Besuch in Vravron: Über Verbote und Tabus (Zeichnungen, Fotos, Texte, Gedanken)

Gestern war ich wieder in Vravron, dem Heiligtum der Artemis (hier mit Zeichnungen und weiteren links). Mit mir war Eleni, die ihr durch die Bild-Text-Collage vom Kerameiko kennenlerntet. Ich zeichnete den fast horizontal gewachsenen Ast einer gewaltigen Pinie, der wie ein – ja, wie was? schützender Arm? Haltegebot? – das Kleinmädchen-Pensionat dahinter fast verdeckt.  Eleni setzte sich weiter weg auf einen Stein, um die Atmosphäre des  Ausgrabungsgeländes auf sich wirken zu lassen.

Ich zeichnete dann auch noch die gewaltige Astgabel desselben Baums.

Als wir uns wieder trafen, war Eleni leicht verstört:  Sie habe keinen Kontakt zum Gelände finden können, ein ungutes, nicht zu definierendes Gefühl habe sie gequält, als plötzlich eine harte sehr laute Frauenstimme gerufen habe: Απαγορεύεται! / „Das ist verboten!“, unterstrichen durch eine aggressive Trillerpreife.

Worum kreisten ihre Gedanken? Ums Verbotene. Ihre ersten Notizen:

Beim Versuch, den Raum zu dechiffrieren und in ihn einzutreten, entdecke ich verschüttete Erinnerungen, die mit Verboten vermischt sind. Eine Wächterin des Heiligtums schreit mit schriller Stimme: Das ist verboten! Ich frage mich: wie oft ist dieses Wort wohl an diesem Ort erklungen? Warum? Was war hier früher erlaubt? Warum diese Strenge? Wo soll ich mich hinstellen, um zu reden? Denn auch das ist verboten. Wie nah kann ich herangehen? Soll ich hingehen oder mich verziehen?

Zusammen versuchen wir dann, dem an diesem Ort „Verbotenen“ näher zu kommen. Als ich mich in das Wort einschwinge, fühle ich sogleich eine große Schwäche und einen Druck rechts neben der Kehle, wie von einem Messer. Und ich frage mich: Steht das „Verbotene“ in Verbinduung mit Iphigenie, deren Grab hier seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. als chthonische Gottheit verehrt wird? (Wir wissen von ihr durch die Dichter: ihr Vater Agamemnon opferte sie, damit der Wind sich drehte und die Kriegsfahrt nach Troja starten konnte).  Oder fühle ich mit dem Rehkitz, das an Iphigenies Stelle trat, während sie selbst von Artemis ins ferne Tauris entführt wurde? Wie wurde wohl die Opferung getätigt? durch einen Stich mit dem geschliffenen Feuerstein in die Halsschlagader? Oder schon mit einem glatten Schnitt durch die Kehle wie bei der Schächtung?)

Ich taumele leicht und lege mich, um vor Blicken geschützt zu sein, hinter einen riesigen Eukalyptus. Doch sofort schrillt wieder die Trillerpfeife, und eine Stimme nähert sich: apagorevete! Es ist verboten! Ich rappele mich auf, und wir entfernen uns gesenkten Hauptes wie zwei Schuldige, die sich nicht umzudrehen wagen.

„απαγορεύεται/Apagorevete“ (es ist verboten) setzt sich zusammen aus αγορεύω/agorevo (auf der Agora reden, seine Ansichten öffentlich vortragen) und apo – eine verneinende Vorsilbe. Außerdem ist das Verb reflexiv, kann also in der 1. Person auch als Selbstverbot verstanden werden: ich verbiete mir selbst den Mund. Genau das hatten wir getan: wir waren geflohen. Und es war nicht das erste Mal: Schon einmal waren wir vertrieben worden, vor Jahren, als wir mit einer kleinen Gruppe von Frauen (Eleni war nicht dabei) dem Mutterrecht nachforschten. Auch damals schrie die Wächterin, holte die Direktorin, die die Polizei holte, die unsere Personalien aufnahm….

Eleni meinte, das ganze Gelände sei von diesem verboten durchseucht. Im Museum war die Energie dann normal. Da waren wieder die schönen Kinderstatuen, die ich liebe und auch diesmal wieder fotografiert habe.

Sie sind traurig, diese Mädchen, denn sobald sie ins heiratsfähige Alter kommen, müssen sie das, was sie lieben, der Artemis opfern: ihre Puppen, ihre Bänder, ihre Häschen. Diese strenge, furchtgebietende Göttin bewahrt sie nicht nur vor den Übergriffen der Männer. Sie verbietet ihnen überhaupt jeden Umgang mit ihnen. Rein sollen die Mädchen sein und bleiben, Jungfrauen. Bis sie einem Ehemann zugeführt werden. Dieses Muster, das noch heute in vielen Weltgegenden vorherrscht, war auch das des Mädchenpensionats. Das Lernprogramm der Mädchen beschränkte sich auf weibliche Tugenden des Dienens und Haushaltens. Musik und Schreiben gabs für sie nur in Ausnahmefällen.

 

Ich weiß nicht, ob schon zu Zeiten des Matriarchats solche Einschränkungen bestanden, doch sicher war auch damals das Aufwachsen als Mädchen  keineswegs beneidenswert. Wenn Mütter herrschen, haben Töchter nichts zu lachen, denn sie bedrohen durch Jugend und Schönheit die Älteren. Vor allem aber: je weniger aufgeklärt die Menschen sind, desto mehr Verbote gibt es:  Tu dies nicht, tu das nicht, berühre dies Ding nicht, betrete jenen Ort nicht, sprich dies Wort nicht aus, sieh jenen Mann nicht an, opfere den Göttern, was du liebst, sonst wirst du bestraft. Furcht vor tatsächlichen Gefahren und Angst vor Strafe vermischen sich zu einem undurchdringlichen Dickicht von Tabus. Dieser archetypische Untergrund wurde auf dem Gelände der Artemis für uns erfahrbar.

Die Göttin hat ein absolutes Tabu um sich selbst errichtet: kein Mann darf sie sehen oder gar berühren! Gleiches gilt für ihre Gefährtinnen. Vielleicht kennst du den Mythos des Jägers Aktaion, der Artemis nackt sah: sie verwandelte ihn umgehend in einen Hirsch und ließ ihn von seinen eigenen Hunden zu Tode hetzen. Oder kennst du den Mythos von Kallisto, der Lieblingsgefährtin der Artemis, die von Zeus vergewaltigt wurde? Artemis verwandelte sie zur Strafe in eine Bärin und jagte sie davon… Ist die extreme Haltung der Artemis womöglich ein Nachklang der Zeiten, als die Frauen in die Defensive getrieben wurden? Oder sind es schon immer Frauen, die absoluten Gehorsam und geschlechtliche Enthaltsamkeit der Mädchen forderten und gewaltsam durchsetzten? Wären Klitorisbeschneidung und Verschleierungswahn ohne die älteren Frauen und Mütter überhaupt noch vorhanden?

In der Taverne skizzierte Eleni zwanzig  Stufen des Verbots: die erste oberste Stufe ist nur ein einfaches alltägliches Verbot (Fußballspielen auf dem Rasen verboten, Durchfahrt verboten, Unbefugten ist das Betreten des Firmengeländes verboten), doch je weiter du hinabsteigst in die Finsternisse der Verbote, desto heftiger wird deine Angst (Phobos / Furcht), desto schauriger werden deine Straf-Fantasien (timoria / Strafe). Ich finde dies ein fabelhaftes Werkzeug, um sich langsam aus der irrationalen Angst vor Strafe zu befreien, die bei jeder Übertretung von Verboten und erst recht bei Tabubrüchen aufgerufen wird.

NB: Φόβος, griechisch Angst, kennst du vom Wort Phobie.  Phobien werden durch Symbole und Vorstellungen „getriggert“, die manchmal mit eigenen, sehr oft aber mit archetypischen Erfahrungen zusammenhängen. Viele haben zB eine Schlangen-Phobie, ohne je selbst eine schlechte Erfahrung mit Schlangen gemacht zu haben.

Foto und bearbeitete Zeichnung einer „Puppe“ im Artemis-Museum von Braubron, 2019-09-24

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Montags ist Fototermin: Küchenecke im Abendsonnenlicht.

Das Licht auf den Äpfeln wirkt auf den Fotos weiß, ich aber sah es leuchtend rot und war ein wenig enttäuscht. Dann aber erinnerte ich mich an Cezanne, der in seinen Aquarellen die beleuchteten Stellen seiner Äpfel weiß ließ und nur im Schatten die Lokalfarben eintrug. Da wusste er offenbar etwas, was ich nicht sah. Allerdings malte er nicht bei so intensivem Abendsonnenrot.

Postscriptum, ACHTUNG: Ich sehe in den Kommentaren, dass mir etliche dieses Aquarell zutrauen. Das ist zwar ein tolles Kompliment, aber ich möchte mich nicht mir fremden Federn schmücken. Das Äpfelaquarell ist von Cezanne!!! ich habe es zwecks Illustrierung des oben Gesagten hinzugefügt.

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Ein 3-Farben-Spielchen mit Töppen und Pötten. (Serielles)

Die Töppe und Pötte, die ich heute vormittag so sorgfältig gezeichnet hatte, reizten mich für ein Spielchen. Mir fielen all diese Ovale auf: manche waren Böden, andere Untersetzer oder Gefäß-Öffnungen. Da ritt mich der Teufel: warum nicht die Funktion umdrehen und Untersetzer zu Öffnungen, und Öffnungen zu Böden machen? Ich stapelte also die Töppe übereinander, mal richtig rum, mal auf den Kopf gestellt. Nein, nein, keine Angst, nichts ging kaputt, denn ich stapelte nur auf dem Papier, nicht in der Realität. Links die Originalzeichnung, rechts auf dem Kopf stehend.

Die Originalzeichnung vervielfältigte ich und stapelte sie dann wieder mal so rum, mal auf den Kopf gesstellt.

Sehr ordentlich? Nun, nicht wirklich. Dennoch baute ich versuchsweise ein paar weitere Störungen ein, damit mich die serielle Ordnung nicht erschlägt!

 

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Noch ein Häuschen im Stadtwald (3-Farb-Filzstiftzeichnung, Varianten)

Es dämmerte schon im Stadtwald, als ich mich auf einem Stein hinter dem Häuschen niederließ, in dem die freiwilligen Helfer und Schützer des Waldes ihre Gerätschaften aufbewahren. (Hier aus einer anderen Perspektive). Eine junge Frau strich hinter mir herum, während ich zeichnete. Wie sich herausstellte, saß ich auf „ihrem“ Stein. Sie hatte ihn für eigene Zeichenübungen auserkoren. Leider hatte sie nichts zum Anschauen dabei, aber ich zeigte ihr meine heutige 3-farbige Filzstift-Zeichnung.

Ich habe diesmal zwei Reihen elektronischer Varianten erstellt. Die erste betont Strukturelemente der Zeichnung, die zweite setzt atmosphärische Akzente

Die erste Reihe:

die zweite Reihe

 

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Zeichnen auf dem Balkon: Blumentopf, Astern und Hamburger Teepott (Zeichnung, Fotos)

Guten Morgen!

Schönes wechselndes Licht heute vormittag. Ein Windchen trieb weiße Wolken über den September-Blauhimmel. Ich hatte Lust auf eine ruhige Zeichnung etwas größeren Formats.  Auf das Balkon-Tischchen mit der Sonnenblume im gestreiften Topf stellte ich kleinblütige violette Astern und meinen Hamburger Teepott.

Gezeichnet habe ich den Ausschnitt, der mir am nächsten war.

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Noch mehr Experimente mit 3 Farben, Kuli, Filzstifte. Waldstück.

Im Stadtwald skizzierte ich heute eine Gruppe ziemlich kahler Pinien vor dem Himmel und der weiten Landschaft. Ich habe hier schon öfter gezeichnet, zB hier und hier. Diesmal ging es mir darum, der unterschiedlichen Wirkung meiner drei neu erworbenen Filzstifte nachzugehen.

Zuerst skizzierte ich die Bäume mit schwarzem Kugelschreiber. Dann nahm ich das nächste Blatt und skizzierte mit Rot, ein drittes Blatt mit Blau.

Ein viertes Blatt zeichnete ich wieder mit Blau, das ich dann mit Rot und Schwarz überzeichnete.

Bis auf das letzte habe ich die Skizzen vor Ort fotografiert. Das dünne Papier wellte sich ein wenig und warf Schatten, der bei der roten Skizze grün erscheint (?!). Die blauen habe ich ein wenig bereinigt.

Hier ein paar Bearbeitungen, für Interessierte mit Angabe der benutzten Fotoshop-Filter.

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3-farbig mit Filzstiften. Neue Experimente (Skizzen von Schreibtisch und Blumentopf, Bearbeitungen)

Gestern erstand ich im Schreibwarenladen drei nicht sehr dicke Filzstifte in schwarz, blau und rot. Was ließ sich damit wohl anstellen?

Als erstes machte ich zwei schnelle Skizzen meines nächtlichen Schreibtisches, zunächst nur mit dem schwarzen Stift. Zur zweiten Skizze fügte ich rot und blau hinzu, bis die Zeichnung recht dicht war.

Einige Bearbeitungen davon:

Heute mittag versuchte ich mich an dem Topf mit der Sonnenblume auf dem Balkon. Diesmal begann ich mit Rot und setzte dann Blau und Schwarz dazu.

Auch hiervon machte ich Bearbeitungen (drei von der ersten, eine von der zweiten Fassung)

 

 

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abc-etüde: Sprachverwirrung (Vorsicht, Kata-Strophen!)

Ein paar Kata-Strophen hab ich für die abc-etüden zusammengereimt, die Christiane so liebevoll und sorgfältig betreut und die auch die Einladungskarte gestaltet hat. In meiner Etüde kommen auch die Wörter Roman, variabel und entlassen vor. Die Wörter gespendet hat Alice von Make a choice Alice.

 

WARNUNG: Wenn du findest, dass man mit ernsten Themen ernst verfahren muss, besser nicht weiterlesen.

 

Sprachverwirrung

 

Ansichten sind variabel,

Das wissen wir seit Babel,

und früher, als den Abel

der Kain erschlug, die Fabel:

Der Kain hat recht, der Abel auch,

seither ist Morden Menschheitsbrauch.

 

Denn wenn du A sagst, hör ich B,

du schreist Hurra und ich O weh.

Ich sage Unrecht, du sagst Recht,

ich sage gut, du nennst es schlecht.

 

Du sagst, wir brauchen mehr Soldaten

Sie schützen uns mit Heldentaten.

Ich möchte die Armee entlassen,

die Gelder lieber selbst verprassen.

Du sagst: „Die Kriege sind human“

Ich sag: „Guck dir die Opfer an“.

Du sagst: „Das tu ich, denn in Kriegen

Werden am End die Guten siegen,

Ich helf den Guten an die Macht,

dann wird das Böse umgebracht.

 

Die Römer schon haben mit Waffengewalt

Den Frieden verbreitet, hat mächtig geknallt,

doch hat sichs verlohnt, denn ohne die Waffen

würden wir immer noch leben wie Affen.

Und auch die Christen warn eifrig dabei

Wenn es ging um die Heidenabschlachterei.“

Und die Muslime? „Na klaro, auch die,

für den Glauben zu töten ist Rechtens, und wie!

Oder nimm mal die Nazis, die wussten Bescheid:

Des einen Lust ist des anderen Leid.

Die hätten weiter und weiter gesiegt,

hätten die nix auf den Deckel gekriegt.“

 

„He hoppla“, so ruf ich, „du willst doch nicht sagen

Dass der Krieg uns befreit, wir müssen nur wagen

Zu kämpfen und andere umzubringen

Dann werden wir bald das Freiheitslied singen?

Dann will ich beginnen mal grade bei dir

Heb du mal die Hände, du elendes Tier!

Kriegstreiber wie du und Apologeten

sind es, die immer schon Unheil säten

Ich werd dich erwürgen, erschießen, erschlagen,

Dann leben wir bald schon in friedlichen Tagen!“

 

Dies ist ein Gedicht, drum reimt es sich eben,

Ein Roman ist in Prosa, genau wie das Leben.

 

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Nachtrag zu gestern (Kerameikos): Kirche, Stier, Keramik-Figuren, Flüchtlings-Politiker

Gestern skizzierte ich die Kirche oberhalb des antiken Friedhofs. Hier noch mal ohne Text, samt Bearbeitung. Das Bäumchen im Vordergrund und die großen Steine gehören zur leichten Welt der griechischen Antike, als der Mensch noch das Maß der Dinge war. Die Kirche darüber schließt sich gegen die Natur ab, schwer und übergroß demonstriert sie ihren Alleinvertretungsanspruch.

Auch den Stier möchte ich noch mal ohne Text und in einer Bearbeitung zeigen. Auf der Zeichnung fehlt leider der mächtige Hinterleib mit dem peitschenden Schwanz. Gebändigte aber ungebrochene Naturkraft spricht aus dieser Skulptur und weist sie daher als antikes Kunstwerk der klassischen Zeit aus.

Die Skulptur steht im Innenhof des Museums. Eine Kopie findet sich am ursprünglichen Ort, hoch oben auf dem Grabmahl eines stolzen Atheners des 4. vorchristlichen Jahrhunderts.

Zwei Werke zeitgenössischer Künstler mögen den gestrigen Rundgang vervollständigen: die eine, Polina Kasimati, wird am letzten Wochenende dieses Monats eine Installation von 18 Tonfiguren im Kerameiko zeigen. Wir  konnten einen Blick drauf werfen, bevor sie  nach einer Foto-Session weggetragen wurden.

Das andere Kunstwerk befindet sich an einer langen Wand außerhalb des Kerameiko, an der immer neue Spraybilder entstehen (zB dies hier). Diesmal ist es ein großes Wandgemälde: an einem langen Tisch palavern Politiker und fuchteln mit Geld und Papieren, während im unteren Bereich Hände Ertrinkender verzweifelt versuchen, einen Halt zu finden. Ich musste es über die stark befahrene Straße und bei gleißendem Licht heranzoomen, weshalb die Motive zum Teil aus dem Fokus gerieten. Aber ein Panoramafoto gibt doch einen guten Gesamteindruck, finde ich.

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Mit Eleni im Kerameiko (Text-Bild-Collage)

Wir hatten uns heute am antiken Friedhof Kerameiko verabredet, einem Ort, den wir beide sehr lieben. Sanft und harmonisch ist die Energie dort, fanden wir, als wir uns im Schatten eines riesigen Feigenbaums niederließen. Nur die unangenehm große schwere Kirche der Dreieinigkeit, die halbwegs ins Gelände gebaut ist, störte uns wie immer. Überall hat die Kirche sich auf die alten heiligen Orte gesetzt, um die vorchristlichen Gedanken und Lebensformen zu ersticken, auf denen sie doch fußt.
Während wir darüber sprachen, begann ich die Kirche zu zeichnen. Und Eleni begann zu schreiben. Schade, dass ihr kein Griechisch könnt. In meiner Übersetzung bleibt nicht viel vom Charme ihrer Sprache übrig.

Der antike Tag, der im Kerameiko fortlebt durch die Zikaden und den weichen mittäglichen Wind an einem Donnerstag im September. Die Erotes (Plural von Eros, Liebschaften) beruhigen sich hier, gehen schlafen, werden zu kleinen Babys ohne Jammern und Geschrei. Es sind immaterielle natürliche Zyklen, angefüllt mit dem Saft des Granatapfels. Hier sterben die Erotes nicht, denn sie verwandeln sich in Marmorbilder der Demeter und der Kore (Persephone), des Pluton und des Zeus. Sie werden zu göttlichen Erotes, unsterblichen Granatfrüchten. Die Kirche gegenüber stumm, ohne den Klang der Glocken, still, beherrschend, eingemauert gegen so viele Jahrhunderte Geschichte, die nicht schweigen kann. Denn das Schweigen des Kerameikos ist erfüllt mit Lauten, Lauten derer, die hier Grabreden hielten, Lauten philosophischer Gespräche, die in der Atmosphäre schweben. Barbarische Stimmen vielleicht auch, die hierher kamen, um herumzuwandern auf den antiken Pfaden, Wissen empfangend und gebend, äußernd ihre Ansichten über Leben und Tod. Respekt vor den Verstorbenen. Der Ort ist heilig als Erde (Gaia), als Erde, als Wasser, als Schildkröte, die langsam langsam den ewigen Weg der Rückkehr wandert, wohin wohl?

(Eleni Pagoni, 2019-09-19,  übersetzt von mir, G.K.)

Im Museum setzten wir uns noch ein Weilchen zu dem großen Stier, den ein Athener irgendwann im 4. vorchristlichen Jahrhundert in Auftrag gegeben hatte, um sein Grabmahl zu schmücken. Wieder skizzierte ich, während Eleni Wörter zu finden versuchte für das, was sie fühlte. Doch der Stier blieb stumm.

Schließlich gehen wir ins Museum für Islamische Kunst, auf dessen Terrasse im fünften Stockwerk man Kleinigkeiten zu sich nehmen und die Aussicht genießen kann. Wieder zeichnete ich, und wieder verlangte es Eleni zu schreiben.

Ich habe dann aus Elenis Texten, meinen Zeichnungen und ein paar Fotos eine Gesamt-Collage gemacht. Die kleine Figurengruppe ist von Polina Kasimati.

 

 

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