Reise nach Neapel (5). Mensch und Abbildung

Der Mensch ist als Organismus bekanntlich Natur und damit den Naturprozessen unterworfen. Sein Leib wächst, entwickelt sich, wird von Krankheiten und Alter entstellt, stirbt. Doch etwas in ihm wehrt sich dagegen, stets sich wandelnde, vergängliche Form zu sein. Und so tritt er als steinerne, gegossene, geschnitzte, gemalte Form aus sich heraus. Das bin ich – sagt er. Schaut mich an. Er hebt sich damit aus den Naturprozessen heraus, auf dass er unsterblich werde. Jedenfalls versucht er es.
Völker und Kulturen sind diesem menschlichen Bedürfnis, sich selbst als Objekt anzuschauen und dadurch eine Art Unsterblichkeit zu erlangen, sehr verschieden begegnet. Der eine Pol ist das völlige Verbot der Menschendarstellung – so im Islam. Im römischen Kaiserreich treffen wir auf den entgegengesetzten Pol: Die Selbstdarstellung wird ins Extrem getrieben. Vom Imperator bis zum einfachen Bürger und zur braven Bürgerin wünscht jeder und jede sich, sein bzw ihr Konterfei zu sehen und an die Nachwelt zu überliefern.

Häufig folgt das persönliche Portrait einem vorgeprägten Standard. So lassen sich römische Bürger in herrschaftlicher oder antikisierender Pose abbilden und nehmen Frauen aus dem Volk die Haltung gelehrter Vorbilder ein (hier: Sappho – Bäckersfrau, unbekannte Lady) … Die Grenzen zwischen dem göttlichen Ideal und der unverwechselbaren sterblichen Person verwischen sich.

Diese Standards halten sich übrigens manchmal über die Jahrtausende, wie der Vergleich zwischen einer im 2. vorchristlichen Jahrhundert geschaffenen Skulptur und einer gestern entstandenen Portraitzeichnung (Poppy zeichnet Konstantina) zeigt: der gleiche überlange Hals, die leichte Neigung des Kopfes,  die das Gesicht umgebende Hülle, der Gesichtsausdruck.  An den Haaren herbeigezogen? Nein. Unbewusster Vermittler ist hier die griechische Ikonenmalerei.

Doch seit dem Schock der Moderne und der großen Kriege sind die Kunst-Standards ins Wanken geraten. Zu sehr hat sich das Selbstgefühl des Menschen in der Welt verändert. Nicht mehr hat er das Selbstbewusstsein: Hier stehe ICH bis in alle Ewigkeit. Nein, er fühlt sich verletzlich, austauschbar, vergänglich. Aus Marmor wird Gips, aus Bronze verbranntes Holz. –  Im Archäologischen Museum von Neapel standen zwischen den römischen Skulpturen aus Marmor und Bronze plötzlich ganz andere aus hinfälligem Material: Holz, oft zu Kohle verbrannt, Gips, Fell. Diese stammen von einem zeitgenössischen Künstler: Aron Demetz aus Italien. Kongenial stellt er den selbstbewussten zukunftsfreudigen Skulpturen der römischen Epoche, die sogar einen Vulkanausbruch  überstanden, sein modernes brüchiges Werk an die Seite.

Der Mensch erscheint nicht mehr als das übergroße Ego, das sich in Marmor und Bronze verewigen möchte, sondern als flüchtige Form, schmerzhaft gehäutet, brüchig, verkohlt. Diese seine Form ist nur eine Sekunde von der völligen Auslöschung entfernt. Das Material, aus dem sie gemacht ist, kann ungehindert wieder zurückfließen in den Kreislauf alles Organischen. Und dennoch strahlen seine „Menschen“ eine große Würde aus, die geistig-seelischer Art ist und jede Einzelform überdauern wird.

Hier eine Zusammenstellung antiker Skulpturen und solcher von Aron Demetz, ab und an zusammen mit jetzt lebenden Besuchern der Ausstellung im Archäologischen Museum von Neapel.  Ich denke, du wirst kein Problem damit haben, die Skulpturen zuzuordnen? (zum Vergrößern anklicken).

der „kniende Barbar“ von damals hat mehr Kraft und Eigensinn als der heutige moderne Mensch.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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11 Antworten zu Reise nach Neapel (5). Mensch und Abbildung

  1. Werner Kastens schreibt:

    Liebe Gerda,
    Ein eindeutiges Bilderverbot im Islam besteht heutzutage nach meinem Wissen nicht mehr. Es ist lediglich verboten, Bilder oder Skulpturen zum Gegenstand von Anbetung werden zu lassen, bzw. – wie im Juden- und Christentum auch – Bilder/Abbildungen Gottes anzufertigen.

    Die Selbstdarstellung im Extrem erleben wir ja im Moment durch die (etwas weniger dauerhafte) Selfiemanie. Im Gegensatz zu früher kostet das ja nichts und auch der Anspruch der Herrschaft (bzw. das nötige Kleingeld)auf nur ihr gebührende Selbstdarstellung (Reiterstatuen, Denkmäler) oder Bilder im Palast hat sich ja verflüchtigt. Einzig die Bilder des Bundespräsidenten in allen staatlichen Einrichtungen ist wohl zwingend geblieben.
    Ich denke, das Zeitalter der Entdeckungen hat auch einen großen Beitrag dazu geleistet, den Menschen in seinen vielen Farben und Facetten (dauerhaft) darzustellen/ zu überliefern.
    Danke für Deine spannenden Reiseberichte!
    LG Werner

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    • gkazakou schreibt:

      Lieber Werner, an die Selfiemanie dachte ich auch, aber da gibt es dann doch einen gewissen Unterschied: zwar will sich auch heute jeder Hinz und Kunz tausendmal portraitiert sehen, aber er findet dafür keine Künstler mehr, muss es selbst erledigen. Das ist, wie die Wohnung selbst putzen (keine Putzfrau), das Auto selbst fahren (kein Chauffeur), den Tank selbst füllen (kein Tankstellen-Angestellter), die Einkäufe selbst zu Auto bringen (kein Inder), die Kinder selbst erziehen (keine Gouvernante), die Wäsche selbst waschen (keine Waschfrau, keine Büglerin), seinen Glauben selbst finden, sich selbst lieben, sich selbst trösten, sich seine eigene Mutter und der eigene Vater sein. Kurzum, „Jeder für sich und Gott gegen alle“.

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  2. Myriade schreibt:

    Vielen Dank für die ausführliche Schilderung. Ein faszinierendes Thema, das in viele Bereiche des Lebens hineinspielt

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  3. kowkla123 schreibt:

    danke für den schönen Bilderreisebericht, komm gut in die neue Woche.

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  4. www.wortbehagen.de schreibt:

    Wir sind ja nur gute Berichte von Dir gewohnt, liebe Gerda, und auch dieser ist wieder ein sehr besonderer.
    Wie gut, die Vergleiche zwischen antik und dem modernen Künstler. Im Modernden sieht man schon das Vergangene, das, was so hinfällig ist. In den Bildern und Skulturen aus der Antike dagegen schaut uns Lebensvolles an, die pure Kraft , die einem lebendigen Menschenkörper innewohnt.
    Wunderschön der Vergleich zwischen der Madonna und dem Portrait, das Poppy von Konstanzia zeichnete. Verblüffend ist die Ähnlichkeit der beiden

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    • gkazakou schreibt:

      Wie schön du das wieder schreibst! Es ist schon merkwürdig, dass das Alte so kraftvoll und das Neue so hinfällig wirkt. Und ja, es entspricht wohl unserem heutigen von so viel Last und Schuld des Vergangenen gepeinigten Lebensgefühl. Kraftvolle Skulpturen haben die Faschisten und Stalinisten noch einmal aufgestellt, und es fühlte sich unerträglich falsch an. Mir gefallen die Skulpturen des zeitgenössischen Künstlers sehr.
      Madonna nennst du die dunkle Skulptur, wie passend! Es ist freilich eine römische Dame des 2. vorchristlichen Jahrhunderts. Aber du hast recht, die Madonna folgt diesem Prototyp.

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      • www.wortbehagen.de schreibt:

        Sie wirkte auf mich wie eine Madonna und ich hatte die Ikonen im Kopf …
        Die Skulpturen bei den Faschisten und unter Stalin? Ohja, liebe Gerda, falsch, falsch, bei denen fühlt es sich so schrecklch falsch an, denn es steht für Gewalt und Auslöschen von Andersdenkenden

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  5. Ulli schreibt:

    Heute Morgen wollten die Worte noch nicht fließen, sodass ich erst jetzt bei dir kommentiere, die Skulpturen von Demetz sprechen mich sehr an, ja, wir leben mit und in der Vergänglichkeit, viele (er-)schaffen nichts mehr für die Ewigkeit, vielleicht auch, weil es so ein Gefühl gibt, dass wir am Ende dieser Zivilisation angekommen sind? Die heutigen Probleme sind so gewaltig, dass ich kaum noch daran glaube, dass es baldmöglichst Lösungen geben wird, die das ganze Artensterben, plus der Verrohung aufzuhalten wäre, auch wenn ich mir das immer noch wünsche und auch dran bleibe gute Samen in die Welt zu streuen…

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