Friedrich Hölderlin, Hyperion oder der Eremit in Griechenland, selbst an einen längst vergessenen Befreiungskampf erinnernd – wer erinnert sich noch?
Und doch, Hyperions Schicksalslied bleibt unvergessen.
Die Genien freilich sind nicht mehr und das lebendige Wasser ist erstarrt. Von Stufe zu Stufe stürzen nur mehr Relikte, Artefakte ins Ungewisse hinab.
Wer weiß, vielleicht irre ich mich auch. Vielleicht wandeln sie wie immer im ewigen Licht, und wir schauen sie nur nicht mehr.

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.
Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.
Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.
Friedrich Hölderlin, Hyperions Schicksalslied, aus: „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“, 2. Band, erschienen 1799.