Natur, Mensch und Technik in der Moderne (5): über Gleichzeitigkeit und Relativität

Le simultanéité oder die Gleichzeitigkeit beschäftigte zu Beginn des 20. Jahrhunderts gleichzeitig zwei sehr verschiedene Köpfe: Einstein formulierte 1905 seine Relativitätstheorie, Picasso kämpfte sich 1906 durch das Problem, wie man gleichzeitig mehrere Ansichten eines Objektes auf einer zweidimensionalen Fläche darstellen kann. Das Ergebnis waren 1907 die „Demoiselles de l’Avignon“. Der später so genannte Kubismus war geboren. Sicher wusste Picasso nichts von Einsteins Theorie – und doch: Es scheint, sie lag in der Luft. Die physikalische Weltsicht und die Weltsicht der Kunst veränderten sich gleichzeitig und radikal. Es war die Epoche, in der auch das europäische Gefüge in Bewegung geriet und  sich der „Große Krieg“ vorbereitete, in dem sich zwei Ansichten in den Schützengräben mörderisch bekämpfen würden, jede mit dem Anspruch auf Alleingeltung. Du oder ich! Beide können wir nicht Recht haben! Noch hatte sich die Einsicht nicht durchgesetzt, dass sich dasselbe Objekt von verschiedenen Seiten aus betrachtet verschieden darstellt, also die Geltung der Wahrnehmung relativ zum Stand- und Zeitpunkt ist. Noch galt: nur mein Standpunkt ist der richtige!

Pablo Picasso, Les Demoiselles d’Avignon, 1907

Merkwürdigerweise verstanden die Freunde, mit denen Picasso ständig diskutiert hatte, sein neues Werk überhaupt nicht, und frustriert zog er es zurück, um es erst 1916 wieder rauszurücken, als der Kubismus eigentlich schon tot war.

Was ist „Kubismus“? Viele meinen, es handele sich nur um geometrische Abstraktion. Ausgehend von Cezannes Satz, dass sich alle Natur-Formen auf geometrische Körper zurückführen lassen, meinen sie, es genüge, Arme, Köpfe, Flaschen und Gitarren als abstrakte geometrische Form darzustellen – und schon sei ein kubistisches Gemälde geboren. Dabei ist das eigentlich Revolutionäre, dass Picasso (und dann sehr bald auch die anderen Maler seines Umkreises) den „relativen Standpunkt“ des Betrachters ernst nehmen wollten.

Alle Maler seit der Entdeckung der Zentralperspektive in der Renaissance betrachteten zB eine Person, die sie abbilden wollten, von einem bestimmten Blickwinkel aus, von dem aus sich dann die Perspektive und das Raumgefüge aufbaute.  Nun aber sagten sie: „Warum soll ich die Person oder Sache nur von einer Seite aus betrachten? Sie hat doch auch andere Seiten! Ich will sie sowohl en face als auch im Profil malen, gleichzeitig! Denn beides existiert ja auch gleichzeitig!“

Der Betrachter des Bildes braucht freilich Zeit, um die beiden Ansichten zu integrieren: es macht ihn unsicher, wenn er Profil und Vorderansicht gleichzeitig sehen soll. Gerne gibt er zu: ja, sie existieren gleichzeitig – aber man sieht sie nicht gleichzeitig, man muss seinen Standpunkt verändern, um erst das eine, dann das andere ins Auge zu fassen. Und das ist ungewohnt, es führt zu merkwürdigen Überscheidungen, Unklarheiten, Relativitäten dessen, was man für die Realität gehalten hat.

Natürlich wurden auch zuvor schon verschiedene „Ansichten“ der Wirklichkeit, die man nicht unbedingt gleichzeitig erwartet, in einem Bild zusammengesehen. Doch wurden sie entsprechend der gewohnten Perspektive dargestellt. Nehmt zB das Bild (hier weiter unten) „Who shall deliver me“ des symbolistischen Malers Fernand Khnopff (1891): Da gibt es das enigmatische Gesicht einer rothaarigen Frau mit einem blauen Schmuck, einen Hauseingang und einen Gulli. Wir sehen es, unser Blick wandert hin und her, wir rätseln. Aber wir zweifeln nicht. Dies ist Realität, wie wir sie kennen, und wir wundern uns höchstens, was der Maler mit dem Gulli bezweckt. – Dagegen das Selbstportrait des futuristischen Malers  Gino Severini (1912) daneben: Hier musst du quasi den Gesichtszügen hinterherrennen, sie einsammeln und zusammenfügen, um ein erkennbares Portrait zustande zu bringen. Denn das Objekt hat sich in Bewegung gesetzt, dreht und wendet sich, zeigt dir einmal das rechte, dann das linke Auge, die Nase mal von vorn, mal von der Seite, und auch das Verhältnis zum umgebenden Raum verändert sich laufend.

Und nun betrachte dich mal in einem Spiegel, dann wirst du sehen, dass es sich genau so verhält, und dass nicht Severinis, wohl aber Khnopffs Darstellung auf einer Illusion beruht.

Kurzum: Der Kubismus hat uns vor Augen geführt, was Relativität bedeutet. Jede Wirklichkeit verhält sich „relativ“ zu Zeit und Raum, in denen sich Betrachter und Objekt begegnen. Sie ist ein kurzes Ereignis in der Raumzeit, von deren vier Dimensionen wir zwar beständig hören, die wir uns aber nur schwer veranschaulichen können.

Hier noch zwei kubistische Meisterwerke von Georges Braque (der Portugiese, 1911) und Pablo Picasso (Portrait des Kunsthändlers Kahnweiler, 1910)

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Kartenspieler. Wandlungen eines Motivs in der Malerei der Moderne

Paul Cezanne hat sich das Thema der Kartenspieler von 1890-95 in einer Vielzahl von Varianten erarbeitet. Eine Version galt lange als verschollen, tauchte im Jahr 2011 wieder auf: Das Bild war im Besitz des griechischen Reeders Giorgos Embirikos gewesen und wurde anscheinend für den absoluten Rekordpreis von einer Viertel Milliarde Dollar an einen Unbekannten verkauft. Hier die erste (heute im Metropolitan Museum NY) und eine spätere Version (unbekannter Besitzer), Abb. von Wikipedia übernommen.

Das, was die nachfolgende Malergeneration daran vor allem faszinierte, war das Raumgefüge. Im ersten Bild sieht man noch eine fast idyllische Szene mit drei Karten spielenden Landarbeitern, zwei Zuschauern und einer Draperie. Ungewöhnlich ist, dass beim Tisch die Beine und beim Bild an der Wand der obere Teil abgeschnitten sind. Das ganze Geschehen ist quasi oben und unten am Bildrand „festgenagelt“ und wirkt, obgleich ja durchaus noch Raum wiedergegeben ist,  wie auf die zwei-dimensionale Fläche gebannt.

Im späteren Bild werden die beiden Spieler weit mehr von den geometrischen Gesetzen des Bildaufbaus (Vierecke, Dreiecke, Spiegelsymmetrie) als von ihrer natürlichen Körperlichkeit bestimmt.  Von hier ist es kein großer Schritt mehr zur geometrischen Abstraktion und zum Kubismus.

Doch davon mehr das nächste Mal. Heute möchte ich nur zeigen, wie das Thema während und kurz nach dem 1. Weltkrieg von zwei bedeutenden Malern – einem Franzosen und einem Deutschen – aufgegriffen und umgeformt wurde.

Francois Leger, Kartenspieler, 1917

Otto Dix, Kartenspieler, 1920

Der Begriff „Kartenspieler“ hat seine Unschuld verloren. Was bei  Cezanne noch eine ländliche Idylle war, die sein formales Interesse herausforderte, ist nun ein Symbol für ein schreckliches Geschehen geworden, bei dem Leben und Glück der Menschen den Spieleinsatz bilden. Mit den Karten spielen die Generäle, Bankiers, Industriellen und Kriegstreiber, während die Menschen in den Schützengräben oder Fabriken verrecken.

ps. Die „Skatspieler“ von Otto Dix sind auf der obigen Abbildung nicht komplett, wie ich eben sehe. Ich habe das Bild (wie auch die anderen) aus dem Bildband „De l’Impressionism a l’Art moderne“, Librairie Hachette 1975, abfotografiert. Das ganze Bild zeigt die Männer als Kriegs-Invaliden.

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Nachtrag zu Salerno: Wandmalereien

Mein halbes Herz spaziert immer noch in Italien herum. Es gibt noch so viele Bilder in mir, die ich hier sporadisch abladen möchte.

Wandgemälde: Pompeji und Herkulaneum sind berühmt wegen ihrer Wandmalereien – zu Recht.

Doch Salerno? Das liegt zwar gleich um die Ecke, hat aber doch nur Straßenkunst  von heute aufzuweisen. Seis drum! Mir gefiel es. Poetische Geschichten erzählen die alten Wände, und die Bilder helfen ein wenig dabei.

 

 

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Natur, Mensch und Technik in der Moderne (3): Die Stadt

Die Schnecke trägt ihr Haus – aber der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, er braucht die Siedlung, die Stadt, das Gemeinwesen. Die Griechen nannten (und nennen) dies Gebilde Polis. Von diesem Wort abgeleitet ist alles, was den Menschen als Menschen auszeichnet:  Politismos (Kultur), Politeia (Gemeinwesen, Staat), Politis (Bürger), Politik, im Englischen auch das polite (höflich) und im Deutschen die Polizei.

Um als Menschen zu leben, haben die Menschen zwischen Himmel und Erde die Stadt gestellt: ihr gemeinsames Gehäuse. Ohne die Stadt, die Polis – so die Meinung der griechischen Philosophen – sei der Mensch nichts als Kreatur, was seiner menschlichen Natur nicht entspreche. Zoon politikon – Lebewesen der Stadt, politisches Wesen sei er, im Gegensatz zum Zoon – dem Tier.

Die Stadt, die als gemeinsames Haus des zivilisierten Menschen begann, war schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaum mehr als ein technisch-steinernes Gehäuse, durch das die Menschen zogen, als ginge es sie weiter nichts an. Diese Form der Entfremdung hat sich seither weiter gesteigert. Viele leiden in so hohem Maße an der Gleichgültigkeit und Mittelpunktlosigkeit der modernen Städte, dass sie sich in die dörfliche Gemeinschaft mit ihren einstmals kollektiven Ernteabläufen und Spinnstuben zurücksehnen, wo sie jedenfalls rudimentäre Gemeinsamkeit zu finden hoffen. Doch ist sie dort zu finden? Nicht nur ist die Landwirtschaft jetzt industrialisiert, sondern auch die Menschen haben sich geändert:  die Entfremdung des Menschen von der Natur, von der Arbeit und von Seinesgleichen hat sich so tief ins Innere der Seele gefressen, dass gemeinsames Leben in der dörflichen Gemeinschaft keine Chance mehr hat.

Drei Bilder vom Anfang des 20. Jahrhunderts mögen den Wandel  dessen, was „Stadt“  bedeutet, ein wenig beleuchten. Zugleich sind es Beispiele für die sich damals sehr schnell wandelnde Formensprache der europäischen (vor allem französischen) Malerei.

Andre Derain, Die Westminsterbrücke, 1906

Andre Derain, Westminsterbrücke, 1906: In großer (weiblicher)  Kurve schweift der Blick durch eine blühende Landschaft und mündet irgendwo in der Ferne an einer Brücke. Dahinter blaut eine Stadt, als sei es ein fernes Gebirge. Alles scheint gezähmte Natur zu sein, aufgehoben in dem milden Abendlicht des Spät-Impressionismus.

Robert Delauney, Die Stadt, 1910

Robert Delauney: La ville, 1910. Die Natur ist begrenzt auf den vordersten Bereich vor den Toren. Und schon erheben sich festungsgleich die Mauern der Stadt, die sich in wirren Formen und Schachteln dahinter drängt und auftürmt, durchflimmert von einem künstlichen Licht. Einen Himmel gibt es nicht, nur diese flirrernden Punktmuster auf Flächen, die wie Kulissen oder Theatervorhänge wirken.

Fernand Leger, La Ville, 1919

Fernand Leger, Die Stadt, 1919. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Bildern sind die Menschen zurückgekehrt. Doch wie sind sie gestaltet? Im Mittelgrund dient ein Menschentorso als Verkehrsschild und ein anderer hängt wie ein Wäschestück an einer Leine.  Die Menschen sind nichts als Attrappen, ununterscheidbar von den verschiedenen Attraktionen der Stadt, buntfarbigen Kreisen, Treppen, Türmen, Blitzen. Wie eine Attrappe ohne Tiefe und Perspektive wirkt die ganze Stadt. Natur gibt es nicht. Der Zugang wird durch eine Treppe gebildet, auf der eine düstere metallische Menschengruppe – zwei Personen sind es eigentlich nur – hinauf- oder hinabsteigen. Arbeiter? Schichtwechsel?

Zum Abschluss sei mir gestattet, eines meiner vielen Stadt-Bilder hier zu posten, das ca 100 Jahre später als die der französischen Meister des beginnenden 20. Jahrhundert entstand. Es ist eine Farbskizze mit Pigmenten und Kleister auf grauer Pappe, 50×70 cm.

Gerda Kazakou: Stadt, 2013

Gerda Kazakou, Stadt, 2013. In meinem Bild gibt es wie bei Derain einen geschwungenen Zugangsbereich und einen Himmel – ohne den komme ich nicht aus. Das Enge, ineinander Verschachtelte der Blöcke ist aufgelöst, so als sei ich selbst nicht in der Stadt, sondern schaute von Ferne oder von Oben – fast wie Derain auf London schaute, nur weniger elegant und feierlich und vollkommen ohne Natur. Farblich gleicht es am ehesten dem Bild von Delauney, doch sind meine Farben und Formen verwaschen, unscharf, schmutzig. Und was die menschliche Präsenz angeht  – nun, die reduziert sich wie bei Leger auf eine dunkle schemenhafte Figur im Vordergrund, die genauso gut ein Gegenstand sein könnte. Meine Stadt wirkt schäbig und provisorisch.  Neu sind auch die Verdrahtungen, die durch das Bild laufen. Der elektrische Strom, auf Derrains Bild noch nicht zu erahnen und bei Leger nur als fernes Segment eingefügt, ist nun allgegenwärtig. Es ist, als würde die marode Stadt fast nur durch ihre Kabel zusammengehalten. Die Polis ist tot.

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Anlässlich der „Feuergeschichten“

Eben las ich https://fundevogelnest.wordpress.com/2018/07/29/feuergeschichten/, und nun heule ich. Eine Woche lang habe ich mich ganz stumpf gefühlt, habe die Bilder und Nachrichten gesehen, aber den Inhalt nicht wirklich zugelassen. Ihr wisst es: Vor einer Woche brannte es in Attika, und viele Menschen fanden einen schrecklichen Tod. Jeden Tag kommt einer, kommen zwei hinzu, weil man ihre Leichen fand oder weil sie im Krankenhaus gestorben sind. Viele junge, lebenszugewandte Menschen, Kleinkinder auch. Inzwischen hat man 88 zur Feststellung ihrer Identität ins gerichtsmedizinische Institut gebracht, 65 wurden aufgrund von DNA bereits identifiziert. Immer noch werden offiziell 25 Menschen vermisst, man wird ihre Überreste wohl irdendwann finden.

Überlebende des Feuers (TV-stills)

Und wieder fühle ich mich stumpf, teilnahmslos. Mein Gefühl kommt  nicht heran an die Menschen, die gelitten haben, die jetzt leiden. Da gibt es nur diese TV-Bilder und die Zahlen, die ich zwar registriere, aber nicht wirklich erfasse. Es ist wie mit den ertrunkenen Flüchtlingen.  Zahlen, Bilder. Bilder, Zahlen. Vermischt mit anderen Nachrichten. Das Gefühl kann sich nicht rühren angesichts so vieler. Einer, eine zum Anfassen, zum Umarmen, zum Weinen, zum Mittrauern – ja, das geht. Da kommt dann der wohlvertraute Schmerz, da wird der Hals dick und es fließen die Tränen. Aber bei Bildern? Bei so großen Zahlen? Da versagt mein Gefühl. Die TV-Moderatoren wissen auch, natürlich, dass es auf den Einzelfall ankommt, wenn man das menschliche Herz rühren will. Und so erzählen sie die Geschichte der achtjährige Zwillingsmädchen, die ein verzweifelter Vater suchte, und die zusammen mit ihren beiden Opas im Auto verbrannt aufgefunden wurden, hundertmal. Und schon wird das Gefühl wieder stumpf, und nichts, nichts regt sich in meinem Herzen außer einer gelinden Wut über mich selbst, dass ich es mir antue, diese Berichte noch einmal anzusehen.

Dankbar bin ich daher dem Hund, der sich auf einen Stein im Meer rettete. Ein stiller Held, dessen Anblick ohne Wenn und Aber in mein Herz geht und dort bleiben darf. Und ich lächle ihm zu und hoffe, dass seine Leute in Sicherheit sind und ihn wieder zu sich nehmen.

 

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Weiteres zur Formensprache Natur, Mensch,Technik: Himmelsausschnitte

Wo immer ich bin, schaue ich in den Himmel. Weit will ich ihn, die Erde überspannend. Aber überall ist er begrenzt. In den Städten anders als in der Natur, in den Bergen anders als am Meer, in den alten Städten anders als in der modernen Stadt…

In der Mani lebe ich gerne, weil hier der Himmel weit ist. Der Gegensatz zu Neapel war eindrucksvoll. Ich habe dort viele Himmelsausschnitte fotografiert. Die meisten sind unregelmäßige Vielecke.

Zunächst versuchte ich, den Eindruck, den mir diese Fotos machten, durch Bildbearbeitungen zu steigern. Ich folgte den Linien und füllte die entstehenden Flächen farbig.

Ich machte auch ein paar Versuche mit gemischten Effekten, ließ Teile der Fotos stehen, isolierte Linien, verschob den Schwarz-Weißkontrast in den Nicht-Himmel-Teil, färbte den Himmel ein, ließ den glänzenden Asphalt der Straße als Spiegel desHimmels stehen.

Am Ende entschloss ich mich, es bei dem krassen Schwarz-Weiß-Kontrast zu belassen. Der Himmel ist weiß, der Nicht-Himmel, die Materie schwarz. Die radikale Lösung ist manchmal erhellender als alle Mischformen. Man versteht, wie sehr der Himmelsraum (weiß) eingeschränkt ist für die Menschen, die in einer Stadt wie Neapel leben. Zugleich versteht man aber auch das ästhetische Vergnügen, in solch einer Stadt herumzuspazieren.

Auf folgenden Bildern sieht man, wie sich das Grün (Balkon, Wildwuchs auf Mauer), die Wäsche und die Tauben mildernd auf die scharfen Häuserkanten legen. Ästhetisch sind sie daher weniger eindrucksvoll (Originalfotos zum Vergleich):

Draußen in der offenen Landschaft von Herkulaneum werden die harten Linien dann seltener, konzentrieren sich vor allem auf die neuen Museumsbauten, die gut in die Landschaft eingepasst sind. Die natürlichen Formen von Bäumen und Gräsern zeichnen sich vor dem Himmel ab, der langsam den ihm gebührenden Platz einnimmt.

Und die Moral von der Geschicht? Mutter Erde und Vater Himmel kommunizieren auf andere Weise als der Mensch, der sich mit seinen scharfkantigen Bauten zwischen die beiden gesetzt und eine eigene Formenwelt geschaffen hat, die unserem modernen ästhetischen Gefühl allerdings durchaus entgegenkommt. (Ich beziehe mich hier auch auf die Kommentare zu Malevich, den viele den Bildern von Matisse vorgezogen haben).

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Wasserglas-Lichtgekringel in slow motion

Nur so. Als Sonntagsvormittags-Einlage an einem schönen Sommertag. Bearbeiten kann ich diese kleinen Videos leider nicht, also braucht man ein klein bisschen Geduld, bis man zum Ende kommt. Entschleunigung eben  🙂

 

Fehler
Dieses Video existiert nicht

 

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Gemeinsam zeichnen (6)

Heute waren wir sieben, sechs Frauen und ein Mann, um uns gegenseitig zu portraitieren. Drei Teilnehmerinnen kennt ihr schon: Poppy, Magda und Gerda. Die anderen waren neu: Soula, Kokkonia, Maria, Dimitris. Kokkonia hat schon Erfahrung mit dem Portraitieren, die anderen drei sind vollkommen unerfahren im Zeichnen. Mit einem Zählreim (eene meene mu) bestimmten wir, wer sitzen musste. Als erste war Soula dran, dann Kokkonia, dann Poppy und schließlich Maria. Jede sitzt 30 Minuten lang, auf gehts!

Soula wird gezeichnet von Poppy, Magda, Kokkonia, Maria, Dimitri. Gerda zeichnet, angeregt durch Agnes,  ein Doppelportrait: „Kokkonia und Soula“.

Die nächsten 30 Minuten sitzt Kokkonia.

von links: Kokkonia, Magda, Poppy, Maria, Dimitris, Soula

Es zeichnen:

In der dritten Sitzung zeichnen wir Poppy, aber nur drei liefern eine Zeichnung zum Fotografieren ab:

Die letzte halbe Stunde sitzt Maria freiwillig, da sie zu müde zum Zeichnen ist. Hier die Ergebnisse von Poppy, Kokkonia, Magda, Gerda.

Ich hoffe, du hattest so viel Spaß beim Gucken wie wir beim Zeichnen. Und da ich finde, dass man Charakter, expressive Absicht und Technik der Zeichnerin und des Zeichners am besten an der Art erkennt, wie sie oder er Augen wiedergibt,  habe ich aus den obigen Portraits einige Augenpartien herauskopiert.

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Natur, Mensch und Technik in der Moderne (2).

Am Anfang der Moderne driften die künstlerischen Ausdrucksformen in viele Richtungen auseinander. Doch immer gibt es auch diesen Aspekt: wie finde ich eine einheitliche Bildsprache für so verschiedene Prozesse wie Natur und Technik? und wie ordne ich den Menschen da ein?

Heute möchte ich die Lösungsvorschläge von zwei anderen großen Meistern der Moderne vergleichen: Henri Matisse (1869-1954) und Casimir Malevich (1878-1935).

Matisse, Nu etendu, 1906

Henri Matisse: Nu etendu, 1906. (wörtlich „Nackt ausgestreckt“,  ohne weibliche Endung). Farbtupfer, Strichelchen, weich fließende Formen, nur angedeutete Konturlinien im Innern, keine Außenkonturen. Das ausgeprägteste menschliche Organ — der Kopf, der so gern Distanz zur Natur herstellt – liegt am Boden, ist halb verdeckt und an den Rand gerückt, der Gesichts-Ausdruck ist träumerisch. Dennoch bleibt der Kopf der Teil, der sich nicht vollkommen in die Natursprache integrieren will. Er ist von dunklen Haaren gerahmt und macht den Unterschied.

Casimir Malevitch, Le Bagneur, 1910

Casimir Malevich: Der Badende, 1910. Unregelmäßige locker gesetzte Farbflecken, im Körper großflächiger und einfarbiger als im Umfeld. Aufgerichtet, energisch vorwärtsbewegt, das Auge wach, entschlossen. Dennoch scheint der Badende aufgrund der flockigen Farbverteilung Teil der Natur zu sein – wäre da nicht die entschiedene Konturlinie, die ihn trennt. Die ihn unterscheidet, von der Natur scheidet.

Henri Matisse, La Japonaise au bord de l΄eau, 1905

Henri Matisse, Die Japanerin am Wasser, 1905

Alles ist in fließender Bewegung, das Gewand der Sitzenden sogar noch mehr als das Wasser, an dem sie sitzt. Das zivilisatorische Bewerk – Kleidung, Frisur, Buch  – lässt sie zwar als Mensch erkennen, aber da ist nichts Trennendes, alles ist eins: Natur, Licht, Bewegung.

IMG_1826 Casimir Malevich, der Holzfaeller, 1910Casimir Malevitch: Le bucheron (Der Holzfäller), 1912

Scharf abgeschnittene und vierkantige oder röhrenartige Formen, metallisch glänzende Farbabstufungen. Ein Mann arbeitet in der Natur. Die Einheit des Bildes wird durch die Tätigkeit des Menschen hergestellt: Ob Schneide des Beils oder der Kleidung, ob runder Baumstamm oder kreisende Baumsäge – nichts entzieht sich dem Diktat der menschlichen Tätigkeit. Die Trennung von Mensch und Natur wird zwar aufgehoben – aber die Abhängigkeit zugleich auf den Kopf gestellt. Der Mensch schneidet sich die Form des Natürlichen zurecht, wie er sie braucht. Dabei nimmt er selbst die Gestalt seiner Gedanken, seiner Tätigkeit an. Er wird zum Werkzeug seiner selbst.

 

 

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Natur, Mensch und Technik in der Kunst der Moderne (1)

Wie ihr wisst, suche ich nach künstlerischen Lösungen für das Mit- und Gegeneinander natürlicher und technischer Formen. Und so fragte ich mich: Wie lösen eigentlich die Künstler der Moderne das Problem, Natur und ihre technische Umgestaltung durch den Menschen in einer einheitlichen Bildsprache darzustellen? Passen sie die Technik den Naturformen an? Oder unterwerfen sie die Natur der Logik der Technik? Oder lassen sie beides auseinanderdriften – hier die technische Welt – dort die reine Natur? Es ist zugleich eine Frage nach den Prioritäten der Epoche.

Das Bild Hommage a Apollinaire von Marc Chagall von 1912, so scheint mir, drückt die Wegscheide aus, an der sich die Epoche befand:  Trennen oder vereinigen sich das weibliche und das männliche Prinzip? Um ihr dynamisches Gegen- und Zueinander dreht sich die Welt.

„Männliches Prinzip“ bedeutet geradlinig, zielstrebig, strukturiert, ökonomisch, mechanisch (Technik) – „weibliches Prinzip“ hingegen kurvig, umwegig, spontan, verschwenderisch, lebendig (Natur).

Selbstverständlich handelt es sich bei dieser Unterscheidung nicht um Eigenschaften real existierender Frauen und Männer, sondern um polare archetypische Zuschreibungen.

Marc Chagall, Hommage a Apollinaire, 1912

In der Bildsprache eines anderen Künstlers jener Zeit, Carlo Carra (L’idole hermaphrodite, 1917) erscheint die Vereinigung der beiden Prinzipien als Geschlechtslosigkeit und als Ende jeglicher Dynamik. Das „Idol des Hermaphroditen“ sitzt – eingenäht in ein rosa Kostüm und umgeben von Schachteln – meditierend und dozierend, die Herzhand hinter den Rücken gesteckt, in einem  leblosen Schachtel-Raum.

Für heute soll das genügen. Es gibt, finde ich, genug Stoff zum Nachdenken, Streiten, auch zum Fragen und für Missverständnisse. Gute Nacht!

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