Tagebuch der Lustbarkeiten: Begegnungen

Meine Zuhause-Rumhängerei wegen der anhaltenden Erkältung geht mir gewaltig auf die Nerven, also sage ich mir: egal, ich gehe jetzt raus. Das Wetter ist wenig einladend, aber nun: am „Reinen Montag“ zu Hause hocken, das geht gar nicht. Es ist der Tag, an dem ALLE draußen zu sein haben, um zu picknicken und Drachen steigen zu lassen. 

Gut, dass ich gegangen bin. 

Ich mag es einfach, wie die Leute an diesem Tag mit Kind und Kegel rausziehen. Die Papas zeigen ihre Drachensteigkünste, die sie selbst als Knirpse erworben haben und nun ihrem Nachwuchs vorführen. Die Mamas und Omas wissen, was an diesem Tag in den Picknickkorb gehört: das spezielle Fladenbrot, weiße und rosa Rogenpaste, Tsatsiki, eingelegte Oktapus, Oliven, Gürkchen … viel Pikantes, alles außer Fleisch. Denn heute beginnt das Fasten. Einige kleine Mädchen treten noch als Prinzessinnen auf, denn gestern war das große Karneval-Show-down und manchen fällt es schwer, sich von einem Traum zu trennen.

Viele Gruppen sind bereits am Aufbrechen, als ich rausgehe. Am Himmel stehen noch einige Drachen, die traditionellen sechseckigen sind in der Minderzahl, mancher ist bereits abgestürzt.

Im Stadtwald wandere ich streckenweise allein. Da kommt mir eine Frau entgegen, stutzt, nimmt die Sonnenbrille ab. Gerda? Ah, du bists? Eine alte Bekannte, auch sie deutsch, auch sie allein wandernd. Sie erinnert sich: da drüben war dein Atelier, das Fest, 30 Jahre her? – Nein, sage ich, 20. Aber es kommt mir schon wie eine Ewigkeit vor, seit ich das Atelier aufgegeben habe, damals, als wir in der Mani bauten. Zu meinem 60. Geburtstag hatte ich eingeladen, fast 100 liebe Menschen waren gekommen. Ich frage nach anderen Bekannten: die ist nach München gezogen, jene auch, aber ihre Tochter ist noch hier, schlägt sich mit Übersetzungen durch. Die T? frage ich. Die muss jetzt an die 40 sein. Die hab ich mal gemalt, die Mutter hatte ein Portrait in Auftrag gegeben, aber dann gefiel es nicht und ich behielt es. Ist halt so eine Sache mit Aufträgen und erst recht mit Portraits: der Besteller hat eine bestimmte Vorstellung von Ergebnis, das der Maler nicht liefern kann. – Eben habe ich nachgeschaut und fand zwar kein Foto des Gemäldes, wohl aber eine Vorstudie in Kohle.

Ich freue mich über die unerwartete Begegnung, die Anregung der Erinnerung, und gehe froher gestimmt weiter. In der Ferne lagert noch Volk, die Stimmung wirkt gelöst.

Ein wenig Heranzoomen wird erlaubt sein, denn sonst müsste ich für solche „typische“ Szene viele Worte machen.

Eine kleine Prinzessin will noch nicht gehen, sie muss noch Blumengespräche führen.

Ich bin zufrieden mit meiner Ausbeute und meiner Geh-Leistung (6.9km), und damit ich auch den Restweg schaffe, lasse ich über meine neuen, direkt mit dem Handy verbundenen Hörgeräte (nach außen dringt kein Laut) den Rhythmus von Ravels Bolero in meine mürben Glieder fahren.

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Kunst am Sonntag (Into the Blue)

Da mich eine blöde Erkältung weiterhin daran hindert, mich unter die Jecken zu mischen, muss der Karneval dieses Jahr ohne mich enden. Zum Glück gibt es die Kunst, wenn reale Lustbarkeiten Mangelware sind – und Yves Kleins Blau, selbst wenn der attische Himmel, wie heute, von Saharastaub getrübt ist, so dass das Atmen schwer fällt.

Yves Klein (1928-1962), französischer Maler, versuchte, den Umweg über die Kunst zu vermeiden und sich direkt in den Besitz der Welt zu bringen. Wie? Nun, er lag im Jahr 1946,  gerade mal 18 Jahre alt, an Nizzas Strand, sah den blauen Himmel und … signierte ihn. Es war sein erstes „Monochrom“. „Neuer Realismus“ nannte sich die Richtung, die sich damals herausbildete. Wozu malen, wenn alles bereits da war und man es sich nur aneignen musste? 

Ein wenig erinnert das natürlich an all die „Entdeckungen und Inbesitznahmen“ unserer  Vorfahren rund um die Welt. Hier ist ein Berg, eine Insel, ein Kontinent: setze deinen Namen drauf, signiere ihn und er gehört dir. Finde eine Statue, eine Maske, ein Schmuckstück fremder Kulturen – und es ist deins.

Bei Klein und den anderen Realen gab es freilich ein Problem: das Original war nicht zu haben. Der Himmel blieb unverkäuflich. Also mussten sie sich etwas einfallen lassen – und doch den Weg über die Kunst nehmen.

Yves Klein nahm zum Beispiel die „Venus von Milo“ oder die „Nike von Samothrake“ – beide einst aus griechischem Marmor erschaffen, von französischen Archäologen ausgegraben und zusammengeklebt und schließlich an prominentem Platz im Louvre ausgestellt -, ließ Kunststoff-Kopien anfertigen und färbte sie ultramarinblau ein.

Und so stand auch ich am vorletzten Sonntag voller Bewunderung ob dieser Chuzpe vor den berühmten Bildnissen in International Klein Blue (I.K.B., 1960 patentiert).

Natürlich bedarf auch die kühnste neuartigste künstlerische Idee, damit sie marktreif wird, eines kongenialen Philosophen und Kunsthändlers und einer kongenialen Galeristin. Ersteren fand der junge Yves in Pierre Restany, letztere in Iris Clert (aka Iris Athanassiadis, 1917-1986). Dieses Trio machte 1958 in Paris mit der Ausstellung-Performance „Vide“ (Leere) Furore: 3000 Besucher kamen, um das Werk – die leere weißgetünchte Galerie – zu besuchen (die insofern allerdings nicht leer war).

Eine Idee läuft sich leicht tot, also ist es gut, ihr durch Begegnung mit lebendigen Körpern Lebenskraft einzuhauchen, so geschehen in den berühmten Anthropometrien mit Modellen Kleins,  die ihre nackten blau-farbig triefenden Körper auf Leinwände pressten (1960 in der Galerie Internationale d’Art Contemporain in Paris die Performance). Ein Orchester spielte derweil ein von Yves komponiertes Stück, das im wahrsten Wortsinne ein-tönig war: es bestand nur aus einem Klang (Symphonie monotone).

Klinge ich nun wie eine Kunstbanausin? Vermutlich. Die Wahrheit ist, dass ich diese Kunst und diesen Künstler fabelhaft finde, dass sie mich inspirieren, erfreuen, dass ich auch den Mut derer bewundere, die einer banausischen Welt solche Kunstkonzepte unterjubeln. Natürlich lohnt es sich auch pekuniär für die Beteiligten – aber ist das mein Problem?  Einen „Seiltänzer zwischen Genie und Scharlatan“ nannten sie ihn, der nur 34 Jahre alt wurde. Ja, ein Traumtänzer war er wohl. Und genau das macht seine Kunst für mich unwiderstehlich.

Da fällt mir ein eigener Beitrag ein, der meine Haltung zur Traumtänzerei illustrieren mag:

Was willst du denn mal werden, Susi?  —- Was ich werden will? Ooo, ich werde Primaballerina oooder Akrobatin auf dem Seil, ganz hoooch oooben, oooder wie heißt das gleich, Traumtänzerin, ja, ich werd Traumtänzerin, das gefällt mir am besten. Und du? Was willst du mal werden?

Was schwebt der Susi vor, wenn sie  „Traumtänzerin“ werden will? Na, etwas in der Richtung:

aus Schnipselspenden von Susanne Haun, Jürgen Küster aka Buchalov und Ulli Gau von mir einst gefertigtes Legebild.

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Brillenschatten kreativ

Es ist früher Nachmittag, und wir haben gerade zu Ende gespeist. Die Sonne scheint kräftig durch die offene Terrassentür auf die Wachstuchdecke des Küchentisches und meine Brille, die sehr kräftige Schatten wirft. Sieht hübsch aus, denke ich, die dicken Schattenbalken erinnern mich an Pierre Soulage, von dem ich kürzlich ein Werk sah, und das farbige Muster des Tischtuchs könnte von Piet Mondrian sein.

Irgendwoher müssen sich die Maler ihre Inspiration ja holen. Vielleicht von solchen Momenten?

Ich schiebe die Brille herum, um den Schatten zu verändern, fotografiere, bearbeite die Fotos ein wenig, um die Farben zu klären und zu verstärken oder ganz auszulöschen, mache eine Übersichtscollage. 

Oder vielleicht doch lieber in klarem Schwarz-Weiß-Kontrast?

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Hand mit Avocado-Hälfte (alltägliches Zeichnen)

Heute nehme ich eine halbe Avocado in die Hand. Es ist eine von den kleinen mit tief dunkelgrüner, genoppter Schale. Ich hatte sie essen wollen, aber sie war zu hart. Die eine Hälfte zerschnippelte ich dennoch und fügte sie einem Imbiss bei.

Die andere Hälfte beginnt, sich an den Schnittstellen zu verfärben: Rötlichgelb im Weißgelb der ungleichmäßigen Schnittfläche des Fleisches. Sie liegt eingepasst in meiner Hand, fast so, wie der große Kern eingepasst in der Frucht ruht.

„Wozu zeichnest du das?“ – Ich will es begreifen. Jedenfalls diese ganz alltäglichen Dinge möchte ich ein bisschen begreifen. „Begreifst du sie denn, wenn du sie zeichnest?“ – Nein, aber ich nähere mich ihnen an. – „Und was hast du dadurch gewonnen?“ – Ich weiß nicht. Vielleicht ein wenig Stabilität. Außerdem habe ich mich nun mit der eleganten Umrisslinie der Avocado bekannt gemacht, ich kenne die kleine schattige Dreiecksform zwischen ihrer Haut und meinem Daumen, die winzige Lücke zwischen den Außenhäuten. Ich bin dem Kern nachgegangen, seiner wie draufgeklebtes Seidenpapier an ihm haftenden bräunlichen Haut,  und der Wölbung des enthäuteten hellen Teils. „Und das reicht dir?“ –

Es gab eine Zeit, da bewegte sich mein Stift frei über das Papier und ich meinte, die Dinge zu kennen und zu beherrschen. Da fühlte ich mich als ihr Meister und konnte mutig abstrahieren. Jetzt bin ich ängstlich geworden. Ist diese Linie denn wahr, jener Schatten stimmig? Haben  nicht auch die Dinge – und nicht nur sie, sondern auch das Nichts zwischen ihnen – das Recht, wahrgenommen zu werden, wie sie sind?

Immer noch scheint mir alles zu unaufmerksam, zu oberflächlich wahrgenommen. Ich möchte zwischen die Häute der Avocado kriechen und schauen und fühlen, was es dort zu fühlen und zu schauen gibt.  Die Frucht als Zauberberg.

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Saubohne, keimend

Mein Herz tat vor ein paar Tagen einen kleinen freudigen Hüpfer, als aus der braunen Erde, in die ich Christinas Saubohne versenkt hatte, ein grüner Keim hervordrang. Na also! Das Wunder findet statt! so der Begleittext in meinem Kopf.

Ich hatte die am 8. Februar in Empfang genommene und in die Erde gesteckte Saubohne vor zehn Tagen mit nach Athen genommen.

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Saubohnensamen

Das Töpfchen verschwand dann kurz von der Bildfläche – ich fand es im Kühlschrank wieder, wo mein Mann es nichtsahnend verstaut hatte -, dann wechselte es noch mehrmals den Standplatz, denn ich war mir nicht sicher: war es besser drinnen oder draußen aufgehoben? in der Sonne, oder doch eher im Schatten? Ich bin halt ein kompletter Samen-Idiot, und das Wetter ist wechselhaft von sehr kalt bis hin zu frühlingshaften Temperaturen.

Die Bohne nahm nichts übel und wickelte ihr eingeschriebenes Wachstumsprogramm ab. Hier seht ihr sie, draußen im Schatten am 22. und 24.2.aufgenommen. Nun braucht sie noch einen Namen, finde ich. Wie wärs mit Ihre Hoheit Favorita I? (Du siehst, Myriade, ich habe mich auch noch nicht ganz vom Adelsprinzip lossagen können). In eine hübschere Behausung könnte sie dann auch bald umziehen. 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Apollon mit der Harfe

In meiner Fotosammlung vom Archäologischen Museum Neapel geht dem „knieenden Barbaren“ (Bild 1) ein anderes Bildwerk voraus, das wie sein entgegengesetzter Pol wirkt: Der Gott Apoll mit seiner Harfe (Bild 2).  Alles scheint in sein Gegenteil verkehrt:

(1) Dunkel sind Kopf und Hand, hell ist das komplizierte gefältete Gewand.

(2) Hell sind Kopf und Hand, dunkel ist das schlichte Gewand.

(1) Das Haupt ist von Tuch bedeckt, vom Gefäß belastet.

(2) Das Haupt ist frei schwebend, von einem Lorbeerkrank gekrönt.

(1) Der Blick des weit geöffneten Auges ist von unten nach oben gerichtet, die Stirn in Falten, Bartwuchs.

(2) Der Blick des Auges ist von oben nach unten gerichtet, glatt die Stirn, bartlos.

(1) Der eine Arm ist hochgewinkelt, mit hart zupackender, festhaltender Hand, der andere Arm samt Hand ist angespannt, um die Kniehaltung zu stabilisieren oder das Aufstehen zu ermöglichen.

(2) Beide Arme sind entspannt, die weichen Hände halten sanft das Instrument.

(1) Die Füße sind mit Tuch bedeckt, wie verwachsen mit dem gleichfarbigen Grund.

(2) Feingliedrige nackte Füße stecken in leichten Sandalen, vom dunklen Grund isoliert.

Vieles noch ließe sich vergleichend beobachten, doch das Wichtigste ist wohl der Gesamteindruck: Der Barbar ist eindeutig männlich, obwohl er weiblich wirkende Kleidung trägt. Apoll aber ist nicht Mann oder Frau, er ist androgyn (άνδρος=Mann, γυνή-Frau). Er ist beides: Mann UND Frau. In ihm ist die Polarisierung der Geschlechter aufgehoben.

Sein Name deutet das an: APOLLON wurde von den Pythagogäern und Platonikern als Α-πολλων  ausgelegt, was sich übersetzen lässt als „das Un-Viele“, die Negation des Vielen – Hinweis auf das Eine, das Absolute, das im Hintergrund des Vielen aufscheint.

Nach der Genealogie ist Apollon der Sohn der Leto, von Zeus gezeugt im kleinasiatischen Didyma (Zwillinge), zweitgeborener Zwillingsbruder der Artemis, die, nachdem sie gerade geboren war, der Mutter bei der Geburt des Apoll zur Hand ging. All das geschah auf der damals noch schwimmenden Insel Delos, denn nur dort konnte Leto niederkommen, Festes war ihr durch Hera verboten, die die Geburt missbilligte.  Dass er in Didyma gezeugt wurde, verweist auf das Alter des Mythos: das Zeitalter der Zwillige (ca 6000-4000 v.Chr.), das dem des Stiers voranging (Stierkulte) und zu Jesu Geburt ins Zeitalter des Widders (Lamm Gottes) gemündet war.*

Artemis und Apollon waren wie Mond und Sonne. Phoibos, der Strahlende, war Apolls Beiname. Er liebte Frauen und Jünglinge gleichermaßen, sein bekanntester Geliebter war Kyparissos, der, verzweifelt über den Tod seines geliebten wilden Hirsches, in eine Zypresse verwandelt wurde.

Apoll übertrat Gesetze des Vaters Zeus, wurde mit Unterweltdiensten bestraft, flog winters auf seinem Schwanengefährt ins Hyperboräische (jenseits des Nordens), liebte, tötete, heilte, brachte Pest und vertrieb sie, verlieh Seherkraft und vergiftete sie (Kassandra), war den Musen verbunden, spielte die große Harfe – Instrument der Planetenharmonie.  Wie man sieht, war er unreif, sprunghaft, nomadisch, der seine Spaltungen und Widersprüche überwand und sich allmählich zum Heiler und Sonnengott wandelte  – eine Vorprägung des kosmischen Christus.

Die erste Tat des Apoll war, den Python zu töten. Die Schlange Python, Sohn von Mutter Erde (Gaia),  floh vor Apoll nach Delphi, Apoll folgte und tötete ihn/sie (Python ist zweigeschlechtlich). Was heißt das? Was geschah auf der Erde, als Apoll Python tötete?

Leicht verliere ich mich in den unzähligen köstlichen Nebengängen des Mythos. Wieviel wäre noch auszuführen, anzumerken, zu assoziieren! Doch nun ist Schluss.

Nur dies noch: der androgyne Mensch geistert seit Menschengedenken durch unsere Vorstellungswelt, er wurde im biblischen Schöpfungsmythos auseinandergeschnitten in Adam und Eva…..Nun feiert er als Zwitter oder „Trans“ Auferstehung in der für unser Zeitalter so typischen materiellen Form: man sucht ihn herzustellen mithilfe von Operationen, Hormongaben oder Epilation…

………………

Ephesos, Kleinasien, wo ein alter Artemis-Tempel bestand, wo Heraklit lehrte und Maria bestattet wurde.

*Anm: Heute befinden wir uns im Zeitalter der Fische, daher wurde der Fisch /griechisch ἸΧΘΥΣ Anagramm von „Jesus Christus Sohn Gottes Erlöser“, zum Erkennungszeichen der Christen.

Die Bezeichnung des Zeitalters im platonischen Weltenjahr (= Präzessionsperiode der Erdachse) geschieht nach dem Sternbild, in dem die Sonne zur Frühlings-Äquinox aufgeht (= Frühlingspunkt). Dieser Punkt verschiebt sich ständig. 25 920 Jahre dauert es, bis der Sonnenaufgang am selben Frühlingspunkt stattfindet (= Weltenjahr).


Mit der großen Harfe des Apoll möge auch meine kleine Harfe erklingen (wie oben, so unten).

Kleiner Harfe Zitterklänge (https://gerdakazakou.com/2017/07/27/kleiner-harfe-zitterklaenge/ …)

wuchsen Flügel, wollten fliegen …

fielen auf das Wasser nieder …

trübten es mit feinen Rinnen

Kam ein Schneider, trug sie fort.

Dachte sich ein Kleid zu machen

aus den Zitterharfen-Klängen

doch in seinen groben Händen

klumpten sie und welkten hin

Rötlich wurde das Gewebe

wie die Blätter, wenn im Herbste

in das Laub die Stürme fegen

und es von den Bäumen reißen

hierhin, dorthin, zu dir hin.

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: knieender Barbar

Da ich mit einer blöden Virus-Infektion darniederliege, habe ich keine Lustbarkeiten von draußen vorzuweisen. Aber gibt es nicht die Archive, um notfalls in ihnen zu grasen? Heute verschlug es mich in das großartige archäologische Museum von Neapel, das die aus der Katastrophe von Pompeji und Heraculeum geretteten Kunstschätze zeigt. Viele der Photos, die ich auf dieser unvergesslichen Reise im Juli 2018 machte, habe ich schon gezeigt, zB hier. Ich selbst kenne die Fotos natürlich, sogar an die Originale erinnere ich mich, glaube ich, noch recht gut. (Ich weiß am Ende nie mit Sicherheit, ob ich mich an das Original oder ein Foto erinnere, das ich oft anschaute….)

Wie dem auch sei: ein neuer Blick ist auch ein neues Kunstwerk. Und so blieb ich mit großer Bewunderung und einigen merkwürdigen Gedanken beim „knieenden Barbaren“ hängen, im 1. Jh kunstreich aus Pavonazetto-Marmor gehauen, der schwarze Kopf und die schwarze Hand aus Nero antico.

Der „Barbar“ kniet nicht nur, er muss zudem auf der Schulter ein Gefäß schleppen. Offenbar ist er „versklavt“ worden. Sein wildes schwarzes Gesicht zeigt, dass er sich damit durchaus nicht abgefunden hat: in ihm wütet ein Sturm, der sich keinen Ausweg weiß. Aufspringen, schreien, das Gefäß zertrümmern? (dummes Zeug, er wäre auf der Stelle tot). Nach einer herumliegenden Waffe greifen und sich einen Ausweg erkämpfen? (Hollywood liegt noch in ferner Zukunft). Sich mit klugen Reden und Schmeicheleien aus der demütigenden Pose in eine andere sklavische Beschäftigung hochbefördern? (sein Gesicht lässt diesen Ausweg nicht zu. Er will seine Freiheit, nicht mehr und nicht weniger). Was also?

Er wird seinen Groll und seine Demütigung stumm in sich vergraben und auf seine Stunde warten.

Groll über die zugefügte Demütigung und die Zerstörung seiner Freiheit lasten schwer auf dem Grund seiner Seele, und nur die wütende Entschlossenheit, es „denen da“ zu zeigen, wenn die Stunde günstig ist, hält ihn am Leben. Inzwischen lernt er, wie die Welt der Römer beschaffen ist.

Dieser Barbar ist wahrscheinlich einer unserer deutschen Vorfahren.

Aha! Aber warum ist er schwarz? Ist das Knien vor einem Sklavenhalter denn nicht nur für Afrikaner? 

Es tut mir leid: nein. Jeden konnte bzw kann es treffen.

Aber vielleicht war es kein Germane, sondern ein Grieche? Nein, leider, denn die wurden zwar auch massenhaft versklavt, galten aber nicht als „Barbaren“. Schließlich konnten sie meist schreiben und lesen und waren Vertreter einer Kultur, die von der römischen hoch geschätzt und wo immer möglich imitiert wurde.

Vielleicht ein Kelte? Nun, wo ist der Unterschied zum Germanen? Es sind die jetzt herrschenden Völker des „Westens“, die die Rechtsvorstellungen Roms in ihrer Rolle als Sklaven internalisiert und weiterentwickelt haben. Sie sind die Erben des römischen Reichs.

Die nächsten Herrscher, die während der europäisch-amerikanischen Sklaverei und ihrem kaum weniger rabiaten Kolonialismus „unsere“ Rechtsvorstellungen internalisierten, könnten sich sehr wohl aus „echten“ schwarzen Nationen rekrutieren.

Das war die Idee hinter der letzten Szene des „Welttheaters“: Abud nährt seinen Zorn wie eine Glut, die auf den Wind der Gelegenheit wartet, um sie zur Flamme hochschlagen zu lassen. Danai, selbst ein Flüchtige, aber mit tiefen Wurzeln in Europa, daher auch in Katastrophen sehr gut bewandert, bemüht sich, die Glut zu dämpfen.

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Julian Schnabel, Maria Callas

Es ist ein Riesenwerk: auf 274,3 mal 309,9 cm hat Julian Schnabel sein Gemälde „Maria Callas 4“ hingeschmettert. Ich sah es am Sonntag in der Sammlung des Goulandri Museums für Moderne Kunst.   

1982 hat er es gemalt, da war die Unübertreffliche, La Divina, die griechisch geborene Maria Anna Sofia Cecilia Kalogeropoulou bereits seit 5 Jahren tot. Sie wurde nur 53 Jahre alt. Aber was für Jahre!

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Kunst am Sonntag

Endlich hatte ich Gelegenheit, das Goulandri Museum für Moderne Kunst zu besuchen.

Es ist eine fantastische private Sammlung, die nach 30jährigem Clinch mit der Öffentlichen Hand und der Stadt Athen ein Zuhause gefunden hat. Die Lage ist nicht so exquisit wie die angestrebte, und der Entwurf des Star-Architekten Pei konnte daher nicht realisiert werden, doch ist die gefundene Lösung durchaus gelungen. Das Ehepaar Vasilis und Elise Goulandris verstarb drüber, die Erben stritten sich – aber Ende gut, alles gut. Eine reich bebilderte Einführung auf deutsch findest du hier.

Ich werde mich hüten, hier nun einen Bericht über den heutigen Besuch zu verfassen. Doch denke ich, die Rubrik „Kunst am Sonntag“ wiederzubeleben und jeden Sonntag etwas aus der Sammlung (oder aus anderen Ausstellungen) zum Gucken anzubieten.

Womit soll ich nur beginnen? Spaß soll es machen, eine Lustbarkeit soll es sein. Warum also nicht mit einem Krokodil beginnen, zumal der  „Krokodilgott“ ja gerade bei mir dran war?

Dieses freundliche erleuchtete Wesen ist, du ahnst es bereits, von Niki de Saint-Phalle. Und das Gefährt mit der drallen Lenkerin, das womöglich demnächst stark nachgefragt wird (man sagt Europa ja bereits kubanische Verhältnisse vorher), ist natürlich von ihrem Lebensgefährten, dem großen Bastler Jean Tinguely.

Der schwarze Mann mit Hut und farbenfrohem Dress könnte gut als Gegenstück zur „Näherin“ in Myriades Impulswerkstatt dienen, die mich zum gestrigen Beitrag „Afrikanische Mütter“ anregte.

Der Mann liest in einem Journal (den Text konnte ich nicht entziffern). Was aber steht auf der großen Tafel hinter ihm? Es sind Zeilen des „Dichterfürsten“  Odysseas Elytis – einem der beiden griechischen Nobelpreisträger für Literatur (der andere ist Giorgos Seferis), siehe zB hier.

Die Zacken des Sterns sind mit Worten für die Elemente bezeichnet: oben Φωτιά (Feuer), rechts Ξηρασιά Γη κρύο (Trockenheit, Erde, kalt), unten Νερό (Wasser), links Ζέστη ΑΕΡΑΣ υγρασία (Wärme, Wind-Luft, Feuchtigkeit). Dies knüpft nun wieder an meine letzte Szene (Feuer) im Welttheater an.

Der Text gibt vermutlich Zeilen aus ΑΥΤΟΣ Ο ΚΟΣΜΟΣ, Ο ΜΙΚΡΟΣ, Ο ΜΕΓΑΣ (Diese Welt, die kleine, die gewaltig große)  aus dem  Άξιον Εστί von Odysseas Elytis wieder. „Große Welt – kleine Welt“: die versuche ich im Welttheater spielerisch zusammenzubringen.

Und so fühle ich mich (in gebührender Bescheidenheit) all diesen Werken höchst aktuell verbunden.

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Impulswerkstatt: Afrikanische Mütter

Dies ist mein zweiter Beitrag zu dem obigen Bild aus Myriades Impulswerkstatt.

Der Impuls der afrikanischen werdenden Mutter lässt mich nicht los. Ich habe von Zeit zu Zeit Zeichnungen von afrikanischen „Mutter“-Skulpturen angefertigt, so die „kleine graue Mutter“ und „Mutter und Kind“. Diese und andere Skulpturen brachte mein Mann von einer Afrikareise mit. Die Namen der Künstler sind mir nicht bekannt, aber es handelt sich nicht um massenhaft hergestellte Andenken, sondern um echte Kunstwerke.

Da es sich bei diesem Impuls um ein Kunstwerk handelt, möchte ich mit meinen Arbeiten zum Thema antworten.

Die „kleine graue Mutter“ – Bleistiftzeichnung.

Kleine graue Mutter

„Mutter und Kind“, Kohlezeichnung

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Mutter und Kind

Die zweite Skulptur habe ich auch schon einmal in einer Foto-Collage der Impulswerkstatt unter dem Titel „Ertrunkene“ gezeigt.

Auch in meinem „Welttheater“ kommt eine solche Mutter vor: der noch kindliche Hawi erinnert sich an sein friedliches Dorf, wo einer dem anderen half:

Doch dann sind Männer angekommen

die haben uns das Land genommen.

Das Feuer kam, es brannte loh!

und niemand in dem Dorf war froh.

 

Sie haben unser Haus verbrannt

und alle sind schnell weggerannt.

 

Ich musste durch das Feuer rennen

und mich von meiner Mutter trennen.

Weiß nicht, was mit ihr noch geschah.

ich war ja später nicht mehr da.

Mama Afrika heißt einer meiner frühesten Einträge hier auf dem Blog, eine Legearbeit von 2015. Damals schrieb ich:

„Mama Afrika, du unser aller Mama. In deinem Katunkleid mit dem bunten Tuch ums Haar, und dem uralten gegerbten Gesicht.

Von dir kommen wir ja alle her, du hast uns geboren.

Immer noch schickst du deine Kinder über das Meer nach Europa und fragst nicht, ob wir dich lieben. Ob wir deine Kinder lieben. Manchmal kommen wir, mit weißer oder geröteter Haut jetzt, gealtert, müde und anspruchsvoll, zu dir herüber. Kommen wir, um dich zu ehren? Oder um deiner großen Natur willen? Dein Boden bringt ja alles hervor, und doch hungern deine Kinder. Die Geschäftemacher finden zu dir, um den Boden nach Diamanten zu durchpflügen oder nach Gold. Mit dem Geschmeide, aus deinen Eingeweiden gewonnen, schmücken wir unsere weißen Brüste. Deine Tochter aber sitzt in der Hütte, sie macht das Feuer wie eh und je, und dein kleiner Sohn mit dem abgeschossenen Fuß träumt von einer Hütte, in der Frieden herrscht.“

Mama Africa

Immer sehe ich sie im Geist vor mir, die afrikanischen Mütter, die sich ihre kleinen Kinder auf den Rücken binden und auf den Feldern und Märkten mit sich herumtragen, mühsam sie heranziehen, Stolz ihres Herzens, um sie dann in einer der schrecklichen Katastrophen zu verlieren, die den „schwarzen Kontinent“ heimsuchen.

Gestern las ich anlässlich eines Kommentars zum Welttheater nach, wie es mit dem Verkauf von Kleinwaffen nach Afrika steht. Unter dem Titel „Kleinwaffen in Afrika“ nennt das deutsche Bundesministerium für Verteidigung sie

Die wahren Massenvernichtungswaffen

„Kein Waffensystem ist so tödlich wie das der Kleinwaffen. Bis zu 100.000 Menschen weltweit fallen ihnen jedes Jahr zum Opfer. Auch in Afrika gefährden sie als Treiber für Konflikte die Stabilität des ganzen Kontinents.“

So ist das.

Gleichzeitig aber, lese ich bei „Terre des hommes“, ist „Deutschland einer der größten Hersteller und Exporteure von Kleinwaffen. Zu den Herstellern gehören Heckler & Koch, Rheinmetall, Diehl, Walther und Sig Sauer. Allein das G3-Sturmgewehr von Heckler & Koch ist mit zehn Millionen Exemplaren in mindestens 80 Ländern der Welt im Umlauf.“ (https://www.tdh.de/index/). Wie reimt sich das zusammen?

Terre des hommes verlinkt auch einen Bericht, was dieser Kleinwaffenexport insbesondere für Kinder bedeutet. https://www.tdh.de/fileadmin/user_upload/inhalte/04_Was_wir_tun/Themen/Weitere_Themen/Kleinwaffen/Kleinwaffen_in_kleinen_Haenden_Brot_fuer_die_Welt_terre_des_hommes_Bits_FFINAL_12Juli21.pdf

So ist das also. Wir, die großen Friedensbringer und Werteverteidiger, wissen zwar, was die bei uns produzierten Waffen anrichten, aber ist das ein Grund, das lukrative Geschäft einzustellen?

Heute habe ich die zweite Skulptur noch einmal, diesmal mit Tintenstift, gezeichnet. Die frühere Kohlezeichnung bringt das Skulpturale weit besser heraus. Vielleicht sollte ich doch mal wieder die Kohle in die Hand nehmen.

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