Rilkes Dinge – und die Menschenwelt

MitmachBlog

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Rainer Maria Rilke, aus: Die frühen Gedichte (Gebet der Mädchen zur Maria)

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Zerberus (Zerberus)

Hat Rilke recht? Ist ein Berg ein Ding? Ist ein Hund ein Ding? Und ein Haus, was ist das? Hat es eine Seele? Können Dinge singen? Kann man Dinge umbringen?

Meine vorläufige Antwort: Berge, Hunde, Häuser sind keine Dinge. Denn, ja, sie haben eine…

Ursprünglichen Post anzeigen 273 weitere Wörter

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Legearbeiten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

33 Antworten zu Rilkes Dinge – und die Menschenwelt

  1. Christiane schreibt:

    Ich frage mich, ob Rilke den Dingen nicht auch eine Seele zusprach. Denn sie singen …

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    • gkazakou schreibt:

      Sicher, das tat er. Ich bestreite aber, dass die von ihm genannten Hunde, Berge und Häuser Dinge sind – gerade weil sie eine Seele haben.
      Die Menschen MACHEN SIE ZU DINGEN.

      Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Ich bin mir bewusst, dass Rilke auf den Verdinglichungsprozess hinweisen wollte, der durch die Sprache (Benennung) in Gang gesetzt wird. Darum nennt er Hunde etc „Dinge“. Ich aber nenne Dinge nur das, was sich aus dem Lebensprozess verabschiedet hat. (Verdinglichung nicht durch die Sprache, sondern durch die Lebenspraxis: wenn sich der Mensch ein Lebendiges unterwirft, macht er es zum Ding. Die Erde, das Meer, das Tier, und der Mensch werden als Ding be- oder gehandelt)

      Gefällt 4 Personen

  2. karfunkelfee schreibt:

    Das Ding, was der Mensch erfassen will, benennt er alsbaldigst, damit es ihn aufhört zu ängstigen in dem was es alles nicht sein könnte…

    José Saramàgo ließ ein Sofa fiebern, mein alter R4 sprang nicht nur per Choke an, sondern zündete auf ermunternden Zuspruch wenn er gute Laune hatte…
    Dinge singen, oh ja.
    Mein Kühlschrank zum Beispiel…oder mein Wasserkessel wenn er siedend summt bevor er flötet. Manche Dinge singen laut und andere wie meine kleine goldene Eule am Arm ganz leise und schön.

    Liebe Grüße und feines Zusammenspiel von Text und Bild✨

    Gefällt 3 Personen

  3. kunstschaffende schreibt:

    Wenn man bedenkt, dass im gläubigen Deutschland z.B. ein Hund und andere Tiere, nach dem Gesetz, immer noch ein Gegenstand (Ding) ist, dann zeigt dies das gesellschaftliche Niveau, so finde ich jedenfalls! Und es geht noch viel schändlicher weiter, denn Kinder aus gewissen Religiongruppen werden völlig legitim wie ein Ding gehandelt.
    Was ist dass nur für eine Welt?
    Verdinglichen sollte sich die Menschheit, dann wäre diese Welt besser!

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  4. hafenmöwe schreibt:

    vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag. Ich schreibe gerade mit einem ungewohnten Schreibgerät, einem eigenwilligen Ding, dass, evtll. gerade eben etwas noch nicht fertig Geschriebenes gepostet hat, nun denn, ich folge ihm mal auf dem Fuß: Rilke mit Schnipselfiguren und Reflexion; das tut gut in dieser schnellebigen Zeit! …. Da fällt mir ein:
    Es ist schon eigenartig, wie es heißt, jede/r solle sein Ding machen. Und dass diese Redewendung soviel Resonanz findet.

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    • gkazakou schreibt:

      Grüß dich, Hafenmöwe! Schon eine Weile folgst du mir, ich sehe deine weißen Schwingen dunkel gegen das Licht. Ein eigenwilliges Schreibgerät hast du? Den Eigenwillen hat es vielleicht von seiner Benutzerin abgeguckt. Sogenannte Dinge tun das oft.
      Sein Ding machen – hab ich schon gehört, aber es gehört nicht in meinen Sprachschatz. Es scheint mir ein Verlegenheitswort zu sein, wenn man sich scheut, altehrwürdige Wörter zu benutzen, obgleich man was Altehrwürdiges wie „Selbstverwirklichen“ oder „Leben“ sagen will. Gute Nacht mit Mondeshelle! Gerda

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      • hafenmöwe schreibt:

        Guten Morgen Gerda, es freut mich, von Dir zu hören und mit Deinen malerischen Worten sehe ich mich in einem völlig neuen (beschwingetn) Licht… – nun: ich verwende den Ausdruck „mein Ding machen“ auch nicht, nicht nur wegen dem „Ding“, auch wegen dem „machen“. Die Mondeshelle ist angekommen“ . Ein Sonnengruß aus dem Sessel zurück an Dich von Doris.

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      • gkazakou schreibt:

        Freut mich, Doris Hafenmöwe! Der Name gefällt mir zu gut, denn Hafenmöwen gehören zu allen besten Momenten meines Lebens. Auch von hier (Mani, Südpeloponnes) ein Sonnengruß! Gerda

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  5. Ulli schreibt:

    Ich verstehe es etwas anders, wir haben für manches keine Worte, dann reden wir von den Dingen, den Dingen, die auch Seelen haben, die singen können, wie Wolken das können und Vögel und die Erde-
    egal was dem Menschen begegnete, zuerst war es ein Etwas, ein Ding und dann gaben sie den Dingen Namen und Worte, machte Zuschreibungen und nahmen gerade damit so manchem „Ding“ die Seele und das eigene Lied.

    Und wenn ich einen Tisch zerhacke, dann bringe ich ein Ding um, oder?
    Wenn ich ganz genau hinspüre, dann hat alles für mich eine Seele, ob Hund, ob Tisch, ob Glas, ob Pflanze, ob Mensch, ob Meer, ob Berg, ob Baum – du weisst schon!

    liebe Nachtgrüsse
    Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Ulli, ich glaube, wir sehen es gleich. Vielleicht habe ich in meinem Text zu viel um die Ecke gedacht. Ich sage: Was eine Seele hat, ist kein Ding. Alles Geschaffene, Geborene und Gewordene hat Seele, ist daher kein Ding. Ein Hund ist kein Ding, ein Berg auch nicht.
      Du hast schon recht, dass wir oft etwas, das wir nicht näher kennen, erst mal als Ding bezeichnen. Wer das tut, grenzt aus dem Strom des Lebendigen ein Etwas heraus, isoliert es, macht was Begrenztes (Definiertes) daraus. Das ist der Beginn der Verdinglichung, mit der Mensch die Welt denkend, sprechend überzieht. Hat Mensch ein Etwas bezeichnet, kann er es handhaben, beherrschen – oder zumindest versuchen, dies zu tun.
      Für die frühe Menschheit war alles beseelt, stand alles in lebendigem Zusammenhang untereinander und zum Menschen….
      Nun muss ich weg, wir machen einen Ausflug nach Alt-Messene. Grüß dich! Gerda

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      • Ulli schreibt:

        Liebe Gerda, ich stimme dir in allem zu. Gestern Abend war ich einfach zu müde, um noch auf die oberen Kommentare einzugehen, die ich erst nach meinem eigenen Kommentar gelesen habe. Darin hast du ja schon wunderbar das Beseelte und die Verdinglichung dargestellt, dem ist nichts hinzuzufügen!
        Ich wünsche dir einen feinen Ausflug. Ich fahre jetzt zu meiner Familie und ab morgen beantworte ich auch wieder alle Mails🙂
        liebe Grüsse
        Ulli

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  6. textstaub schreibt:

    Alles soviel Sinn wie wir im geben.

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  7. textstaub schreibt:

    Bei allen Ding Worten & Sätzen fällt mir dazu momentan nur ein:
    Alles soll Seele haben und die Betrachtung weggehen vom Ding.
    Und dann darfst du 3 Stunden in einem abgewetzten Flur in einem Krankenhaus warten und bemerkst schon nach 10 Minuten / hier bist du DING.
    Sehr absurd.

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  8. teggytiggs schreibt:

    …ich mag Rilkes Worte…alles benannte wird mit diesem Namen begrenzt…hat es einen Namen, dann kann es keinen anderen mehr tragen, dann ist es den Eigenschaften dieses Namens verbunden…und Grenzen beengen auch unsere Vorstellung…

    …ich bin dafür, allem eine Seele zuzusprechen…halte ich meinen Tisch für beseelt, dann wird er sich bei mir besser fühlen und ich mich mit ihm auch, haben Dinge eine Seele, werden sie besser behandelt und mehr geachtet…erst was für seelenlos und leblos gehalten wird, erst mit dem kann man machen, was man will…

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      So empfinde ich es auch. Wenn ich meinem Stuhl oder Hemd oder Computer eine Seele zuspreche, kommen sie mir ganz anders entgegen. Vielleicht ist der Ausdruck „Seele“ irreführend. Vielleicht ist es besser zu sagen, ich erweitere mein seelisches Feld und nehme auch die Gegenstände mit hinein. So wie die Menschen, Tiere und Pflanzen und alle Erscheinungen der Welt.
      Jeder weiß, was es heißt, wenn man zum Ding gemacht wird (s. Kommentar von Textstaub). Warum nicht auch den umgekehrten Vorgang – die Beseelung – ausprobieren?

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      • teggytiggs schreibt:

        …das gefällt mir gut zu sagen, ich erweitere mein seelisches Feld…einer solchen Beseelung können dann auch Gegenstände nicht widerstehen, sie werden anfangen sich uns nicht mehr zu widersetzen und besser funktionieren, wie ja auch Pflanzen besser wachsen, wenn man sie liebt…

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  9. bruni8wortbehagen schreibt:

    Nun bin ich zu müde zum Kommentieren, aber ich komme im Hellen wieder,
    denn bei Rilke MUSS ich wiederkommen *lächel*

    Er hat sehr bewußt von den Dingen gesprochen u. gleichzeitig klargemacht, daß es sich dadurch schon um einen *Tötungsakt* handelt, der den Dingen die Seele abspricht – so lese ich es.
    Aber ich muß nochmal lesen, obwohl ich gerade dieses Gedicht gut zu kennen glaubte.

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  10. bruni8wortbehagen schreibt:

    Was mir immer bei diesem Gedicht auffällt, ist diese gewaltige Schönheit, auch wenn ich das Wort Gewalt schon nicht mag, aber hier benutze ich es mal, weil ich nicht grandios schreiben wollte.

    Die Menschen nennen alles beim Namen, zerreden die Wunder und ihr Spott macht auch noch das schönste aller Wunder kaputt. Ehrfurcht vor Großem, vor Göttlichem, kennen sie nicht, sie fühlen sich viel zu groß.

    Und nun nimmt er das Wort Ding, um herauszustellen, wie sehr der Mensch das Innere der Sachen und Dinge unterschätzt, von denen er umgeben ist. Seelenlos scheint er zu sein, das Gespür für das Wesen der Dinge geht ihm völlig ab. Wenn Dinge singen, sind sie schon keine Dinge mehr, sondern Freunde, mit denen wir behutsam umgehen sollten. Die Fee hat es u.a. auch mit dem Teekessel wundervoll beschrieben *lächel*
    Aber es ist das Singen der Stille, das Singen der Wunder, die wir hüten sollten, damit sie weiterleben und nicht zu den Wegwerfartikeln zählen, die uns nichts wert scheinen.

    Du stellst eigentlich zur Diskussion, ob Tiere z.B. unter Dinge zählen und in meinen Augen sind sie es natürlich nicht und auch weder Gräser noch Bäume. Die Natur lebt und Dinge sind leblos.

    Aber Rilkes Worte wollen ja etwas anderes deutlich machen.

    Deine Worte, Gerda, so denke ich, greifen sehr ins Philosophische und es gefällt mir sehr, aber mit Rilkes Worten hat es doch eigentlich nichts mehr zu tun. Oder irre ich mich hier?

    Im Grunde schreibe ich hier nur, was mein Gefühl mir eingibt.

    Liebe Mittagsgrüße von mir

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  11. gkazakou schreibt:

    Jetzt ist mir mein Kommentar abhanden gekommen. Also noch mal von vorn. Zuerst mein Dankeschön. Dann: meine Gedanken zu den Dingen haben und haben nicht mit Rilkes Ding-Verständnis zu tun. Ich meine, das „Umbringen der Dinge“ geschieht im Kontext der allgemeinen Verdinglichung, der der Mensch unterworfen wird, wenn er nicht sein lebendiges Gefühl dagegen stellt. Wenn der Mensch dem Menschen ein Ding, ein Objekt oder Gegenstand ist, ist ihm auch alles andere ein Ding. Rilke ist es vor allem um die Sprache zu tun – weil ihm als Dichter die Verdinglichung des Denkens am schmerzhaftesten zu Bewusstsein kommt. Wenn ich zB das Altgriechische mit dem Neugriechischen vergleiche, fällt dieser Prozess deutlich ins Auge (Verbformen, an denen die Sprache reich wär, verschwinden u vieles mehr. Schau mal in meinen Beitrag zu Sappho). Im Deutschen ist der vermehrte Gebrauch von Substantivierungen u von „haben“ statt „sein“ bemerkbar….. Mir geht es mehr darum zu zeigen, wie dies Denken sich im gesellschtlichen Handeln auswirkt. Letztes aktuelles Beispiel: die Handhabung der Flüchtlingsfrage“. Marx sprach von der Verdinglichung der menschlichen Beziehungen, vom Warencharakter. Dafür brauchte er tausend Seiten.
    Es ist schwer, das Wesentliche in wenigen Worten zu sagen. Das muss ich noch üben. Liebe Grüße G

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