Blüte und Frucht

Der Granatapfelbaum blüht, und auch der Quittenbaum.

Wie verschieden ihre Blüten.

Und ihre Früchte.

28.4., Garten 3

Quittenblueten, Meer

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geschichtengenerator. Johns psychedelische Reise

Sphinx Was macht eine Autorin, wenn sie nicht mehr weiter weiß? Sie hofft auf Einfälle ihrer LeserInnen. Und siehe da, Ulli eilte mit einer Geschichte zu Hilfe, die im fernen Tibet spielt: Ein gottesfürchtiger Einsiedler namens Milarepa umarmt die furchterregenden Dämonen, die ihn belagern, und lädt sie ein, ihn zu fressen. Daraufhin verschwinden sie. Danke Ulli! – Ich wollte diesen Einfall schon beim Schwanze packen, da fiel mir ein: John hat ein Leben auf dem Gewissen. Da reicht es wohl nicht, sich den Dämonen (hierzulande nannte man sie Erynnien) zum Fraß anzubieten. Er muss durch die Erkenntnis seiner Tat hindurch.

Als Ulli ob meiner Einwände resignierte, meldete sich Bruni zu Wort. Ihr Vorschlag: Der Übeltäter ertränkt die Dämonen in Farbe, um sie anschließend zu retten. Der therapeutische Trick: Der Bösewicht kommt in eine Situation, in der er sich zum guten Menschen wandeln kann. (All das könnt ihr nachlesen in den Kommentaren zu https://gerdakazakou.com/2016/04/20/geschichtengenerator-john-der-maler/).

So mit frischen Einfällen gewappnet, traue ich mich heute an eine Fortsetzung der John-Geschichte. Allerdings: Von Emmas kunsttherapeutischen Einfällen erwarte ich nicht viel, ergo entfällt Brunis Vorschlag. Auch ein indischer Weiser ist John mit Sicherheit nicht. Tut mir leid, Ulli! Ihr verzeiht mir, wenn ich stattdessen einen alten griechischen Trick anwende und ein Orakel befrage, nicht wahr?

Gesagt getan. Und so schicke ich John heute auf eine psychedelische Reise* nach Delphi.

IMG_3390 copyHe, John, ich habe Delphi gesagt, nicht Theben! Doch John hört schon nicht mehr auf mich. Er strebt schnurstracks zum Felsen, auf dem einst die Sphinx hockte.  Ihr erinnert euch? Ödipus hatte grad seinen Vater Laios erschlagen und kam an der Sphinx vorbei, die Theben mit ihrem Rätsel in Angst und Schrecken versetzte. Ödipus löste das Rätsel, die Sphinx stürzte sich zu Tode. So konnte das Verhängnis seinen Lauf nehmen, das die Pythia von Delphi (also doch Delphi!) dem Laios geweissagt hatte: „Dein Sohn wird dich erschlagen und deine Frau, seine Mutter, heiraten“. Um das zu verhindern, befahl Laios, den neugeborenen Sohn zu töten, aber der gute Jäger brachte es nicht über sich. Und so lebte Ödipus zu seinem und seiner Eltern Verderben. Gut für Freud und die Psychoanalyse! Der Odipus-Komplex hatte seinen Mythos gefunden.

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Was ist der Mensch

Ob John all das bewusst ist, als er nach Theben eilt? Ich weiß es nicht. Jedenfalls nimmt er seine Palette und baut daraus flugs einen Dreifuß, entzündet auch ein paar duftende Kräuter – und schon erscheint die Sphinx vor ihm. Welche Sphinx? Die ist doch schon vor Jahrtausenden in den Abgrund gestürzt. Die Sphinx, die John vor sich sieht, ist – Luise.

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In der nächsten Folge werden wir, hoffentlich, dem Dialog zwischen den beiden lauschen dürfen und erfahren, wie sie den Streit zwischen sich beizulegen wünschen.*psychedelisch ist, wie könnte es anders sein, ein aus dem Griechischen abgeleiteter Fachbegriff. Eine ungefähre Übersetzung ist „die sich offenbarende Seele“. In der Psychiatrie versprach man sich von der Wirkung von Drogen, insbesondere von LSD, einen Aufschluss über seelische Probleme und deren positive Beeinflussung. LSD wird auch heute noch in der Psychiatrie verwendet. Die wirkende Substanz von LSD gleicht chemisch der von Mutterkorn, das im Altertum bei den Eleusischen Mysterien in einem Getränk, dem Kykeon, gereicht wurde. Genauer: Es wurde eine Mischung aus Gerstensaft und Minze gereicht. Die Gerste war oft von Mutterkorn befallen. (Daher, so spekuliere ich, stammt auch der Name „Mutterkorn“ – Demeter, der die Mysterien geweiht waren, war Mutter- und Getreidegöttin, „Kornmutter“. ).

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Architektur 6: ganz fern und ganz nah

Eine Stadt, Kuben, Straßengewimmel. Farben und Formenreichtum. Nähe und Ferne.

Stadt

Ganz anders ist es,  wenn wir uns in die Höhe erheben, hinausschweben ins All.

Photo 4

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Von den menschlichen Lebensräumen bleibt nicht viel mehr übrig als eine Punktstreuung über die Fläche.

Photo 6 bemalter Druck

Je höher wir gehen, desto abstrakter wird uns unsere liebe Erde.

… bis sie sich nur noch als fernes Muster zeigt

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Je weiter du dich entfernst, desto mehr näherst du dich dem … mikrokosmischen Bereich. Und umgekehrt : sie näher du den Dingen rückst, desto mehr entdeckst du Bilder des Weltalls. Das sehr Kleine und das sehr Große stellen sich uns ähnlich dar. Nur in der Mitte, dort wo wie leben, unterscheiden sich für uns die Formen …

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… und werden  zum umschließenden Raum und für uns ein Zuhause.

photo 10 SW Quadrat

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Architektur 5: Spielereien mit Schwarz-Weiß-Varianten und Farb-Inversion

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Ein „Blutiger Tempel“ und eine „Siedlung vor Pyramiden“.

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Diese Bilder habe ich, um ihre Zeichnung für mich anschaulicher zu machen, elektronisch in Schwarz-Weiß-Bilder verwandelt. Die Resultate sind lehrreich, zeigen mir, ob die Zeichnung „steht“. So mancher Fotograf tut das ebenfalls, macht aus farbigen Fotos edle Schwarzweiß-Bilder, denn wer versteht sich noch auf die Kunst der originalen Schwarz-Weiß-Fotografie? Nicht jeder bekennt sich zur Täuschung. Warum auch? Im Zeitalter der elektronischen Technologie gehört die Täuschung zum Handwerkszeug.  Mir aber gefällt es, euch mit ein paar unschuldigen Tricks bekannt zu machen …

Wenn man einem Bild die Farbe entzieht, ist die Wirkung vor allem eine:  man sieht deutlicher die Zeichnung. Warum? Man wird nicht von den Farbwerten, die auch Gefühlswerte sind, abgelenkt. Rosa hat einen bestimmten Gefühlswert, auf den man ablehnend oder zustimmend reagiert. Blau oder Rot oder Gelb und sämtliche ihrer Abschattungen und Zusammenstellungen lösen Gefühle aus. Die entfallen, wenn man mit Grau, Weiß und Schwarz konfrontiert ist. Außerdem entfällt der automatische Vergleich mit den „realen Farben“, die wir in der Welt zu sehen gewohnt sind.

Hier ein Ausschnitt des Tempels, Schwarz-Weiß und Weiß-Schwarz. Warum ein Ausschnitt? Und warum invers? Weil dann die Bindung ans Motiv gelockert wird. Es scheint ein völlig neues Bild zu sein, das man mit frischem Auge betrachtet, anstatt zu sagen: aha, ein Tempel. Der Ausschnitt, zumal farblich verfremdet, ruft ganz andere Assoziationen hervor als das Original.

ματομένος ναός aaaa ματομένος ναός a

Man kann natürlich auch nur Teile des Bildes umdrehen, wie hier den „Tempel“, der den inneren „Durchgang“ rahmt.

. ματομένος ναός aaa Hier nun die Siedlung mit den Pyramiden im Schwarz-Weiß-Look. Im ersten Beispiel habe ich den unteren Bildteil nach oben gesetzt und invertiert (dh Schwarz-Weiß in Weiß-Schwarz gedreht). Das zweite Bildbeispiel ist durch einfachen Farbentzug entstanden.

Pyramiden bbb Pyramiden e

Eine andere Möglichkeit, mit dem Bild zu spielen, ist, die Farben umzudrehen, etwa so:

Pyramiden a

Und nun noch ein Bild, das ich „Weißer Palast“ betitele.

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Neugierig wie ich nun mal bin, will ich es auch in inverser Form betrachten.

weisser Palast a

Nicht schlecht! Sehr deutlich wird, dass die hellblaue Farbe im Original kaum den Effekt der 3-Dimensionalität erzeugt, da Blau zurückweicht. Dagegen die „umgekehrte“ Farbe Rotorange! Sie springt nach vorn. Und was in der weißen Fassade wie tote schwarze Löcher aussieht, wird in der Umdrehung zu freundlichen Ausblicken ins freie, lichtvolle Dahinter.

Und die Moral von der Geschicht?

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geschichtengenerator. John der Maler

wie immer angeregt durch: http://juttareichelt.com/2016/04/15/14-geschichtengenerator-in-aktion/

 

Während Emma von einer Dauerliaison mit ihrem Dr. Erkan Y und einer 1001-Liebesnacht träumt, kämpft John der Maler weiterhin gegen seine Dämonen.

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Die Palette ist ihm sein Schild, der Pinsel sein Schwert.

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Ihm nützt es nichts, nicht an Geister und Gespenster zu glauben. Sie respektieren seinen Glauben nicht, sein Glauben ist ihnen egal.

IMG_5913aSie dringen auf ihn ein, sie provozieren ihn am Tag und in der Nacht, sie verhöhnen ihn und stechen ihn ins Herz. Von seinem Pinsel tropft gelbe Farbe.

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Ich fürchte, ich kann nichts für ihn tun. Ich bin nicht seine Therapeutin. Und selbst wenn ich es wäre: Wie könnte ich ihn aus seinem Labyrinth befreien? Heute abend jedenfalls muss ich ihn sich und seinen Dämonen überlassen, denn ich will schlafen gehen. Vielleicht fällt mir morgen etwas ein, was ihm helfen kann.

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Montags ist Fototermin: April-Flora

Überall in euren Blogs blüht und zwitschert und duftet es dieser Tage. Da mag auch ich nicht zurückstehen und sende euch einen floralen Fotogruß aus meinen Gefilden. Alle aus dem Monat April, manche vom Vorjahr.

Zistrosen blühen schon früh in den Pinienwäldchen, strahlend weiß mit goldenem Herzen oder in elegantem violett zerknittertem Seidenlook.

weiss im Schatten weinrot

Am Weststrand sind die Feldraine mit rotem Mohn und einer Mohn-ähnlichen gelben Blume geschmückt, deren Früchte (?) knallen und weit wegspringen, wenn man sie abflückt. Die gepflügte Erde ist rot und fruchtbar.

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Im hügeligen Binnenland ist ein wunderbarer Formenreichtum zu beobachten. Hier eine winzige Auswahl.

Zwei Bilder von der messenischen Landschaft vom besten: Polylimnia („viele Seen“) mit den Wasserfällen. Sie trocknen auch im Sommer nicht aus. Das Wasser, eiskalt, lädt zum Baden. 52 b Polilimnia

…und ein Blick auf Golf von Pylos im Westen, beim Aufstieg zur Burg von Navarino aufgenommen..

53 Navarino

Im Garten gehen die Granatapfelblüte, der Hibiskus und die weiße Rose auf.

und, ja, die blaue Schwertlilie öffnet ihre merkwürdig schönen Blüten. Gepflegt ist der Garten nicht, diverse Klee-Sorten, wilder Hafer, Gräser, Huflattich haben sich ausgebreitet und blühen vor sich hin,  Duftgeranie, Rosmarin, Salbei, Lavendel und noch dies und das wuchern und locken Bienen an.  An dem Tisch im Hintergrund essen wir zu Mittag.   28.4., Garten 4

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geschichtengenerator fortgesetzt: Emma, Erkan und der interkulturelle Ansatz

Wie immer, angeregt durch http://juttareichelt.com/2016/04/15/14-geschichtengenerator-in-aktion/. Dieser Abschnitt setzt die Story dort fort, wo wir sie vor drei Tagen verlassen haben https://gerdakazakou.com/2016/04/15/geschichtengenerator-emma-luise-und-abraam/

Emma hat ihren Mantel übergeworfen, ihre Handtasche ergriffen und eilt nun Richtung Vorhalle, nickt kurz dem Wachmann zu und zwingt sich, nicht zu rennen. Nur raus hier. Nur kein Aufsehen erregen. Nur nicht den Kopf verlieren. Im Gehen tastet sie nach dem Autoschlüssel, den Hausschlüsseln – sie sind dort, wo sie hingehören, im Außentäschchen der Handtasche, jederzeit griffbereit. Der Wagen steht dort, wo sie ihn am Morgen geparkt hat, die Tür lässt sich öffnen, der Motor springt an, surrt freundlich, wie es sich gehört für einen gut gewarteten Motor. Ein Blick in den Rückspiegel – niemand ist ihr gefolgt. Ein Blick in den Spiegel hinter dem Sonnenschutz – sie blickt in ihr eigenes Gesicht.

Emma atmet tief durch und zittert nur noch wenig, als sie sich in den Abendverkehr einfädelt. Alles ist so, wie man es erwarten kann. Die Ampeln schalten von Rot auf Grün auf Gelb auf Rot, die Autofahrer halten sich an den Rechtsverkehr, die Fußgänger benutzen die Überwege, die Straßen kreuzen sich dort, wo sie sich immer kreuzen. Nach einer halben Stunde stellt sie den Wagen auf dem Parkplatz ihres Wohnblocks ab, durchschreitet den Eingangsbereich, betritt den Fahrstuhl, drückt auf den Knopf, fünfter Stock. Sie steckt ihren Hausschlüssel ins Schloss, schließt auf. Niemand im Flur. Ein Rundgang durch Salon, Küche und Schlafzimmer bestätigt: niemand ist da. Keine Luise sitzt in ihrem Schaukelstuhl und lächelt ihr hämisch zu, kein Abraam faselt von afrikanischen Paradiesen.  Alles ist so, wie es sich gehört.

Immer noch ein wenig bleich, mischt sich Emma einen Drink aus Gin und Tomatensaft, gibt ein paar Stücke Eis dazu und lässt sie klirren. So bewaffnet, sinkt sie in ihren Schaukelstuhl, gibt sich einen Schups und beginnt, nippend und schaukelnd, nachzudenken. Systematisch, ordentlich, logisch.

Da ist zum einen der verrückte John, der eine Frau namens Luise bestialisch ermordet hat. John behauptet steif und fest,  die Tote habe sich in den Splittern des Atelierspiegels vervielfältigt, verschaffe sich seither über den  Badezimmerspiegel Zutritt zu ihm und zwinge ihn, unerlaubte Dinge mit ihr zu treiben.

(Querverweise für Leser, die sich nicht erinnern: https://gerdakazakou.com/2016/02/12/geschichtengeneratur-luise-3-fortsetzung/ und

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https://gerdakazakou.com/2016/02/17/luise-7-fortsetzung-in-der-psychiatrischen-klinik/ (Psychiatrisches Erstgutachten)IMG_5809sscc IMG_5905xxx

Johns Obsession hat, seit sie sich entschloss, dem „interkulturellen Ansatz“ zu folgen, eine überraschend normale Erklärung gefunden. Offenbar hat ein jüdisches Ritual, tief vergraben in der Ahnenreihe, im Kopf  des Malers Verwirrung gestiftet:  Orthodoxe Juden verhängen nach einem Todesfall die Spiegel. Denn der Spiegel gilt bei ihnen als eine Art Falle, in der sich der Tote, wenn er sich zufällig darin spiegelt, verfangen könnte. Zudem besteht die Gefahr der Verdoppelung und dass noch ein Mensch mit in den Tod genommen wird.  Weil der Spiegel im Atelier zersplitterte und nicht verhängt wurde, fühlt er sich nun von Luise verfolgt.

Mächtig streng sich Emma an, auch das Auftreten von Abraam und Luise in der Kantine zu „normalisieren“ – wie sie das in ihrem Berufs-Jargon nennt. „Alles ganz normal“ passt ja vielleicht noch auf Abraam. Wer aus Afrika kommt, beurteilt Geistererscheinungen eben anders als ein Deutscher. Das ist ein Kernsatz des interkulturellen Ansatzes. Mithin ist es ihm ein Leichtes, sich mit Luise anzufreunden. Aber wieso hat sie selbst Luise gesehen und gehört? Sie glaubt nicht an Gespenster. Sie kommt nicht aus Afrika. Und verrückt ist sie schon gar nicht. Ergo, schließt Emma messerscharf und lacht, prustet los, verschluckt sich fast an ihrer Bloody Mary, kann die Frau, die da mit Abraam hereinspaziert kam, unmöglich Luise sein. Wieso hat sie das nicht gleich begriffen und hat sich ins Bockshorn jagen lassen? Luise ist bekanntlich mausetot, wurde von der Gerichtsmedizin noch ein bisschen mehr auseinander geschnitten und was von ihr übrig war, wurde christlich begraben. Schluss, aus. Die „Auferstehung im Fleische“ ist ein Ammenmärchen, das sie, wenngleich katholisch getauft, nicht zu glauben braucht. Und selbst wenn  – bis da wäre es ja noch ein Weilchen hin. Erst am Ende aller Zeiten steht sowas zur Debatte.

Wer also ist diese Frau, die sich als Luise vorstellte? Das Wahrscheinlichste ist: eine Patientin, die sich in die Kantine verirrt hat. Klar, so ist es! Und ihr Galan wird vermutlich ebenfalls in der offenen Abteilung betreut, hat wohl den Kulturschock nicht gut vertragen.

Nun vollends wiederhergestellt, gibt Emma ihrem Schaukelstuhl einen kräftigen Schupps und springt auf die Füße. Sie muss Erkan ihr plötzliches Verschwinden erklären und wird ihn bei der Gelegenheit gleich zu einem abendlichen Tête-a-Tête einladen.

Gesagt, getan. Kein Problem. Er hat ihre Erklärung geschluckt – ein plötzlicher Anruf von der Mama, der es in letzter Zeit nicht so gut geht, sie habe nach dem Rechten sehen müssen – es sei aber zum Glück falscher Alarm gewesen. Das mit der Mama ist natürlich gelogen, ihre Beziehungen zu ihrer Mutter sind alles andere als freundlich und sie geht bestenfalls zu Weihnachten und zum Geburtstag vorbei. Aber die Besorgnis um die Mama macht sich gut. Türken mögen das. Sie haben Familiensinn. Überhaupt, die Sache mit Erkan läuft gut, ausgezeichnet. Und damit sie noch ein bisschen besser läuft, hat Emma jetzt auch ihr Schlafzimmer umgestaltet.

Emma wechselt ins Schlafzimmer, wirft sich auf das breite Doppelbett, das nun eine schwere rote Damastdecke verhüllt. Ein Griff zu einer Schnur, und ein dezentes Licht verbreitet sich im Raum. Sie lächelt ihrem Spiegelbild zu, das im großen Spiegel über ihr aufgetaucht ist. Sie hat ihn erst kürzlich schräg über dem Bett aufhängen lassen, Erkan kennt ihn noch nicht. Der wird sich wundern! Eine richtige 1001-Nacht-Atmosphäre hat sie vorbereitet für ihn! Immer noch sich selbst zulächelnd, streift sie die Kleidung ab, räkelt sich wohlig und freut sich an ihrem weichen, weißen ein wenig fülligen Leib, der sich auf der rotglänzenden Decke ausgezeichnet ausnimmt. Türken mögen das, denkt sie erneut und winkt sich aufmunternd zu. Nur keine falsche Scham!

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Dr. Erkan Y findet es angenehm, gelegentlich bei Emma vom Stress des Tages auszuruhen, bevor er sich nach Hause begibt. Und so lässt er sich auch heute, kaum hat Emma ihm freudestrahlend die Tür geöffnet, zufrieden in ihrem gemütlichen Schaukelstuhl nieder und greift nach dem gekühlten Bier, das sie mitsamt ein paar kleinen Leckereien auf das Beistelltischchen platziert hat, bevor sie sich –  ein rundes nettes Kätzchen in seidigem Morgenrock – im Sessel gegenüber zusammenrollt. Genüsslich nimmt er einen Schluck, lockert den Schlips und, da man nicht immer über die Liebe sprechen kann – insbesondere wenn es da einen wunden Punkt gibt, über den man besser schweigt – , fragt er: „Was macht eigentlich deine Arbeit mit unserem Künstler? Macht sie Fortschritte?“

Emma lächelt ihr süßestes Lächeln und breitet die Arme aus. „Ach, Erkan, Lieber, müssen wir uns das Zusammensein mit Beruflichem verderben? Lass doch deine Seele einfach mal baumeln. Welche Musik soll ich für dich auflegen? Schau, ich hab eine ganze Menge türkischer Platten besorgt!“

8b176874f03cf848083adb586f87ffa9 Was Emma nicht weiß: Erkan hasst türkische Musik, die er für orientalisches Geplärre hält, er mag auch türkisches Essen nicht, und die türkischen Seifenopern, die bei ihm zu Hause tagein tagaus laufen, sind ihm ein Gräuel. Er sieht sich selbst als modernen aufgeklärten Europäer, der es dank großer Selbstdisziplin und immensen Fleißes geschafft hat, seine jetzige Stellung zu erreichen. Es stört ihn ein wenig, dass Emma ihn mit „türkischen Geschmäckern“ zu verwöhnen trachtet, doch andererseits kommt es ihm auch gelegen. Denn ihre weiche Weiblichkeit, ihre Hingabefreudigkeit und Dienstbereitschaft sind ihm eine Labsal.

indexSeine Frau ist so anders, arg verbittert, weil sie der Familie zuliebe ihren Beruf an den Nagel hängen musste, und sie macht ihm jedes Mal ein Theater, wenn er verspätet heimkommt. Neben der türkischen Ehefrau sich eine deutsche  Geliebte halten – ein halb selbstironisches, halb selbstzufriedenes Lächeln erscheint auf seinem markanten Gesicht -, das ist womöglich doch ein orientalischer Zug an ihm.Cornelisz Cornelis Venus And Adonis With Cupid In A LandscapeAch, Emmalein, in deinem interkulturellen Ansatz, den du dir so schön ausgemalt hast, ist, so fürchte ich, der Wurm drin!  Ob der Orientale in Erkan jedenfalls deine rote Damastdecke und den schrägen Spiegel im vergoldeten Rahmen zu gustieren weiß, in dem sich, so hoffst du, schon bald sein männlich-brauner und dein weicher weißer Leib spiegeln werden, süß und wild und wollüstig vereint? Und die Musik? Welche Musik ist denn nun die passende?

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ps. Die Bilder stellen Mars und Venus in verbotener Umarmung dar. Diverse Maler, deren Namen ich, pardon, vergessen habe. Die Putten, den gehörnten Ehemann Vulkan und andere die beiden umschwirrenden Gestalten habe ich mir gestattet, mit einer roten Decke zu verhüllen. Denn die gerade zurückeroberte Rationalität unserer Emma könnte bei dem Geistertreiben Schaden nehmen.

 

 

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Architektur IV, eine Reise von Außen nach Innen.

Noch einmal lade ich euch ein, mit mir eine Reise durch ein Bild zu machen. Es macht gewaltige Wandlungen durch, und ist eigentlich nur dadurch zu identifizieren, dass immer an denselben Stellen Stücke von Wellpatte verklebt sind. Die verändern ihre Stellung nicht. Sonst aber steht alles zur Disposition.

Die Reise beginnt in einer düsteren Straße. Die Kuben der Häuser setzen sich schwach ab gegen einen goldenen Himmel, den die Sonne verlassen hat. Vielleicht tobt dort in der Ferne eine Feuersbrunst. Schwärzliche Gerüste halten die Häuserblocks aufrecht . Eine Hausfront und ein paar unbestimmte Formen reflektieren ein Kunstlicht, lila-weiß, das sich gegen das Gold des Himmels durchsetzt und diesen verfinstert.

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Stärkere Zusammenfassung der Formen, Verstärkung der Kontraste (a, b), Bilddrehung (c). Aus dem Hochformat wird ein Querformat, aus der Straßenschlucht ein Platz mit einem diesen abschließenden hellen Gebäude..

Ich zeichne Linien, die den Raum und die Architektur betonen, und so entsteht ein nächtlicher verlassener Platz. Ich bin gerne hier. Es ist einer dieser Plätze des Südens Europas, italienisch, denke ich, auf denen ich schon gestanden habe, irgendwann.

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Wie der Platz aus der Erinnerung aufstieg, so sinkt er zurück in die Erinnerung.

Das Bild bekommt nun etwas Gläsernes, Immaterielles. Die Kontraste ebnen sich ein,  die zwei-dimensionale Fläche tritt an die Stelle des Räumlichen. Es ist vor allem die Zeichnung, die die Illusion des Platzes noch aufrechterhält.

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Auch dieses Bild gefällt mir: die nur leichten Abschattungen des Grau, die Integration der aufgeklebten Wellpappen in die Linienführung. Auch dieser Eindruck vergeht, wird Vergangenheit.

Ist das noch dasselbe Bild? Freilich. Was ist nur geschehen? Der sich ins Gläserne verlierende Ort der Erinnerung wird zum gläsernen Tag mit lichten Farben, in denen sich eine neue Struktur andeutet. Etwas Kreisendes bricht ein in die Welt der Horizontalen und Vertikalen, legt sich um und vor die gemauerte Welt, ein Gewimmel von Linien nimmt die letzten festen Formen hinweg. Neues entsteht. Alles scheint möglich.

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Aus der kreisenden Bewegung bildet sich so etwas wie ein Ei, das auseinander bricht, eine Muschel, die sich öffnet und Formen entlässt. Tiefere Erinnerungsschichten reißen auf, vielleicht  Ägyptisches? Die ockigen und rosa Wände, die hoch ragenden Pyramiden und ein wie vom Wind über das Bild getriebener Schatten von Palmzweigen.

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Auch diese Welt schwindet dahin, matt wird das Licht. Tief im Unbewussten rühren sich Bilder, Erinnerungen an einst Gewesenes.

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Die Reise kommt an ihr Ziel. Eine glänzende Straße, eine erhabene Architektur leicht wie eine Lufterscheinung, über der ein Orgelton schwebt, hat sich aus dem Perlmutt der Muschel herausgeboren. Aus dem äußeren Raum des ersten Bildes bin ich fortgegangen und angelangt im Innenraum der Utopia.

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Ich habe das Bild innerhalb von zweieinhalb Monaten in neun Schritten umgestaltet, bis es die letzte Form erreichte. Mir ist erst jetzt, wo ich diese Bildreihe vor mich hinstellte, klargeworden, um was für eine Reise es sich handelte und was mich trieb, all diese Umgestaltungen vorzunehmen. Es ist nicht schade um die Bilder, die sich fanden und wieder verschwanden. Nichts bleibt, wie es war. Panta rhei.

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Elisabeth, Dezember 2010 bis April 2016.

Ich habe versprochen, euch das Boot, das einst den Namen Elisabeth trug, zu zeigen, sobald die Mittagsblumen, die es überwuchert haben, sich öffnen.

Und so fand ich sie, als ich kürzlich mit meinem Hund vorbei spazierte, halb versunken in der Erde und bedeckt von den dickfleischigen Sukkulenten, deren Blüten sich zur Mittagszeit weit öffnen. Rot strahlende kleine Sonnen, Mittagsblumen.

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In meinem Garten sehen dieselben Blumen ein wenig anders aus: nicht ganz so fleischig und grün, nicht ganz so sonnig wie drunten am Meer.

Mittagsblumen 11.4.

Woher weiß ich, dass dieses Boot Elisabeth heißt? Nun, ich weiß es, denn ich habe ihm nicht erst heute, sondern schon vor Jahr und Tag Besuche abgestattet. Um die früheren Aufnahmen  zu finden, muss ich meine Archive durchsuchen. Das braucht etwas Zeit. Aber versprochen ist versprochen.

Aha, April 2012, Samstag nach Ostern. Und wieder blühen die Mittagsblumen rund um Elisabeth.

Auch auf diesen Bildern ist das Boot schon fast Erinnerung, also muss ich weiter zurückgehen in meiner Suche. Und schließlich werde ich fündig: Jahresende 2011, endlich  der Name: ΕΛΙΣΑΒΕΤ. Weit her ist es mit ihr auch damals nicht mehr. Ihre Flanken sind verfallen. Die Wolfsmilch gedeiht prächtig an ihrer Seite.

Und noch einmal finde ich sie, im Dezember 2010, sehr verfallen auch da schon, aber noch farbig der zerbröckelnde Anstrich. Nebenan bereitet sich die Banane auf ihre Blüte vor.

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Wie Elisabeth in ihrer Jugend aussah, willst du wissen? Irgendwo muss es noch ein Foto von ihr geben. Aber wie es finden unter all den anderen? Nimm vorlieb mit einer ihrer Schwestern, der Memphis, die den Stürmen und Wellen damals noch standhielt. Fotografiert habe ich sie fast am selben Ort, im Dezember 2010. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist.

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geschichtengenerator: Emma, Luise und Abraam

(14) Geschichtengenerator in Aktion

Emma, ihres Zeichens Psychologin mit praktischem Verstand, gerät allmählich unter Zeitdruck. Der Abgabetermin für ihre Magisterarbeit rückt bedrohlich näher. Statt sich auf den Fall John K zu konzentrieren, turtelt sie mit ihrem Chef, dem Psychiater Dr. Erkan Y und verwöhnt ihn mit erlesenen türkischen Käsesorten, nach dem bekannten Motto: Mit Käse fängt man Mäuse. https://gerdakazakou.com/2016/04/06/geschichtengenerator-emma-ka-und-emma-lo-an-der-kaesetheke/

In diese Situation hinein platzt nun Juttas Geschichtengenerator mit Kantine, Luise (ältere Dame mit Hut) und „natürlich kann ich das„. http://juttareichelt.com/2016/04/15/14-geschichtengenerator-in-aktion/. Natürlich kann ich das – denke ich bei mir: die bringe ich schon zusammen! Emma arbeitet gelegentlich in der Kantine an ihrem Fall, zumal jetzt, wo die Zeit drängt und ihre Freizeit (siehe oben) eng bemessen ist. Außerdem plagt mich schon seit einer Weile der Gedanke, dass sich zwar Emma Ka und Emma Lo  getroffen haben, dass aber die mir ebenfalls am Herzen liegenden Herren Victor und John sich noch immer völlig unbekannt sind. Und dass es an der Zeit ist, sie zusammen zu bringen. Doch wie bringt man einen an ein selbstgebasteltes Rollgefährt gebundenen schwarzen Dichter mit einem weißen Maler zusammen, der infolge des Mords an Luise nicht frei beweglich ist? Wo sollen sie sich treffen, und warum?

Und nun die Fortsetzung, wobei Rückverweise auf vorhergehende Passagen der Geschichte leider unvermeidlich sind. Juttas geschichtengenerator hat das so an sich: alle Teile und Figuren vernetzen sich, und am Ende muss man den Leser mit einem Ariadnefaden von Querverweisen durch das Labyrinth führen.

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Emma versucht, sich auf den Fall John K zu konzentrieren, von dem in gewisser Weise ihr Glück abhängt. Die erfolgreiche Zusatzausbildung in Kunsttherapie würde ihre Verwendbarkeit auf dem Arbeitsmarkt deutlich verbessern. Sie ist ja nicht mehr die Allerjüngste, kein Springinsfeld mehr, muss schon recht viel nachhelfen, um ihr Äußeres attraktiv zu erhalten. Wenn die Geschichte mit Erkan das gewünschte Happy-End nähme – alles klar. Wenn aber nicht? Als praktisch denkender Mensch setzt sie lieber auf zwei Pferde. Man weiß ja nie.

Querverweis https://gerdakazakou.com/2016/02/17/luise-7-fortsetzung-in-der-psychiatrischen-klinik/

Und  so schleppt sie ihre Akte in der Mittagspause mit in die Kantine, betrachtet die künstlerischen Arbeiten ihres Patienten, macht sich Notizen. Sie hat sich inzwischen entschlossen, den „interkulturellen“ Ansatz zu wählen. In gewisser Weise ist dieser „interkulturelle Ansatz“ für sie ein persönliches Thema geworden. Dr. Erkan Y und sie selbst – ein interkultureller Ansatz. Und  so schaut sie noch einmal in ihren Dossier und überfliegt noch einmal einen Artikel, in dem sie ein Zitat unterstrichen hat:  Wichtig sei auch der kulturelle Hintergrund, sagt C. O., Chef der Forensischen Psychiatrie in W.: „Wenn ein Patient aus Afrika kommt und Geister hört, ist das anders zu bewerten als bei einem Deutschen.“* (Querverweis https://gerdakazakou.com/2016/03/26/geschichtengenerator-10-emma-weiss-alles-komm-flohmarkt/.) Doch wie kriegt sie John in diesen Ansatz hinein? Er ist zwar kein Deutscher, sondern Brite, aber das reicht nicht. Der italienische Großvater? Der jüdische Strang – kann sie den anführen? Ist das political correct, ausgerechnet im Zusammenhang mit Sexualmord infolge von Wahnvorstellungen? Dass Afrikaner die Wirklichkeit anders wahrnehmen als Europäer – okey, gebongt. Aber darf man dasselbe für Juden annehmen?  Sind die nicht irgendwie doch uns Deutschen ähnlicher als ….

Grübelnd blickt sie auf. Da fällt ihr Blick auf einen Tisch, an dem sich zwei Personen niedergelassen haben, die sie noch nie hier gesehen hat. Die eine ist eine hochgewachsene blasse Frau, ältlich, mit einem Hütchen auf dem schütteren grauen Haar. Der andere ist ebenfalls hoch gewachsen, doch jünger, mit einem recht scharf geschnittenen dunklen Gesicht und auffallend bunter Kleidung, dazu auch einer Fez-artigen Kopfbedeckung. Ein Afrikaner. Merkwürdig, was machen die hier? Besucher sind in der Kantine eigentlich nicht zugelassen.

Zur Erinnerung: der Bunte Lange, Freund von Victor dem Dichter,ist hier zu sehen.

Und Luise? Nun, ihr erinnert euch sicher an das erste Treffen mit Nina, das John beobachtete. Die Dame mit dem grünen Hut ist Luise, im Gespräch mit Nina.

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„Was geht es mich an“, denkt Emma, sich selbst wegen ihrer Bereitschaft, sich ablenken zu lassen, tadelnd. Sie nimmt ein Schlückchen vom schon erkalteten Kaffee und will sich wieder ihrem Dossier zuwenden, da erheben sich die beiden und kommen direkt auf ihren Tisch zu. „Erlauben Sie, dass wir uns zu Ihnen setzen?“, fragt der Afrikaner. „Wir könnten Ihnen  bei Ihrer Arbeit, die der Wissenschaft zu dienen sich anheischig macht, hilfreich erscheinen.“ Eine merkwürdige Ausdrucksweise hat dieser Mann! So gedrechselt und überhöflich! Aber wie erstaunt ist Emma erst, als sie hört, was die ältere Dame, auf den Dossier weisend, hinzufügt: „Sie kennen mich schon, aber verkehrt herum.  Ich erzähle Ihnen gern meine Version der Geschichte“.

Völlig verblüfft und sprachlos macht Emma eine vage Geste in Richtung der Stühle, und die unerwarteten Gäste setzen sich bereitwillig. „Haben Sie die Freundlichkeit, unsere Namen zu hören“, hört Emma nun den Mann sagen. „Mich nannte meine Mutter Abraam, nach dem Ur-Vater der Hebräer. Da Sie bei sich erwägen, der jüdischen Abstammungslinie Ihres Patienten Bedeutung beizumessen, ist Ihnen die Herkunft meines Namens sicher nicht unbekannt. Ich möchte aber korrekterweise hinzufügen, dass meine Mutter …“ Hier unterbricht die Dame mit dem Hütchen schroff: „Schon gut, Abraam. Schon gut. Wer will die ganze Geschichte deines Stammes hören? Am Ende landest du noch bei Adam und Eva, die bekanntlich in Afrika zu Hause waren! Genug! Mich nannte man zu Lebzeiten Luise. Aber das wissen Sie ja. Ich bin die Ermordete in Ihrer Akte. Lassen Sie mal sehen!“ und sie langt hinünber zum Dossier, fährt mit hastigen Bewegungen durch die Blätter und zieht

einige heraus. „Die hier!“ IMG_5792vIMG_6126     IMG_5809 IMG_5799ja, und schließlich, dank der Hysterie Ihres Klienten, dann auch die hier.“

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Unter normalen Umständen würde Emma erstens die Dame dahingehend korrigieren, dass es sich bei John nicht um einen Fall von Hysterie, sondern von Psychose handelt, und zweitens scharf gegen den Übergriff auf das Patienten-Dossier protestieren. Doch dies sind keine normalen Umstände, so viel ist ihr klar. Ihr ist schwindlelig. Die Anspannung der letzten Tage, vielleicht auch – aber das will sie lieber nicht denken – ihre allzu hoch gespannten Erwartungen Richtung Erkan fordern ihren Tribut. Ein kleiner Urlaub wäre am Platze. Sie wischt sich über die Augen, um den Spuk zu vertreiben. Aber die Dame lacht nur höhnisch: „Typisch! Nennt sich Psychologin, Seelenkundlerin, glaubt aber nicht an die Seele, sondern meint, das sei eine Ausscheidung der Drüsen, die sich beim Tod ihres Trägers auflöst. Kaum setzt sich eine solche Seele an ihren Tisch, hält sie sich für übergeschnappt.“

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Luises Seele (in gelb) zum Zeitpunkt ihrer Trennung von Luises Leib

Der höfliche Herr namens Abraam fügt, freundlich und verbindlich lächelnd, hinzu: „Gnädige Frau Emma, Ihre Verwirrung ist verständlich. Sie hat, seien Sie dessen versichert, keine persönliche Ursache, sondern ist in der andersartigen kulturellen Sozialisation von Ihnen, einer modernen Europäerin, und uns Afrikanern und, wenn Sie gestatten, auch der alten Hebräer begründet, die, wie Sie sicher wissen, einst ihren Gott in einer Feuersäule einhergehen sahen und später ….“. „Bitte, Abraam, du machst die Dame noch ganz verrückt mit deinen Stammesgeschichten. Siehst du nicht, wie sie schon nach Luft schnappt? Sie fällt uns noch um, bevor ich meine Geschichte loswerden kann!“ „Du hast recht, Luise, verzeih, ich verliere mich allzu gern in den fernen Zeiten des Beginns, als Afrika noch die Wiege der Menschheit und ein Paradies war. Als, wie mein Freund, der Dichter Victor, so wundervoll sagt, der fröhliche Lärm der Papageien die Wälder erfüllte und kein Hunger die Menschen heimsuchte. Als ….“ „Bitte, Abraam, kann ich nun endlich meine Geschichte erzählen?“ „Aber natürlich, liebe Luise, natürlich kannst du das.“ Und so ist auch dies gesagt, dies Natürlich kann ich das.

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Johns „Raub der Europa“ nach Max Beckmann

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