Auf der Wachsdecke meines Balkontisches sind nicht nur Zeilen des Gedichts von Aragon „Les Lila et les Roses“ (der Flieder und die Rosen) zu lesen, das er 1940 unter dem Eindruck des deutschen Vormarsches in Flandern schrieb (den Hinweis auf den Autor verdanke ich Myriade). Außer diesen Gedichtszeilen gibt es auf der Tischdecke Abbildungen des hellroten wilden Mohns und das Wort Coquelicot (französisch für Mohn). Mohn wurde bereits im 1. Weltkrieg durch das Gedicht von McCrae (hier gesprochen von Leonard Cohen) zum Symbol des Todes auf den Schlachtfeldern von Flandern.
Das alles war mir nicht bewusst, als ich vorgestern den schwarzen Stein in die Hand nahm, um ihn zu zeichnen. Nicht einmal an den Ausdruck „einen schwarzen Stein hinter sich werfen“ dachte ich. Auch, als ich den „Hühnergott“ in die Hand nahm, dachte ich nicht an Krieg und Tod, dachte auch nicht an meine alte Heimat, sondern an die Schönheit und die Geheimnisse der Steine.
Im Kommentarstrang schrieb Gerhard, der Hühnergott erinnere ihn an Munchs „Schrei“. Ich überlegte, woran er mich erinnerte, kam aber nicht drauf. Erst heute wurde es mir bewusst: Mich erinnerte er, je mehr ich mich zeichnend auf ihn einließ, an die Profile in Picassos Guernica, gemalt 1937 unter dem Eindruck des Bombardements der baskischen Stadt durch die deutsche „Legion Condor“.
Und so fügten sich der Hühnergott, der schwarze Stein, die Zeilen von Aragon, das Wort Coquelicot und die Abbildung des Mohns zu einer Assoziationskette: Das Grauen des Kriegs, und speziell: der deutschen Kriege. Ich hatte das nicht gesucht, aber es fand mich und blickte mich an. Doch verstand ich, was ich sah? Nein.
Die Erkenntnis kam sehr langsam. Eigentlich wollte ich nur noch einmal den schwarzen Stein zeichnen Ich stellte ihn hochkant und hielt ihn mit einer Hand fest, während ich mit der anderen zeichnete. Weil ich alles zeichne, was im Realitätsausschnitt zu sehen ist, bezog ich auch die Schrift mit ein. coqueli… stand da. Ich zeichnete auch schattenhaft den Mohn des Tischtuchmusters und dachte mir weiter nichts dabei.

Dann holte ich den „Hühnergott“, um ihn mit dem schwarzen Stein zusammenzustellen. Die Sonne kam durch (es hatte gewittert) und warf scharfkantige Schatten. Das sah interessant aus (s. die Fotos oben). Ich konzentrierte mich ganz aufs Zeichnen und dachte an nichts anderes.

Das Motiv begann mich zu fesseln, und so arrangierte ich die zwei Steine neu. Beim Zeichnen drang das Wort coquelicot, das ich zuvor nur nachgefahren hatte, immer mehr in mein waches Bewusstsein. Mohn, dachte ich, zeichnete auch die hellroten Blüten auf dem Tischtuch. In mir begann es zu rumoren, Erinnerungen kamen hoch. Paul Celans „Mohn und Gedächtnis“, die „Todesfuge“ (hier liest er selbst: … der Tod ist ein Meister aus Deutschland).
Als ich diese fünf Zeichnungen fertig hatte, besah ich sie. Sie waren auf dünnem Papier entstanden. Um sie zu fotografieren, musste ich die Blätter festhalten, denn sie flatterten und rollten sich ein. Und ich sah, was ich gezeichnet hatte.
„Einen schwarzen Stein hinter sich werfen“, sagt man in Griechenland, wenn man seine Heimat für immer verlässt, weil man sie nicht erträgt. Ich fand den schwarzen Stein nun auf meinem Balkontisch wieder. Vergebens warf ich ihn hinter mich. Im Unterbewusstsein ruht er und wartet auf seinen Moment. Als die deutsche „Verteidigungsministerin“ zur Chef-Macherin der EU erkoren wurde, wollte ich den schwarzen Stein erneut hinter mich werfen und nach Afrika auswandern. Aber es hat keinen Sinn. Überall wird er mich einholen.
Doch es gibt einen Trost: auf den Kissen meiner Balkonsessel steht Amor omnia vincit: Liebe besiegt alles.