebox zurück und Jenny, die sich über den magischen Realismus des Kindes erhaben dünkte, ist nun versucht, es auch mal damit zu versuchen, denn sie ist hungrig. Neben ihr steht Kairos, die Gelegenheit, die manchmal Diebe macht.

Jenny:

Ne Dose wie die Clara hab ich keine

doch bei mir ist Kairos, das Biest

das nehm ich jetzt mal an die Leine

und sehe, was daraus ersprießt.

 

He, du, ich hätte gern zu essen

bring mich, ich bitte, dorthin, wo es gibt

Genüsse, die ich beinah schon vergessen

Bin eine, die schon lange Kohldampf schiebt.

 

Kairos

Nur zu, in Küchen kenne ich mich bestens aus

Ich führ dich gleich zu eines Reichen Haus

Doch an die Leine kannst du mich nicht nehmen

Musst schon den Schwanz zu packen dich bequemen. 

 

Jenny packt den Schwanz von Kairos, und ab gehts.

Jenny vertraut sich Kairos an. Clara beobachtet die Szene und informiert Domna.

Clara sieht es von weitem und ruft laut:

Clara:

Jenny, Jenny, wohin willst du?

Nicht für uns ist dieses Biest

Schaltst mich doch, weil ich es tu?

Besser wär, wenn du es ließt!

Domna

Die arme Jenny, sie braucht was zu essen.

Es wäre gut, wir würden nie vergessen:

(Domna singt)

Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
Und Sünd und Missetat vermeiden kann
Zuerst müßt ihr uns schon zu fressen geben
Dann könnt ihr reden: damit fängt es an.
Ihr, die ihr euren Wanst und unsere Bravheit liebt
Das Eine wisset ein für allemal:
Wie ihr es immer dreht und immer schiebt
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
 (B. Brecht, Dreigroschenoper)

Doch ach, o weh, den Anfang machte keiner

noch heute hungert jedes zweite Kind

und die Portionen werden immer kleiner

wo sie doch schon zu klein zum Sattwerdn sind.

 

Wo bleibt denn nur das Geld, wo das Getreide?

Wer nimmt sich mehr, als er verbrauchen kann?

Wer treibt die Kühe von der Weide

und stiehlt sie weg dem armen Mann?

 

Sie wissens ja, die großen Herrn,

beschwören es in großen Reden*:

Das Paradies, es wär nicht fern

Genügend Brot gäb es für jeden.

 

Doch lieber bauen sie sich Panzer

fürs Geld, das unsern Kindern fehlt.

Sie tanzen, wenn der arme Lanzer

im Schlamm sich an Kanonen quält.

 

Seid ihr denn blind für all dies Leiden

das ihr der Menschheit angetan?

Wann werdet ihr euch denn bescheiden

und lassen von dem Größernwahn?

 

Doch nun, Lieb-Clara, lass uns eilen

und helfen Jenny, die in Not!

Wir werden alles mit ihr teilen

dann hat auch sie genügend Brot

Clara:

Ich weiß, wohin das Biest sie brachte

war selbst schon dort, fürs Taschengeld

das mich dadrinnen dann anlachte.

Die Jenny sagt, wer es behält

 

der kommt ins Kittchen oder schlimmer.

Wer dort drin wohnt, ich weiß es nicht.

Es war ein riesengroßes Zimmer

und träumte so im Dämmerlicht.

 

Clara erinnert sich an den dämmrigen Raum mit den Talern und Kairos. Draußen sieht man Domna mit Tschinn streiten.

Vorhang.

 

*Anm:  „Jede Kanone, die gebaut wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel gelassen wird, jede abgefeuerte Rakete bedeutet letztlich einen Diebstahl an denen, die hungern und nichts zu Essen bekommen, denen, die frieren und keine Kleidung haben. Eine Welt unter Waffen verpulvert nicht nur Geld allein. Sie verpulvert auch den Schweiß ihrer Arbeiter, den Geist ihrer Wissenschaftler und die Hoffnung ihrer Kinder.“

Dwight D. Eisenhower, General, 34. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wolkenwellen (Kleine Beobachtungen)

Ich lasse den Blick über den Himmel laufen. Der ist hier von den Häusern eingegrenzt und von Leitungen durchschnitten.

Was ich da oben sehe, sind weißliche Wolkenwellenlinien gegen einen blassblauen Himmel. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Woher kommt dieser Rhythmus?

Weiter oben zerfließen sie, und der Horizont verfärbt sich weißlich-trüb.

Im Zenith steht der blasse Mond, umspielt von den in der Höhe auseinander getriebenen Wolkenwellen.

In der Nacht wird es gewittern.

ps: Ich behaupte nicht, dass es sich hier um Wettermanipulation handelt. Doch beschäftigt mich das Thema sehr. Und so kommt mir ein Artikel über die Geschichte der Wettermanipulation, den ich eben sehe, wie gerufen, und verlinke ihn, freilich ohne den Inhalt beurteilen zu können: https://www.rubikon.news/artikel/wetter-als-waffe

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Welttheater: 4. Akt, 16. Szene: Magie

Was zuletzt geschah: Diaphania kommt zu dem Schluss, dass Tschinns Bau illegal ist und verschwinden muss. Tschinn und Diaphania schieben daraufhin die Kulisse mit dem halbfertigen Gebäude von der Bühne…

Domna wendet sich Jenny und Clara zu.

Domna:

Da seid ihr ja, ihr lieben Kleinen,

Ich hatte euch schon fast vergessen.

Wo wart ihr denn? Fast will mir scheinen

ihr hattet heut noch nichts zu essen? 

Jenny

Genau! und so weit ich hier sehe

gibt es bei dir kein Omelett

Es bleibt zum Essen nur Kaktee

mit ein paar Algen ist΄s komplett.

Clara

Die Taler hab ich nun nicht mehr

sonst könnten wir davon was kaufen

Auch Doras Schachtel fehlt mir sehr

verlor sie irgendwo beim Laufen.

 

Wie gerne hätte ich sie wieder

sie war so hübsch und golden auch

Ich ließ sie kreisen auf und nieder

dann kriegt ich alles, was ich brauch.

Jenny

Die ist nun weg, war eh nichts wert

du dachtest nur, dass sie dir schenkt

was du im Herzen hast begehrt

Doch ist denn wahr, was man so denkt?

Clara

Ich sag dir, ja, du wirst es sehen

sobald die Schachtel wieder da

dann kannst du auch mal an ihr drehen

Moment, ich glaub, sie ist schon nah!

Hera tritt auf, begleitet von den Spirits.

Hera

Frieden ist nun eingekehrt

an des heilgen Meers Gestaden

und der nur Profit begehrt

muss wegräumen die Fassaden.

 

Domna, du, du konntest sehen

wo die andren Menschen blind.

Konntest gegen die bestehen

die von Gier besessen sind.

 

Und Clara, du, noch voller Glauben

an Wünschelrutenschenkmagie

lass dir den Glauben ja nicht rauben

und sage nie das Wörtchen NIE!

 

Schau her, hier ist, was Dora dir

im Traume damals zugedacht

Sie hat es anvertraut nun mir

und ich habs dir zurückgebracht.

 

Hera reicht Clara Doras Geschenkedose.

Clara

Die Schachtel! O! ich dank dir sehr

dass du sie mir zurückgebracht!

Bestimmt verlier ich sie nicht mehr

und gebe immer auf sie acht!

Jenny:

Was ist hier los? Ich glaub ich spinne

das Haus ist weg, die Dose da

Mal sehn, was ich daraus gewinne!

 Ich hoff, das ist nicht nur Blabla!

 

(Jenny versucht, Clara die Schachtel abzunehmen)

Was ich mir wünsche, das versteht sich

das ist ein dickes Omelett.

Ich teile es auch fromm und redlich

Leg mich dann ins gemachte Bett.

 

Und wenn ich Lust hab auf was Süßes

dann ruf ich einfach: Komm schon her

da kommts dann wirklich, ich begrüß es

und ess und sag: ich kann nicht mehr.

Domna (vor sich hin)

Aus unbeschreiblicher Verwandlung stammen
solche Gebilde –: Fühl! und glaub!
Wir leidens oft: zu Asche werden Flammen;
doch, in der Kunst: zur Flamme wird der Staub.

Hier ist Magie. In das Bereich des Zaubers
scheint das gemeine Wort hinaufgestuft…
und ist doch wirklich wie der Ruf des Taubers,
der nach der unsichtbaren Taube ruft.

(Rainer Maria Rilke: Magie)

Jenny:

Grad scheint mir, die Gelegenheit

ist günstig mir, denn niemand schaut.

Ich pack das Ding, denn ich bins leid!

Gewinn hat der nur, der sich traut!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Signalfarbe Rot (abc-etüde)

Die laufenden abc-etüden kreisen um die Wörter Schnitt-rot-beherrschen, die Myriade gespendet hat. Meine Gedanken kreisen um Kunst und Krieg. Vor mir ging es einem anderen offenbar auch schon so: Gerard Deschamps, Jahrgang 1937.

 

Als Gerard Deschamps, 24jährig, im Jahre 1961 einen Pariser Flohmarkt durchstreift, fällt ihm ein Stapel starkfarbiger Leinwände auf. Der Schnitt der Leinwände ist etwas ungewöhnlich, die Ränder sind sauber mit einem andersfarbigen Band eingefasst. Zum Malen werden sie kaum verwendbar sein, denn unter dem Gewicht der Farbe und vermutlich einer wasserfesten Imprägnierung sind sie steif und wellig geworden.

Gerard streicht über eine karminrote Leinwand, studiert ihre glänzende Oberfläche. Die Berührung löst eine Welle von Emotionen aus, die in ihm erstarrt sind. Gerade ist er aus Algerien zurück, endlose siebenundzwanzig Monate hat er dort Wehrdienst leisten und Menschen massakrieren müssen. Die Kriegsbilder beherrschen seine Fantasie. Er muss sie beschwichtigen. Dieses Rot!

Wozu dienen die Leinwände? fragt er beiläufig. Und: Was kosten sie? Sie kosten fast nichts. Wer will schon ausrangierte Signalmatten für Fallschirmjäger der US-Army kaufen?

Als ich durch die Sammlung „Neuer Realismus“ im Goulandri-Museum für Moderne Kunst in Athen streife, fällt mein Auge auf die Leinwand, die mit ihrem leuchtenden Rot die Wand beherrscht. Ich lese den beigefügten Text. Algerien, denke ich. Da war ich 1962, wenige Monate nachdem das Massaker zu einem Ende gekommen war. Das hunderttausendfach vergossene Blut auf einer Fallschirmmatte.

Ist das Kunst? fragt jemand. Und: Wieviel kostet so ein Bild?

Eine bessere Frage wäre wohl: Wieviel kostet ein Krieg? 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: im Cafe rumsitzen

Im Cafe rumzusitzen gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Heute hatte ich mal wieder Gelegenheit dazu. Nach einigen schweißtreibenden Erledigungen brauchte ich ein Päuschen. Doch welches Cafe sollte ich nehmen?

An dem kurzen Straßenstück, das ich abging, gibt es drei, eins netter als das andere. Es handelt sich um Räume mit winzigen Theken und einigen Sitzgelegenheiten im Inneren sowie einer plastikgeschützten Erweiterung auf dem Gehweg.

Ich entschied mich für eine bequeme mit dicken Kissen ausstaffierte Eckbank, um ein paar Papiere zu sichten und dann nach draußen zu schauen.

Wie diese Leute finanziell über die Runden kommen, ist mir ein Rätsel. Solange ich dort saß, kamen nur zwei andere Kundinnen auf einen Kaffee vorbei. Ich selbst bestellte einen Espresso – 2 E -, serviert mit einem Glas frischen Wassers, einer reichhaltigen Auswahl an Zucker in länglichen Papierröhrchen und einem in Plastik eingeschweißten Keks.

Mir hat das Rumsitzen gut getan. Mögen die kleinen Cafe-Betreiber noch lange lange ihre wohltuende Dienstleistung anbieten können!

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Welttheater: 4, Akt, 15. Szene: Diaphanias Urteil

Wir lassen die Gruppe Wilhelm-Danai-Abud-Hawi im Sumpf und wenden uns wieder der Bucht zu. Was geschah da zuletzt?

Diaphania (Transparenz) befragt Domna und Tschinn den Macher, der damit begonnen hat, in der Bucht eine Hotelanlage für Reiche hochzuziehen.  Tschinn leitet aus seinem „Recht des Stärksten“ ab, dass er alles an sich raffen und aneignen kann, was die Gelegenheit (Kairos) ihm bietet. Domna sieht das Recht des Stärkeren begrenzt durch das größere Gesetz des Ausgleichs von Nehmen und Geben, auf dem alles Leben beruht.

(Der wie ich finde wichtige Dialog findet sich hier: Recht gegen Recht).

Clara wird von Kairos in ein Haus gelockt, wo sie „Taler“ findet, die angeblich nun ihr gehören. Für Clara sind sie ein hübsches Spielzeug und kein Tauschmittel.

Jenny findet Clara und macht ihr Vorhaltungen:  Wer sich an fremdem Eigentum vergreift, kriegt Ärger. Sie weiß das aus eigener Erfahrung (Der Dialog findet sich hier: Jennys Moral:

Clara, das Kind, weiß nicht, was „Eigentum“ ist, und versteht nur, dass Jenny mit ihr schimpft und sie mit Strafen bedroht. Auch hier steht also ein „Naturrecht“ (freies Spiel) gegen ein von Menschen gemachtes Recht (Eigentum). Letzteres wird mithilfe von Angst vor Strafe durchgesetzt. Um der Strafe zu entgehen, helfen nur noch Lügen und Verschweigen (Jenny zu Clara: „Sag nur ja nichts, keinen Ton“).

Als Jenny und Clara in die Bucht zurückkehren, bietet sich ihnen dieses Bild:

Diaphania:

Ich sehe, verstehe nun gut, wie ihr euch die Dinge

erklärt und was euch bedeutet das Recht.

Wenn es allein nach deiner Meinung nur ginge

Herr Tschinn, dann stünde es schlechter als schlecht

 

um unsere Welt, wo was ihm gefällt, sich jeder gleich raubt

Und wer als Erster erscheint, der nimmt was er will.

Ein solches Verhalten ist nicht mehr erlaubt

und war es schon nicht, als einstens Achill

 

die Tochter des Chryses, die schöne Chrisseis

von Agamemnon forderte, die dieser selber begehrte.

Apoll bestrafte sie beide, und auf sein göttlich Geheiß

schon bald die wütende Pest das Lager der Griechen verheerte.

 

So begann die Geschichte, die die Alten erzählten

und die bis heute noch nicht ist beendet

Begierden sind Räuber, sie plagen und quälten

die Menschen, so wurde die Erde geschändet.

 

Ich frag dich noch mal, hast du ein Dokument

das dich als Käufer und Besitzer nennt?

Hast du es nicht, so soll dies Haus verschwinden

Ein andres Urteil kann ich nicht erfinden.

Tschinn:

Ich habs nicht hier, ich bringe es dir morgen

nur keine Angst, ich werd es schon besorgen.

Wo ist Kairos, mein Biest, der wird gleich laufen

und ein paar Politbonzen kaufen.

 

Kairos? Kairos? wo bist du hin?

Ich bins, der ruft, ich bins, der Tschinn!

 

Er kommt nicht, er gehorcht mir nicht?

Was tu ich da, ich armer Wicht?

Was ich begonnen, ist zerronnen

und gar nichts habe ich gewonnen!

 

Das Gebäude löst sich in Luft auf.

(wird fortgesetzt)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Welttheater. 5. Zwischenbilanz: Vom Typus zum Menschen

Seit der letzten Zwischenbilanz sind erneut 12 Tage vergangen. Doch auf meiner kleinen Weltbühne ist nichts geschehen. Ich brauchte eine Pause, um nachzudenken. um welche Art von Drama es sich eigentlich handelt.

Anfangs habe ich die Figuren des Theaters als Typen erdacht. Typen sind einseitig. Im Typus ist der Charakter festgeschrieben, unwandelbar, man kann sich darauf verlassen, dass er handelt, wie es in ihm angelegt ist. Der Geizhals ist geizig, der Nachdenkliche nachdenklich, der Kindliche kindlich.

Menschen sind keine Typen, aber auch sie leiden unter Einseitigkeiten. Um die Einseitigkeiten zu überwinden, braucht es Bewegung, Brüche, Kehrtwendungen, Entwicklungen, Wandlungen.  Den meisten von uns gelingt es nicht, unsere Einseitigkeiten zu überwinden. Beim Typus ist das Ziel erreicht, wenn er sein Gegenteil mitenthält. 

In meinem Welttheater kann man zusehen, wie die erdachten einseitigen Typen aufbrechen und an Breite und Tiefe gewinnen.  Die deutlichste Entwicklung haben bisher zwei Figuren durchgemacht: die „Hilfesuchende“ Danai und der „Überlebenskünstler“ Wilhelm.

Danai ist eine „Hilfesuchende“, aber trägt einen großen Wissensfundus und viel Weisheit in sich. So gelingt es ihr, indem sie sich entfaltet, gleichzeitig die beiden Pole der extremen Hilflosigkeit und der unbedingten Helferin zu berühren. Das ist kein Spagat, sondern eine harmonische Erweiterung ihrer Wesensanlage, die im Begriff Hilfe-Helfen ihr Zentrum hat.

Wilhelm, der „Überlebenskünstler“, ist angelegt als einsamer Wolf, den nichts umbringt, der sein Leben kontrolliert und der sich allen Herausforderungen gewachsen fühlt. Als er dem „Hasen“ (Sinnbild der Hedonie) nachjagt, stürzt er und erleidet einen völligen Kontrollverlust. Seine Träume „übermannen“ ihn. Die Entwicklung trifft ihn innerlich schlecht vorbereitet, er  versteht kaum den Charakter der neuen Herausforderung, die sich vielleicht als „Hingabe“ bezeichnen ließe (Kontrolle des Lebens vs Hingabe an das Leben).  Die Sehnsucht nach der „Geliebten“ wird ihn voranbringen müssen, um seine Einseitigkeit zu überwinden.  

Ich habe also für den Fortgang des Dramas eine Art Parameter gefunden: Welches sind die unterdrückten bzw nicht offensichtlichen Eigenschaften des Typus, die, wenn sie in Erscheinung treten, die Einseitigkeit des Typus überwinden. Welcher Ereignisse bedarf es, damit sich der Typus erweitert und dadurch seine besonderen Qualitäten ins Gesamtspiel einzubringen vermag?

Erweiterung bedeutet keinesfalls, dass sich am Ende alle Typen gleichen! Die Saubohne, die ich grad beobachte, bleibt über alle Wandlungen hinweg eine Saubohne und wird keine Sonnenblume, und Wilhelm bleibt Wilhelm und wird nicht zu Danai.  

Jeder Typus kreist um eine ihm eigene Lebensfrage, und er erweitert sich, indem er den ganzen Kreis dieser für ihn typischen Frage abschreitet: Hilflosigkeit-Helfen ist es bei Danai, Kontrolle-Hingabe bei Wilhelm. Soviel habe ich nun verstanden.

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Und wie lässt sich das nun auf andere Typen anwenden?

Die letzte Szene, „Feuer“ überschrieben, endet mit einer Warnung Danais an Abud: Du musst deine Wut mäßigen, sonst geht die Welt in Flammen auf. Abud ist als Typus im Opfer-Täter-Spektrum angelegt. Die unterdrückte Glut (Wut) des Opfers kann leicht in die offene Flamme des Täters umschlagen, und der unkontrollierte Wutausbruch kann ihn leicht erneut zum Opfer machen. Hier ginge es darum, Abud beizustehen, dass er aus der Opfer-Täter-Matrix aussteigt und seinen Eigen-Wert entdeckt.  Welches das ist, muss sich erst noch herausstellen.

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Saubohne wachsend

Unbeirrt von Wetterkapriolen, unbeeindruckt vom Umpflanzen in einen größeren Topf entfaltet Ihre Hoheit Favorita I das in ihr angelegte Programm. Sie wächst und bildet im Wachsen die für ihre Art vorgesehenen Blätter aus. Ein wenig schief steht sie, dem Licht sich zuneigend, das hier, auf dem Balkon, vor allem von der Abendsonne gespendet wird. Die Mutterbohne, die im lockeren Erdreich sichtbar wurde, habe ich erneut mit Erdkrumen bedeckt. Das ist, außer gelegentlichen Wassergaben, alles, was ich für sie tun kann. Mehr verlangt sie auch gar nicht. Sie weiß für sich selbst zu sorgen.

Am Samstag:

Am Sonntag:

Heute (Mittwoch, 1. März)

Beim Anblick der Bilder fällt mir der Refrain eines Liedchens ein, zu dem wir fürs Kindervogelschießen einen Tanz lernten (Ach, lieber Schuster du) : „Wer weiß was das noch werden will, wer weiß, was das noch wird.“

Ich war in einer gemischtgeschlechtlichen Klasse, daher hatte dieser Tanz einen anderen Suspense als im nachfolgenden Video: die Jungen knieten und wir Mädchen ließen uns von ihnen unsere Schühchen reparieren….

Ach lieber Schuster du

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Tägliches Zeichnen: Mango

Gestern, beim Einkaufen im Supermarkt, stachen mir zwei Produkte in die Augen: In der Abteilung für Schulzubehör war es eine Schatulle mit Buntstiften, diese altmodischen aus Holz, schön rund und glatt und fein gespitzt. In der Obstabteilung waren es zwei Mangos, die in einer schwarzen Plastikschale ruhten. Sie waren zwar noch hart, aber hatten die sonnige Farbe der Tropen, die meine trübe Laune hebt. Eigentlich esse ich nur lokales Obst, und am liebsten das, was gerade reift. Aber nun, „eigentlich“ bedeutet ja nicht, dass keine Ausnahmen möglich sind.

Am späten Abend, am Küchentisch sitzend und bei Lampenlicht, zeichnete ich die größere Mangofrucht mit den neuen Buntstiften.

Es machte Spaß, diese feinen sanften Farben zu verwenden.

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