Grautöne (Der Nachtzirkus*)

Der Nachtzirkus, Kapitel „Grautöne. London 1874“. S. 27-29*

Das Gebäude ist so grau wie der Gehweg davor und der Himmel darüber, und es wirkt so unbeständig wie die Wolken, als könnte es sich jederzeit in Luft auflösen. Durch den unscheinbaren grauen Stein ist es von den umliegenden Häusern kaum zu unterscheiden, nur ein mattes Schild über der Tür hebt es ein wenig hervor. Selbst die Schulleiterin im Inneren ist in dunkles Anthrazit gekleidet.
Trotzdem wirkt der Mann im grauen Anzug fehl am Platze.
Sein Anzug ist streng geschnitten. Der Griff seines Gehstocks unter den makellosen Handschuhen zu blank poliert. (….)

Der Mann im grauen Anzug unterschreibt Papiere und beantwortet Fragen der Schulleiterin. Und obwohl sie die Antworten nicht alle versteht, setzt sie der Abwicklung des Geschäfts nichts entgegen. – Als der Junge fertig ist, verlässt er mit dem Mann im grauen Anzug das graue Steingebäude und kehrt nie wieder dahin zurück.

Diesmal habe ich die Rückseite meiner Legefläche benutzt;  es handelt sich um graue, mit einer Kohlezeichnung übergangene Pappe. Die Kohlezeichnung, 70 x 100 cm groß, habe ich früher mal veröffentlicht . Sie ist inzwischen ein wenig ausgeblichen. Als Legematerial habe ich die nun schon bekannten Schnipsel von Jürgen benutzt.

Ein Bildausschnitt mit dem Mann und dem Jungen, zur Abrundung:

*Ich zitiere aus dem Buch „Der Nachtzirkus“ von Erin Morgenstern, in der deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit erschienen 2012 bei Ulstein.

 

 

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Konstantinos Volanakis, Meeresmaler 19. Jahrhundert

Meinen heutigen Zahnarztbesuch krönte ich durch einen Besuch der Ausstellung des „Pateras tis Thalassographia“ (Vaters der Meeresmalerei)  Konstantinos Volanakis im Gebäude der „Theoharakis-Stiftung für Kunst und Musik“, im Athener Zentrum.  Nicht, dass ich ein besonderer Fan dieser Malerei wäre. Aber Ehre, wem Ehre gebührt. Er verstand sein Handwerk! Außerdem sind die Bilder historisch interessant.

Volanakis lebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und studierte an der Münchner Akademie der Künste Malerei. Er spezialisierte sich auf Meeresbilder mit malerischen Segelschiffen, Häfen und Seeschlachten. So konnte er sich, nach Athen zurückgekehrt, einigermaßen durchschlagen und seine Frau und die vielen Kinder ernähren.

Von den insgesamt 70 ausgestellten Bildern möchte ich euch ein paar zeigen. (1-2) Eine idyllische Bucht mit ankernden Schiffen und aufgetakeltem Großschiff und ein Ausschnitt davon mit sich spiegelnden Häusern, wie man sie auch heute noch sieht. (3-4-5) Der Hafen der mittelgriechischen Stadt Volos (gegen Ende des 19. Jahrhunderts) mit zwei Bildausschnitten. Es gibt – man staune – bereits eine von Pferden auf Gleisen gezogene Straßenbahn. (6-7) Ein Großsegler und ein Fischerboot mit Netzeflickern, letzteres auch als Ausschnitt fotografiert, um die Spiegelung in der Pfütze zu zeigen.

Und noch ein paar Idyllen, bis – auf  dem letzten Foto – ein moderner Raddampfer das Ende der unter Segeln reisenden Handelsschiffe ankündigt.

 

Mit solchen Bildern konnte der Maler nur wenig Geld verdienen. Im staatlichen Auftrag gemalte oder zu Wettbewerben eingereichte Seeschlachten waren da schon einträglicher. Besonders beliebt waren natürlich Schlachten, bei denen die türkische Flotte vernichtet wurde. Auf dem letzten Bild: die Schlacht von Navarino (1827 bei Pylos, ich habe bisweilen davon erzählt), die Griechenland nach 400 Jahren osmanischer Herrschaft seine Unabhängigkeit zurückgab und zur Gründung des neugriechischen Staates führte. Angesichts des erneuten Säbelrasselns des türkischen Nachbarn (da ist die Rede von „osmanischer Ohrfeige“ und von der „griechischen Mücke“, die man zerquetschen werde), verliert diese Thematik ihren idyllischen Charakter und gewinnt beklemmende Aktualität.

 

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Die Garderobe des Zauberers. (Der Nachtzirkus*)

Der Nachtzirkus, Kapitel: „Eine Wette unter Ehrenmännern“, S. 17*

Am Ende des Flurs klopft er (Anm.: der Besucher, Prosperos Rivale) mit dem Silberknauf seines Gehstocks an eine Tür. Die Tür fliegt auf wie von Geisterhand und gibt den Blick frei auf eine unaufgeräumte Garderobe, gesäumt von Spiegeln, die Zauberer Prospero aus unterschiedlichen Blickwinkeln zeigen. – Sein Frack liegt unordentlich auf einem Samtsessel, die Weste über seinem spitzenbesetzten Hemd steht offen. Der Zylinder, während der Vorstellung ein wichtiges Requisit, befindet sich auf einem Hutständer. – (…) Das Gesicht in den Spiegeln ist faltig, sein Haar schon sehr grau (…)

Die Garderobe des Zauberers (c) Gerda Kazakou, 2018

Ich habe das Original mehrfach überarbeitet, um größere Kontraste und mehr Zauber-Atmosphäre hinzukriegen. Hier vier Detail-Fotos und fünf Überarbeitungen. Wenn du anklickst, öffnet sich die Galerie.

*Ich zitiere aus dem Buch „Der Nachtzirkus“ von Erin Morgenstern, in der deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit erschienen 2012 bei Ulstein.

 

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Der Nachtzirkus, „Unerwartete Post“*

Der Nachtzirkus, Teil I, Kapitel „Unerwartete Post“, S. 13-14*:

Der Direktor bringt ihr einen Tee mit einem Extrastück Zucker, den sie aber nicht trinkt, sondern kalt werden lässt. Das Mädchen rührt und regt sich nicht auf seinem Stuhl. Mit auf dem Schoß gefalteten Händen sitzt sie mucksmäuschenstill da. Ihr Blick ist auf ihre knapp über dem Boden baumelnden Stiefel gerichtet. Die Schuhspitze ist abgewetzt, aber sie sind tadellos gebunden. Der versiegelte Umschlag bleibt am zweitobersten Knopf ihres Mantels hängen, bis Prospero eintrifft.

Sie hört ihn, noch ehe sich die Tür öffnet, denn im Gegensatz zum vorsichtigen Gang des Direktors, der mehrmals wie auf Samtpfoten ein und ausgegangen war, hallen Prosperos schwere Schritte im Gang wider.

„Da ist noch eine – ähm – Sendung für Sie“, sagt der Direktor (….). Der Zauberer steht in seinem weißgesäumten Samtumhang mit einem Stapel Briefe in der Hand im Büro und  (…).

Zur Szenerie gehören auch die „unbändigen braunen Locken“  des Mädchens, das Celia heißt und etwa fünf Jahre alt ist, und natürlich der Zylinder des Zauberers. *

Der Nachtzirkus, „Unerwartete Post“ (c) Gerda Kazakou 2018. Legebild auf weißlicher Pappe 70 x 100 cm, mit Schnittresten aus Jürgen Küsters Werkstatt.

Bei Legearbeiten ist es wie im wirklichen Leben: man muss etwas aus dem machen, was man hat. Gar nichts nützt es zu sagen: Mir fehlen die Mittel. Wie soll ich den Samtumhang mit der weißen Bordüre, wie die mal dunklen, mal hellen Augen von Vater und Tochter, wie die Teetasse oder die „üppigen Locken“  mit Jürgens Schnipseln darstellen? Kann ich nicht was Neues schneiden oder was zeichnen? Klar, könnte ich, aber: ich will ja gerade zeigen, was sich aus dem beschränkten vorhandenen Material machen lässt. Wie im Leben eben.

 

*Ich zitiere aus dem Buch „Der Nachtzirkus“ von Erin Morgenstern, in der deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit erschienen 2012 bei Ullstein.

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Der Nachtzirkus (danke, Bruni!)

„Der Zirkus kommt überraschend.(…) Plötzlich ist er da, wie aus dem Nichts.“  Wie aus dem Nichts kam heute ein Päckchen für mich an, das enthielt ein Buch. „Der Nachtzirkus“ von Erin Morgenstern / Ullstein-Verlag 2011.

Ich beginne zu lesen.

„Die hohen Zelte sind schwarzweiß gestreift. Gold und Purpur fehlen. (…) Schwarzweiße Streifen vor grauem Himmel, eine farblose Welt aus Zelten in unterschiedlichen Formen und Größen, umschlossen von einem kunstvoll geschmiedeten Eisenzaun. Selbst die wenigen Flecken Erde, die man dahinter sieht, sind schwarz oder weiß, bemalt oder bestäubt oder mit einem anderen Zaubertrick gefärbt. Für Besucher war er nicht geöffnet. Noch nicht (…).

Die Leute bestaunen die schwindelerregende Höhe einiger Zelte und blicken auf eine große Uhr über dem Eingangstor, die sich schwer beschreiben lässt. (… )

(…) gegen Abend hat sich vor dem Eingang schon eine beträchtliche Menschenmenge versammelt. Natürlich bist du auch darunter. Deine Neugier hat wie immer gesiegt (…).

Das Gelände wirkt leer und verlassen (…). Die Sonne verschwindet hinter dem Horizont.(…).  Ein Kind neben dir ….“

Ließe sich nicht mit Jürgens dunklen Schnittresten ein Bild legen, das diese Atmosphäre wiedergibt?

Gelegt aus Schnittresten, die mir Jürgen Küster schickte, auf einer weißlichen Legefläche 70 x 100 cm.

Hier nun vier Detailansichten und vier Fotoshop-Bearbeitungen. Bitte anklicken!

DANKE, Bruni, für dieses wunderbare Geschenk!

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3 x Portrait

Zum Vergrößern bitte anklicken!

Anmerkung: aus einem geistigen Wesen wird durch stärkere Rahmung (Verfestigung) eine Person.

Material: ein paar von Jürgen Küsters Schnittresten, gerissener Umschlag, Legefläche 70 x 100.

Bearbeitungen des dritten Portraits mit distort-Filter :

 

 

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Karneval der Bäume

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Ein Wunder ist geschehen

Wo befinden wir uns hier? Klick mal die Bilder an und versuche, zu verstehen,  wo du stehst, während du dies siehst. Na?

Drehst du dich um deine eigene Achse, hast du folgende Aussicht:

Oder vielleicht auch diese:

Und wenn du, wie ich gestern, deinem Blick folgst und hinabwanderst von dort, wo du dir hattest den Meereswind um die Ohren fegen lassen, gerätst du in einen ausgedehnten durchsonnten griechischen Garten mit großen Olivenbäumen, Lavendel, Rosmarin und vielen vielen anderen Kräutern. Wunder über Wunder!

Ich war gestern zum ersten Mal dort und staunte Bauklötzer. Denn eben hier war ich vor ein paar Jahren entlanggestolpert zwischen Müllhalden und primitivsten Bauten, Morast und Schutt. Und jetzt dies.

Und nun verrate ich auch, wo du stehst, wenn du da hinausschaust auf das Meer bis zu den Saronischen Inseln oder hinüberschaust zur Stadt Athen mit der Akropolis und dem Lykabettos, dahinter die Berge. Du stehst auf einem Gebäude, das der große italienische Architekt Renzo Piano entworfen und die Stavros-Niarchos-Stiftung realisiert hat. Ein neues Opernhaus für Athen, eine neue Unterkunft für die Nationalbibliothek, ein riesiges Erholungsgebiet zum Spazierengehen, Spielen, Segeln. Ja, auch segeln kannst du dort auf dem Kanal, den du auf dem mittleren Bild siehst.

Das ganze wunderbare Werk wurde im März 2017 der öffentlichen Hand übergeben.  Planung, Durchführung, Finanzierung aber waren in der Verantwortung der gemeinnützigen Stiftung, die Stavros Niarchos (1909-1996) gegründet hat. Er war Reeder wie Aristotelis Onassis, und so reich wie dieser. Die beiden versuchten sich zu Lebzeiten ständig zu übertrumpfen. Nun hat Stavros Niarchos es geschafft, den alten Rivalen posthum auszustechen. Denn dieses Werk ist so wunderbar, dass die Onassisstiftung mit ihrem durchaus eindrucksvollen Kulturzentrum dagegen fast popelig wirkt.

In der Oper war ich noch nicht drin – sie muss gradios sein. Die Bibliothek bestaunte ich gestern. Denn ja, seit einem Jahr ist das Zentrum für die Bevölkerung zugänglich, und es finden ständig Veranstaltungen dort statt – aber es liegt am anderen Ende der Stadt und ich konnte mich bisher nicht aufraffen, diese kleine Weltreise zu unternehmen. Gestern, nach dem Karneval in Moschato, war es dann nur ein Fußweg bis dort hin.

Und nun, wo ich den Weg kenne, werde ich sicherlich öfter hinfahren.

 

 

 

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Karneval in Moschato.

Heute war ich mit einer Freundin Karnaval gucken im Athener Stadtteil Moschato. Da gab es keine großen Wagen und aufregenden Kostüme, keine politischen Statements und Büttenreden, aber die Sonne strahlte, ein kräftiger Wind blies vom Meer und die Kinder waren reizend anzusehen.

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sich annähern, sich verbinden (neue Legearbeit)

Das Thema „verbinden – verbunden sein“ spukt weiter in meinem Kopf herum, und so legte ich heute ein Bild mit Schnipseln aus Jürgen Küsters Werkstatt, machte noch eine zweite Version, indem ich die erste mit Umschlag-Fetzen anreicherte, und jagte die Fotos dann durch fotoshop-Filter.

Zunächst die beiden Legearbeiten: Du siehst, dass es verbundene und unverbundene Teile gibt.

Und hier nun elektronische Varianten der Annäherung und Verbindung.

Bild eins: sie erzittern, erglühen für einander, verschmelzen und erkalten, untrennbar verbunden.

Bild 2. Sie machen Konversation, sie ereifern sich, sie fetzen sich in Argumenten, sie ermatten und werden sich gleichgültig.

Vielleicht ist es so, vielleicht ist es anders. Du kannst es gern auch anders sehen.

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