Kunst am Sonntag: Ein Gentleman in Moskau, ein schwarzes Viereck und „der Geist, der stets verneint“

Eben las ich eine heiter-genüssliche Buchbesprechung von Ulrike Sokul: „Ein Gentleman in Moskau“ von Amor Towles und ich dachte: Nanu, den Titel kennst du doch, aber anders! Und tatsächlich gibt es ein Bild von Kasimir Malevitch „Un Anglais a Moscou“ (ein Engländer in Moskau).

In dem Roman, so erzählt Ulrike, wird ein russischer Graf „wegen des Verbrechens, ein Aristokrat zu sein“, 1922 zu lebenslangem Hausarrest im Hotel verurteilt. Was weiter geschieht, lest ihr besser bei Ulrike oder im Roman selbst. Mir geht es um das Gefühl der Absurdität, das in der Romanhandlung ebenso wie in Malevitchs Bild  (1913-14) so deutlich wird. Stilmittel ist die Juxtaposition völlig disparater Elemente: ein aristokratischer Säbel kreuzt sich mit einem Kerzenständer, eine Kirche, eine Leiter, ein Stück Säge, Buchstabenfolgen treiben durchs Bild, ein weißer Fisch lächelt im Zentrum, dahinter wird ein Gentleman mit Bowlerhut sichtbar,  darüber schwebt ein roter Löffel, Erkennungszeichen der Malevitch-Anhänger.  Ein roter Pfeil zeigt nach unten – in den Abgrund der Zukunft.

Es ist das Jahr 1914. Noch hat die Zukunft nicht begonnen. Doch die Avantgarde um Malevitch, die sich „Futurismus“ nennt, hat längst Witterung aufgenommen: etwas Gewaltiges, Gewaltsames steht bevor: Krieg, Revolution. Die alte Welt wird zugrunde gehen. Und man applaudiert: recht so! Sie soll zugrunde gehen.

1913 hatte Malevitch für die kollektive futuristische Skandal-Oper „Sieg über die Sonne“ ein schwarzes Viereck auf den Vorhang gemalt. Bald darauf entstand durch Übermalung eines früheren Bildes das schwarze Quadrat auf weißem Grund, vom Künstler schlicht „Viereck“ betitelt. Es wurde zur „Ikone der abstrakten Malerei“ – allerdings erst, als der 2. Weltkrieg sein Werk vollendet hatte.

Alles abräumen – das war die Devise. Von vorn anfangen! Weg mit Pferdekutsche und Eselsgespann, weg mit Palästen und Bauernhäusern, weg mit dem alten Plunder des Gegenständlichen, weg auch mit der Sonne!  Leer und schwarz wie das Weltall sollte die Kunst sein.

Wenn ich mir vor Augen führe, welche Gräuel auf der realen Weltbühne sich damals vorbereiteten, dann kann ich schon verstehen, wie ein hellsichtiger Künstler Schluss machen wollte mit dem ganzen irrsinnigen Sein, warum er die Welt mit all ihren Erscheinungen aus den Bildern verbannen wollte, so dass nichts mehr übrig bliebe als ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund.

Die Denkungsart, die dahinter steckt, ist freilich mit verantwortlich für das, was dann an Gräueln über die alte Welt hereinbrach.  Sie ist dem Goethe’schen Mephistopheles abgelauscht, der sich selbst nennt den „Geist, der stets verneint“ und der postuliert: „alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrundegeht“. 

 „Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war
Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar
Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht
Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht,
Und doch gelingt’s ihm nicht, da es, so viel es strebt,
Verhaftet an den Körpern klebt.
Von Körpern strömt’s, die Körper macht es schön,
Ein Körper hemmt’s auf seinem Gange;
So, hoff ich, dauert es nicht lange,
Und mit den Körpern wird’s zugrunde gehn.“

Malevich bleibt nicht beim Suprematismus, dessen Ausdruck ihm im Stalinismus  untersagt ist. Er kehrt zurück zur Darstellung der vermaledeiten körperlichen Welt, über der allerdings sehr oft ein schwarzes Viereck schwebt: Oder, wie Goethe den Mephistopheles sprechen lässt:

„Was sich dem Nichts entgegenstellt,
Das Etwas, diese plumpe Welt
So viel als ich schon unternommen
Ich wußte nicht ihr beizukommen (…)

Und dem verdammten Zeug, der Tier- und Menschenbrut,
Dem ist nun gar nichts anzuhaben:
Wie viele hab ich schon begraben!
Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut.
So geht es fort, man möchte rasend werden!

Kasimir Malevich, Selbstbildnis 1933. Die Hand hält das unsichtbare schwarze Quadrat.

Und so erblüht nach jeder Welle der Vernichtung immer wieder neu die Welt der Menschen, Tiere, Pflanzen und Gegenstände auf den Bildern dieser Welt. Die absolute Verneinung hat allerdings ihre Faszination nicht verloren, ebenso wenig wie Mephistopheles seine Rolle.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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6 Antworten zu Kunst am Sonntag: Ein Gentleman in Moskau, ein schwarzes Viereck und „der Geist, der stets verneint“

  1. Myriade schreibt:

    Faszinierend das Selbstportrait, es hat ein bissl etwas von einem Renaissance-Fürsten …

    Gefällt 5 Personen

  2. Ulrike Sokul schreibt:

    Liebe Gerda,
    herzlichen Dank für das Weitersagen meiner Buchbesprechung und Deine differenzierten musisch-historischen Assoziationen dazu. 🙂

    Gefällt 3 Personen

  3. kopfundgestalt schreibt:

    Es fällt mir schwer, mich reinzufühlen, was solch ein Gemälde wie „Das Rechteck“ damals bedeutet hat. Und auch welche Zeit es damals war.
    Ein Quadrat und zwar exakt dasselbe kann in anderen Zeiten ganz Anderes bedeuten.Schon oft wurde so etwas in der Kunst genutzt. Ein und dasselbe in anderer Zeit und anderem Gefüge.
    Ich denke auch ans Bottroper Quadrat mit Josef Albers.
    Albers hatte ganz andere Intentionen: Er war ein konkreter Künstler und studierte die Wirkung der Quadrate in unterschiedl. Grösse und Farbzusammenspiel.

    Gefällt 1 Person

  4. www.wortbehagen.de schreibt:

    Was blieb, ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund…
    Was für ein Gedanke, das Weiße als Hntergrund und das Schwarze, das ansonsten alles Bestehende schluckt… und irgendwann gelingt es dem Verschluckten, sich wieder neu zu beleben und weiter gehts mit dem Irrsinn der Welt
    Ich habe eben die Rezension Ulrikes gelesen und mich hat die Verrücktheit beeindruckt, die Etiketten der Weinflaschen zu entfernen, um so die Gleichmacherei auf eine irrsinnig spitzige Spitze zu treiben.
    Wie toll, daß Du Dich an Malevichs wundersam gutes Bildwerk erinnert hast. Es passt vorzüglich, liebe Gerda!

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