Montags ist Fototermin: Athen von Monastiraki bis Kerameikos.

Athen ist die verrückteste Stadt der Welt, denke ich manchmal. So ein buntes Durcheinander, in einander verschlungen, versunken, zerbröckelnd, geschichtsvergessen, mit so vielen Schichten, Geschichten, Gesichtern, alten und sehr alten und jungen und grad erst entstehenden.

Ich trete aus der Metrostation Monastiraki und halte Ausschau nach der Freundin, mit der ich verabredet bin – Menschengedränge, bunt die Luftballons, das Obst, die Laune – da ist sie ja! Wir bummeln durch die Budengasse, blättern ein wenig in alten Büchern, wundern uns über Schlangen vor einer Tür: Illusionstheater! es ist Samstag, und viele Eltern sind mit ihren Kindern unterwegs. Eine durchsonnte Ecke mit Tavernentischen, sollen wir? Nein, wir lassen uns weiter treiben, vorbei am antiken Friedhof, an einer Wand mit immer wechselnden Spraybildern, an Keramikwerkstätten museal renoviert, drinnen basteln Kinder, vorbei an der Synagoge, dem modernen Hamam, dem stillgelegten Gaswerk, das nun ein Kulturzentrum der Stadt ist, landen schließlich im Museum für islamische Kunst, im Untergeschoss die meterdicken Befestigungswälle der Stadt Athen, die sie baute, um Alexanders Heer standzuhalten, oben im 5. Stock ein Imbiss mit weitem Rundblick über die Stadt, die sich unter unseren Füßen chaotisch auftürmt, gekrönt von der Akropolis, dem Grabmal des Philopappos, dem Kirchlein Ag. Giorgos auf dem Lykabettos, und dahinter die kahlen Hänge des Hymettos-Gebirges.

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Ausstellung Frauenbild: 2. Hälfte 20. Jahrhundert

Die große Diversifizierung der Stile, die sich in Europa seit Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte, hat in Griechenland erst nach dem 2. Weltkrieg eingesetzt. Sicher, es gab zuvor schon Ansätze,  nichts fällt vom Himmel. Nun aber wird offenkundig, dass so etwas wie ein verbindlicher Stil nicht mehr vorhanden ist. Jeder Maler geht seines Wegs. Natürlich gibt es auch in Griechenland Schulenbildung, zumal viele der bekanntesten Maler zugleich Professoren an der Kunstakademie in Athen oder Saloniki waren und sind.

Expressionismus

Mein Liebling unter den griechischen Malern war lange Zeit Giorgos Bouzianis (1885-1959), dessen expressionistische Malerei mir naheging. In den 20er Jahren lebte Bouzianis in München und kehrte mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus notgedrungen nach Athen zurück, wo ihm eine Professur winkte – die er schließlich nicht bekam. Seine Malweise stieß bei den Kollegen auf heftige Abwehr und beim Publikum auf Unverständnis. Erst in den 50er Jahren konnte er sich durchsetzen. Das Bild in der Ausstellung („Theatrina“, Frau vom Theater) ist von 1957.

Bouzianis  stilistisch am nahestehendsten ist der 1945 geborene Chronis Botzoglu.  Sein wichtigstes Modell, seine Mutter, wieder und wieder in meist großformatigen Aquarellen schmerzhaft herausgearbeitet, bildet das Mittelstück auch des in der Ausstellung gezeigten Bildes aus der Reihe „mein persönlicher Abstieg in die Totenwelt“ (1993-2000). Bei großzügiger Auslegung kann man auch die Bilder von Giorgos Mavroides  („zwei Mädchen“, 1973) und Panagiotis Tetsis (P0rtrait M.S., 1990-1) zu den expressionistisch beeinflussten Arbeiten zählen. Mavroides lebte von 1912-2003, Tetsis, über den ich zweimal berichtete (hier und hier) von 1925-2016. Außer dem jüngsten, Botsoglu, wurzeln diese Maler also im frühen 20. Jahrhundert.

Andere Vertreter der Vorkriegs- und Kriegsgeneration:

Von Sarantis Karavouzis (1938-2011) ist das Bild mit dem Titel „Abschied“, das die typische Abschiedszene der antiken Grabmäler aufnimmt. Auch Christos Karas (Jg. 1930) mit seinen „drei Grazien“ und Achileas Droungas (Jg. 1945) mit seiner „Athene“ (2003) benutzen die griechische Antike als Bildvorlage.  Iannis Tsarouchis (1910-1989) lässt sich bei dem Portrait des „Fräuleins mit dem Spitzenkragen“ wohl ein wenig von der Fayyum-Malerei inspirieren. Von Nikos Nikolaou (1909-1986) ist der stark abstrahierende „Frauenkörper“ (1963).  Die bunt-plakative Malerei von Vassilis Sperantzas (Jg. 1938) ist mit dem Titel „Auf dem Balkon“ vertreten. Sotiris Sorongas (Jg. 1936) bildet einen eigenen sehr feinen Zeichenstil aus („meine Mutter“, Diptychon, 1982).  Takis Katsoulides (Jg. 1933) zeigt mit seinem Bild „Zwei Generationen“ (1983) zwei von einander abgewandte, fast gesichtslose Frauen.

Nachkriegsgeneration

Und was hat die Nachkriegs-Generation an Frauenportraits zu bieten? Zwei Vertreter eines neuen Realismus, der sich auf die Darstellung von Modellen im Atelier beschränkt und nichts von dem Charme des Realismus des 19. Jahrhunderts hat, sind Stefanos Daskalakis (Jg. 1952) mit „Myrto mit blauer Samtbluse“, und Giorgos Rorris (Jg. 1963) mit dem „Portrait R.T.“. Bei letzterem bin ich übrigens selbst noch mal in die Schule gegangen, um meine Ölmaltechnik zu verbessern. Christos Bokoros treibt den Realismus dann noch ein Stückchen weiter in Richtung auf Fotorealismus („Myrsine“, 2006). Von Pavlos Samios (Jg. 1948) ist das Bild „Mit Tizian“ (2012).

Ganz aus der Reihe fällt ein Bild des kretischen Malers Michalis Manousakis (Jg. 1953).  „o.T.“  ist es das einzige der neueren Bilder dieser Ausstellung, das mein Interesse erregt. Es spielt mit einer alten Vorstellung (Opfer?), übersetzt sie aber in eine hermetische und sehr moderne Sprache.

 

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Ausstellung Frauenbild. Erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts

Benutzen die Frauen auf den Bildern auch ihre Hände? fragte gestern Susanne.  Nun ja, wie mans nimmt. Mir fiel auf, dass die abgebildeten Frauen um die Jahrhundertwende von einer gewissen Geschäftigkeit heimgesucht werden. Sie lesen ein Buch, einen Brief, sticken. (Wann genau die Bilder von Savvides gemalt wurden, weiß ich nicht. Savvides lebte 1859-1927, Argyros von 1882 -1963).

Das einzige Bild, in dem man zwei Exemplare der arbeitenden Klasse sieht, nämlich die „Büglerinnen“ von Emmanuel Zaires, datiert schon von ca 1878 (ich hatte es falsch eingeordnet) und gehört eigentlich nicht hierher. Interessanterweise wirkt es in der Pinselführung recht modern – vielleicht, weil der Maler bei diesem Motiv keine Rücksicht auf den Geschmack seiner Kundinnen nehmen musste.

Emmanuel Zaires, Büglerinnen, ca 1878

Nicht hierher gehört auch ein Bild, das eine spätere Entwicklung vorwegnimmt: die Darstellung antiker Mythen. Ich spreche von Gyzis „Arachne“ (1884) – der jungen Weberin, die sich anheischt, mit der Göttin Athene in einen Wettstreit einzutreten. Tatsächlich ist ihr Gewebe – es zeigt die Liebesabenteuer der Göttin – unübertrefflich. Athene ist wütend und um sich vor dem Zorn der Göttin zu retten, hängt Arachne sich auf. Athene verwandelt sie trotzdem in eine hässliche Spinne (griechisch Arachne). In der Darstellung ist der Einfluss der symbolistischen europäischen Kunst am Ende des 19. Jahrhunderts deutlich zu erkennen.

Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts herrschen Motive und Malstile des 19. Jahrhunderts vor.  Iannis Moralis (1916-2009) portraitiert die elegante Ioanna Lourou (rechts) nicht viel anders als der viel ältere Konstantinos Lytras (1883-1927) ein paar Jahre zuvor die berühmte Schauspielerin Kyveli (links. Sie lebte von 1888-1978 und war u.a. mit dem griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou, Vater von Andreas Papandreou, verheiratet).

Moralis wird für die spätere Entwicklung der griechischen Malerei von großer Bedeutung sein. Selbst in diesem „klassischen“ Portrait sieht man schon den Willen zur Abstraktion: Hintergrund, Gesicht und Haltung nähern sich einfachen Formeln, die auf zufälliges Beiwerk fast ganz verzichten. Mehr zu Yannis Moralis findest du unter https://gerdakazakou.com/2015/11/29/griechische-kunst-am-sonntag-yannis-moralis/

Es war vor allem Konstantinos Parthenis (1878-1967) aus Alexandria (Ägypten), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen frischen Wind in die traditionelle griechische Malerei brachte. Er wird als der Vater der Moderne in Griechenland gefeiert. Ganz richtig ist das freilich nicht, meine ich, denn er blieb ein bewunderter Außenseiter ohne Nachahmer.

Ich habe das von Parthenis gemalte Portrait einer Dame (1933) zusammengestellt mit zwei Werken der einzigen Malerin in dieser Ausstellung: Aglaia Papa (1904-1952), da ich finde, dass sie die von Parthenis in die Malerei eingeführte Behandlung des Lichtes am ehesten beherzigt hat, dazu auch von anderen Entwicklungen in der Moderne seit Cezanne profitierte (Selbstportrait, 1932, und Portrait eines Mädchens, 1935).

Von vielen anderen in der Ausstellung gezeigten Werken kann man das nicht behaupten. Etwas hölzern und dunkel wirkt auf mich zB der Versuch von Theofrastos Triantafillides (1881-1955), in Frankreich entwickelte Ausdrucksformen in die griechische Malerei einzuführen (Kinderfrauen im königlichen Garten, 1935-40). Andererseits entspricht die strenge, fast gesichtslose Darstellung der Frauen dem armen Milieu, in dem der Maler selbst zu leben gezwungen war. Hier ist nichts von der Raffinesse der Salons und dem stillen Charme der bürgerlichen Stube zu spüren, die das bevorzugte Sujet der Maler dieser Zeit bildeten.

 

 

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Ausstellung Frauenbild in Griechenland. 1. Von 1850 bis zur Jahrhundertwende.

Ich habe heute griechische Gemälde mit dem Thema „Aroma Frau“ angeschaut – auf drei Stockwerken der Stiftung Theocharakis im Athener Stadtzentrum hat man alles, was in der grechischen Malerei Rang und Namen hat, zusammengetragen. Nur eine Malerin war darunter.

Ich habe auch tüchtig fotografiert. Aber wie soll ich euch jetzt diese Kunst präsentieren, die in Griechenland hoch geschätzt, im Ausland aber so gut wie unbekannt ist?

Ich beginne einfach mal mit dem obersten Stockwerk. Dort hängen Portraits von Frauen, die auf sich hielten: „Archontissa“ – Herrin mit viel Landbesitz und Gesinde – oder Lady, Dame von Welt. Griechenland hatte sich damals noch kaum aus der osmanischen Herrschaft freigekämpft, aber die BürgerInnen zeigten schon voller Selbstbewusstsein, wer sie zu sein wünschten.

Zum Beispiel: Andreas Kriezis, Herrin von der Insel Hydra, 1849, und Aristeidis Oikonomou, Portrait einer Lady, 1849.

Gegen Ende des Jahrhunderts hat sich die Selbstdarstellung der griechischen Frauen schon deutlich gewandelt. Der Ausdruck wird persönlicher, unmittelbarer. Hier zwei Beispiele der in München ausgebildeten Maler Lytras und Gyzis: links die Frau von Gizis, Artemis (1890) und rechts das Fräulein Horn (1918).  Aber da sind wir schon im 20. Jahrhundert gelandet.

Sehr beliebt werden gegen Ende des 19. Jahrhunderts Darstellungen häuslicher Szenen in idyllischer Manier, die vor allem von den „bayrischen“ Malern Gyzis und Lytras mit großer Lebendigkeit und Kunstfertigkeit gemalt  wurden. Hier Konstantinos Panorios (Mädchen mit Brotkorb, 1885), Nikolaos Gyzis (Kuckuck! Detail, 1882), Nikiforos Lytras (Warten, 1895). Diese Bilder haben bis heute nichts von ihrer Beliebtheit verloren.

Die mondänen Damen, die ihre elegante Langeweile auf Chaiselongues mit Hündchen teilen, sind dem Zeitgeschmack der Jahrhundertwende aber wohl eher gemäß. Von den großen Umwälzungen in der Malerei um die Jahrhundertwende aber kommt kaum etwas in der griechischen Malerei an. Hier Beispiele von Iakovos Rizos (1885) und Mathiopoulos (1899).

Morgen geht es dann weiter mit dem 20. Jahrhundert. Gute Nacht!

 

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abc-Etüde: Was sich im Zirkuszelt tat (eine Kata-Strophe)

Mir gelang es tatsächlich, gestern Nacht in die Zirkus-Vorführung zu gelangen, in der ich Fräulein Arabelle und den rotorange Knirps wiederzusehen hoffte. Und so kann ich euch eine Fortsetzung der gestrigen abc-etüde bieten, wieder mit den Wörtern von Bettina vom Wortgerinnsel, unter Christianes Schirmherrschaft und mit den bekannten Regeln, die ich heute um 5 Wörter überschritten habe.

 

Den Text schrieb ich in der Nacht, als ich mit schweren Gedanken aus dem Kino kam (ich sah „Peterloo“). Heute morgen fragte ich mich, ob ich dem Poem nicht ein gefälligeres Ende geben sollte, deren es ja viele gäbe. Aber nun ist er, wie er ist, weil es so ist. Das Bild legte ich aus Schnipseln von Jürgen Küster, Susanne Haun und Ulli Gau, denen ich nach wie vor sehr dankbar bin für ihre großzügige Spende. Ich legte die spannendste Szene, in der noch alles in der Schwebe ist und es sich so – oder so – entwickeln könnte.

Was sich im Zirkuszelt tat

Trommelwirbel, Heiterkeit

Leute, macht die Augen weit!

Und tatsächlich

Ganz gemächlich

Kommt ein Zirkuspferd geritten

Bis in der Arena Mitten

Auf dem Pferdchen, ach wie toll

Steht ein Weibchen anmutsvoll.

Steht es, schwebt es? Schwer zu sagen

Wird es von dem Pferd getragen?

Oder ist der Schirm der Meister

Der, ihr wisst, als Weitgereister

Viele Tricks beherrscht und heute

Ganz verzaubert alle Leute.

 

„He da“, ruft ne Dame schrill

„Das ist doch mein Knirps, ich will

Ihn sofort zurück mir holen,

die Schlampe dort hat ihn gestohlen!“

Die Menge staunt, das Pferd das holpert

Doch sieh, das Fräulein drauf nicht stolpert

Mit ungetrübter  Eleganz

Setzt es nur weiter fort den Tanz,

der Knirps er wird zum Fluggefährt

und trägt das Fräulein nun verkehrt

bis in die höchsten Zirkushöhn

fast konnte man sie nicht mehr sehn.

 

Da staunt das Volk. Und von der Presse

Ist auch wer da, sagt: meine Fresse,

Den Namen will ich mir notieren

Dies Dämchen muss ich protegieren

Mit ihm, wer weiß, einst voltegieren

Das wär nen Spaß der Extragüte

Da zieh ich alle meine Hüte.

 

Doch daraus wurd nichts, denn Gerlinde

Rief: „Knirps, komm her, und zwar geschwinde!“

Der Knirps der faltete sich ein

Und ließ das Fräulein ganz allein

Dort oben in des Zeltes Spitze

Entzog ihr sanft der Krücke Stütze

Kroch flink zurück in seine Hülle

Die eng und hart wie ne Schatülle

Ihn ganz umgab, denn ach, Besitz

Nennt Freiheit nen obszönen Witz.

Gerlinde packt ihn in ihr Täschchen

Zu Drops und Kamm und Wermutsfläschchen

Und wartet nun in Seelenruhe

Was sich im Zirkuszelt noch tue.

 

Der Zirkuschef, herbeigeeilt,

Hats Fräulein dann gleich abgeseilt

Und während die Besucher stritten

Sind beide rasch davongeritten.

 

Es tut mir leid, ihr lieben Leute

Grotesk gings zu, was mich nicht freute.

Ich wollte, Freiheit tät was gelten

In dieser besten aller Welten.

Bei der Dame rechts unten dürfte es sich um Gerlinde, die Vorbesitzerin des Knirpses, handeln. Wer von den beiden Herren links unten von der Presse ist, konnte ich leider nicht verifizieren.

 

Wer übrigens Lust auf einen Text anderen Kalibers zur „Zirkusreiterin“ hat: Franz Kafka: „Auf der Galerie“! Es sind nur zwei Sätze – aber was für welche! unübertroffen, wenn es um Schein und Sein geht.

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abc-etüde: Aus dem Leben eines Knirpses (Kata-Strophen mit glücklichem Ausgang)

Der Knirps, der Knirps! Wer kann da widerstehen? Ich nicht. Zusammen mit „notieren“ und „grotesk“ fordert er die Fantasie heraus. Schuld ist Bettina vom Wortgerinnsel. Und natürlich Christiane, die das Projekt „abc-etüden“ betreut und am Leben erhält. Danke euch beiden! Denn manchmal braucht es eines Anstoßes, um dem Leben die komischen Seiten abzugewinnen.

Die folgenden Kata-Strophen haben 298 Wörter – ich habe schnippeln müssen, um sie auf das erlaubte Maß zu bringen. Ohne die Wortbegrenzung von 300 hätte ich wohl immer weiter erzählt, was dem Knirps so zugestoßen ist. Sein ganzes Leben hätte ich vor euch ausgebreitet. Hier also nur dieser kleine Ausschnitt aus seinem abenteuerlichen Sein.

 

Aus dem Leben eines Knirpses. Eine Kata-Strophe mit glücklichem Ausgang

„Der Knirps ist ja sehr klein,
passt in die Tasche hinein.
Die Farbe, Orange und Rot
tut es zur Not.
Ich nehm ihn“, so sprach Frau Gerlinde
„Bis dass ich was Besseres finde.“

Seither reiste der Knirps in der Tasche
Der Dame, gleich neben der Flasche
Mit edlem Parfüm und der Dose
Mit Pastillen der Marke Primrose.
Kam weit herum, war in Florida und auch in Shanghai
In Malta und auf dem Felsen der Lorelei
Am Guadalquivir war er und in Paris
Und in einer Stadt, wer weiß, wie die hieß.

Denn da im Eislokal,
vergaß die Dame total
wie sonst stets sie’s machte,
was der Kellner ihr brachte
zu notieren den Betrag und den Ort …
sie vergaß es, mein Wort,
weil just daneben ein Mord
ganz nach Mafia-Manier
ein Mord, sag ich dir,
bumm bumm
da fällt ein Mann um
viel Blut rundherum

Frau Gerlinde rennt auf die Straße
Bahnt sich entsetzt eine Gasse
Durch das dichte Gedränge
Der neugierigen Menge.

Ach Frau Gerlinde, du hast was vergessen
Nicht nur hast du dein Eis nicht gegessen
Der Knirps blieb zurück, was soll der Arme nun
So ganz allein in der Fremde nur tun?
Doch schon tritt über die Schwelle
die hübsche Arabelle
vom Wanderzirkus, der in der Stadt
grad heute eine Vorstellung hat.

Und bevor sie sich Kaffee bestellt,
der Knirps sich schon zu ihr gesellt
Und spricht: „Hübsch-süßes Frauchen,
kannst mich Knirps sicher brauchen?“

Arabelle ist entzückt
Und von Herzen beglückt
Ein hübscher Schirm für die Balance
Der Knirps, das ist die große Chance!
Sie nimmt ihn fluggs
Und ohne Mucks
ist sie schon auf der Straße
verschwunden in der Masse.

Du sagst, das sei doch höchst bizarr
Skurril, grotesk und garnicht wahr?
Und doch hat sich’s grad so begeben!
Denn höchst erstaunlich spielt das Leben.

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abc-etüden: Die Strafe (Kata-Strophen)

Als ich vorhin in mein Arbeitszimmer ging, um nach den Knirpsen zu sehen – ihr erinnert euch, sie tobten grad recht vandalisch auf Herrn Kauzens Schreibtisch herum -, traf mich fast der Schlag. Herr Kauz war heimgekehrt und …. O weh, mir fehlen die Worte!

Kata-Strophe!

Die für die abc-etüden von Christiane erdichteten Kata-Strophen, die sich recht harmlos mit einer Schelte anließen und sich mit dem Kinder-Unsinn der Knirpse ein wenig steigerten, haben nun tragische Ausmaße angenommen. Frau Wortgerinnsel, ich bitte Sie, hatten Sie das etwa mit ihrer Wortspende (Knirps, grotesk, notieren), um die herum wir eine Geschichte von höchstens 300 Wörtern basteln sollten, beabsichtigt?

Die Strafe  –  Kata-Strophen

Lautlos flog er heran, die Ohren gespitzt, geschärft seine Krallen

Die Knirpse ahnten es nicht und hatten frenetischen Spaß

Sie fluchten, zerfetzten die heilige Kladde und rissen im Fallen

Die Stifte herunter, die Federn und Pinsel, das Buch und das Tintenfaß.

Sie schifften umher auf gefalteten Barken, gefüllt mit der kostbaren Tinte,

ließen die Farben tropfen über heilige Wörter und klatschten

Sich Beifall wenn einer von ihnen noch größeren Schaden ersinnte,

und rauften sich wüst und gaben sich Hiebe und Watschten…

 

Doch dann war er über ihnen, der schwarze Schatten des Vogels

Seine Augen funkelten hell im Dunkel der Nacht und des Zorns

Weh euch, ihr Halunken, so dacht er und packte sogleich sich den Einen,

den Murks, ders am tollsten getrieben, fasste ihn fest mit dem Schnabel

da wand sich der Bursche, dem Regenwurm gleich und konnt sich nicht helfen,

wurde inmitten zerschnitten und konnte sich nicht mehr ergänzen.

Den Pim den packt er sogleich mit der Klaue, der schrecklichen scharfen,

der wehrte sich nicht, denn es war eh ganz vergebens, gegen das Schicksal.

Nur Pang sprang auf und suchte sich rennend zu retten, doch weh!

Die Kerze fiel um und setzte in Brand die Fetzen der Kladde.

Da brannte auch Pang, die kleine die immer fidele närrische Heldin.

 

Ich hätte sie gern dem Verderben entrissen, doch darf ich?

Hat der erboste Hausherr, der Kauz, nicht jegliche Rechte

Ganz auf seiner, der Weisheit und Tugenden Seite, zumal er

Der Stärkere ist, und immer im Recht sind die Starken.

 

So bleibt mir nichts übrig als die groteske Szene für mich zu notieren

Und eurem geneigten Urteil getreulich zu präsentieren.

 

Zu Ende ist nun die Geschicht

Was weiter wurde, weiß ich nicht.

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abc etüde: Malaktion mit Knirpsen (Kata-Strophen)

Ihr verzeiht mir sicher: Ich konnte es nicht auf mir sitzen lassen. Was? Na, den heimlichen Tadel, den ich in euren Kommentaren zu lesen meinte. Euch gefiel nicht,wie Herr Kauz mit dem kleinen Knirps umsprang. Ich beziehe mich auf die vorigen Kata-Strophen, die ich zu Reginas Wörtern  (Wortgerinnsel) für die abc-etüden, von Christiane zusammenreimte.  Nun erdichtete ich eine Fortsetzung. Vielleicht habt ihr dann etwas mehr Verständnis für den ehrenwerten Kauz.

 

Malaktion mit Knirpsen – eine Kata-Strophe

„Wie was“, sprach Murks zu Pim dem Kleinen
„Der Kauz hat dich davongejagt?
Nu hör mal auf, du Knirps, zu greinen
Denn der gewinnt, der etwas wagt!
Wir brechen ein in die Gemächer
Wenn er mal grad woanders ist
Ich spiele allzu gern den Rächer
Auch wenn du nur ein Schwächling bist.“

Die Pang die kriegte davon Wind
Und war gleich mit von der Partie,
denn immer wo die Partys sind,
da triffst du wen? Na eben sie!
Heihi, Heiho, schon warn sie drinnen
In dem Herrn Kauz sein Heiligtum
Wo dieser sonst, in tiefem Sinnen
Notierte hoher Weisheit Ruhm.

Zwei Scheren schnippel schnappel machen
Die Kladde wird zu Schnipselkram
Draus wird ein Auto, wird ein Nachen
Ein Fluggestell ganz wundersam
Ein Kunstwerk wollen sie gestalten!
Du sagst vielleicht, das sei grotesk
Doch wenn sie gut sich unterhalten
Ist es für sie halt pittoresk.

Pang schleudert Rot auf eine Leinwand
Die Murks mit einer Harke hält
Pim leert den Topf, den er im Eck fand,
die Farb in großem Bogen fällt.
„So wird die Welt des Kauzes bunter“
Ruft triumphierend Pang, die Kleine,
„Komm, Murks, hol mal die Leinwand runter
Mach schnell, sonst mache ich dir Beine!“

Dem Murks in seinem Fahrgestell
Ist solche Rede nicht geheuer
Er denkt, der Kleinen juckt das Fell,
wird Zeit, dass ich ihr eine scheuer.
Der Pim indessen freut sich kindisch
Am Rot, das aus dem Topfe fließt
Die Farbe macht ihn ganz erfindrisch
Er färbt den Kopf sich, bis er niest.

Ich könnte stundenlang noch sprechen
Vom Unfug, den die Knirpse trieben,
doch will der Tag nun schon anbrechen
und ich beende dies, ihr Lieben.

Die für dieses Bild verwendeten dunklen und/oder beschrifteten Schnipsel und die rote Postkarte stammen von Jürgen Küster, die anderen sind von Ulli Gau, von Susanne Haum und von mir.

 

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Maroussi-Alltag im Syngrouwald: Pinien, Menschen, Hunde und Frauenmantel

Seit ich weiß, wie diese Pflanze heißt, kann ich nicht aufhören, sie zu fotografieren. War es vorher einfach nur „grün“, so ist es heute „Frauenmantel“. Und die Bäume? Ja, das sind Pinien und Mandelbäume. Gut, wenn man Namen hat für die Wesen, die einem am Weg zur Seite stehen. Aufgenommen bei meiner alltäglichen Runde durch den Syngrou-Stadtwald. Und insofern gehört es eigentlich in Ullis Blog zu #Alltag.

Frauenmantel, Pinien, Mandelbäume, Menschen und Hunde

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Montags ist Fototermin: Die Farbe der Schatten

Heute las ich in dem mich sehr anregenden Blog von Joachim Schlichting

Schatten heißt normalerweise nicht absolut dunkel. Denn dort wo das Sonnenlicht nicht hinkommt, sorgt unsere indirekte Beleuchtung desTageslichts für eine der geringeren Intensität entsprechende Aufhellung. Und da das diffuse Tageslicht leicht blau ist, kann der Schatten auf weißem Grund auch nur blau sein.
Beschattete weiß getünchte Häuser haben bei Sonnenschein und strahlendem Himmel daher auch stets blaue Schatten.

Natürlich weiß ich, dass Schatten farbig sind, schließlich beschäftige ich mich mit der Malerei. Es gibt sogar eine grobe Handreichung: die Schatten in der Landschaft sind blau (kühl), die im Innenraum rot (warm) anzulegen. Aber ist das wirklich so? Und wie kann ich es nachweisen? Ich machte mich ans Fotografieren. Erst fotografierte ich Schatten in meiner Küche, dann auf meinem Spaziergang im Park. Die Farbe der Fotos verstärkte ich dann, ohne sie zu verändern, damit sie deutlicher hervortreten. Hier zeige ich sie als Paare: das Original und das farbverstärkte Foto.

Schatten im Innenraum. Von links kommt durch die Balkontür gedämpftes Tageslicht in den Raum und zeichnet Schatten der weißlichen Stuhlbeine auf den weißlichen Marmorfliesen. Die Schatten sich rötlich, im farbverstärkten Foto zeigen sie sich Orangerot.

Abendliche Schatten auf einem Kiesweg im Park, original und farbverstärkt. Die Schatten sich bläulich bzw tiefblau.

Aha, es stimmt! Und nicht nur das! Die farbverstärkten Schatten machen deutlich, dass sich Innenraum- und Außenraum-Schatten komplementär verhalten. Orangerot und Blau sind Komplementärfarben – zusammen bilden sie das weiße Licht.

Vor lauter Begeisterung suchte ich noch ein paar Fotos heraus und verstärkte die Farben. Draußen: blauer Schatten, drinnen: rotoranger Schatten.

Hach, wäre es so einfach, wir wären alle große Koloristen! Diese schöne Deutlichkeit ergibt sich leider nur, sofern nicht mehrere Lichtverhältnisse zusammenwirken, was meistens der Fall ist. Schon beim letzten Foto mit dem Holzschiff siehst du den Einfluss des Tageslichtes, das durchs Fenster daneben fällt, im Blau der Wand.  Im folgenden Foto erscheint das braune Balkengerüst grün bis blau, denn es wird vom Tageslicht beleckt, und nur die Schatten, die vom Tageslicht kaum erreicht werden, haben eine rötliche Einfärbung.

Und was sagst du zu den Farbspielen, die sich zwischen dem weißlichen Küchenboden und dem weißlichen Stuhlbein entfalten? Dunkelrot der Schatten im Bereich der Tischplatte, blau der Boden, wo er vom seitlich einfallenden Tageslicht erreicht wird, gelb der Schatten, in dem sich beide Einflüsse vermischen … Von wegen grau!

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum!“ (Goethe, Faust I, Im Studierzimmer, Mephistopheles).

 

Und nun, wenn du Lust hast, schau doch mal ein paar Maler der Fauves (Beginn 20. Jh.) an: Vlaminck, Matisse, Derain, oder auch deren Vorreiter Gauguin. Die Farborgien, die du da siehst, werden dir auf einmal ganz natürlich vorkommen.

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