Natur, Mensch und Technik in der Moderne (6): über das Dreieck (und das Quadrat)

Immer schon, und zunehmend seit der Entdeckung der Zentralperspektive in der Renaissance wurden dem Bildaufbau geometrische Formen zugrunde gelegt. Doch waren sie eingebettet in die Bewegung der Figuren und Dinge. Auch bei Cezanne blieben sie, trotz all seiner bewussten kompositorischen Ideen, immanent: er malte keine Zylinder, Kuben oder Dreiecke, sondern Menschen und Dinge in Räumen.

Geometrische Formen existieren nur geistig-mathematisch, in der Natur kommen sie so nicht vor. (Ausnahmen bilden die Himmelskörper und die Horizontlinie, die als perfekt wahrgenommen werden, weil sie sehr weit entfernt sind.)  Um geometrische Formen zu finden, bedarf es einer geistigen Tätigkeit: Konstruktion oder Abstraktion.

In „Hl. Anna Selbdritt“ von Leonardo (ca 1506, Louvre)  bildet die Personengruppe offensichtlich ein Dreieck, das sich aus drei ineinander greifenden Dreiecken aufbaut. Man kann auch ein Dreieck über einem quadratischen Sockel einzeichnen – ersteres Symbol für die Verbindung zum Göttlichen, letzterer Symbol für die Erde. Wir erkennen die geometrischen Formen, auch wenn sie nirgends direkt zu sehen sind (ich hab mal ein bisschen nachgeholfen). Und wir staunen, wie der geistige Inhalt des Bildes im Bildaufbau sichtbar gemacht wird.

Das Unsichtbare sichtbar zu machen, sei die Aufgabe der Kunst, meinte später Paul Klee. Manche nahmen das allzu wörtlich, scheints. Die geometrische Form wurde aus den natürlichen Formen abstrahiert, verlor ihren geistigen Inhalt und wurde selbst zum Sujet bzw zum Gegenstand der Malerei.

Picasso experimentierte mit der geometrischen Abstraktion, doch faszinierte ihn die materielle Welt der Menschen und Objekte zu sehr, um den letzten Schritt in die Abstraktion zu machen. Sogar bei dem sehr abstrakten  „Kopf“ von 1914 kommt er ohne die Andeutung einer Naturform (das weiche Grau) nicht aus.

Robert Delaunay ging einen Schritt weiter insofern, als er die vorgefundenen natürlichen und technischen Objekte gleichermaßen in einem von Farben erzeugten geometrischen Formenspiel auflöste,

Casimir Malevitch (ich stellte ihn schon mal vor) arbeitete sich durch eine Welt von technischen Repräsentationen geometrischer Formen und gelangte zu reiner Abstraktion, eine Malerei, die er „Suprematismus“ taufte. Beim Betrachten seiner gelben Form kommt es mir so vor, als sei hier eine Formel für die Raumzeit gefunden worden: unsere dreidimensionale Sichtweise weitet sich in eine vierte Dimension, deren Umrisse wir nur erahnen können: die Zeit.

Paul Klee hebt die Antithese „Gegenstandswelt und geometrische Form“ auf in einer neuen Synthese: in seinen Bildern fließt der geistige Inhalt zurück in die Form und gebiert eine eigenständige Symbolsprache. Doch für heute sei es genug.

Paul Klee, Eros, 1923,

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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17 Antworten zu Natur, Mensch und Technik in der Moderne (6): über das Dreieck (und das Quadrat)

  1. lieberlebenblog schreibt:

    Deine Serie ist toll, Gerda – und so klar und anschaulich erklärt! Die gelbe Form von Malewitsch und deine Erläuterung dazu hat es mir besonders angetan. So weitgehend abstrakt hatte ich ihn gar nicht in Erinnerung.
    Vielen Dank!!!

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  2. ann christina schreibt:

    Ich finde Paul Klee unheimlich faszinierend. Ich weiß nicht viel über ihn, aber jedes Mal, wenn ich etwas von ihm sehe, bin ich auf´s Neue überrascht. So, wie auch jetzt. Vielen Dank dafür! Einen schönen Abend wünsche ich dir!

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  3. Karin schreibt:

    Liebe Gerda, so ganz verstehe ich Deine Aussage, dass es keine geometrischen Figuren in der Natur gäbe, nicht. Die Natur ist darauf aufgebaut. Oder verstehe ich hier etwa falsch?
    Fragegruss in Deinen Abend, Karin

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  4. Karin schreibt:

    Liebe Gerda, sie ist nicht darauf aufgebaut, sie besteht aus geometrischen Formen, die den Menschen in ihrer Perfektion schon immer ein Rätsel war.
    So hat Platon im 4. Jahrhundert v. Chr. geglaubt, dass die Symmetrie in der Natur ein Beweis für die Existenz von den universalen Formen sei. Der berühmte britische Logiker und Mathematiker Alan Turing hat in seinen Beiträgen über die theoretische Biologie die Art und Weise erklärt, wie die geometrischen Muster in der Natur geformt wurden. Blossfeldt hat sie in seinen Aufnahmen Urformen der Kunst fotografisch festgehalten.
    Mit Erfindung der Zentralperspektive unterlegten Künstler ihre Werke mit geometrischen Mustern in den Vorzeichnungen und so entstand auch der Aufbau Deines Beispiels der Hl. Anna. Bei Leonardo kann man diese Spielchen (Muster) oft verfolgen. Auch schon in der Malerei von Piero della Francesca legen geometrische Grundstrukturen, ein Raster von Vertikalen und Horizontalen zugrunde, die seinen Stil lebenslang bestimmten bis hin zu seinem theoretischen Alterswerk. Er war u.a. auch für die Wiederentdeckung von sechs Archimedischen Körpern zuständig.
    In meinen Kunstbänden gerade aus der Zeit der Renaissance finden sich viele Bespiele. Dass allein geometrische Formen ein Kunstwerk bestimmen, da stimme ich Dir zu, das kam erst später, allerdings haben sich Künstler in ihren Skizzenbüchern trotzdem schon immer auch dieser Formen angenommen.
    Deswegen wurde ich stutzig bei Deinem Satz -:)))
    Lieber Morgengruß an Dich, Karin

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    • gkazakou schreibt:

      Ganz herzlichen Dank, Karin, jetzt wissen doch auch die MitleserInnen, worum es in unserem Dialog geht. Du widersprichst mir überhaupt nicht in meiner Kernaussage. Und die lautet:
      es bedarf einer geistigen Tätigkeit, um geometrische Formen in der Natur zu finden.

      Geometrische Formen sind nicht direkt beobachtbar wie zB eine Nase, die ich sehen, anfassen und abzeichnen kann. Um sie als Dreieck zu sehen und zu zeichnen, bedarf es einer Abstraktion und einer Konstruktion. Genau das macht auch Leonardo, zB beim allseits bekannten Vetruvischen Menschen: Er zeichnet ihn in ein Quadrat und einen Kreis ein, stellt die Beine mal zusammen, mal auseinander, findet mal den Nabel, mal das Geschlechtsteil als Zentrum des Kreises – er abstrahiert und konstruiert. Er findet auf diese Weise die geheimen Analogien des menschlichen Körpers und macht sie für uns sichtbar. Niemals würde Leonardo behaupten, der Mensch bestehe aus Quadrat oder Kreis.
      Der Mensch hat die geometrischen Formen nicht erfunden – selbstverständlich nicht – nein, er hat sie gefunden. Die sind als geistige Form (Platon würde es „Idee“ nennen) vorhanden, wirken in allem. Wäre es nicht so, würde dem Piero della Francesca auch sein Raster nichts nützen, es würde nur zu Verzerrungen und Deformationen führen – wie es den Kubisten ja auch passierte.
      Und da sind wir nun bei der Moderne: die nimmt, was geistig gefunden werden kann, für bare Münze. Sie schreibt ein menschliches Bein nicht mehr in einen Zylinder ein (wie es Cezanne tat), sondern sie malt einen Zylinder (wie zum Beispiel F. Leger, C. Malevitch u.a.). Sie setzt den Menschen, die Natur, den Hund aus geometrischen Formen zusammen, anstatt ihnen diese Formen abzulauschen und dadurch die richtigen Analogien zu finden. Sie tut so, als „bestünde“ die Welt im Tatsächlichen, Materiellen aus solchen Formen. In der industriellen Umgebung gibt es sie natürlich, diese Kuben und Zylinder. Diese menschengemachten Formen werden nun rücktransponiert auf die Natur. Der Mensch wird zum Roboter.
      .
      Auch du benutzt den Ausdruck „bestehen aus“ (oder „sind aufgebaut auf“), der meines Erachtens falsch ist: Ich bestehe nicht aus Zylindern, Kuben und so weiter. Mein Bein „ist“ kein Zylinder, wenngleich er „zylindrisch“ ist und sich an ihm die Idee des Zylinders exemplifizieren und darstellen lässt.
      Die Verwechslung der Idee mit der materiell vorfindbaren Gestalt ist sehr typisch für unsere Zeit. Heute versteht man unter „Idee“ ja etwas, das irgendjemand in seinem Gehirn ausgebrütet hat. Entsprechend hält man das materiell Vorfindbare, Handgreifliche für das „Eigentliche“, Ganz anders sah das bekanntlich Platon, für den nur die Idee Wirklicheit besaß, die materielle Welt aber eine Illusion. Leonardo spürte noch den Ideen im Wirklichen nach, er suchte und fand. Heute „hat“ man allerlei Ideen (Idee im heutigen Sprachgebrauch), stellt sie als Ding dar, macht zB eine Collage, in der sich Kopf und Schrank zu einem Wesen zusammenfügen. und der Betrachter ist aufgefordert, die Idee des Künstlers zu begreifen, nicht aber die der Natur.
      Sei herzlich gegrüßt und bedankt für die Gelegenheit, meine hoffentlich verständlichen Gedanken hier noch mal ausführlicher darzulegen. Gerda

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  5. finbarsgift schreibt:

    Praktische Geometrie … klasse herausgearbeitet!
    Liebe Morgengrüße vom Lu

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  6. Susanne Haun schreibt:

    Der Klee gehört zu meinen Lieblingsbildern, Gerda!

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  7. kowkla123 schreibt:

    erfreue dich am Sonntag und komme gut in die neue Woche.

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  8. kormoranflug schreibt:

    Ja ich habe Dich gefunden – so wie der Mensch immer mehr erkennt und immer nur eine Zwischenstation versteht……

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  9. Pingback: Natur, Mensch und Technik in der Moderne (7): Geometrische Abtraktion – ein Prozess | GERDA KAZAKOU

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