
Schreibeinladung für die Textwochen 10*11*12*13**23 | Wortspende von Werner Kastens
Dichterlesung.
Die Dame mittleren Alters, grauhaarig, will mir scheinen – oder war es nur mein Eindruck, damals, selbst 17 Jahre jung und voller Lebenslust, Wut und Protest gegen so vieles – würdevoll begrüßt vom Schuldirekter, Herrn Dr. Dr. Thielemann (Germanistik und Theologie), bestieg die Bühne der Aula, setzte sich auf den bereitgestellten Stuhl, rückte das Leselicht zurecht. Wir Schüler waren bereits in dem großen Raum versammelt, ordentlich sortiert nach Klassenstufen. Ich selbst war damals bis zur Unterprima vorgerückt.
Die Aula befand sich in einem im „wilhelminischen Stil“ errichteten Backsteingebäude, etwas abseits des Zentrums der norddeutschen Kreisstadt, dessen größte Attraktion die Eisdiele am Marktplatz war. Eine Dichterlesung hatte es bisher noch nie gegeben, man war, was das Kulturleben betrifft, sehr genügsam. Überhaupt hatte man genügsam zu sein, in jeder Hinsicht.
Ich war nicht genügsam und erregte Anstoß. In mir tobte der Aufstand. Was hatte diese ältliche Dame mir schon zu erzählen? Anderes brauchte ich, andere Lektüre suchte ich, als mir diese Selbstdarstellerin ihres eigenen ach so aufregenden Lebens bieten könnte. Sicher hatte sie auch ihre Beteiligung am deutschen Verbrechen heruntergespielt. Das taten sie ja alle. Wie leicht hatte man die „deutsche Frau“ verkuppeln können mit den schneidigen Herren der Welt. Und hinterher waren ja alle soo überrascht, als sich herausstellte, welchem System sie gedient hatten.
Ja, so war das damals. Ich war verstört und zornig. Erbarmungslos und ungerecht. Die Rechtfertigungen der Älteren interessierten mich nicht. Ihre Moral schon gar nicht. Mich interessierte die Wahrheit. Die tiefe Wahrheit des Menschen, die allein mir erklären könnte, was geschah. Die Abgründe der menschlichen Seele wollte ich erkunden. Alles war ich bereit, in mich aufzunehmen und zu bedenken, nur die Scheinheiligkeit nicht. Nicht die Beschönigung. Da war ich unerbittlich.
Siebzehn war ich damals, und die vortragende Autorin war Luise Rinser.






















