Wieder krame ich in Erinnerungen, dieses Mal aus der Zeit, als ich endgültig nach Griechenland umzog. Denn um ein vernünftiges Esslokal zu finden, fuhren wir gestern mittag von der Wohnung des Schwagers nach Nea Philadelphia! Wir kannten diese quirlige Athener Vorstadt gut, elf Jahre lebten wir dort. Dass es gestern ausgerechnet ein Erdbeben war, das uns begrüßte, lockerte entsprechende Erinnerungen. Denn auch damals….
Jetzt aber parkte mein Neffe vor einem Fischgeschäft, das zugleich ein Speiserestaurant ist und außerdem Fisch nach Haus liefert – frisch oder zubereitet. Ein gutes Geschäftsmodell, scheint mir. Ich ließ mir eine leckere Fischsuppe schmecken. Hier der Chef und eine Angestellte (heimlich herangezoomt).
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Während eines schweren Bebens im Jahr 1986 wohnten wir hier gleich um die Ecke, in Nea Halkidon, wie Nea Philadelphia und viele andere Athener Vorstädte von den Flüchtlingen erbaut, die 1923 mit dem sogenannten „Bevölkerungsaustausch“ Kleinasien verlassen mussten – genauso wie ca 600 000 Türken ihrerseits zwangsweise in ihre alte „Heimat“, die sie gar nicht kannten, umgesiedelt wurden. Ca zwei Millionen Griechen wurden aus ihren Wohngebieten vertrieben, in denen ihre Vorfahren seit undenklichen Zeiten gesiedelt hatten. Und eine von jahrelangen Kriegen gebeutelte Bevölkerung von ca 6 Millionen musste diese Entwurzelten aufnehmen und irgendwie unterbringen. Aber das ist ein zu großes Thema, um es hier so nebenbei abzuhandeln….
Jedenfalls machte ich mich gleich nach dem Essen allein auf die Socken, um unseren alten Stadtteil noch einmal zu sehen.
Und richtig fand ich die Villa, in der wir 1979 das Erdgeschoss bezogen und elf Jahre blieben. Unsere Hauswirtin kam aus Smyrna (Izmir). Lebhaft erinnerte ich mich an die Nacht, als wir wohnungssuchend davor standen. „Dies würde mir gefallen“, sagte ich zu meinem Mann. Die Villa stand still und dunkel, dicht umwachsen, ein zierlicher runder Balkon unter Bukamvilliablüten, ein kunstvoller schmiedeeisernen Zaun und eine schwere eicherne Haustür. Ich träumte. Da zu wohnen!! Ich hasste schon jetzt die kleinen Appartments mit den niedrigen Decken, die wir am Tag besichtigt hatten. Da entdeckte ich am steinernen Pfeiler das Schild „zu vermieten“! „Hat keinen Sinn, zu teuer, außerdem ist es schon fast elf“, versuchte mein Mann meinen Tatendrang zu dämpfen. „Wenn wir es doch nicht kriegen, haben wir ja nichts zu verlieren“, meinte ich und drückte auf die Klingel. Und tatsächllich öffnete sich im ersten Stock die Tür… Mme Iro fand an uns Gefallen und so zogen wir ein, glücklich. Eine Heizung gab es zwar ebenso wenig wie ein Bad, im Winter war es kalt, im Sommer heiß, aber dafür waren die Räume hoch und weit, und das Haus hatte Atmosphäre.
Beim Erdbeben 1986 bekam das Steinhaus, das wie alle in der Gegend mit Seesand gefugt war, im Untergeschoss Risse. Aber wir durften bleiben – zogen sogar in den ersten Stock, der heller und großzügiger, freilich auch heißer bzw kälter war als das Erdgeschoss. Wir würden wohl immer noch dort wohnen, hätte die Dame des Hauses nicht irgendwann Eigenbedarf angemeldet.
Gestern fand ich die Villa vollkommen unverändert, in sich gekehrt und still, nur im Obergeschoss waren neue Fenster eingezogen. Das einstöckige Haus daneben, das beim Erdbeben zusammengestürzt war, nahm ihm freilich als kalte 6stöckige Kulisse den Blick auf die Kirche am Ende der Straße.
Das Kirchlein ist jetzt weiß gestrichen. damals war es gelb, und ich malte eines Tages vergnügt eine Kirchenprozession mit Priestern, Fahnen und Volk. Und was sich sonst so zeigte.
Dass auch damals schon Großbauten begannen, den Horizont zu verstellen, zeigt diese alte SW-Aquarellstudie.
Ich streifte dann durch die Gegend, suchte nach dem Häuschen, das eine liebe Freundin bewohnt hatte – es war einem Neubau gewichen. Der Bach – ein Zufluss zum Kifissos, den die Anwohner damals immer zudecken wollten, weil er bunt und stinkend war von den Abwässern einer Gerberei und Färberei weiter flussaufwärts – sprudelt nun recht sauber unter üppigstem Grün, zur Freude wohl der Anwohner in den inzwischen bis zu 8stöckigen Häusern an seinem Ufer. Nur eine Wand fand ich, die das einstige Innenleben eines abgerissenen Häuschens abbildete. Auch dieser Autoabstellplatz ist nun „zu verkaufen“. Zwei Erdbeben haben die Gestalt der Siedlung recht drastisch verändert.