Impulswerkstatt und abc-etüde: Behäbige Brücken (Kata-Strophen)

Da ist eine Brücke – und da ist das Dreigespann von Werner-Wörtern

„Zeitlupe, behäbig, verprassen“ – Wie die wohl zusammen passen?

Schreibeinladung für die Textwochen 40.41.22 | Wortspende von Werner Kastens

 

Einladung zur Impulswerkstatt September-Oktober 2022

Brücken, denk ich, haben Lücken

Im Geländer, zwischen Bohlen

 Leicht kann sich den Tod da holen

Jener, der darüber geht.

Wenn ein heft’ger Westwind weht

Kann die Brücke merklich schwanken

Gefährlich ist das für die Schlanken

Dem Winde werden sie zum Raub

Als wärn sie welkes Eichenlaub.

 

Doch wenn du behäbig bist

Weil du gern und häufig isst

Und gern trinkst und Geld verprasst

Betritt die Brücke sonder Hast

In Zeitlupentempo gar

Bist du doch nicht in Gefahr.

Bist kein Leichtgewicht, mein Lieber

Kommst mit Sicherheit hinüber.

Naja, es ließen sich auch andere Zusammenhänge denken. Sei’s drum.

 

 

 

 

 

 

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Zyklamen und Goldkrokus

Als wir heute zu einem Ausflug aufbrechen, sind wir auf altchristliche Kirchen und zerfallene Pracht der letzten Herrscher von Byzanz gefasst. Denn unser Ziel ist Mystras, eine Stadt mit bewegter und bewegender Geschichte, heute nur noch eine erhabene Ruine, ein paar Kilometer vor Sparta im Taygetosgebirge gelegen

Die Straßenbaubehörde aber hat anderes mit uns vor. Mitten im Gebirge ist die Straße plötzlich gesperrt, und wir werden auf eine schmale sehr kurvenreiche Nebenstraße umgeleitet, die immer höher hinauf  führt. Schön ist es hier oben, aber unser Ziel werden wir so nicht erreichen.

Im Dorf Karveli, wo wir anhalten und beschließen umzukehren, wollen wir uns die Füße vertreten. Das Dorf wirkt menschenverlassen, aber nicht verwahrlost, im Gegenteil: die Straßenränder sind hübsch geweißt, Tische, Stühle und Bänke stehen ordentlich auf dem Dorfplatz mit der riesigen Platane,  eine große  Kirche, Blumenkübel, die Veranda einer kleinen Taverne, denn im Sommer kommen Wanderer vorbei, auch Ausflügler wie wir.

Ich folge einem Schild „zur Grundschule“, neugierig, ob sie noch existiert (natürlich nicht). Unter Platanen und Nussbäumen geht es den Hang hoch, der mit bleichen Zyklamen übersät ist. Und dann sehe ich sie: erst Büschel, dann Polster und schließlich ganze Teppiche mit Goldkrokussen. Und ich denke: Wer hier aufwuchs, wird sie nie vergessen. Und wird immer wieder zurück in sein Dorf kommen, wird hier und da ein wenig reparieren und bauen, auch wenn er hier nicht mehr dauerhaft leben kann. Denn gerade die Motorisierung, die solche abgelegenen Orte leichter erreichbar macht, hat zu ihrer Entleerung und Verödung beigetragen.

 

 

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Dora zum NeuntenZehnten: Wer ist die Schönste im ganzen Land?

„Welches meiner Geschenke hat dir heute am besten gefallen?“ fragt mich Dora. Hm, da muss ich erst mal nachdenken. Der Tag war so reich, und er ist ja noch nicht vorbei. Lassen sich die verschiedenen Freuden überhaupt vergleichen? Das herrliche Wetter, die liebenswürdigen Mönche im Kleinen Kloster, der leicht gesüßte Kaffee, den sie uns reichten, der Vortrag über alte Sitten und Gebräuche zur Sicherung  von Saat und Ernte, die Berge mit ihren Dörfern, die Gassen, die wir durchwanderten, die kleinen weißwolligen Hunde, der sonnige Hof voller Katzen, die Düfte der Kräuter, die Fahrt ans Meer, das Fischessen in der Taverne, die lebhafte Unterhaltung, der gekühlte Rosewein, den der Kellner uns so warm empfahl, die Gemeinschaft mit meinen Lieben, das kleine Mädchen mit den aufgebundenen Zöpfen, das Steine ins Meer warf, das warme Gefühl der Zusammengehörigkeit und Zugehörigkeit … All das lässt sich doch gar nicht untereinander vergleichen und schon gar nicht in eine Rangreihe bringen.   „Na?“ höre ich Dora in meine Gedanken hinein. „Hat es dir die Sprache verschlagen? Welches meiner Geschenke hat dir …?“

„Dieser blühende Strauch, der aus dem Asphalt herauswuchs!“ antworte ich. „?“ Dora scheint sich nicht zu erinnern. „Na, da im Dorf. Die Asphaltdecke der Straße war aufgerissen, und aus dem Riss hatten sich zwei kleine Büsche hervorgearbeitet. Noch sind sie keine Büsche, aber sie werden schon noch Büsche werden.“

„Ach, die meinst du?“ piepst Dora. „Klar erinnere ich mich. Aber ob das nun das Schönste war? Haben dir die anderen Sachen nicht gefallen? Wozu habe ich mich so angestrengt?“  – „Natürlich haben sie mir alle gefallen, liebe Dora! Alle haben mir am besten gefallen!“ – „Das sagst du jetzt nur, um mich….“ – „Hör auf, Dora! sonst erzähle ich dir eine Geschichte aus einem Buch, das Anleitung zum Unglücklichsein heißt.“ – „He? Erzähl mal, das interessiert mich. Ich wusste gar nicht, dass man Unglücklichsein lernen kann!“ –

„Na gut. Setz dich und hör zu. Da gab es mal eine jüdische Mutter, die liebte ihren erwachsenen Sohn sehr. Eines Tages, als er sie besuchte, schenkte sie ihm ein Hemd und einen Pullover. Er schaute sich das Hemd an und lobte es. ‚Der Pullover gefällt dir wohl nicht?‘ fragt ängstlich die Mama. ‚Klar gefällt er mir, er ist sehr schön‘, antwortet der Sohn. ‚Das sagst du jetzt nur, um mich nicht zu kränken‘, jammert die Mutter. ‚Blödsinn!‘ antwortet der Sohn, und nimmt nun den Pullover in die Hand, um ihn zu loben. ‚Lass man‘ sagt die Mama. ‚Ich seh doch, dass er dir nicht gefällt.‘ Das geht immer so weiter, bis der Sohn Pullover und Hemd hinschmeißt und brüllt: ‚Du hast völlig recht, beide sind potthässlich!‘ Er stürmt aus der Wohnung und knallt die Tür hinter sich zu. Die Mama aber sitzt zu Hause und weint.“

„Blöd“, findet Dora. „Naja“, gebe ich zu bedenken. „Blöd ist es ja vielleicht schon. Aber eben grad hast du dasselbe getan wie diese Mutter. Du wolltest wissen, welches deiner Geschenke mir am besten gefällt. Kaum lob ich die hübschen tapferen Pflanzen, bist du sauer, weil ich nicht die Sonne, die lieben Mönche, die Fische oder sonst was lobe, die es ja ebenfalls verdient haben.“ – „Sauer war ich nicht, ich wollte bloß wissen ….“ – „Schon gut, liebe Dora. Ich weiß, was du wolltest. Du wolltest vergleichen, wolltest eine Rangreihe aufstellen. Und genau das ist eine Methode, um uns Menschen unglücklich zu machen. Denn glücklich ist immer nur der, der auf dem höchsten Platz steht. Alle anderen sind unglücklich. Außer sie sind weise und vergleichen sich nicht.  Solche Weisen aber sind höchst seltene Exemplare unter den Menschen.“

Dora wirkt nachdenklich. Schließlich murmelt sie: „Diese kleinen Büsche waren wirklich sehr nett.“

 

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Mondaufgang über den Bergen

Den Zauber der hellen Nacht zeigen die Fotos nur unvollständig. Mögen sie jedenfalls einen kleinen Eindruck geben.

 

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Dora zum AchtenZehnten: Lilienwunder

Vor drei Jahren, an einem Tag wie heute, schrieb ich: „Zu meiner großen Freude blühte gestern die Lilie auf, die sich in meinem Garten angesiedelt hat“. https://gerdakazakou.com/2019/10/05/die-taegliche-zeichnung-lilie-im-garten/

Im Jahr zuvor, im Oktober 2018, hatte ich sie erstmals bewundern dürfen.

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2020 erschien sie erneut in meinem Garten, blütenreicher als zuvor, und ich konnte mich nicht sattsehen an ihr.

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2020/06/img_3628web-e1592761323818.jpg

 

Lilie (Tägliche Zeichung)

Auch in diesem Jahr ist sie pünktlich wieder zur Stelle. Die Zwiebel hat sich inzwischen mehrfach geteilt. Spross die Lilie anfangs mit einem Stängel aus dem Boden, so sind es mittlerweile….

„Drei!“ kräht Dora mir ins Ohr. „Richtig“, bestätige ich. Es sind drei Stängel, und an jedem Stängel sitzen zahllose Knospen, die sich nun nacheinander öffnen. Wundersame Vermehrung!

Zwecks Bildung und Erziehung erzähle ich meiner kleinen Freundin ein wenig Biblisches und Frommes zur Lilie und zu Salominis Kleidern, zu Schönheit, Reichtum und Armut, zu Sorge und Vertrauen, zu Herrschaft und Vergänglichkeit. Meine kleine Heidin legt ihr Köpfchen schief und wundert sich. Aber es gefällt ihr.

„Klar!“ kräht sie, „wozu sich sorgen? Schließlich bin ich ja da und werde es schon richten!“ 

Besonders gefällt ihr die Liedzeile: Narcissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide, als Salomo-ho-ni-is Seide. Die trällert sie nun schon seit einer Stunde vor sich hin. Das kann ja heiter werden!

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Salomon: „Und ich wurde grösser und reicher als alle, die vor mir in Jerusalem waren … Und siehe, das alles war Nichtigkeit und ein Haschen nach Wind.“ Prediger 2,9.11

Jesus: So ihr denn das Geringste nicht vermöget, warum sorgt ihr für das andere? Nehmet wahr der Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch aber, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht ist bekleidet gewesen als deren eines. … (Lukas 12, Lutherbibel)

Das folgende Lied ist für den Sommer gedichtet. Doch warum sollte es nicht auch für den Herbst mit seinen besonderen Freuden passen? Paul Gerhardt (1607 – 1676), der das Grauen des 30jährigen Krieges erlebte, ließ sich nicht unterkriegen. Die Natur war sein Elixier.

1. Geh aus / mein hertz / und suche freud
In dieser lieben sommerzeit
An deines Gottes Gaben:
Schau an der schönen gärten zier,
Und siehe / wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben.

2. Die bäume stehen voller laub /
Das erdreich decket seinen Staub
Mit einem grünen kleide.
Narcissus und die Tulipan,
Die ziehen sich viel schöner an /
Als Salomonis seyde.

3. Die lerche schwingt sich in die luft /
Das täublein fleugt aus seiner kluft
Und macht sich in die wälder.
Die hochbegabte nachtigal
Ergötzt und füllt mit ihrem schall
Berg / hügel / thal und felder.

4. Die glucke führt ihr völklein aus /
Der storch baut und bewohnt sein Haus /
Das schwälblein speist die jungen /
Der schnelle hirsch / das leichte reh
Ist froh / und kömmt aus seiner höh
Ins tiefe graß gesprungen.

5. Die bächlein rauschen in dem sand /
Und mahlen sich in ihrem rand
Mit schattenreichen myrthen/
Die wiesen ligen hart dabey /
Und klingen gantz vom lustgeschrey
Der schaf und ihrer hirten.

6. Die unverdroßne bienenschaar
Fleucht hin und her / sucht hie und dar
Ihr edle honigspeise.
Des süssen weinstocks starcker saft
Bringt täglich neue stärck und kraft
In seinem schwachen reise.

7. Der weitzen wächset mit gewalt /
darüber jauchzet jung und alt /
Und rühmt die grosse güte
Des / der so überflüssig labt /
Und mit so manchem gut begabt
Das menschliche gemüthe.

8. Ich selbsten kan und mag nicht ruhn,
Des grossen Gottes grosses thun
Erweckt mir alle Sinnen /
Ich singe mit / wenn alles singt /
Und lasse / was dem Höchsten klingt /
Aus meinem hertzen rinnen.

9. Ach denk ich / bist du hier so schön /
Und läßst dus uns so lieblich gehn
Auf dieser armen erden /
Was wil doch wol nach dieser welt
Dort in dem vesten himmelszelt
Und güldnem schlosse werden.

10. Welch hohe lust / welch heller schein
Wird wol in Christi garten sein /
Wie muß es da wol klingen /
Da so viel tausent Seraphim
Mit unverdroßnem mund und stimm
Ihr Alleluja singen.

11. O wär ich da! o stünd ich schon /
ach süsser Gott / für deinem thron /
Und trüge meine palmen:
So wolt ich nach der Engel weis
Erhöhen deines Namens preis
Mit tausentschönen psalmen.

12. Doch gleichwol wil ich / weil ich noch
Hier trage dieses leibes joch /
Auch nicht gar stille schweigen /
Mein hertze soll sich fort und fort /
An diesem und an allem ort
Zu deinem lobe neigen.

13. Hilf nur und segne meinen geist
mit segen / der vom himmel fleußt /
Daß ich dir stetig blühe /
Gib / daß der sommer deiner Gnad
In meiner seelen früh und spat
Viel glaubensfrücht erziehe.

14. Mach in mir deinem Geiste Raum /
Daß ich dir werd ein guter baum,
Und laß mich wol bekleiben /
Verleihe / daß zu deinem ruhm
Ich deines gartens schöne blum
Und pflantze möge bleiben.

15. Erwehle mich zum Paradeis
Und laß mich bis zur letzten reis
An leib und seele grünen /
So wil ich dir und deiner ehr
Allein / und sonsten keinem mehr /
Hier und dort ewig dienen.[1]

 

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Erdgastanker vor Kalamata (mit täglicher Zeichnung)

Vor der westlichen Küste Kalamatas sah ich zwei Tanker liegen. Der eine war als Erdgastanker ausgewiesen. Bei dem anderen konnte ich die Beschriftung nicht erkennen.

Griechische Reeder sind, wie du vielleicht weißt, weltweit führend im Tankergeschäft. Mit dem Erdöltransport wurden Männer wie Onassis und Niarchos reich. Heute setzen die Reeder vor allem auf Gastanker. Die enormen Steigerungen der Charterpreise für Flüssiggastransporte geben denen Recht, die in Gastanker investiert haben.  Von den 667 LNG-Tankern, die Ende 2021 weltweit unterwegs waren, gehörten 105 – oder 16 % –  griechischen Eignern. Der Wert der griechischen Tanker,  die im Durchschnitt gerade mal 5 Jahre alt sind,  beläuft sich auf 19.11 Milliarden Dollar. Damit liegen die griechischen Reeder  vor Japan und China an erster Stelle weltweit.  Und sie bauen ihre Position weiter aus:  2021 bestellten sie 18 LNG-Tanker im Wert von 3,63 Milliarden Dollar.  Von den 127 LNG-Tankern, die bei den Werften gegenwärtig in Arbeit sind, werden 57 im Auftrag griechischer Eigner gebaut.

Während Deutschland noch keine LNG-Anlage hat, betreibt Griechenland die erste bereits seit 1999. Inzwischen sind drei weitere im Bau oder bereits in Betrieb. In diesen Anlagen wird das Flüssiggas regasifiert und ins Netz eingespeist.

(Die Informationen habe ich teils wörtlich einem Bericht von Gerd Höhler entnommen.)

Während ich, am Weststrand von Kalamata die wilde See mit den Tankern betrachte, wundere ich mich mal wieder, wie es dieses winzige Land mit seinen gerade mal 11 Millionen Einwohnern geschafft hat, eine solch gigantische Tankerflotte in Auftrag zu geben und zu kommandieren. Was sind das für Menschen, woher nehmen sie ihren Mut, ihren Unternehmensgeist und ihre Zuversicht, dass sie es gegen die Großen dieser Welt aufnehmen können wie einstmals Themistokles, der auf die Flotte setzte, um den Angriff der Perser zurückzuschlagen (Schlacht von Salamis, Ende September 480 v. Chr.)

 

 

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Pygmalion. Über das Verhältnis von Künstler und Kunstwerk (Neue Schnipselbilder)

Ich sagte es schon: Meine neuen Schnipsel machen mir Spaß. Drei Einträge habe ich nun schon mit ihnen bestritten, beginnend mit Herrn Herbst, fortgesetzt mit der abc-etüde Zwergenaufstand und mit der Pilzmamsell für Myriades Impulswerkstatt.

Natürlich stecken in den Schnipseln noch viele viele Geschichten. Wie zum Beispiel diese von einem Pygmalion des XXI Jahrhunderts.

Pygmalion erschafft eine Frau

Wer Pygmalion war? Nun, nach Ovid war er ein König aus Zypern, der die zügellosen Frauen satt hatte und zum Bildhauer wurde. Eines Tages aber erschuf er unbewusst eine Elfenbeinstatue einer schönen Frau, in die er sich unsterblich verliebte.

„Ehlos bleiben, und lang auch teilt‘ er mit keiner das Lager. Schneeiges Elfenbein mit seltnem Geschick und Gelingen Schnitzt er indes und verleiht ihm Gestalt, wie auf Erden geboren Lebt kein Weib, und es weckt sein Werk ihm verlangende Sehnsucht. Wirkliche Jungfrau scheint die Gestalt, und man meinte, lebendig Sei sie und wolle, wofern nicht Scham es verböte, sich regen. So lässt Kunst nicht sehen die Kunst. In Entzücken verloren, Fasst zu dem scheinbaren Leib Pygmalion glühende Liebe….“

In seiner Not fleht er Venus an, ihm eine Frau, die der Kunstfigur gleicht, zuzuführen. Und was geschieht? Die schöne Statue wird lebendig. 

Wie er daheim, ging jener sogleich zum Bilde des Mägdleins,
Neigte sich über das Bett und küsste sie. Wärme verspürt er.
Wiederum nahte sein Mund; mit der Hand auch prüft er den Busen.
Siehe, das Elfenbein wird weich, und befreit von der Starrheit
Sinkt an den Fingern es ein, fügsam wie Wachs vom Hymettos…

und Pygmalion wird mit ihrer Hilfe Erzeuger eines Sohnens.

„Als neun Male sodann sich die Hörner geschlossen zum Vollmond,
Bracht‘ sie die Paphos zur Welt, von welcher der Insel der Name.“

(zitiert nach Publius Ovidius Naso

METAMORPHOSES – Verwandlungen

LIBER X – lateinisch – deutsch

6. Pygmalion (10,243-297)

Nun, das war einmal. Nur die Stadt Paphos auf Zypern erinnert noch an solche seligen Zeiten. Heutige Künstler und Künstlerinnen erschaffen keine lebensechten Jungfrauen mehr, und die Frauen warten auch nicht mehr darauf, vom Mann zum Leben erweckt zu werden. Dieser Maler zum Beispiel (XX. Jahrhundert) ist bei den Kubisten zur Schule gegangen, und als die von ihm geschaffene Frau lebendig wird und ihn zur Zeugung eines Nachwuchses auffordert, ist er so entsetzt, dass er sie mit seinem Pinsel aufspießt.

Der Künstler als Mörder seines Werks

Nun, vielleicht war es auch nicht so, sondern anders. Heutzutage ist es eher wahrscheinlich, dass sich unser Künstler selbst in ein Kunstwerk verwandelt ….

Der Künstler als Kunstwerk

und, sobald er sich selbstverliebt im Spiegel betrachtet, von einem unüberwindlichen Brechreiz geplagt wird….

Selbstekel

Die Beziehung zwischen künstlerischem Subjekt und seinem Werk war immer schon kompliziert und ist in Zeiten, in denen der Künstler selbst zum Bestandteil seines Werkes wurde, nicht einfacher geworden.

Wer ist der Künstler, was das Werk?

Manchmal bleiben die Werke in ihm stecken und wollen nicht ans Licht des Tages treten. Man sagt dann: er geht mit einer Idee schwanger.

Wünschen wir seiner Idee eine schmerzlose Geburt!

 

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Dora zum SechstenZehnten: Pilzmamsell (mit Impulswerkstatt Bild 4)

Es ist Herbst, und der Pilz-Schönheitswettbewerb steht an. Wohin man blickt,  sind auch schon Anwärterinnen und Anwärter zur Stelle:

Runde Weibchen in weißen Leibchen

flattrige Holde mit Röckchen von Golde

Rotbefrackte auf einem Bein

Kommen mit Kindern oder allein

Sehr reizend Ihr Häubchen

Wie heißt du, mein Täubchen? ….

Nun, ihr habt sie ja sicher schon bestaunt, bei Almuth, bei Jürgen,  bei Petra oder vielleicht sogar in der freien Natur.

Die Pilzmamsell hat allerhand zu tun, ihre Schützlinge hübsch auszustaffieren: Hier ein paar Tupfer, dort ein wenig abstauben und die Lamellen putzen, na ihr wisst schon.

Aber wird das reichen? Dora rümpft ihr Näschen und schüttelt den Kopf. „So geht das nicht“, flötet sie. „Deine Mamsell hat nicht die richtigen Farben. Zu gewöhnlich. Um zu siegen,  brauchen wir eine geilere Palette.“ – „Mir genügen diese Schnipsel“, gebe ich unwillig zur Antwort.

„Papperlapapp,“ kräht Dora. „Schnipsel! Wer mag schon Schnipsel? Wir nehmen die Farben von Myriade. Du weißt schon welche. Ist sowieso schade, sie so nutzlos vor sich hinsprühen zu lassen. Warte mal, ich hol sie her, und dann wirst du schon sehen…“

Ja, ich weiß, welche Farben Dora meint. Sie sind ja sehr hübsch und leuchtend, und Lamellen haben sie auch. Aber ob sie für Pilze passen? Ich weiß nicht so recht….

Doch Dora ist schon voll in Aktion. Ihre Latüchte wird zur Spraydose, und die Pilze werden gnadenlos in Farbe getaucht. Nun sehen sie aus wie Lampenschirme. Hm. Nun ja.  Vielleicht gehen sie als „fluoreszierende“ Pilze durch….(Almuth)

 

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Zwergen-Aufstand (abc-etüde)

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/10/02/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-40-41-22-wortspende-von-werner-kastens/abc.etüden 2022 40+41 | 365tageasatzaday

Ich habe Spaß an meinen neuen Herbstschnipseln, habe schon etliche Bilder damit gelegt. Gerade entsteht ein Neues.

„Der dicke Zwerg hat offenbar den gesamten Wintervorrat seiner Verwandtschaft verprasst,“ kommentiert Dora, die mir auf der Schulter hockt und zuschaut. „Und nun bläst ihm der Lange den Marsch. Aber da kann er so lange blasen wie er will, der Dicke ist zu vollgefessen, der kommt von allein nicht mehr auf die Beine!“ – „Dick ist der Zwerg eigentlich nicht, Dora“, finde ich. „Eher ein bisschen behäbig. Aber du hast Recht. Er scheint wirklich Mühe zu haben, auf die Beine zu kommen. Hm.“

„Soll ich ein bisschen nachhelfen?“ bietet sich Dora an.  Ich lächle.  „Deine Hilfsbereitschaft in Ehren. Aber ich zweifle, dass du hier von Nutzen sein kannst. Die beiden sind ja aus Pappe und…“ – „Ha!“ kräht Dora. „Ich bin ja auch aus Pappe, aber deshalb nicht von Pappe! Pass auf, wie ich es mache! Als erstes brauche ich mehr Platz zwischen den beiden. Nimm den Rahmen weg und rück sie auseinander. Gut! Reicht! Jetzt springe ich ins Bild: Auf die Plätze, fertig, los!“

Und tatsächlich: da steht Klein-Dora zwischen den Zwergen, die auf einmal gar nicht mehr besonders zwergenhaft aussehen, und der Dicke, ähm, der Behäbige streckt seine Ärmchen aus und schreit: „Will haben!“

Dora lässt ihre Latüchte in Zeitlupentempo kreiseln. Und siehe da: der D…, äh, der Behäbige, fasziniert vom Lichtgekreisel, schaukelt im gleichen Rhythmus vor und zurück, rechts und links, vor und zurück, rechts und links. Noch ein bisschen, gleich, gleich wird er es geschafft haben, gleich steht er auf seinen dicken Beinchen!

Dass es ohne den Langen, der das Geschehen mit seinem Horn musikalisch begleitet hat, auch so gut geklappt hätte, glaube ich eher nicht.

294 Wörter

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Hand mit vertrocknetem Zweiglein (tägliches Zeichnen)

Das kleine vertrocknete Zweiglein ist vielleicht keine besondere Schönheit. Doch wenn man es in die Hand nimmt und abzeichnet, beginnt es, einem womöglich Eindruck zu machen.

Wer fragte doch kürzlich: „Was erleben wir als schön?“ und fand die Antwort: Wenn wir eine Beziehung zu etwas aufnehmen? A ja, ich erinnere mich, es war Gerhard von KopfundGestalt, und als ich es las, nickte ich mit dem Kopf. Denn genauso empfinde ich es auch.

Dies armselige Zweiglein wurde für mich schön und bedeutsam, als ich mich zeichnend mit ihm befasste. .

Vielleicht findest du, ich hätte mich auf das Zweiglein beschränken und alles Drumrum weglassen können? Ja, sicher.

Doch wie ich so zeichne, fällt mir auf, dass der eiserne Tisch und der Stiel der Pflanze sich in gleichem Rhythmus in eleganter Kurve gegeneinander biegen. Ich bemerke auch, dass beide verzweigt sind und sich insofern ähneln –  dass sie dennoch ganz verschieden sind: das eine eine Naturform, das andere ein technisches Produkt aus Eisen.

Und die doppelte Hand? Nun, die eine ist aus Fleisch und Blut und Knochen, die andere eine Zeichnung, die gerade entsteht.

Zeichnend verschwindet das Material, es beibt nur die Form, wiedergegeben als schwarze Tintenlinie auf weißem Papier. Doch wenn ich die Zeichnung betrachte, ist alles wieder da: die trockene etwas stachelige Pflanze, das kalt glänzende Metall des Tisches, die warme Hand, der Druck der haltenden Finger, das gedämpfte Licht im Atelier…..

 

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