Tagebuch der Lustbarkeiten: Ortswechsel und Susannes Schnipselspende

Heute schafften wir endlich den Absprung von Athen in die Mani. Schön wars dort – schöner ist es hier.

Gestern drehte ich noch eine Abschiedsrunde durch unsere Wohngegend im Norden von Athen und machte ein Päuschen in diesem netten Lokal, das nicht nur „Platanos“  heißt, sondern wo man tatsächlich unter hohen Platanen abseits vom starken Straßenverkehr sitzen und etwas verzehren kann.  Die Platane ist übrigens im Griechischen männlich (der platanos)

Abschied nahm ich auch von meiner Saubohne, die nun schon zu einer prächtigen, mehrfach verzweigten Pflanze herangewachsen ist. Einen weiteren Umzug wollte ich ihr nicht zumuten und hoffe nun, dass die Gießanlage funktioniert und ihr nichts fehlt, auch wenn ich nicht nach dem Rechten sehen kann.

Der Abschied von der Stadt tat mir nicht weh, ich war froh, ihr endlich den Rücken drehen zu können. Aber ich bin nicht undankbar: der eine Monat in Athen hat mir, trotz der krankheitsbedingten Unbeweglichkeit, ein paar neue Impulse geschenkt.

Nun aber sind wir wieder in der Mani, kehrten auch sogleich in „unserer“ Taverne ein. Die erste Freude: Susanne Hauns Schnipsel warteten dort auf mich! Es ist Susannes zweite Schnipselspende, in Farbe und Form ganz anders als die erste, aus der die allseits beliebte Dora entsprungen ist, aber diese ist nicht weniger schön und spannend. Ganz herzlichen Dank, Susanne, ich werde damit experimentieren, sobald ich hier die nötigsten Dinge erledigt habe.

Im Lokal mit Blick über Dächer und Blumen aufs Meer erholte ich mich von der Fahrt. Die Blüten in den Pflanzkästen spielen zurzeit zwischen hellrosa bis dunkelviolett, und etwas Gelb ist auch dabei, fast als hätten sie bei Susannes Schnipseln abgeschrieben. Oder war es vielleicht umgekehrt?

Veröffentlicht unter Allgemein, Dora, Fotografie, Leben, Materialien, Natur, Reisen, Tagebuch der Lustbarkeiten | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 7 Kommentare

Welttheater: 4. Akt, 25. Szene: Zur Höhle (Mensch und Tier)

Was zuletzt geschah: Jenny hat sich Kairos anvertraut, um zu Wilhelm zu gelangen, den sie bewundert. Trud, Clara und Domna wandern zu Dritt los, hoffend, dass sie den Weg zu Danais Höhle finden.

Trud (zu Clara):

Bist du sehr müde? Kannst du noch weiter?

Du möchtest ausruhen und willst auf mich steigen?

Das Pferdchen bin ich und du bist der Reiter?

Soll ich mich noch tiefer herunter dir neigen?

Clara:

O Trud, du bist lieb, ich bin wirklich sehr schlapp

Doch bin ich bestimmt viel zu schwer

Trud:

Nun komm schon, steig auf und papperlapapp

Ein Kindchen zu tragen gereicht mir zur Ehr.

(Clara steigt auf)

Nun halt dich fest und fall nicht runter!

Das Pferdchen läuft: Hühott und munter!

Clara (singt)

Hopp hopp hopp! Pferdchen lauf Galopp

über Stock und über Steine

aber brich dir nicht die Beine

Hopp hopp hopp! Pferdchen lauf Galopp!

Seit ich aufgesessen,

Hast du’s Fragen vergessen!

Trud

Ein Pferdchen trabt, anstatt zu fragen

es kann nur wiehern und nichts sagen.

Ich glaub ich mag ein Pferdchen sein

denn das erspart mir manche Pein.

Clara:

Und ich mag reiten, liebe Trud

Als Reiter hab ich viel mehr Mut!

Da unten war mir doch sehr bang.

Ist denn der Weg zur Höhle lang?

Domna

Die Höhle ruft, ich fühle tief in mir

den Ton, der auch in meiner Brust sich bricht

Die Höhle ist da draußen und in dir

und wenn du lauschst, sie zu dir spricht.

 

Vernimm den Ton, der wie das Herz der Erde

in ihren Tiefen klopft und singt.

Es ist als ob vom Huf der Pferde

die ganze Erde schwingt und klingt.

 

Dein Fuß, o Trud, hat diesen Ton erweckt

als du das Kind auf deine Schulter nahmst.

Ich hab es selbst soeben erst entdeckt.

Doch nun ists gut, nicht dass du noch erlahmst!

 

Wir sind ja da, ich spüre schon den Hauch

der aus der Höhle Tiefe dringt

Und du, mein Kind, fühlst du es auch,

wie er uns Schlaf und Ruhe bringt?

Clara

Das Pferdchen hat mich gut getragen

Nun will ich es nicht weiter plagen.

Hier ist es gut, hier will ich schlafen

in dieser Höhle bei den Schafen.

Domna:

So ists, die Schafe sind versammelt.

Trud:

Jedoch der Eingang ist verrammelt!

Auch sind da Hunde, die bewachen

die Tiere, fast wie früher Drachen

die Jungfrau in der Höhle hat bewacht

bis dass der Ritter Rettung ihr gebracht.

Domna (zu Clara)

Geh nur hinein, die Hunde sind nicht wild

wenn guter Absicht du in ihre Höhle trittst.

Sie fühlen ob der Mensch der kommt ist mild

sobald du ihre Schwelle überschrittst.

Clara öffnet das Gatter, und schlüpft hindurch

Trud:

Siehst du, wie sie der Clara wedeln?

Sie streichelt sie, sie lecken ihr Gesicht!

Dann werden sie auch uns, den alten Mädeln,

den Zugang wohl gestatten, meinst du nicht?

Beide gehen hinein

Domna:

Jetzt ziehen wir das Gatter zu.

Ich wünsch uns allen tiefe Ruh.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ihr wandelt hier oben  und wisset fast nichts

von der tiefer schürfende Arbeit von Zwergen

Ihr ertastet mit Augen die Spuren des Lichts

nicht ahnend die Höhlen,  und welches Leben sie bergen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Collage, Erziehung, Fotocollage, Legearbeiten, Malerei, Meine Kunst, Mythologie, Natur, Psyche, Tiere, Welttheater | Verschlagwortet mit , , , , , | 7 Kommentare

Welttheater: 4. Akt, 24. Szene: Wohin zur Nacht? Jenny geht mit Kairos.

Was zuletzt geschah: Auf der einen Bühne, wo sich der Sumpf mit lichterem Wald mischt, sahen wir Danai und Hawi Beeren sammeln und feststellen, dass sie beide vom „Afrikanischen Horn“ stammen, aber verschiedene Muttersprachen sprechen. Sie wollen zu Danais Höhle gehen. Auf einer anderen Bühne, dem Sumpf, verließen wir Wilhelm, der durch seine herrische Rede Abud verscheuchte. Er ist allein. Wir wenden uns der dritten Bühne zu – dem Haus mit dem Totenmahl -, mit Jenny, Clara, Trud und Danai. 

 

Danai

Wenn alle nun gesättigt sind

dann sollten wir ans Schlafen denken.

Da draußen bläst ein kalter Wind

Wir wollen unsre Schritte lenken

zur Höhle, die Danai uns zeigte.

 

Wer von euch weiß den Weg dort hin?

Jenny

Ich nicht. Den weiß vielleicht der Tschinn?

Clara:

Den mag ich nicht, der schreit herum

und hat ein Tier, das ist saudumm!

Jenny:

Saudumm ist nur, wer nicht drauf hört!

Das Essen hat dich nicht gestört.

Trud:

Wo ist er denn? Wer weiß Bescheid?

Domna:

Ich weiß es nicht, es tut mir leid.

Kairos tritt auf

Die Damen wissen nicht aus und nicht ein?

Was wollen sie denn? Was darf es denn sein?

Jenny:

Wir wollen zur Höhle, wie geht es dahin?

Und wo ist dein Meister, der Macher, der Tschinn?

Kairos

Der Tschinn, mein Meister, hat andere Sorgen.

Der ruft mich erst wieder am kommenden Morgen.

Ich könnte die Damen derweil gut bedienen.

Doch wenn ich recht lese die finsteren Mienen

dann wollen sie lieber unter sich bleiben

Ich geh schon, bevor sie mich wütend vertreiben.

Jenny:

Halt an, ja warte, du bist viel zu schnell

Komm her und sei mein lieber Gesell!

Bringst du mich zur Höhle, so sag ich nicht Nein

zur Not mache ich den Weg auch allein,

ohne die Clara und ohne die Trud,

ohne die Domna, denn Ich habe Mut.

Doch lieber noch ging ich, den Wilhelm zu sehn.

den Langen mit Feder, du weißt doch wohl wen?

Der ist mir am liebsten, ein Mann – eine Tat.

Der kennt sich im Leben aus, weiß immer Rat..

Kairos:

Nur zu, pack an, den finden wir schnell

wir sind bei ihm, noch eh es wird hell. 

Kairos mit Jenny gehen ab.

Domna:

Und wir, wo werden wir schlafen?

Clara.

Warum nicht wieder bei Schafen?

Trud

Gibt es hier Schafe? wo mögen sie sein?

Finden wir sie denn beim Mondenschein?

Domna

Ich wandre mal los. Ein Pfad wird sich finden.

Ob Tag oder Nacht ist dasselbe dem Blinden.

(für sich)

Erblinden mag ich, sprach ich kühn, –
mir bleibt nichts Neues mehr zu schauen! …
Da wandelt sich der Erde Grün
zum odemraubend kühlen Grauen.

Ein Schleier fällt auf die so recht
geliebten Wesen und Gelände,
und zu der – Geister Lichtgeschlecht
erhebt – ein Blinder seine Hände …

(Christian Morgenstern, Wir fanden einen Pfad)

Clara (klagend)

Bleib ich allein nur mit der Trud?

da wird mir bang, geht das wohl gut?

Trud

Ich weiß nur Fragen, liebes Kind,

und Domna ist ja leider blind.

Was machen wir? wo solln wir bleiben?

Wo wird der Wind uns noch hintreiben?

Solln wir gar bleiben im Totenhaus?

Oder ists besser, wir gehn hinaus?

Clara:

Hier bleib ich nicht, so lass uns gehen.

Zum Glück kann ich den Weg ja sehen.

Die Domna sagt uns, wo entlang.

Nun ist mir auch schon nicht mehr bang.

Domna (für sich)

Die zur Wahrheit wandern,
wandern allein,
keiner kann dem andern
Wegbruder sein.

Eine Spanne gehn wir,
scheint es, im Chor …
bis zuletzt sich, sehn wir,
jeder verlor.

(Christian Morgenstern, Wir fanden einen Pfad)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Collage, Dichtung, Leben, Legearbeiten, Malerei, Meine Kunst, Psyche, Welttheater | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 1 Kommentar

Tagebuch der Lustbarkeiten: Frühlings-Bummel

Blauhimmel mit Weißwölkchen, eine kühlende Brise, blühende Mandelbäume, und die Pistazienbäume haben auch schon Kätzchen. Samstägliches Treiben im Stadtwald: hier ein Zelt mit Luftballons und Menschengewimmel, dort ein großer weißer Hund an der Leine, der sich hilfesuchend umschaut (ist niemand da, der meinem Frauchen sagt, dass es zu früh ist, nach Hause zu gehen?), hier Pfadfinder, dort trommelnde Mädchen, hier ein Papa mit einem lachenden Kleinkind, dort ein dicker junger Mann, der durchstartet und  seine dicke Freundin animiert, ihm zu folgen, hier eine Wiese in Gelb, dort ein blühender Busch mit Schmetterlingen und Bienen, hier eine Statue des milden Spenders dieses Waldes, dort ein Kirchlein im neugothisch-preußischen Stil, der um die vorige Jahrhundertwende als schick galt, hier der gewundene Stamm einer abgestorbenen Pinie, dort die Schattenmuster der noch kahlen Pistazienbäume auf dem Weg  … Der Frühling macht sich bemerkbar, vielgestaltig, fröhlich, zuversichtlich.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Architektur, Fotografie, Leben, Natur, Psyche, Skulptur, Tagebuch der Lustbarkeiten, Tiere | Verschlagwortet mit , , , | 3 Kommentare

Impulswerkstatt: junge-Mädchen-Energie und Kindergruppe (kleine Beobachtungen)

Ich möchte gleich noch mit einem zweiten Eintrag bei Myriades Foto zur „Jungemädchenenergie“ bleiben. Denn heute im Stadtwald kam sie mir erneut entgehen, freilich in anderer Form.

Am Eingang sah ich, wie sie sich versammelten, durcheinander rufend, wimmelnd: junge Menschen mit Trommeln, um für den bevorstehenden Nationalfeiertag zu üben. 

Ich zückte mein Handy und zoomte sie heran. So sah ich, dass es ausschließlich junge Mädchen waren, die nun eine Formation bildeten – aber nicht aus sich heraus. Der „spiritus rector“ im Hintergrund war ein Hüne von einem Mann, mit der größten der Trommeln gab er den Rhythmus vor.

Dann gings los.

Brauchten sie den Mann, um sich zu einigen, wer vorneweg marschiert und wie sich die Reihen ordnen? Vielleicht nicht, aber mir scheint, sie mochten es, dass dort der Mann hinter ihnen ging, ihnen die Arbeit der Selbstorganisation abnahm und dem Ganzen ein … wie soll ich sagen …. erotisches Fluidum verlieh. Ein wenig wie in einem Hühnerstall, in dem die Hühner auch freudiger ihre Eier legen, wenn ein Hahn auf sie aufpasst.

An einer anderen Ecke des Waldes sah ich eine Gruppe von Pfadfindern im Kreis sitzen. Es waren Jungen und Mädchen im Grundschulalter. Hier war es eine resolute Dame mittleren Alters, die mit lauter Stimme den Ton angab: Auf ihren Befehl hin sprangen die Kinder auf, riefen im Chor ihre Parolen und setzten sich wieder hin. Auch diese Gruppe hatte offensichtlich ihren Spaß an dem, was sie tat. Aber die Atmosphäre war eine ganz andere, eher die von Dressur – ein Eindruck, der durch die Uniform (grüne gold besetzte Mützen und Westen) verstärkt wurde (kein Foto). Die Selbstorganisation, die den jungen Mädchen schon möglich gewesen wäre, hätte diese Kinder überfordert. Es gefiel ihnen offensichtlich, in der Gruppe zu funktionieren und von Erwachsenen gegebene Anweisungen zu befolgen.

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Erziehung, Fotografie, Impulswerkstatt, kleine Beobachtungen, Leben, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , , | 5 Kommentare

Welttheater, 4. Akt, 23. Szene: Danai und Hawi

Was zuletzt geschah: Wilhelm und Abud haben sich heftig gestritten, indem sie sich ihre jeweiligen rassistischen Vorurteile an den Kopf warfen. Abud geht allein weg, Richtung Lager, um sich seinen „Lohn“ zu holen. Danai nimmt den kleinen Hawi in ihre Obhut. Wilhelm bleibt mit gebrochenem Bein allein am Rande des Sumpfes zurück.


Wir wenden uns Danai und Hawi zu, die sich wandernd entfernen. Die Szenerie wandelt sich langsam, sie wird friedlicher und lichter.

Danai:

Schwer liegt die alte Erfahrung auf dem Grunde der Seelen

der Jungen, denen selbst Erfahrung noch mangelt.

Ich hoff nur, Abud ist vernünftig und beschließt nicht zu stehlen

und findet den Weg, dass er straffrei durchs Leben sich hangelt.

Hawi:

Abud ist sehr schlau,

er sagt zu mir: klau!

wenn sie dich mal finden

dann musst du dich winden

und schrein,

ich bin klein

dann lassen sie dich laufen

und wir könn uns was kaufen.

 

Meine Mama hat zu mir gesagt

Klaue nie, das ist nicht recht.

Sie hat sich lieber abgeplagt

sie findet Diebstahl ziemlich schlecht.

Danai:

Wir machen jetzt erst mal ne Pause

und suchen, was wir essen können.

Dabei erzähl mir von zu Hause

bevor die Männer kam’n zu brennen

das Dorf ganz nieder, wie du sagst

Erzähl mir nur, wenn du es magst.

 

Hawi (während die beiden Beeren suchend hin und her gehen)

Das Land, aus dem ich weggelaufen

ist schön mit großen Bergen drin

in denen wilde Flüsse rauschen

drin konnt ich baden, wie ich bin.

 

Wir hatten eine kleine Hütte

aus Stein war sie mit Wellblechdach

fürs Waschen gab es eine Bütte

und drüber war das Seifenfach.

 

Da schrubbt sie mich, sie sagte immer

wer sauber ist, der wird nicht krank.

Da half kein Weinen und Gewimmer.

Die Bütte stand auf einer Bank.

 

Jetzt hab ich mich nicht mehr gewaschen

als nur zuletzt in einem Bach.

Was sammelst du da in die Taschen?

Ist das das Kraut, das mich grad stach?

Danai:

Gewiss, das ist ein gutes Kraut

das brennt schon ziemlich auf der Haut.

Doch hilft es Kräfte aufzubauen

Man kann es auch sehr gut verdauen.

 

Auch diese Wurzeln nehmen wir

die fraß zum Glück uns weg kein Tier.

und von den Büschen nimm die roten,

sind bisschen scharf, ich mein die Schoten

da zwischen all dem Grün versteckt.

die haben schon Tote auferweckt.

Hawi:

Wie ist es mit den schwarzen Beeren?

Die kann man sicher auch verzehren?

Danai:

Nur manche, manche lieber nicht,

die reifen sind mein Leibgericht,

doch gib ja acht, wenn sie nicht reif,

dann wird dein Körper kalt und steif,

sobald du allzu viel gegessen.

Von Vögeln werden sie gern gefressen.

Hawi:

Die sehn fast aus wie unsre Bohnen

die haben alle, wo wir wohnen.

Man muss sie trocknen und die Schalen

abpelln, dann kann man sie auch mahlen.

Danai:

Du meinst Kaffee? Dann liegt dein Land

das für den Kaffee sehr bekannt

in dem du selber bist geborn

vielleicht am Afrikanisch Horn?**

 

Da lebt ich auch, bevor ich floh

Dieselbe Heimat! Das macht froh!

bet’ami tedesichalehu

Hawi

Versteh ich nicht, was sagst denn du?

Danai:

Ich sagte dir „Ich freu mich sehr“

Amharisch* kannst du wohl nicht mehr?

Hawi:

Bei uns heißts Baay’een gammada

so sagte es die Frau Mama.

Danai: 

Ach so, Oromo* habt ihr dort gesprochen?

Das kann ich nicht, es tut mir leid.

So ist das Land entzwei gebrochen

Doch weiß ich immerhin Bescheid

dass wir im selben Land geboren.

Und beide haben wirs verloren.

 

Ich will dich gern die Sprache lehren

Doch nun voran, noch ein paar Beeren,

Dann gehn wir zu der Höhle hin

wo ich schon längst zu Hause bin.

Hawi:

Du wohnst in einer Höhle drin?

Danai:

Genau, und es ist gar nicht weit.

Komm, lass uns gehn. Bist du bereit?


*Amharisch und Oromo sind die zwei am häufigsten in Äthiopien gesprochenen Sprachen (Übersetzung mit Google Translator). Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Sprachen, davon sind mehrere offiziell anerkannte Verkehrssprachen. 

**Horn von Afrika nennt man den nordöstlichsten Teil von Afrika. Zum Horn gehören die Staaten Somalia, Äthiopien, Dschibuti und Erithrea, ferner die von Somalia abgespaltenen autonomen Regionen Puntland und Somaliland.  Wir erfahren nicht, aus welchem dieser Staaten Danai und Hawi kommen, ich vermute aber, dass Danai aus Erithrea, Hawi aus Äthiopien kommt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

die bei uns auf den Feldern wachsen

draus macht man Kaffee, weiß nicht wie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Collage, Erziehung, Flüchtlinge, Leben, Legearbeiten, Malerei, Meine Kunst, Natur, Psyche, Welttheater | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Impulswerkstatt: Junge Mädchen am Strand (Kommentar zu Myriades Beitrag)

Dieser Eintrag ist direkt angeregt durch deinen heutigen Eintrag, Myriade, zum gleichen Bild.

„Blüten am Atlantik“ überschreibst du deinen kleinen feinen Text, in dem du dich auf Prousts „„Im Schatten junger Mädchenblüte“ beziehst. Sofort ploppte ein Lied aus Gustav Mahlers  „Lied von der Erde“ in mir auf.  

https://youtu.be/5-W1W0D-xhw, Berliner Philarmoniker, Abbado.

VON DER SCHÖNHEIT
(Nach LiTaiPo)
Junge Mädchen, pflücken Blumen
Pflücken Lotosblumen an dem Uferrande.
Zwischen Büschen und Blättern sitzen sie,
Sammeln Blüten in den Schoß und rufen
Sich einander Neckereien zu.
Goldne Sonne webt um die Gestalten,
Spiegelt sie im blanken Wasser wider.
Sonne spiegelt ihre schlanken Glieder,
Ihre süßen Augen wider
Und der Zephir hebt mit Schmeichelkosen
Das Gewebe ihrer Ärmel auf, Führt den Zauber
Ihrer Wohlgerüche durch die Luft.

Du merkst dann an, dass trotz der großen Unterschiede in der äußeren Erscheinung und den modeabhängigen Details, „strahlt so eine Gruppe junger Mädchen eine ganz eigene Energie aus, durch Zeitalter und Kulturen.“ Welch ein schöner Gedanke! Sie werden vom Wasser angezogen, spiegeln sich gern darin … ja! Dieser Gedanke ist auch in den oben zitierten Zeilen enthalten – Zeilen, die uralt sind. Denn die Liedtexte, die dem „Lied von der Erde“ zugrunde liegen, sind „deutsche Nachdichtungen von chinesischen Gedichten aus der Tang-Zeit, die im 19. Jahrhundert ins Französische und Anfang des 20. Jahrhunderts weiter ins Deutsche übersetzt wurden.“ Und wann war die Tang-Zeit? von 617/18 bis 907.

Meer, Fluss, See oder nur ein Teich – die Spiegelung im Wasser zieht alle Gruppen an, wie  in dem wunderbaren Strophen „Von der Jugend“ aus demselben Zyklus von Gustav Mahler vor Augen gestellt:

Wie der Rücken eines Tigers
Wölbt die Brücke sich aus Jade
Zu dem Pavillon hinüber.

In dem Häuschen sitzen Freunde,
Schön gekleidet, trinken, plaudern,
Manche schreiben Verse nieder.

Ihre seid‘nen Ärmel gleiten
Rückwärts, ihre seid‘nen Mützen
Hocken lustig tief im Nacken.

Auf des kleinen Teiches stiller
Wasserfläche zeigt sich alles
Wunderlich im Spiegelbilde.

Alles auf dem Kopfe stehend
In dem Pavillon aus grünem
Und aus weißem Porzellan;

Wie ein Halbmond steht die Brücke,
Umgekehrt der Bogen. Freunde,
Schön gekleidet, trinken, plaudern

Dann wirst du traurig und notierst: „Es gibt aber auch Kulturen und Situationen, in denen junge Frauen nicht blühen dürfen, nicht strahlen und nicht leuchten und schon gar nicht eigene Vorstellungen vom Leben verwirklichen.“

Ja, auch das ist wahr. Zugleich fiel mir tröstend ein früherer Beitrag zu deiner Impulswerkstatt ein, in dem ich eine solche Gruppe im Zauberspiegel zeigte, der zu einer Skulptur in Athen gehört:  die jungen Mädchen mit Kopftüchern, die auf den kleinen Bruder aufpassen müssen, ähneln, wenn man in den Zauberspiegel schaut, ihren chinesischen Altersgenossinnen von damals, vor anderthalbtausend Jahren, und auch den heutigen Portugiesinnen. Es ist tatsächlich dieselbe Energie durch alle Zeiten und Kulturen.

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2021/09/img_0490g-e1631997024886.jpg

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Collage, Dichtung, Impulswerkstatt, Leben, Meine Kunst, Musik, Natur, Psyche, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , | 9 Kommentare

Welttheater, 4. Akt, 22. Szene: Rassistischer Streit

Was zuletzt geschah:

Wir verlassen die Gruppe um Domna in der Bucht und wenden uns erneut der Gruppe um Danai im Sumpf zu: Wilhelm ruht erschöpft. Abud, der ältere Afrikaner, will nur weiter helfen, wenn er erfährt, wie es mit der Bezahlung steht. Er ist voller Zorn, wobei sich ihm koloniale Erfahrungen seiner Vorfahren und gegenwärtiges Unheil vermischen. Seine Wut hindert ihn zu differenzieren und macht ihn zu einem General-Ankläger.

Abud:

Das stimmt, Hawi, ich habe Mut

doch noch viel größer ist die Wut

die in mir brennt wie eine Glut

und immer rächen will das Blut

der Meinen, die getötet worden….

Abuds Schlussfolgerung zeigt, dass er mit dem Rückenwind der Opferrolle leicht selbst zum Täter werden kann.

Ein jeder muss für sich erjagen

was er im Leben haben muss.

Das sag ich dir, und damit Schluss!

 

Danai erkennt diese Gefahr und ermahnt Abud, seinen Zorn zu mäßigen:

Die Glut in dir, Abud, sie wird entfachen

noch größres Feuer, das noch größre Schrecken

der Erde bringen wird. Du musst bewachen

den Zorn in dir….

Im letzten Szenenbild vermischen sich Angst (Schurigel) und Schrecken (Feuer), dazwischen Wilhelm und, verdeckt hinter ihm, Danai, Abud und Hawi.

Wilhelm (langsam zu sich kommend)

Wo sind wir? Warum rasten wir?

Ich muss zum Strand, sonst ists zu spät!

Abud:

Ich bin ja nicht dein Lastentier

und du bist keine Majestät!

Wenn wir dich weiter tragen sollen

dann muss so mancher Rubel rollen.

Was bietest du mir denn als Preis?

Ich frag nur so, damit ichs weiß.

Wilhelm (unwirsch):

Beeil dich, Halunke, hier wird nicht verhandelt

jetzt mach schon voran, du schwarzes Gesicht!

Erst kommt ihr hierher und das Land wird verschandelt

dann wollt ihr noch Geld – doch bei mir holst du’s nicht.

Abud

Soso, der Herr, ich hab mirs ja gedacht,

selbst schuld, wer mit nem Weißen Händel macht.

Ich hab dich nicht umsonst hierher geschleppt.

Mich hat von deiner Sorte keiner noch geneppt.

 

Ich geh zurück zum Lager, hol mir meinen Lohn.

Du, Hawi, kommst mit mir, ich warte schon.

Hawi

Es tut mir leid, Abud, ich bleibe lieber hier.

Die Frau Danai ist lieb, gibt mir zu essen.

Du bleibst mein Freund und immer dank ich dir

und werde dich bestimmt auch nie vergessen.

Abud:

Mach was du willst, Hawi, du wirst es schon bereuen.

den Weißen traue nie, sie lügen und verachten.

Heut sagen sie: komm her, ich werd dich gut betreuen

und morgen werden sie ins Kittchen dich verfrachten.

Wilhelm:

Ganz recht, ins Kittchen, da gehört ihr hin

doch immer gibt es Leute die euch trauen

und schwörn: ein Mensch ist er, wie ich es bin,

er wird mit mir das Land bebauen.

Haha, nene, das Land wird er versauen!

Danai:

Hawi, dich will ich gern bei mir behalten.

Wir gehn zusammen und ich sorg für dich.

Für dich, Abud, werd’n wir die Hände falten

 dass eine Gottheit deiner einst erbarme sich. 

 

Du Wilhelm musst jetzt selber schauen

wie aus dem Sumpf du dich erretten kannst.

Erlerne erst, den Menschen zu vertrauen

und wie Verachtung du aus deinem Herzen bannst.

 

Adieu, ihr beiden, und nun komm, Hawi.

Sag auch adieu, denn wir verlasssen sie.

Hawi (weinend):

Abud, Abud, ich bin ja noch so klein

und du, was wird aus dir denn ganz allein?

Abud:

Um mich mach dir nur keine Sorgen!

Ich habe Mut und mir ist gar nicht bange.

Jetzt ist es Nacht, doch bald kommt schon der Morgen.

Adieu, Hawi, allein sein wollte ich schon lange.

 

Abud geht nach rechts ab, Danai und Hawi gehen nach links ab. Wilhelm bleibt allein am Feuer zurück, das langsam verlischt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Collage, Erziehung, Leben, Legearbeiten, Malerei, Meine Kunst, Psyche, Welttheater | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 3 Kommentare

Tagebuch der Lustbarkeiten: Die Männeken von Yannis Gaitis

Die „ανθρωπακια“ (Menschlein) von Yannis Gaitis (1923-1984) sind aus der griechischen Kunstwelt nicht mehr wegzudenken. Ich kenne sie wie vermutlich jeder hier, sie sind unglaublich eingängig und populär. Gestern sah ich sie über drei Stockwerke der Theoharakis-Stiftung (nahe Verfassungsplatz) in einer Ausstellung, die den Weg des Künstlers nachzeichnet bis hin zu diesem Motiv, das er 1968, inspiriert wohl von der Militärdiktatur, erfand.

Im internet gibt es einen deutschsprachigen Artikel „Yannis Gaitis: Menschenmenge und Einsamkeit“, den du, sofern es dich interessiert, nachlesen kannst.

Mich erinnert seine Kunst ein wenig an Thomas Bayrles Anfänge, als er bewegliche Figuren bastelte (wir lernten uns 1971 durch den gemeinsamen Kinderladen in Frankfurt am Main kennen). Gaitis blieb freilich dort stehen, wo Bayrle begann, und baute die einmal gefundenen Figuren unverändert zu einem Imperium aus, indem er sie vermehrte, beflügelte, sie zu Protagonisten mythischer Geschehnisse machte….  Sein Thema war und blieb: der gesichtslose Massenmensch. Freilich hatte er nichts Beängstigendes oder gar Bedrohliches, sondern fügte sich spielerisch in die Welt der Griechen ein, die von sich selbst natürlich überzeugt sind, keine Massenmenschen, sondern unverwechselbare Individuen zu sein, die sich einen Spaß daraus machen, den Massenmenschen von Gaitis als Plakat in ihr Zimmer zu hängen oder als Kaffeebecher zu verschenken 🙂

Er ist ja auch allerliebst, wie er da mit seinem Hut und seinen Flügeln auf dem Einrad einherkommt, ein bisschen fast wie der Gott Hermes ….

oder wie er, in quer- oder länggestreiftem Sacko, halb plastisch mit Seinesgleichen hintereinander gestapelt, auf einen roten Plakathimmel starrt, über den schattenhaft ein riesiger Negativ-Vogel fliegt. 

Man kann das politisch auslegen, kann darin Anspielungen auf das kommunistische Rot, auf die zum Dunkelvogel mutierte Friedenstaube sehen – aber man muss es durchaus nicht, genauso wenig wie die sechs farbigen Männchen in Rückenansicht, die einer grauen uniformen Masse gegenüberstehen, als Beziehung zwischen den Regierenden und den Regierten interpretiert werden muss.

Und selbst wenn man es täte: wo sollte man sich denn einreihen? Die Zeiten, in denen der Künstler einem einen Platz als Hund oder Ziege anbot, gehören einer früheren Epoche an und sind längst der totalen Uniformierung zum Opfer gefallen.

Und so ist es schließlich nur noch eine Frage der Position und nicht irgendwelcher individueller Eigenschaften oder Vorzüge, ob man ein Steuermann, eine Sirene oder Odysseus höchst persönlich ist.

Ich selbst neige dazu, die Individualität zu verteidigen, gebe aber zu, dass man damit heutzutage keinen Staat mehr machen kann.

Wer Lust auf meine Varianten dieses Odysseus-Abenteuers hat: „Wachs in den Ohren“. Da gibt es diese und noch einige andere mehr zu sehen.

Odysseus und die Sirenen – politisierendes Schnipselbild von 2015.

IMG_2648   IMG_2649 Mannschaft

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, ausstellungen, Fotografie, Kunst, Legearbeiten, Meine Kunst, Mythologie, Philosophie, Politik | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 8 Kommentare

Tagebuch der Lustbarkeiten: Architektur 2: die Rampe

Gestern war ich, wie ich schrieb, mal wieder am Stavros-Niarchos-Kulturzentrum nahe bei Piräus. „Zu viel Zement“, sagte mein Mann, der es zum ersten Mal sah, und „Ich bin enttäuscht“, denn vom Architekten Renzi hatte er Besseres erwartet.

Es stimmt natürlich: diese gewaltigen Betonmauern sind zunächst mal eine Herausforderung. Ich hatte meine Mühe, ihn davon zu überzeugen, dass es sich um die Basis einer riesigen Rampe handele, die mit allen Pflanzen der Mittelmeerkulturen, darunter hunderten von Olivenbäumen bepflanzt ist.

Außerdem: Ich finde diese unverhüllte brutale Wahrheit des Zement nicht hässlich. Das ist nun einmal der Preis, wenn man große Gebäude, in diesem Fall eine Oper und die Nationalbibliothek errichten will.  Normalerweise ragen sie in die Höhe, umgeben von einer Grünfläche, auf der sich die Besucher die Füße vertreten können, aber fürs Populo ohne Nutzen. Hier ist es umgekehrt: Die sanft ansteigenden sehr ausgedehnten Gärten auf der Rampe sind von morgens bis abends ein frei zugängliches Paradies für Jedermann  (Fotos vom Februar 2018).

 IMG_4470 IMG_4478 IMG_4471

Mir gefällt diese kühne Architektur, sie imponiert mir. Die hochragenden Wände aus Zement werden zu Glaskulissen, die einen Blick hinein in die Oper und die Nationalbibliothek gestatten.

Das Beeindruckendste aber bleibt wohl der Blick von ganz oben, dort, wo die Rampe dich weit hinauf in den sonst unbetretbaren Raum zwischen Himmel und Meer getragen hat und du dich umschaust, hier das Meer mit den Häfen, den Inseln des Saronischen Golfs und der Küste der Peloponnes, dort die Riesenstadt mit ihren Hügeln und den sie umgebenden Gebirgszügen.

Hier ein Panoramablick aufs Meer und auf die bepflanzten künstlichen Dünen der Anlage.

Und ein Foto von einem früheren Besuch, mit Blick auf eine Zwischenplatform und die Stadt:

Ganz oben ist ein großer Raum mit kubischen roten Sesseln, wo man, geschützt vom Wind, sitzen und lesen kann. Eine reiche Auswahl an Büchern steht in den Regalen. Ein paar Menschen hocken mit ihren Computern dort zusammen, arbeiten, tauschen sich aus. Eine einfache Kantine bietet Getränke an.

Draußen auf der Terrasse betrachten viele Menschen den Sonnenuntergang. Fast unwirklich erscheinen mir die Schattengestalten, das Licht, dies Schweben im Nirgendwo, zwischen Tag und Nacht, zwischen Himmel und Meer, unter mir nichts als der Hohlkörper des riesigen Gebäudes.

Das Gefühl des Schwebenden hat mich noch nicht verlassen.

Veröffentlicht unter Allgemein, Architektur, Fotografie | Verschlagwortet mit , , , , , | 19 Kommentare