Le simultanéité oder die Gleichzeitigkeit beschäftigte zu Beginn des 20. Jahrhunderts gleichzeitig zwei sehr verschiedene Köpfe: Einstein formulierte 1905 seine Relativitätstheorie, Picasso kämpfte sich 1906 durch das Problem, wie man gleichzeitig mehrere Ansichten eines Objektes auf einer zweidimensionalen Fläche darstellen kann. Das Ergebnis waren 1907 die „Demoiselles de l’Avignon“. Der später so genannte Kubismus war geboren. Sicher wusste Picasso nichts von Einsteins Theorie – und doch: Es scheint, sie lag in der Luft. Die physikalische Weltsicht und die Weltsicht der Kunst veränderten sich gleichzeitig und radikal. Es war die Epoche, in der auch das europäische Gefüge in Bewegung geriet und sich der „Große Krieg“ vorbereitete, in dem sich zwei Ansichten in den Schützengräben mörderisch bekämpfen würden, jede mit dem Anspruch auf Alleingeltung. Du oder ich! Beide können wir nicht Recht haben! Noch hatte sich die Einsicht nicht durchgesetzt, dass sich dasselbe Objekt von verschiedenen Seiten aus betrachtet verschieden darstellt, also die Geltung der Wahrnehmung relativ zum Stand- und Zeitpunkt ist. Noch galt: nur mein Standpunkt ist der richtige!
Merkwürdigerweise verstanden die Freunde, mit denen Picasso ständig diskutiert hatte, sein neues Werk überhaupt nicht, und frustriert zog er es zurück, um es erst 1916 wieder rauszurücken, als der Kubismus eigentlich schon tot war.
Was ist „Kubismus“? Viele meinen, es handele sich nur um geometrische Abstraktion. Ausgehend von Cezannes Satz, dass sich alle Natur-Formen auf geometrische Körper zurückführen lassen, meinen sie, es genüge, Arme, Köpfe, Flaschen und Gitarren als abstrakte geometrische Form darzustellen – und schon sei ein kubistisches Gemälde geboren. Dabei ist das eigentlich Revolutionäre, dass Picasso (und dann sehr bald auch die anderen Maler seines Umkreises) den „relativen Standpunkt“ des Betrachters ernst nehmen wollten.
Alle Maler seit der Entdeckung der Zentralperspektive in der Renaissance betrachteten zB eine Person, die sie abbilden wollten, von einem bestimmten Blickwinkel aus, von dem aus sich dann die Perspektive und das Raumgefüge aufbaute. Nun aber sagten sie: „Warum soll ich die Person oder Sache nur von einer Seite aus betrachten? Sie hat doch auch andere Seiten! Ich will sie sowohl en face als auch im Profil malen, gleichzeitig! Denn beides existiert ja auch gleichzeitig!“
Der Betrachter des Bildes braucht freilich Zeit, um die beiden Ansichten zu integrieren: es macht ihn unsicher, wenn er Profil und Vorderansicht gleichzeitig sehen soll. Gerne gibt er zu: ja, sie existieren gleichzeitig – aber man sieht sie nicht gleichzeitig, man muss seinen Standpunkt verändern, um erst das eine, dann das andere ins Auge zu fassen. Und das ist ungewohnt, es führt zu merkwürdigen Überscheidungen, Unklarheiten, Relativitäten dessen, was man für die Realität gehalten hat.
- Umberto Boccioni, Dynamismus eines Frauenkopfes, 1914
- Juan Gris, Portrait der Mutter des Künstlers, 1912
Natürlich wurden auch zuvor schon verschiedene „Ansichten“ der Wirklichkeit, die man nicht unbedingt gleichzeitig erwartet, in einem Bild zusammengesehen. Doch wurden sie entsprechend der gewohnten Perspektive dargestellt. Nehmt zB das Bild (hier weiter unten) „Who shall deliver me“ des symbolistischen Malers Fernand Khnopff (1891): Da gibt es das enigmatische Gesicht einer rothaarigen Frau mit einem blauen Schmuck, einen Hauseingang und einen Gulli. Wir sehen es, unser Blick wandert hin und her, wir rätseln. Aber wir zweifeln nicht. Dies ist Realität, wie wir sie kennen, und wir wundern uns höchstens, was der Maler mit dem Gulli bezweckt. – Dagegen das Selbstportrait des futuristischen Malers Gino Severini (1912) daneben: Hier musst du quasi den Gesichtszügen hinterherrennen, sie einsammeln und zusammenfügen, um ein erkennbares Portrait zustande zu bringen. Denn das Objekt hat sich in Bewegung gesetzt, dreht und wendet sich, zeigt dir einmal das rechte, dann das linke Auge, die Nase mal von vorn, mal von der Seite, und auch das Verhältnis zum umgebenden Raum verändert sich laufend.
- Fernand Khnopff, Who will deliver me, 1891
Und nun betrachte dich mal in einem Spiegel, dann wirst du sehen, dass es sich genau so verhält, und dass nicht Severinis, wohl aber Khnopffs Darstellung auf einer Illusion beruht.
Kurzum: Der Kubismus hat uns vor Augen geführt, was Relativität bedeutet. Jede Wirklichkeit verhält sich „relativ“ zu Zeit und Raum, in denen sich Betrachter und Objekt begegnen. Sie ist ein kurzes Ereignis in der Raumzeit, von deren vier Dimensionen wir zwar beständig hören, die wir uns aber nur schwer veranschaulichen können.
Hier noch zwei kubistische Meisterwerke von Georges Braque (der Portugiese, 1911) und Pablo Picasso (Portrait des Kunsthändlers Kahnweiler, 1910)
- Pablo Picasso, Portrait von Kahnweiler, 1911























































































Casimir Malevitch: Le bucheron (Der Holzfäller), 1912
