Pygmalion. Über das Verhältnis von Künstler und Kunstwerk (Neue Schnipselbilder)

Ich sagte es schon: Meine neuen Schnipsel machen mir Spaß. Drei Einträge habe ich nun schon mit ihnen bestritten, beginnend mit Herrn Herbst, fortgesetzt mit der abc-etüde Zwergenaufstand und mit der Pilzmamsell für Myriades Impulswerkstatt.

Natürlich stecken in den Schnipseln noch viele viele Geschichten. Wie zum Beispiel diese von einem Pygmalion des XXI Jahrhunderts.

Pygmalion erschafft eine Frau

Wer Pygmalion war? Nun, nach Ovid war er ein König aus Zypern, der die zügellosen Frauen satt hatte und zum Bildhauer wurde. Eines Tages aber erschuf er unbewusst eine Elfenbeinstatue einer schönen Frau, in die er sich unsterblich verliebte.

„Ehlos bleiben, und lang auch teilt‘ er mit keiner das Lager. Schneeiges Elfenbein mit seltnem Geschick und Gelingen Schnitzt er indes und verleiht ihm Gestalt, wie auf Erden geboren Lebt kein Weib, und es weckt sein Werk ihm verlangende Sehnsucht. Wirkliche Jungfrau scheint die Gestalt, und man meinte, lebendig Sei sie und wolle, wofern nicht Scham es verböte, sich regen. So lässt Kunst nicht sehen die Kunst. In Entzücken verloren, Fasst zu dem scheinbaren Leib Pygmalion glühende Liebe….“

In seiner Not fleht er Venus an, ihm eine Frau, die der Kunstfigur gleicht, zuzuführen. Und was geschieht? Die schöne Statue wird lebendig. 

Wie er daheim, ging jener sogleich zum Bilde des Mägdleins,
Neigte sich über das Bett und küsste sie. Wärme verspürt er.
Wiederum nahte sein Mund; mit der Hand auch prüft er den Busen.
Siehe, das Elfenbein wird weich, und befreit von der Starrheit
Sinkt an den Fingern es ein, fügsam wie Wachs vom Hymettos…

und Pygmalion wird mit ihrer Hilfe Erzeuger eines Sohnens.

„Als neun Male sodann sich die Hörner geschlossen zum Vollmond,
Bracht‘ sie die Paphos zur Welt, von welcher der Insel der Name.“

(zitiert nach Publius Ovidius Naso

METAMORPHOSES – Verwandlungen

LIBER X – lateinisch – deutsch

6. Pygmalion (10,243-297)

Nun, das war einmal. Nur die Stadt Paphos auf Zypern erinnert noch an solche seligen Zeiten. Heutige Künstler und Künstlerinnen erschaffen keine lebensechten Jungfrauen mehr, und die Frauen warten auch nicht mehr darauf, vom Mann zum Leben erweckt zu werden. Dieser Maler zum Beispiel (XX. Jahrhundert) ist bei den Kubisten zur Schule gegangen, und als die von ihm geschaffene Frau lebendig wird und ihn zur Zeugung eines Nachwuchses auffordert, ist er so entsetzt, dass er sie mit seinem Pinsel aufspießt.

Der Künstler als Mörder seines Werks

Nun, vielleicht war es auch nicht so, sondern anders. Heutzutage ist es eher wahrscheinlich, dass sich unser Künstler selbst in ein Kunstwerk verwandelt ….

Der Künstler als Kunstwerk

und, sobald er sich selbstverliebt im Spiegel betrachtet, von einem unüberwindlichen Brechreiz geplagt wird….

Selbstekel

Die Beziehung zwischen künstlerischem Subjekt und seinem Werk war immer schon kompliziert und ist in Zeiten, in denen der Künstler selbst zum Bestandteil seines Werkes wurde, nicht einfacher geworden.

Wer ist der Künstler, was das Werk?

Manchmal bleiben die Werke in ihm stecken und wollen nicht ans Licht des Tages treten. Man sagt dann: er geht mit einer Idee schwanger.

Wünschen wir seiner Idee eine schmerzlose Geburt!

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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8 Antworten zu Pygmalion. Über das Verhältnis von Künstler und Kunstwerk (Neue Schnipselbilder)

  1. wolkenbeobachterin schreibt:

    sehr interessanter text, danke schön. einen angenehmen abend dir und deinen lieben.

    Gefällt 2 Personen

  2. Mehr und mehr wächst mein RESPEKT vor SCHNIPSELN …

    Gefällt 1 Person

  3. PPawlo schreibt:

    Da geht ja was ab! Das ist sehr interessant, ideenreich und amüsant ! 😉 Dann auch noch einem Künstler eine schmerzlose Geburt seiner Werke zu wünschen, ist äußerst nett!!! 😄 Danke, Gerda!

    Gefällt 3 Personen

  4. kopfundgestalt schreibt:

    Vielleicht hilft dem Künstler einfach, sich nicht als Künstler zu sehen und zu bezeichnen?

    Gefällt 1 Person

  5. Ach, wie toll, liebe Gerda! Grandios, Dein erschaffener Bericht über Pygmalion und sein Wirken. Er stellte gewissermsßen die Welt auf den Kopf, als er die weibliche Statue erschuf. Kein Wunder, daß sie zum Leben erwachte. Ist doch ein solcher Schöpfer erstmal anbetungswürdig.
    Was dann kommt, kann so unterschiedlich wie das Leben selbst sein *schmunzel*

    Dein Satz
    Die Beziehung zwischen künstlerischem Subjekt und seinem Werk war immer schon kompliziert …
    geht in meinem Kopf spazieren, denn er ist so gut und richtig, das ich ihm lt. Beifall spenden muß. Mal wird das Werk übermächtig und der Künstler ergibt sich ihm, dann ist es gelungen, mal sträubt sich sein Inneres und er zerreißt, was er selbst schuf…

    Ein wunderbarer Bericht – die Antike mischt sich mit Schnipseln von Gerda und auch Gerdas Witz findet seinen Platz 🙂

    Gefällt 2 Personen

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