Kunst am Sonntag (5): Der Faun. Naturkraft – Roboter und in der Mitte der Mensch

Im Archäologischen Museum von Neapel ist die berühmte Skulptur des Faun zu sehen, die man im „Haus des Faun“ in Pompeji fand.

Wilde, tänzerische Naturkraft ist hier Gestalt geworden und in Bronze gegossen auf uns gekommen. Was wissen wir noch vom Gott Faun? Was von dieser Naturkraft, die die Griechen Pan nannten? Erotik bis hin zur offenen Lüsternheit, sehnende Flötentöne, unbändige Fortpflanzungskraft, den Christen suspekt, weshalb sie aus ihm ein Zwitterwesen halb Mensch, halb Ziegenbock machten – Vorlage für den Teufel, dessen lüsternes Wesen sich im Hexensabbath austobte.

Im Plural gibt es die Faune, im Griechischen Satyrn genannt, bocksbeinige geile Naturwesen, die sich im Gefolge des Gottes Dionysos einfinden, wenn der Wein in Strömen  fließt und die Frauen sich in Ekstase die Kleider vom Leib reißen.

Gott Faun stammt denn auch von Gottvater Saturn ab – und das heißt, die Linie verweist zurück ins „Goldene Zeitalter“, das im antiken Rom mit den Saturnalien zur Wintersonnenwende gefeiert wurde. Zu Saturns fernen goldenen Zeiten herrschte noch Fülle, und es gab keine Herren und keine Sklaven, sondern nur lustvolle Gegenseitigkeit. Jedenfalls glaubte man das und machte sich reichlich Geschenke zum Fest.

Nun aber, hier im Archäologischen Museum von Neapel, gehe ich abseits des main stream auf ein offenbar zeitgenössisches Gemälde (Druck) des Gottes Faun zu, um schockiert stehen zu bleiben.  Das ist doch …

Ja, es stimmt. Die hohe Naturkraft hat sich, nachdem sie schon zum christlichen Teufel mutierte, nun in einen Roboter verwandelt, der ein selbstverliebtes Selfie schießt. Welch eine Transformation – dachte ich, nicht wenig schockiert. Ist unsere Zeit tatsächlich des Glaubens, dass wir die Naturkäfte durch Maschinenwesen ersetzen können? Und die Gegenseitigkeit durch Selbstbespiegelung? Und in der Mitte der Mensch.

Leider konnte ich den Namen des genialen Künstlers nicht sicher einziffern (er steht rechts unten auf der Leinwand)

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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22 Antworten zu Kunst am Sonntag (5): Der Faun. Naturkraft – Roboter und in der Mitte der Mensch

  1. kunstschaffende schreibt:

    Die griechische Mythologie ist so spannend, da braucht man keine Romane mehr! Naja, ab und zu schon, z.Bspl. Dein unvollendetes!😍😉😁👍

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  2. finbarsgift schreibt:

    Geile Wesen, also insbesondere Faune, aber auch Pornodarsteller sind mir absolut zuwider …
    Feiner Bericht natürlich trotzdem, liebe Gerda!
    Dankeschön für’s Zeigen und Präsentieren…
    Liebe Sonntagsgrüße vom Lu

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Lu. Schau mal meinen Kommentar bei Werner, wenn du magst. Im übrigen finde ich nicht, dass Faunen vorzuwerfen ist, was Mutter Natur nun mal vorgesehen hat: Reproduktion mithilfe des Sexualtriebs und der geschlechtlichen Vereinigung. Faune sind keine „Darsteller“, sondern sie sind was sie sind. Sie sind „Wesen“. Pornographie ist was vollkommen anderes, meine ich. Sie ist missbräuchliche auf Profit ausgerichtete Darstellung und also Profanisierung eines durchaus heiligen Aktes, ohne den es Leben nicht gäbe. Die Phallus- und Vaginakulte der Frühzeit hatten mit Pornographie nichts zu tun.
      Ich vermute, dass du das ähnlich siehst? Herzliche Grüße zum Abend!

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  3. ele21 schreibt:

    Oh – schön, dieser Beitrag! Mein Gedanke dazu: vom animalisch- lustvoll „Mit- Menschlichen“geht der Trend allenthalben hin zum Ersatz durch die Roboter – was den, der diese Entwicklung mitgeht, nicht unverändert läßt…

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  4. putetet schreibt:

    Das ist ja echt ein geniales Kunstwerk und top aktuell. Vielen dank für die Präsentation. 🙂
    LG alexander

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  5. Myriade schreibt:

    Eine Zwischenstufe zu Narziss …..

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    • gkazakou schreibt:

      meinst du? Wegen der Selbstverliebtheit und der Unfähigkeit, mit dem „Du“ eine Beziehung aufzunehmen? wegen der Gefühls-Leere des Narziss, in dessen Innerem nicht mal (die Nymphe) Echo ertönt?

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      • Myriade schreibt:

        Ja, wegen der Selbstverliebheit bzw des Bedürfnisses nach positiver Selbstdarstellung (ähem …sagt eine Bloggerin zur anderen) Beides verhindert wohl eine echte Beziehung zu einem „Du“. Und den Roboteraspekt finde ich auch genial, das Funktionieren nach bestimmten Regeln, die nicht von Menschlichkeit geleitet werden. Wo ein Mensch Mitgefühl haben und einmal eine Ausnahme von strikten Normen macht. kann das eine Maschine nicht. Auch der Aspekt dass ein Selfie, das an andere geschickt wird über das technische Medium läuft. Und natürlich die beunruhigende Tatsache, dass die Forschung im Bereich künstliche Intelligenz sich sehr wohl mit einem Ich-Bewußtsein künstlicher Intelligenz beschäftigt.

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    • gkazakou schreibt:

      Den Aspektv“Ausname von strikten Normen aus Mitgefühl“ – dem Automaten unmöglich – finde ich besonders interessant. Danke!

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  6. Werner Kastens schreibt:

    Liebe Gerda,
    wenn ich das richtig recherchiert habe, dann müsste das ein Gemeinschaftswerk der Scuola Comix sein, denn darauf weist auch die Seite von

    https://www.museoarcheologiconapoli.it/it/prodotti-obvia/

    hin.
    Bei
    http://www.scuolacomix.net/la-comix-mutazioni-metamorfosi/

    findest Du dann im Sockel die Namen der Beteiligten. Wenn man sich deren Bilder so anschaut, dann kommen am ehesten wohl Mario Teodorio, Gianluca Acciarino, Andrea Chella oder Carmelo Zagaria als massgeblich in Frage.

    Die Welt der Comics: ein Mix (oder mit Deinen Worten besser gesagt: Durchdringung) von realer Welt und Phantasie?

    Schönen Sonntag noch!
    Gruß Werner

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    • gkazakou schreibt:

      Blasco Pisapia! Danke, toll recherchiert! Wie soll man diese Welt bezeichnen? Ich finde, dass die jungen Leute tatsächliche Tendenzen unserer Zivilisation aufgreifen und zum künstlerischen Ausdruck bringen. Es sind Tendenzen, die ich persönlich schrecklich finde, aber hier geht es ja nicht darum, wie ich etwas finde, sondern um möglichst neutrale Wahrnehmung und Analyse. Diese neuen Wesen, die ich mal als zwittrige Ausgeburt von Kopf (technische Intelligenz) und Unterleib (kruder Sexualtrieb ohne Herzbeteiligung) bezeichnen würde – der alte Mephistopheles hatte auch schon was von diesem Zwittrigen, aber nun ist seine Gestalt ganz ins Technische gewendet und wirkt insofern viel kälter und gefährlicher … Diese Wesen also haben die geistige Welt der jetzt lebenden Generation ziemlich invasiert, wie man an vielen Spraybildern und Musikgruppen sehen kann.

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  7. kopfundgestalt schreibt:

    Dreifach-Rätselfragen hast Du zum Schluß aufgeworfen! 😉

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  8. afrikafrau schreibt:

    benötige noch etwas Freiraum, um deine interessanten Beiträge mir intensiv anzusehen….
    lese sie in aller Ruhe durch….danke fürs teilen

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  9. ernstblumenstein schreibt:

    ein interessanter Beitrag…

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  10. Ulli schreibt:

    Vieles lässt sich zu der „Verteufelung“ der Christen in anderen, aber auch in hiesigen Kulturen sagen, wußtest du, dass selbst das Eichhörnchen des Teufels gewesen ist? Dies war Zurzeit der Hexenjagd so, heute unvorstellbar!
    Eine spannende Frage stellst du in Bezug auf die selfieschießende, Halb-Mensch-halb-Maschine-Figur … ich war vor ein paar Wochen ziemlich schockiert als ich neue Kriegsroboter in einem Bericht im TV gesehen habe, sie schienen direkt von Giger zu sein und mir wurde auch ein bisschen schlecht, machte den Fernseher aus…
    Wohin steuert die Menschheit?
    nachdenkliche Grüße, Ulli

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