„Es gibt so viele Wege und mir scheint, viele münden dort, wo sich Gedanken und Gefühle treffen, die sich miteinander verbunden fühlen“, schrieb Bruni8Wortbehagen in einem Kommentar zu Ulli (Reisenotizen 4, In der Blase).
Es gibt so viele Wege – wahrhaftig.
Heute führte mich mein Weg in ein Dorf. Ich kannte zuvor weder das Dorf noch den Weg noch seine Geschichte. Der Weg führt von Alt Messene unter dem „Arkadischen Tor“ hindurch (vorbei an dem herabgestürzten Torbalken) und hinab in eine liebliche Landschaft.

Arkadisches Tor, aufgenommen am 1.Okt.2008
Eigentlich fuhr ich dies Sträßchen nur entlang, um der Hitze zu entkommen, die mir beim Übersteigen der Befestigungsanlagen von Alt-Messene fast den Verstand geraubt hatten.
Dass ich bei der mörderischen August-Hitze überhaupt in Alt-Messene war, lag an einer Verabredung, die mein Mann mit Athener Freunden getroffen hatte. Sie wollten das Ausgrabungsgelände sehen, das ich zur Genüge kenne, auch hatte ich den Hund dabei, der nicht mit hinein darf, also machte ich mich selbständig und fuhr zur Außenummauerung.
Ich kletterte ein bisschen dort herum (auch Tito, den ihr aus dem Gemäuer herausschauen seht),
stieg dann ins Auto und nahm dieses verlockende Sträßchen hinab ins Tal. Immer schon wollte ich es erkunden. Nach einigen Kilometern erschien ein Dorf, und ein Kafeneion lag im Schatten riesiger Platanen. Einige Männer saßen dort, wie sie halt in den traditionellen Cafes sitzen: nebeneinander an der Wand entlang und an den Rändern des Platzes, nippten an ihrem Getränk, ließen ihr Goboloi in der Hand kreisen oder stützten sich auf ihren Hirtenstab, warfen sich ihre Bemerkungen zu. Ich wurde nach meinem Woher befragt und bekam meinen leicht gesüßten griechischen Kaffee, und, da ich hungrig war, brachte mir die Wirtin, eine schwere freundliche Frau mit unangezündeter Zigarette im Mundwinkel, Brot und wohlschmeckenden gelben Käse. Einen Euro wollte sie als Bezahlung.
Gegenüber lag eine kleine Taverne. Vielleicht wäre es nett, mit unseren Freunden dort zu essen? Ich ging rüber und fragte, was sie hätten. Omelette, Schnitzel und Bakaliaros (Hechtdorsch) könnten sie anbieten. Erst am Abend würde der Grill in Gang gesetzt.
Zurück in Alt-Messene traf ich meinen Mann und das befreundete Paar samt kleinem und großem Sohn. Wir beratschlagten, wo wir essen wollten. Ich erwähnte das Lokal, und mein Vorschlag wurde angenommen.
„… viele Wege münden dort, wo sich Gedanken und Gefühle treffen, die sich miteinander verbunden fühlen“ – so zitierte ich Bruni. Und ja, so ist es. In dem Dorf, das ich zufällig oder vielleicht auch nicht zufällig, sondern einer Stimme des Herzens folgend, entdeckt hatte, stand das Vaterhaus eben der Freundin, die jetzt mit uns war. Sie wusste das natürlich. Aber den Vorschlag, dort hin zu fahren, den machte sie nicht. Wielange sie wohl schon nicht mehr dort gewesen war, und warum nicht? Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nichts von ihrer Lebensgeschichte. (Freundin sage ich und empfinde ich, wenngleich wir uns nur gelegentlich bei geselligen Anlässen treffen). Bruchstücke der Geschichte erfuhr ich nun heute. Denn das leerstehende Steinhaus, vor dem wir unsere Autos abstellten, war das Geburtshaus ihres Vaters.
Die Wirtsleute sind aus einem anderen Dorf. Sie haben 37 Jahre lang in Deutschland gearbeitet, beziehen ihre Rente von dort. „Deutschland hat sich anständig zu uns verhalten“, sagt der Mann. Im Innenraum ist eine Wand von oben bis unten mit gerahmten Schwarz-Weiß-Fotos bedeckt. Auf einem sind drei Männer abgebildet, mit Tüten in der Hand. Sie gehen nach Belgien, um Arbeit zu finden. Der eine der drei ist der Vater der Freundin.

Und die Straße? Der Weg, den wir eben vom Arkadischen Tor hierher gefahren sind? Den haben Frauen des Dorfes in „freiwilliger Arbeit“ gebaut, damals, als die Männer in die Ferne zogen.
Wie stolz sie da stehen mit ihren Hacken und manche mit nackten Füßen! Auf dem Weg, den sie gebaut haben, „wo sich Gedanken und Gefühle treffen“, sind wir gekommen.
Der kleine Sohn der Freundin, noch keine zwei Jahre alt ist er. Er spielte vergnügt in dem Sandkasten des Lokals, nicht wissend, dass eben hier, an dieser Stelle wohl auch sein Großvater gespielt hat, den er nie kennenlernen wird. Die Fotos von dem Kind will ich nicht zeigen (tue ich nie) – das Omelett, das ich verspeiste, muss euch als Ersatz dienen.
Von dem Tavernenhof blickt man aus dem Schatten der Bäume hinaus auf das sonnenheiße Land. Ich schaute lange hinab und hinein in die Landschaft, mit bewegtem Herzen und mit Gedanken, die vieles miteinander verbanden: All die Geschichten vom antiken Messenien bis heute, immer wieder Vertreibung, Auswanderung und Neubeginn, immer wieder den Boden bearbeiten, die Herden über die Berge treiben, die Felder bestellen, die Ernten einbringen. Egal was sonst geschieht – dies muss immer geschehen, damit wir Leben haben.
