Anlässlich der „Feuergeschichten“

Eben las ich https://fundevogelnest.wordpress.com/2018/07/29/feuergeschichten/, und nun heule ich. Eine Woche lang habe ich mich ganz stumpf gefühlt, habe die Bilder und Nachrichten gesehen, aber den Inhalt nicht wirklich zugelassen. Ihr wisst es: Vor einer Woche brannte es in Attika, und viele Menschen fanden einen schrecklichen Tod. Jeden Tag kommt einer, kommen zwei hinzu, weil man ihre Leichen fand oder weil sie im Krankenhaus gestorben sind. Viele junge, lebenszugewandte Menschen, Kleinkinder auch. Inzwischen hat man 88 zur Feststellung ihrer Identität ins gerichtsmedizinische Institut gebracht, 65 wurden aufgrund von DNA bereits identifiziert. Immer noch werden offiziell 25 Menschen vermisst, man wird ihre Überreste wohl irdendwann finden.

Überlebende des Feuers (TV-stills)

Und wieder fühle ich mich stumpf, teilnahmslos. Mein Gefühl kommt  nicht heran an die Menschen, die gelitten haben, die jetzt leiden. Da gibt es nur diese TV-Bilder und die Zahlen, die ich zwar registriere, aber nicht wirklich erfasse. Es ist wie mit den ertrunkenen Flüchtlingen.  Zahlen, Bilder. Bilder, Zahlen. Vermischt mit anderen Nachrichten. Das Gefühl kann sich nicht rühren angesichts so vieler. Einer, eine zum Anfassen, zum Umarmen, zum Weinen, zum Mittrauern – ja, das geht. Da kommt dann der wohlvertraute Schmerz, da wird der Hals dick und es fließen die Tränen. Aber bei Bildern? Bei so großen Zahlen? Da versagt mein Gefühl. Die TV-Moderatoren wissen auch, natürlich, dass es auf den Einzelfall ankommt, wenn man das menschliche Herz rühren will. Und so erzählen sie die Geschichte der achtjährige Zwillingsmädchen, die ein verzweifelter Vater suchte, und die zusammen mit ihren beiden Opas im Auto verbrannt aufgefunden wurden, hundertmal. Und schon wird das Gefühl wieder stumpf, und nichts, nichts regt sich in meinem Herzen außer einer gelinden Wut über mich selbst, dass ich es mir antue, diese Berichte noch einmal anzusehen.

Dankbar bin ich daher dem Hund, der sich auf einen Stein im Meer rettete. Ein stiller Held, dessen Anblick ohne Wenn und Aber in mein Herz geht und dort bleiben darf. Und ich lächle ihm zu und hoffe, dass seine Leute in Sicherheit sind und ihn wieder zu sich nehmen.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, die griechische Krise, Flüchtlinge, Fotografie, Katastrophe, Leben, Psyche, Tiere, Vom Meere abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

22 Antworten zu Anlässlich der „Feuergeschichten“

  1. lieberlebenblog schreibt:

    „Gefällt mir“ passt nicht wirklich – zutiefst berührt bin ich von deinem Text, der den Schrecken und die Enpfindungen dazu in Worte fasst, die von Herzen kommen und zu Herzen gehen. Sei umarmt.
    Silke

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  2. gkazakou schreibt:

    Danke Silke. Nun heul ich schon wieder.

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  3. kowkla123 schreibt:

    ja, das macht nachdenklich, möge die Woche für dich schön werden.

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  4. mynewperspective schreibt:

    Liebe Gerda,
    ein „Like“ fällt mir hier schwer.
    In solchen Momenten sich an dem zu erfreuen, dass es ein tapferer Hund geschafft hat, bringt ein kleines Licht in das sonst dunkle Bild. Aber es ist immerhin ein Licht und das Leben zeigt, dass alles Parallel möglich sein kann.
    Mitfühlende Grüße
    Serap

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  5. kopfundgestalt schreibt:

    außer einer gelinden Wut über mich selbst, dass ich es mir antue, diese Berichte noch einmal anzusehen…das kenne ich auch von mir, Gerda!

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  6. hikeonart schreibt:

    Ein fürchterliches Trauma, worauf manch einer natürlich mit Erstarren reagiert. Deine Schilderung ist mir sehr vertraut. Hoffentlich bekommen die Opfer die richtige Hilfe/Zuwendung!

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    • gkazakou schreibt:

      Es gibt viel Hilfsbereitschaft in materiellen Dingen, immerhin, und der Staat gibt Überbrückungsgelder, 1000 E pro Kopf, dazu auch Erleichterungen bei fälligen Steuern, Krediten etc, aber ansonsten muss der Verwandten- und Freundeskreis Stützungsfunktion übernehmen.

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  7. mmandarin schreibt:

    Liebe Gerda, wie gut, dass es nun doch überläuft, ehrlich gesagt habe ich darauf „gewartet“. Auch ich bin in Gedanken noch immer bei den Opfern und deren Verwandten, obwohl die Berichterstattung hier verstummt ist. Nichts ist für Sie mehr wie vorher. Grausam. Und ich ertappe mich dabei, dass ich Flüche in Richtung der Zündler schicke. Möge ihre Rechnung, billig an Bauland zu kommen, sich niemals erfüllen. Liebe Gerda, nun weine ich mit dir. Marie

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  8. fundevogelnest schreibt:

    Liebe Gerda,
    Ach, nun habe ich dich zum Weinen gebracht…Ich wiederum hätte ohne deinen Beitrag „Attika brennt“ meinen Text vermutlich nicht geschrieben
    Und es ist ja auch zum Weinen, Geschichten wie mit den Zwillingen gehen zu Herzen. Für die, die sie wirklich gekannt und geliebt haben muss die hundertfache Berichterstattung unerträglich sein.
    Ich habe bei dem Mädchen, die ich in meinem Text erwähne erlebt, wie rücksichtslos einzelne Presseleute versuchen an Bilder, möglichst exklusive Bilder und intime Informationen heranzukommen. Soweit ich erinnere war es das einzige Mal in meinem Berufsleben, dass ich die Polizei geholt habe.

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  9. Susanne Haun schreibt:

    Ich hoffe nur, die Menschen lernen daraus, liebe Gerda. Aber manche Katastrophen kommen so überraschend, dass kaum etwas zu machen ist.

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    • gkazakou schreibt:

      Ja und nein, Susanne. Die Katastrophen kommen überraschend, aber man könnte wissen, dass sie kommen. Die chaotische Entwicklung von Vororten und der ungeregelte Baudruck inmitten bewaldeter Gegenden führt unweigerlich zu gefährlichen Bränden, und das Zuschütten und Überbauen von Flüssen und Bächen,sowie die Vernichtung der Bergwälder führt unweigerlich zu Überschwemmungen, wenn nicht jedenfalls nachträglich geeignete Maßnahmen getroffen werden. Und der Wildwuchs vonZuständigkeiten, die Rivalität derBehörden, die unzureichende Zahl und Ausstattung derer, die dann helfen sollen, macht die Katastrophe komplett. Die kann sich übrigens jederzeit an vielen Orten wiederholen, und das wird sie auch, vielleicht nicht mit solchen Opferzahlen, aberfür die Betroffenen macht das ja keinen Unterschied.

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      • Susanne Haun schreibt:

        Das hast du gut ausgedrückt, Gerda. Ich denke an den Brand in Rom, es ist ja fraglich, ob Nero tatsächlich Feuer gelegt hat, oder ob der Brand vielleicht sogar ähnlich wie auf der Attika entstanden ist.
        Inzwischen bekommen wir die Wohnung trotz Verdunklung tagsüber nicht mehr unter 30 Grad. Eine Qual! Besonders alte Menschen wie mein Papa leiden.
        Liebe Grüße sendet dir Susanne

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    • gkazakou schreibt:

      die Hitze in Deutschland ist wohl sehr schlimm dieses Jahr. ich kann mir gut vorstellen, wie belastend das ist, gerade auch für alte Menschen. Ich bin dankbar, dass es hier grad recht angenehm ist. 30 Grad sind in Berlin viel, hier aber sind 32-34 Grad eher bequem zu verkraften.
      Ich finde es an sehr heißen Tagen hilfreich, eine Schale Wasser bereitzustellen, um immer wieder die Füße und Hände drin abzukühlen. Und ein feuchtes Tuch, um sich damit Hals und Brust abzureiben. Das ist besser als ständig zu duschen.

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  10. www.wortbehagen.de schreibt:

    ach, Gerda, es ist schlimm und für die betroffenen Menschen, für sie einsam Zurückgeblieben, so entsetzlich, daß man es sich kaum vorstellen kann.
    Wenn ich mir nun vorstelle, ein Mensch war das Zünglein an der Waage, durch ihn bekam das Feuer den nötigenn Auftrieb, dann schluckt man schwer und schon wieder kommt diese Hilflosigkeit, nichts ist mehr zu retten, es ist passiert… Dein Weinen wird in Schüben kommen, liebe Gerda, das Gefühl ist vielleicht von zu vielem blockiert. aber es wird noch zu Dir kommen, in einer Situation, in der Du gar nicht daran denkst.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Bruni. Mein Gefühl, das weiß ich nun aus Erfahrung, löst sich nur noch, wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die mir in Fleisch und Blut gegenüberstehen, die ich anfassen kann. Früher war das anders.

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  11. www.wortbehagen.de schreibt:

    Bei mir ist es ähnlich, liebe Gerda …

    Gefällt 1 Person

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