Der Aufstand der Dinge

Das Ding ist ein Stück bemaltes Papier,  ein Schnipsel von vielen, die  beim Zerschneiden alter Bilder entstanden. Ich halte es zwischen meinen Schattenhänden, prüfend.

IMG_5696x

Wozu ist das Ding gut? Es kommt ganz drauf an, was ich damit anfangen will. Ich bin die Herrin der Dinge – nicht umgekehrt. „Macht euch die Dinge untertan, wenn ihr nicht wollt, dass sie euch beherrschen“ – so heißt die Mahnung seit dem Beginn aller Zeiten.

So sei es. Ich mache mir Werkzeuge, ich bin eine Werkzeugmacherin.  Die schönsten meiner Neuschöpfungen hänge ich an die Wand. Ein eindrucksvolles Sortiment, nicht wahr? Feine Messer, Meißeln, Beile, Hacken, Spachtel, was immer ihr wollt und braucht. Das Ding, wo steckt es jetzt? Aha, es wurde zu einer leicht gebogenen Klinge, am zweiten Werkzeug von rechts.

IMG_5700

Ganz ruhig hängen sie allerdings nicht. Ich meine, eine gewisse Unruhe, eine Unzufriedenheit, ein Genörgel zu vernehmen. Dem einen gefällt sein Griff nicht, dem anderen ist die Schneide nicht recht, der dritte mokiert sich über seine Nachbarn. Es gibt auch eine Liebesgeschichte, aber das merke ich zu spät. Da ist die Revolte schon perfekt.

Au weia, das Ding wächst nun der verliebten Dame als Arm aus der Schulter.  Begeistert fliegt sie auf ihren scharfen Liebsten zu. Die andern: Adieu! die Welt ist groß, der Himmel weit.

IMG_5698

Die Geschichte des Dings geht noch weiter, es ist eine endlose Geschichte der Verwandlungen. Aber ich will eure Geduld nicht zu sehr strapazieren. Der Rest sei Schweigen.

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Commedia dell'Arte, Leben, Legearbeiten, Methode | Verschlagwortet mit , , , , | 6 Kommentare

Montag ist Fototermin: Music in the air

Music is in the air. Hören kann ich sie nicht, aber sichtbar machen, das geht.

photo 22

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie | Verschlagwortet mit , , , | 14 Kommentare

Das Ding II: Odradek

Ich möchte das Thema „Ding“ vom Mitmachblog  in dieser Woche teils ernst, teils scherzhaft umkreisen. Es ist ein ungeheuer wichtiges Thema. Die „Verdinglichung“, die für Karl Marx das Kernstück seines Leidens an den kapitalistischen Verhältnissen war – sie hat inzwischen enorme Ausmaße angenommen.

Mir scheint, Franz Kafka hat mit der Erzählung „Die Sorge des Hausvaters“ eine Parabel für diesen Verdinglichungsprozess geschrieben. Odradek – das sinnlose Ding, das zum handelnden Subjekt wird und den Hausvater vermutlich überleben wird.

Im Netz findest du eine Menge Versuche, dieses Ding Odradek zu zeichnen.

Ich beschränke mich hier auf eine Legearbeit: Der fragenden Mensch sucht die Pythia auf, die bei all der Fragerei nach Sinn und Zweck schon selbst zum Fragezeichen geworden ist. Und blind ist sie leider auch.

IMG_5246

Franz Kafka, Die Sorge des Hausvaters

Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von ihnen einen Sinn des Wortes finden kann.

Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt. Es sieht zunächst aus wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen; allerdings dürften es nur abgerissene, alte, aneinandergeknotete, aber auch ineinanderverfilzte Zwirnstücke von verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule, sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf zwei Beinen aufrecht stehen.

Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine zweckmäßige Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen dafür; nirgends sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas Derartiges hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich übrigens nicht darüber sagen, da Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen ist.

Er hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den Gängen, im Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist er wohl in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich wieder in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen. Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen Fragen, sondern behandelt ihn – schon seine Winzigkeit verführt dazu – wie ein Kind. »Wie heißt du denn?« fragt man ihn. »Odradek«, sagt er. »Und wo wohnst du?« »Unbestimmter Wohnsitz«, sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern. Damit ist die Unterhaltung meist zu Ende. Übrigens sind selbst diese Antworten nicht immer zu erhalten; oft ist er lange stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint.

Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit gehabt und daran hat es sich zerrieben; das trifft bei Odradek nicht zu. Sollte er also einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollern? Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung, daß er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Commedia dell'Arte, Kunst, Leben, Legearbeiten, Psyche, Schrift | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 15 Kommentare

Das Ding

Thema beim Mitmachblog ist in der kommenden Woche „das Ding“. Noch weiß ich nicht, um was für ein Ding es sich handelt, aber eine erste bildliche Annäherung fand ich schon unter meinen Zeichnungen:.

 

Es gibt da Menschen, die ihres Weges ziehen. Die Frau im Zentrum scheint einen schwarzen Tschador zu tragen und über einen weiten Platz, der halb im Schatten liegt, auf mich zuzuschreiten. An ihr vorbei und in die entgegengesetzte Richtung eilt schnellen Schritts ein Mann. Rechts und links von ihnen gibt es Personen, die stehen und schauen. Und dann gibt es eben, übergroß und ein wenig bedrohlich, das Ding.

Foto 2aa

Wenn ich nur wüsste, worum es sich bei dieser Szene handelt!  Was für ein Ding ist es?

Wenn du die Geschichte dahinter kennst: bitte, schreib sie mir auf!

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Kunst zum Sonntag, Leben, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , | 13 Kommentare

Happy days

Diese Legearbeit hat es gerade auf die Oberfläche meines Computers geschafft. Damit ich die einfachen Freuden des Sommers, denen sich die hiesige Menschheit dieser Tage hingibt, nicht aus dem Auge verliere: Geselligkeit, Bötchen fahren, Ball spielen, und eine Sonne wie ein Spiegelei.

Happy days (c) Gerda Kazakou

In Wahrheit ist dieses von den Athenern lang ersehnte Wochenende bös verregnet. Erst zog schwarzes Gewölk auf, dann begann Herr Zeus zu kegeln, und wenig später pladderte es vom Himmel. Herrlich! Die ausgedörrte Natur atmete auf und ich mit ihr. Jetzt duftet die Luft nach feuchter Erde und einer Vielzahl von Kräutern. Gibt es Schöneres als einen tüchtigen Sommerregen? fragte ich vergnügt und begann,  für meinen im Topf groß gewordenen Basilikum ein Loch zu graben. Nun steht er im noch feuchten Erdreich an einer Mauer.

Ich freu mich über den Regen und die Abkühlung, die er mitgebracht hat – aber ich möchte darüber nicht die Menschen vergessen, denen ihr kurzer Urlaub verregnet ist. Drum das Bild.

Veröffentlicht unter Allgemein, Leben, Legearbeiten, Natur, Psyche, Reisen, Vom Meere, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 20 Kommentare

Tage gleiten vorbei

Gedanken kommen und entschwinden. Menschen. Gesichter. Monde. Sie gleiten vorbei, sind schon nicht mehr da.

Frühling ging, Sommer steigt seinem Höhepunkt zu,  Herbst kommt. So sagt man. So fasst man zusammen, was sich nicht fassen lässt. Schau, schon verwelkt die Blume, die eben noch voll erblüht war, die eben noch Knospe war, die gar nicht war. Schon bildet sich eine neue Knospe am Ast. Schon rundet sich der Mond, schau, schon nimmt er ab.

Sei im Fluss, sei im Gleiten der Tage – so ermahne ich mich. Was du tagtäglich durch dich hindurchgehen lässt – Gedanken, Gefühle, Taten -,  der Strom des Lebens trägt es mit sich fort. Vieles ist Schutt. Das meiste sogar. Bruchstück, Versuch.  Beschau es noch einmal und lass es gehen. Und bitte darum, dass es nicht endlos herumschwappt, sondern verwest und zu Humus wird für neues Gestalten.

Veröffentlicht unter Allgemein, die schöne Welt des Scheins, Leben, Legearbeiten, Psyche, Umwelt | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 22 Kommentare

Selfie mit ….

 ….“mit was“ bzw „mit wem“?

IMG_7808 Wer oder was war dieser nächtliche Besucher, der, angelockt durch das Lampenlicht, sich auf meinem weißem Kleid niederließ?  Diese Frage beunruhigt mich.

War es vielleicht ein Außerirdischer oder doch nur eine Irdische? War es gar eine Abart der Musikanten, die die nächtliche Luft mit ihrem Gedudel und Gedöns durchwalken, damit sie am Morgen frisch gereinigt in meine Lungen fließen kann?

Meine Ahnungslosigkeit ließ sich auch durch Rückgriff auf das gesammelte Wissen des Netzes nicht auflösen. Denn um im Netz zu fischen, brauchst du einen passenden Angelhaken. Und den hatte ich nicht.

Ich versuchte es mit „Zikaden“. Da erfuhr ich, dass es, wenn überhaupt, keine Spitz-, sondern eine Rundkopfzikade war, von denen es  35 000 beschriebene Arten gibt. Und wenn meine späte Besucherin nun ausgerechnet zur 35 001. Art gehörte? Oder gar keine Zikade war (was ich fast befürchte)?

Rundkopfzikaden – Cicadomorpha (Cicadiiformes)

Der Grundbauplan der Cicadomorpha

Die Rundkopfzikaden stellen die größte Gruppe der Zikaden dar. Weltweit sind ca. 35.000 Arten beschrieben, die 11 bis 12 rezenten Familien zugeordnet werden. Diese Familien werden in drei Überfamilien eingeteilt Membracoidea, Cicadoidea und Cercopoidea. In Europa kommen 10 Familien mit ca. 1344 Arten in 283 Gattungen vor,[5] davon kommen in Mitteleuropa 673 Arten in 203 Gattungen aus 5 Familien vor[6] und in Deutschland sind 5 Familien mit 475 Arten in 166 Gattungen beheimatet.[7],

Wenn du Bescheid weißt, sag es mir bitte.

Mit Dank im Voraus.

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Leben, Natur, Psyche, Tiere, Umwelt | Verschlagwortet mit , , , | 6 Kommentare

Materie? Das war mal!

Materie im Sinne von fest, stabil, widerständig, verlässlich – die moderne Physik hat uns das Vertrauen in eine solche Möglichkeit lange schon ausgetrieben. „In Wirklichkeit“ gebe es gar keine Materie, sondern den Tanz der Elektronen, Neutronen und anderen ohnen.

Ist das so, fragte ich den Besenstiel, der neben der Hauswand lehnte. Bist du nicht fest, stabil, verlässlich? Und du, Ast von einem Baum, kann ich dich nicht berühren, umfassen  und, falls ein Einbrecher kommt, dich auf seinem Kopf zerschmettern?

staebe 2

Ja, ja, sagten sie. Ja.  Aber als ich sie „kritisch hinterfragte“ (so sagte man zu meiner Zeit gern), offenbarten sich ihre flüchtigen Naturen.

staebe 2 c

staebe 2 cc              staebe 2 d

Wie soll ich jetzt den Boden fegen und die Einbrecher vertreiben? Wie?

Veröffentlicht unter Allgemein, Commedia dell'Arte, Fotografie, Leben, Natur, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , , | 22 Kommentare

Für Ulli…

und  für alle, denen meine heutigen Bilder zu kühl waren und die sich über ein bisschen mehr Sonne und Wärme freuen würden …

einen herzlichen Abendgruß mit Sonnenuntergang über meiner Bucht. IMG_7764

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Leben, Natur, Psyche, Vom Meere, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , | 28 Kommentare

Hitze

An Tagen wie diesem, wenn die Hitze jeden frischen Gedanken verdunstet, bevor er sich herauskristallisieren kann, sehne ich mich manchmal nach dem grauen Meer meiner Kindheit.  Die Wolken hängen tief und vermischen sich mit dem Wasser, und in der weichen nebligen Atmosphäre torkeln die dunklen Masten der Boote.

Traum von der offenen See, b

Doch solche nostalgischen Anwandlungen vergehen mir rasch, sobald ein frischerer Abendwind die drückende Schwüle auflöst und mit sich davonträgt. Dann kann ich mich wieder an den klaren Konturen und den fröhlichen Farben des Südens erfreuen.

Boote original aBoote im Hafen

(Alle drei Bilder stammen aus dem Jahr 2008 und sind mit Akryllpigmenten, Wasser und Leim auf Leinwand gemalt)

Veröffentlicht unter Allgemein, Kunst, Leben, Malerei, Natur, Psyche, Träumen, Umwelt, Vom Meere, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 19 Kommentare