Ausstellung Frauenbild. Erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts

Benutzen die Frauen auf den Bildern auch ihre Hände? fragte gestern Susanne.  Nun ja, wie mans nimmt. Mir fiel auf, dass die abgebildeten Frauen um die Jahrhundertwende von einer gewissen Geschäftigkeit heimgesucht werden. Sie lesen ein Buch, einen Brief, sticken. (Wann genau die Bilder von Savvides gemalt wurden, weiß ich nicht. Savvides lebte 1859-1927, Argyros von 1882 -1963).

Das einzige Bild, in dem man zwei Exemplare der arbeitenden Klasse sieht, nämlich die „Büglerinnen“ von Emmanuel Zaires, datiert schon von ca 1878 (ich hatte es falsch eingeordnet) und gehört eigentlich nicht hierher. Interessanterweise wirkt es in der Pinselführung recht modern – vielleicht, weil der Maler bei diesem Motiv keine Rücksicht auf den Geschmack seiner Kundinnen nehmen musste.

Emmanuel Zaires, Büglerinnen, ca 1878

Nicht hierher gehört auch ein Bild, das eine spätere Entwicklung vorwegnimmt: die Darstellung antiker Mythen. Ich spreche von Gyzis „Arachne“ (1884) – der jungen Weberin, die sich anheischt, mit der Göttin Athene in einen Wettstreit einzutreten. Tatsächlich ist ihr Gewebe – es zeigt die Liebesabenteuer der Göttin – unübertrefflich. Athene ist wütend und um sich vor dem Zorn der Göttin zu retten, hängt Arachne sich auf. Athene verwandelt sie trotzdem in eine hässliche Spinne (griechisch Arachne). In der Darstellung ist der Einfluss der symbolistischen europäischen Kunst am Ende des 19. Jahrhunderts deutlich zu erkennen.

Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts herrschen Motive und Malstile des 19. Jahrhunderts vor.  Iannis Moralis (1916-2009) portraitiert die elegante Ioanna Lourou (rechts) nicht viel anders als der viel ältere Konstantinos Lytras (1883-1927) ein paar Jahre zuvor die berühmte Schauspielerin Kyveli (links. Sie lebte von 1888-1978 und war u.a. mit dem griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou, Vater von Andreas Papandreou, verheiratet).

Moralis wird für die spätere Entwicklung der griechischen Malerei von großer Bedeutung sein. Selbst in diesem „klassischen“ Portrait sieht man schon den Willen zur Abstraktion: Hintergrund, Gesicht und Haltung nähern sich einfachen Formeln, die auf zufälliges Beiwerk fast ganz verzichten. Mehr zu Yannis Moralis findest du unter https://gerdakazakou.com/2015/11/29/griechische-kunst-am-sonntag-yannis-moralis/

Es war vor allem Konstantinos Parthenis (1878-1967) aus Alexandria (Ägypten), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen frischen Wind in die traditionelle griechische Malerei brachte. Er wird als der Vater der Moderne in Griechenland gefeiert. Ganz richtig ist das freilich nicht, meine ich, denn er blieb ein bewunderter Außenseiter ohne Nachahmer.

Ich habe das von Parthenis gemalte Portrait einer Dame (1933) zusammengestellt mit zwei Werken der einzigen Malerin in dieser Ausstellung: Aglaia Papa (1904-1952), da ich finde, dass sie die von Parthenis in die Malerei eingeführte Behandlung des Lichtes am ehesten beherzigt hat, dazu auch von anderen Entwicklungen in der Moderne seit Cezanne profitierte (Selbstportrait, 1932, und Portrait eines Mädchens, 1935).

Von vielen anderen in der Ausstellung gezeigten Werken kann man das nicht behaupten. Etwas hölzern und dunkel wirkt auf mich zB der Versuch von Theofrastos Triantafillides (1881-1955), in Frankreich entwickelte Ausdrucksformen in die griechische Malerei einzuführen (Kinderfrauen im königlichen Garten, 1935-40). Andererseits entspricht die strenge, fast gesichtslose Darstellung der Frauen dem armen Milieu, in dem der Maler selbst zu leben gezwungen war. Hier ist nichts von der Raffinesse der Salons und dem stillen Charme der bürgerlichen Stube zu spüren, die das bevorzugte Sujet der Maler dieser Zeit bildeten.

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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24 Antworten zu Ausstellung Frauenbild. Erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts

  1. Susanne Haun schreibt:

    Die Büglerinnen erinnern mich auch an Courbets Steinklopfer, Gerda.
    Ich stecke gerade tief in der Begriffsklärung von natura naturans und natura naturata. Ich glaube, ich bin jetzt an einem guten Punkt angelangt und werde meine Gedanken sacken lassen. Vielleicht gehe ich dazu in die Wanne 🙂

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    • gkazakou schreibt:

      …und an die Büglerinnen von Degas, die ungefähr zur gleichen Zeit entstanden.
      „natura naturans und natura naturata“ – o weh, ja! Schafft die Natur oder ist sie erschaffen? Oder beides, je nachdem? Und der Mensch? Ersetzt er die Natur oder ahmt er sie nach oder ist er selbst ein Teil von ihr? Und während sie das erörtern, vergessen sie Gott, die Natur und den Menschen. Ich glaube, ein Bad in wohltemperiertem Wasser ist der richtige Ort, um die drei wieder zusammen zu bringen.

      Gefällt 2 Personen

  2. kopfundgestalt schreibt:

    Wie las ich vor 2 Jahren in Scinexx: Die Stimmen der Frauen werden im Durchschnitt tiefer…was man zuschreiben kann und darf einer positiven Entwicklung.
    Gerade jetzt kam ja ein Buch über die Sufragetten raus, die entspr. Themen häufen sich.

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  3. wildgans schreibt:

    Erklär`s mir bitte. Warum gehören manche Bilder nicht hierher?
    Fragende Grüße von
    Sonja

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  4. Ulli schreibt:

    Hab Dank Gerda, dass ich mit dir durch die griechische Kunstgeschichte der „Moderne“ wandern darf. Ich gestehe, dass ich mich eher heimisch bei den Bildern gefühlt habe, die in den 1930er/40er Jahren gemalt worden sind. Nicht nur wegen den Stilen, auch, weil ich mit Salondamen so wenig anfangen kann. Ausnahme sind die Büglerinnen, wobei auch diese mich an Reklamebilder der 1950er Jahre erinnern, die glückliche Persilfrau etc. …
    herzliche Abendgrüße, Ulli

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  5. Myriade schreibt:

    Ich habe so gar keine Ahnung von griechischer Malerei. Danke für die Vorstellung!

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  6. www.wortbehagen.de schreibt:

    Ein ganz wundervoller Artikel, liebe Gerda. Die Geschichte um Arachne ist richtig spannend. Der Göttin Zorn ist fast zu verstehen, denn wer auch dürfte sich erheischen, mit einer Göttin zu streiten…
    Die Büglerinnen hatten es schwer, aber hier sieht es aus, als würden die beiden ihr Handwerk gut verstehen. Schweiß kann ich nicht riechen, also sind es keine Büglerinnen in einer Fabrik, sondern welche aus einem gutbürgerlichen Haushalt. Ein Bild, das meine Fantasie weckt, ich glaube, Du merkst es *g*
    Die Art des Malens beim Gemälde von Konstantinos Parthenis, Aristovoulou Lopresti, 1933, mag ich nicht sehr, aber das ist nur meine eigene subjektive Meinung.
    Das Gemälde der Kinderfrauen dagegen beeindruckt mich sehr, obwohl es so dunkel ist. Kann es sein, daß es gereinigt werden müßte, Gerda?

    Liebe Grüße zum Sonntagabend von Bruni

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    • gkazakou schreibt:

      Ich finde esinteressant, Bruni, dassdu die beiden Bilder von Parthenis und den Kinderfrauen vergleichst, denn tatsächlich sind sie wohl die unterschiedlichsten von allen. ich kann deine Sympathie auch nachvollziehen. Gereinigt werden muss das Bild wohl nicht. Der Maler hatte ein sehr schwieriges Leben: er stammte von einer begüterten Familie in Smyrna, hatte anfangs keine finanziellen Probleme, studierte in Paris und lebte gut. Dann kam eine Katastrophe nach der anderen: Smyrna brannte (1923), die Griechen wurden vertrieben, das Unternehmen des Vaters gab es nicht mehr. Er heiratete, sie bekamen eine Tochter, aber wenig später wurde die Frau gelähmt. Kein Geld, eine gelähmte Frau, ein kleines Kind – er trug das alles tapfer durch, bis die Frau zehn Jahre später starb. Es folgten die Hungerjahre des Kriegs und der nachkriegsjahre, wo niemand Kunst kaufte. Zuletzt lebte er in extremer Armut, außerdem wurde sein Arbeitsraum überschwemmt und viele Bilder wurden zerstört. Es gibt nur wenige, die ihn überlebt haben, dies ist eines davon. Wahrscheinlich hat er mit schlechten billigen Malmitteln und Leinwänden gearbeitet.
      Nun wirst du das Bild mit den Kinderfrauen noch mehr mögen, denke ich. Mir ging es auch so, nachdem ich seine Biografie nachgelesen hatte.

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