Neuer Anlauf: Blindes Selbstportraitieren

Wieder im Atelier, machte ich heute einen neuen Anlauf damit, mich selbst blind zu portraitieren. Was heißt das? Ich zeichne mein eigenes Gesicht – oder was ich dafür halte – mit geschlossenen Augen auf eine große Pappe, dann auch auf draufgeklebte Papiere. Ich benutze dafür Kohle. Jedes Resultat fotografiere ich und wische es dann aus, zeichne erneut drüber.  Fragend, dickköpfig, überlegen, zornig, zweifelnd, nachdenklich … schauen mich die Gesichter an. Was mir auffällt, ist, dass das blinde Zeichnen die Gefühle direkt aufs Papier transportiert, ohne nach Ähnlichkeiten mit dem Modell zu forschen. Es sind quasi simple Gefühls-Stempel. Ich habe sicher all diese Gefühle nicht durchlaufen, als ich zeichnete, aber alle leben in mir, ich kann sie erkennen, wenn sie mir entgegentreten. Wir alle können Gesichter „lesen“, indem wir aus bestimmten Anzeichen auf Gemütszustände schließen. Es ist eine internationale Sprache.

Schließlich griff ich zum dicken Borstenpinsel und tauchte ihn in Wasser und Akryllpigmente, zeichnete noch einmal mich selbst mit geschlossenen Augen auf die Pappe mit den ausgewischten Spuren der Kohlezeichnungen. Mir gefällt’s.

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Die Anregung zum (schnellen oder/und blinden) Selbstportrait auch mit Wasserfarben stammt von Susanne Haun. Danke, Susanne, es macht Spaß. Dein heutiger Beitrag zu Descartes (hier), den ich eben sah, gibt dem ganzen Unternehmen noch mal einen größeren Rahmen.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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19 Antworten zu Neuer Anlauf: Blindes Selbstportraitieren

  1. kunstschaffende schreibt:

    Sie sind alle sehr interessant, dass mit dem Borstenpinsel ist vielleicht das Realste! Bei den anderen habe ich das Gefühl Du bist etwas müde, möchtest jedoch etwas schaffen! Was Dir auch gelungen ist! Die Verzerrungen bzw. Verschiebungen sind gerade durch die Abstraktion spannend! Das sind allso meine Wahrnehmungen, ja dass empfinde ich, wenn ich Deine Bilder anschaue!

    Ganz liebe Grüße Babsi

    PS: Auf ARTE läuft gerade Griechenland und seine Inseln und ich bin sowas von begeistert! Meine Güte dieses Land ist ein Traum! Die Wut von Zeus soll alle treffen, die dieses Land im Stich lassen!

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    • gkazakou schreibt:

      Sicher, ich war müde, und ich wollte dennoch etwas schaffen. das hast du ganz richtig erkannt. Müdigkeit ist manchmal ganz hilfreich, die Kontrollen fallen weg. Und etwas Überraschendes entsteht.
      Deine Begeisterung über Griechenland teile ich. Leider werden dieInseln in diesem Sommer schrecklich voll sein. Hier auf der Peloponnes bleibt es menschlich.

      Gefällt 1 Person

  2. Susanne Haun schreibt:

    Deine heutige Arbeit gefällt mir ausgesprochen gut! Ich bin der Auffassung, dass jede einzelne Kohlezeichnung notwendig war, um die letzte Acrylzeichnung zu Papier zu bringen. Gut, dass du alle Schritte mit einem Foto festgehalten hast!

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    • gkazakou schreibt:

      was du sagst, stimmt mit meiner Wahrnehmung überein. Ich wollte erst nur die Akryllzeichnung zeigen, doch dann hätten all die Schritte dann gefehlt. Außerdem gefielen mir die krass verzerrten Zeichnungen durchaus.

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      • Susanne Haun schreibt:

        Mir gefallen die Kohlezeichnungen auch.

        Ich denke inzwischen über die Präsentation der sozialen Plastik „Selbstportrait“ nach. Was meinst du? Als erstes dachte ich, dass ich in einem Beitrag digital von jedem Teilnehmer drei Arbeiten sammeln werde. Das bedeutet noch nicht das Ende des Projekts nur ein Zwischenergebnis…..

        Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Nun, Selbstportraits sind diese schnellen und dann auch blinden Zeichnungen ja nicht eigentlich. Was sind sie? Es ist nicht leicht, das zu definieren. Die Motorik der Hand übernimmt wie in der gestischen Malerei den Großteil der Arbeit, innere Wahrnehmung in Bild umzusetzen. Das Auge spielt eine untergeordnete Rolle.
      Ich meine, dies sollte bei der Beschreibung des Projektes irgendwie verdeutlicht werden. Doch wie?

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      • Susanne Haun schreibt:

        Aber ist nicht auch auch die innere Sicht auf dich selber ein Selbstporträt?
        Und übernimmt nicht auch bei den „sichtbaren“ Selbstporträts die Motorik der Hand einen Großteil der Arbeit? Interessante Gedanken!

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    • gkazakou schreibt:

      Dass du dir die Arbeit machen willst, je drei Beispiele zu sammeln, finde ich natürlich sehr liebenswert.

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      • Susanne Haun schreibt:

        Die drei Beispiele wollte ich jeden selber aussuchen lassen, denn wenn ich aussuche, greife ich in den „selbst“-prozeß ein, oder? Finde ich jedenfalls. Die meisten haben eh nur eines gepostet. Nur wir und Heike haben uns enorm vielporträtiert,!

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  3. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, im Prinzip hat Susanne alles gesagt, ich mag es den „Fortschritt zu sehen, den ich schon allein auch durchs verwischen und drüberzeichnen wahrnehme. wie eben auch die verschiedenen „Gefühlszustände“, ob nun wirklich im Moment gelebt oder einfach sichtbar werdend- das letzte Bild ist in dieser Reihe die „Krönung“
    morgen werde ich damit weitergehen mich blind im Spiegel zu fotografieren …

    ich wünsche dir einen schönen Abend
    Ulli

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  4. wildgans schreibt:

    Vielleicht gehört ja auch Mut dazu – mir wird jedenfalls beim Betrachten der Zeichnungen schwindelig. Ich würde mich nicht dran wagen! Meinen Respekt hast du!

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  5. bruni8wortbehagen schreibt:

    jedes einzelne ist hoch interessant und hat eine eigene Art. Es ist gut, alle hintereinander zu sehen,
    aber warum eigentlich hast Du den Borstenpinsel am Ende noch benutzt? Reine Experimentiertfreude? Oder wolltest Du Dich insgeheim hinter den dicken wässrigen Linien verbergen?

    Liebe Grüße an Dich, liebe Gerda

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  6. Runa Phaino schreibt:

    Toll! Danke für den Hinweis, das ist ja eine ganz großartige Idee!!!
    Mir gefällt das vorletzte am Besten, das ist so Janusköpfig irgendwie. Und das erste finde ich auch interessant, das sieht fast aus wie eine Comiczeichnung.

    Hast du während des Zeichnens versucht/intendiert, da ein Gefühl reinzubringen? Oder hast Du es einfach getan?

    Wenn ich darf, würde ich das auch gerne ausprobieren und auf meinem Blog posten.

    Liebe Grüße!!!

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  7. Pingback: Augen zu – Fotoapparat in Position – Klick – Ich mit geschlossenen Augen vor dem Spiegel | Susanne Haun

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