Mir gelang es tatsächlich, gestern Nacht in die Zirkus-Vorführung zu gelangen, in der ich Fräulein Arabelle und den rotorange Knirps wiederzusehen hoffte. Und so kann ich euch eine Fortsetzung der gestrigen abc-etüde bieten, wieder mit den Wörtern von Bettina vom Wortgerinnsel, unter Christianes Schirmherrschaft und mit den bekannten Regeln, die ich heute um 5 Wörter überschritten habe.
Den Text schrieb ich in der Nacht, als ich mit schweren Gedanken aus dem Kino kam (ich sah „Peterloo“). Heute morgen fragte ich mich, ob ich dem Poem nicht ein gefälligeres Ende geben sollte, deren es ja viele gäbe. Aber nun ist er, wie er ist, weil es so ist. Das Bild legte ich aus Schnipseln von Jürgen Küster, Susanne Haun und Ulli Gau, denen ich nach wie vor sehr dankbar bin für ihre großzügige Spende. Ich legte die spannendste Szene, in der noch alles in der Schwebe ist und es sich so – oder so – entwickeln könnte.
Was sich im Zirkuszelt tat
Trommelwirbel, Heiterkeit
Leute, macht die Augen weit!
Und tatsächlich
Ganz gemächlich
Kommt ein Zirkuspferd geritten
Bis in der Arena Mitten
Auf dem Pferdchen, ach wie toll
Steht ein Weibchen anmutsvoll.
Steht es, schwebt es? Schwer zu sagen
Wird es von dem Pferd getragen?
Oder ist der Schirm der Meister
Der, ihr wisst, als Weitgereister
Viele Tricks beherrscht und heute
Ganz verzaubert alle Leute.
„He da“, ruft ne Dame schrill
„Das ist doch mein Knirps, ich will
Ihn sofort zurück mir holen,
die Schlampe dort hat ihn gestohlen!“
Die Menge staunt, das Pferd das holpert
Doch sieh, das Fräulein drauf nicht stolpert
Mit ungetrübter Eleganz
Setzt es nur weiter fort den Tanz,
der Knirps er wird zum Fluggefährt
und trägt das Fräulein nun verkehrt
bis in die höchsten Zirkushöhn
fast konnte man sie nicht mehr sehn.
Da staunt das Volk. Und von der Presse
Ist auch wer da, sagt: meine Fresse,
Den Namen will ich mir notieren
Dies Dämchen muss ich protegieren
Mit ihm, wer weiß, einst voltegieren
Das wär nen Spaß der Extragüte
Da zieh ich alle meine Hüte.
Doch daraus wurd nichts, denn Gerlinde
Rief: „Knirps, komm her, und zwar geschwinde!“
Der Knirps der faltete sich ein
Und ließ das Fräulein ganz allein
Dort oben in des Zeltes Spitze
Entzog ihr sanft der Krücke Stütze
Kroch flink zurück in seine Hülle
Die eng und hart wie ne Schatülle
Ihn ganz umgab, denn ach, Besitz
Nennt Freiheit nen obszönen Witz.
Gerlinde packt ihn in ihr Täschchen
Zu Drops und Kamm und Wermutsfläschchen
Und wartet nun in Seelenruhe
Was sich im Zirkuszelt noch tue.
Der Zirkuschef, herbeigeeilt,
Hats Fräulein dann gleich abgeseilt
Und während die Besucher stritten
Sind beide rasch davongeritten.
Es tut mir leid, ihr lieben Leute
Grotesk gings zu, was mich nicht freute.
Ich wollte, Freiheit tät was gelten
In dieser besten aller Welten.

Bei der Dame rechts unten dürfte es sich um Gerlinde, die Vorbesitzerin des Knirpses, handeln. Wer von den beiden Herren links unten von der Presse ist, konnte ich leider nicht verifizieren.
Wer übrigens Lust auf einen Text anderen Kalibers zur „Zirkusreiterin“ hat: Franz Kafka: „Auf der Galerie“! Es sind nur zwei Sätze – aber was für welche! unübertroffen, wenn es um Schein und Sein geht.