Montags ist Fototermin: Unterwegs zum Wasserfall.

Dies Wochenende war so reich! Da war am Samstag der Stadt-Spaziergang mit Skizzieren in der U-Bahn und im Byzantinischen Museum (Orpheus) und dem Besuch der Samios-Ausstellung (mit Eleni). Am Sonntag dann der Besuch im Dionysos-Heiligtum (mit Tania) und …

Da geht es nun weiter. Wir wollten zu einem Wasserfall inmitten des Gebirges, von dem wir gehört hatten. Den ersten uns beschriebenen Zugang erreichten wir gegen zwei Uhr. Als wir parkten, kam uns ein Wanderer entgegen, den wir befragten. Der Pfad sei stark besonnt und die Gegend kahl, bis zum Wasserfall seien es etwa 2,5 Stunden. Aber es gebe einen anderen Weg, weit schöner als dieser. Wir stiegen erneut ins Auto und folgten seiner Beschreibung: Richtung Nea Makri,  Abzweigung links, vorbei an einer Station für Müllautos, an einer Farm für Kinder, weiter bis zu einer Staumauer, dort parken und hinabsteigen, dann immer dem Flussbett folgen, erst käme ein kleiner, dann der größere Wasserfall …..

Genauso war es dann auch. Der gewaltige Staumdamm wie ein weißer Elefant im Nirgendwo, quakende Welt der Frösche im angestauten und von Grünpflanzen  überwucherten See, das Wasser des Baches kalt und durchsichtig klar. Wie gut das Wasser und der kiesige Grund meinen müden Winterfüßen taten! Nicht immer war es leicht, dem Bachbett zu folgen, man musste über Geröll steigen und gelegentlich auf Ufer-Pfade ausweichen, und das alles barfuß. Urige Platanen, noch blattlos, und allerlei grünes Gebüsch, Vogelgezwitscher und das Rauschen des strömenden Wassers, Schatten und dann wieder angenehm wärmende Sonne, so ging es voran. Wir sahen auch den größeren Wasserfall, ohne ihn ganz zu erreichen, und kehrten auf demselben Weg zurück. Mein Handy verlor ich unterwegs nicht, und meine Stiefel standen noch dort, wo ich sie stehenlassen hatte.  Also alles gut.

Zum Abschluss, als wir das Auto schon erreicht hatten, nahm ich das Froschkonzert auf, das aus den Tiefen zu uns heraufdrang (bitte das Knattern entschuldigen!). Was für ein schöner Tag!

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Sonntagsausflug zum Dionysos-Heiligtum

Schon lange wollte ich diese archäologische Stätte besuchen, die sich „irgendwo im Wald“ des Athener Vororts Dionysos befinden sollte.  Doch wo? Das Internet schwieg sich aus, wusste nur von einer Kirche dieses Namens zu berichten.  Doch meine Freundin Tania, besser vertraut mit solchen Recherchen, wurde fündig: Das Heiligtum sei zwar fürs Publikum geschlossen, aber wir wollten es dennoch besuchen, zumal es dort in der Gegend auch eine „Höhle des Dionysos“ und Wasserfälle geben sollte.

Heute – Sonntag, 17.3. – bei Bestwetter brachen wir auf. Doch wo genau war das Heiligtum? Die Leute bei der Tankstelle wussten nichts, der Kiosk-Inhaber auch nicht, doch eine alte Frau wies uns den Weg. Vor dem verschlossenen Tor standen drei junge Leute, der eine outete sich als „Dionysos-Priester“. Ja, gleich würde jemand das Tor öffnen, wir könnten auch von der Seite hinein, aber auf dem Gelände gebe es Hunde…. Wir warteten, und er erzählte uns, dass eben heute der Tag des Dionysos sei (im christlichen Kalender „Tag des Heiligen Dionysios“) und dass sie eine Feier zu Ehren des Gottes machen würden. Die Umzäunung sei leider notwendig geworden, weil 1997 das Heiligtum von kirchlichen Fanatikern erneut vandaliert worden sei…. Aha, das waren also  „Alt-Götter-Verehrer“, eine anti-kirchliche Bewegung mit ziemlich obskuren Zügen, die sich die Wiederbelebung der alten Riten zur Aufgabe gemacht hat. Aber wir waren glücklich: das Tor würde sich öffnen.

Schließlich zeigten sich auch die Hunde: drei große deutsche Schäferhunde, die sich sehr gerne von uns streicheln ließen.  Und so trauten wir uns schließlich doch, von der Seite ins Gelände einzusteigen.

Inzwischen hatten sich die ersten Dionysos-Adepten mit weißer Standarte und allerlei Gerät – später kamen noch Blumensträuße und Trommeln dazu – vor dem einzigen aufrechten Gemäuer versammelt, in dem früher die Dionysos-Statue stand. Von Ferne betrachteten wir das Kommen und Gehen.

Ich versuchte auch ein wenig zu skizzieren, zunächst die hochragenden Pinien – einmal mit Bleistift, einmal mit Kuli und Bleistift gezeichnet. …

… dann auch die Szene vor mir.

Schließlich machten wir uns, bevor die eigentliche Liturgie begann, wieder auf den Weg, denn wir wollten die Wasserfälle suchen. Davon morgen.

Doch nun noch etwas zu diesem Heiligtum: Warum ist es so unbekannt? Die Frage stellt sich auch ein Artikel, den Tania für mich ausfindig machte. http://megaseniautos.blogspot.com/2010/01/blog-post_3510.html.

Einige Informationen daraus: Nach den antiken Quellen wurde an diesem Ort erstmals der Dionysos-Kult eingeführt.

Ein Mann namens Ikarios hatte den damals in Attika noch unbekannten Gott gastlich bewirtet und erhielt als Geschenk ein Weinfeld und die Kunst des Weinkelterns. Glücklich lud er  die Hirten der Gegend zum Trinken ein, doch die betranken sich und fühlten sich schlecht. Sie verdächtigten den Ikarios, dass er sie vergiften wollte, und erschlugen ihn. Am nächsten Morgen sahen sie die Bescherung, verscharrten den Toten und flohen. Die Tochter des Ikarios aber war so traurig, dass sie sich erhängte.

Daraufhin begann in Athen eine Art Manie: Ein junges Mädchen nach dem andern erhängte sich. Die verzweifelten Athener pilgerten nach Delphi und erfuhren, dass sie die Toten ehrenhaft bestatten, die Täter bestrafen und dem Gott ein Fest widmen sollten. So geschah es. Außerdem wurde eben hier ein Heiligtum mit Theater errichtet.

Die Dithyramben, die zu des Gottes Ruhm gesungen wurden, sind der Ursprung des Trauerspiels. Der erste, der aus den Dithyramben ein Drama machte, indem er einen Einzeldarsteller aus dem Chor löste und so einen Dialog zwischen Chor und Einzelperson einführte, war ein Mann namens Thespis. Von ihm leitet sich das Theater her. Er stammte aus eben der Gemeinde, die wir heute besuchten.

Kurzum: An diesem völlig vergessenen Ort liegt der Ursprung der Weinkultur und des Theaters. Warum – das ist die große Frage – ist er nicht zum Mekka der Weinliebhaber und Theaterleute weltweit geworden und ist stattdessen darauf angewiesen, dass ein paar obskure Neuheiden hier eine Liturgie wiederzubeleben suchen, um den Gott zu ehren?

Die drei eingefügten Bilder von Dionysos habe ich dem o.a. Artikel entnommen.

 

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Griechische Kunst am Sonntag: „Broken History“ von Samios

Sehr „griechisch“ ist die Kunst von Pavlos Samios, die ich gestern im Byzantischen und Christlichen Museum von Athen sah.
Samios, Jg. 1948, studierte an der Athener Kunstakademie – und akademisch ist sein Werk bis heute, wenngleich er viele Jahre in Paris lebte. Zurück in Athen wurde er Professor für Byzantinische Kunst und traditionelle Techniken der Malerei (Ikonenmalerei, Enkaustik, Manuskript, Fresco).
Doch nicht die Ikonen stehen im Zentrum dieser Ausstellung, sondern Werke seiner jüngsten Schaffensperiode (seit 2017), in denen es um die „zerbrochene Geschichte“ des Griechentums geht – eine Wunde, die immer wieder aufbricht: Was ist aus uns Griechen geworden? Aus unserer hohen Kunst? Zerbrochen, zerschlagen, weggeraubt, in alle Welt zerstreut, nur Bruckstücke sind uns gelassen. Dass die Kirche der Haupttäter bei der Zerstörung des klassischen Erbes war, wird hier freilich ausgeblendet. Und so bleibt die Suche nach der „griechischen Identität“ einmal mehr in der Klage stecken, „was man uns angetan hat“.

Die meisten Arbeiten sind auf dickem Wellkarton entstanden, wie man ihn für die Verpackung von Möbeln verwendet, mit Verpackungsetiketten, Verschnürungen, „Verkaufs“-Beschilderung.

 

Oft stapelt Samios auch Kartons verkantet übereinander, um so den Eindruck des Zerbrochenen zu steigern.

 

und übergeht die Kartons mit Graffitis, die an Athener Hauswänden allgegenwärtig sind.

 

Manche seiner Bilder-Stückwerke liegen am Boden und/oder sind teilweise aus dem Karton herausgeschnitten …

 

… oder mit Akryllfarben auf Marmorbrocken gemalt

 

Dass Samios auch die Ikonenmalerei und die byzantinische Mosaikkunst meisterhaft beherrscht, zeigt sich an einigen Exponaten im Vorraum der eigentlichen Ausstellung, die ausschließlich antike Skulpturen zum Inhalt hat.

 

Gestern zeigte ich euch Orpheus, heute war ich im Heiligtum des Dionysos. Dieser Gott war der Kirche immer besonders verhasst, und die spärlichen Überreste des Heiligtums müssen auch heute noch durch einen hohen Zaun geschützt werden müssen – vor wem? –

Darüber berichte ich in einem Extra-Eintrag.

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Orpheus im Kreis der wilden Tiere (Skizzieren im Byzantinischen Museum, Athen).

Mein heutiger Stadtbummel führte mich auch ins byzantinische Museum. Von der dortigen Ausstellung berichte ich morgen. Heute nur eine Skizze. Ich wählte eine sehr komplexe Marmorstele – Orpheus inmitten der wilden Tiere – , die mich von ihrer Thematik her interessiert. Es gibt Übergänge von der orphischen Philosophie (Orphismus) zum Christentum. Orpheus, auf seiner Leier spielend und von den wilden Tieren umlagert, galt bei manchen als eine Vorprägung von Christus. Daher ist sie auch Bestandteil der Sammlung dieses Museums.

Die feine Marmorskulptur hat noch viel von der Qualität antiker Arbeiten, die im Laufe der Zeit verloren ging.  Um euch einen Eindruck zu geben, habe ich sie fotografiert.

Für die Zeichnung hatte ich nur wenig Zeit, denn meine Freundin wartete. Außerdem konnte ich die Einzelheiten der Skulptur nicht mit bloßem Auge erkennen. Dennoch gefälllt mir die Skizze.

Es reizte mich zu sehen, wie sie sich bei digitaler Bearbeitung verhalten würde, da ich mit Bleistift und Kuli gezeichnet hatte und die Bleistiftlinien anders als die Kulilinien reagieren. (Zum Vergößern anklicken)

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Skizzieren in der Metro, Bearbeitungen.

Heute skizzierte ich in der Metro. Der Block war größer als beim vorigen Mal, also war das heimliche Skizzieren nicht so einfach. Ich versteckte den Block halbwegs in meiner Tasche und kritzelte mit schwarzem Kuli drauflos.

Zuerst der noch leere Bahnsteig.

Er füllte sich rasch und benahm mir den Blick auf die Gleisanlage. Das nächste  Blatt ist eine Mischzeichnung: die drei Einzelportraits sind Fahrgäste auf der Hinfahrt, die  Menschengruppe und die Wartenden auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig sind vom Bahnhof „Evangelismos“ auf der Rückfahrt.

Auf dem Bahnsteig und unterwegs, Original

Ich habe die kleinen Einzelszenen dann noch mal fotografiert. Hier vier Bearbeitungen der Wartenden vom gegenüberliegenden Bahnsteig. „Evangelismos“ ist der Name eines Großkrankenhauses, übersetzt heißt es „Verkündigung, frohe Botschaft“.

Und hier die lebhaft sich unterhaltende Gruppe auf dem Bahnsteig, Originalskizze

Zum Abschluss noch ein Blatt mit Skizzen zuerst vom leeren Abteil (rechts vorn), dann von Mitreisenden.

Auch dies Blatt habe ich digital bearbeitet. Ich finde sehr interessant, wie durch die Akzentsetzungen vollkommen neue Bildeindrücke erzeugt werden. Bitte anklicken.

 

 

 

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Ping Pong 011

Ping 011 Ulli an Gerda → Wurzeln und Flügel wachsen, wenn …

Pong 011 Gerda

…  der Baum mahnt: verwurzle dich, Menschlein! und die Vögel locken: flieg!

Ping 012 Gerda an Ulli:

GLÜCK IST, WENN ….

Die Idee → https://cafeweltenall.wordpress.com/2019/02/05/ping-pong-001-2019/

Was bisher geschah → https://cafeweltenall.wordpress.com/galerien/ping-pong/

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Ach hätt ich doch nen Knirps! abc-etüde mit Reminiszenzen

Zu schreiben ist eine  abc-etüde mit feinen Wörtern von Natalie, vom Fundevogelblog. Und wo sind meine Kata-Strophen? Die zwei Wochen sind fast rum!

Nieselregen, weich, irren – eigentlich drei sehr gut zusammenreimende Wörter. „Ich irrte im  Nieselregen durch die aufgeweichten Wiesen“ oder „ich irrte, wenn ich meinte, der Nieselregen würde bald aufhören und einem sonnigen Tag weichen….“ – o ja, die Verbindung klappt. Sie klappt auch lautlich, zum Beispiel als Tanz von E und I:

E und I umtänzeln sich

sie drohen und umschwänzeln sich

Mal führt die E, dann wird’s ein Ei

Das weich gebraten lecker sei

Dann wieder tanzt der I nach vorn

Und schleppt die E die stumm geworn

Im Niesel der vom Himmel fällt

Was unserer E nicht so gefällt.

Sie macht sich doppelt und wird Regen

Der I muss heftig überlegen

Wie er die E doch unterkriegt

Und sie am Ende gar besiegt.

Doch warum nicht mehr Toleranz

Beim irren E und I Getanz?

Warum auf Brechen und auf Biegen

will stets der I die E besiegen?

Es wär doch schön, wenn an den Händen

 Die beiden mal zusammenfänden

Als Nieselregen der ganz sacht

Die Erde nass und fruchtbar macht.

 

Na gut. Ich hab noch einen Anlauf genommen. Wo Regen, dachte ich, wird auch ein Regenschirm gebraucht. Oder ein Knirps. Den habe ich schon in drei Etüden erfolgreich eingesetzt. Nämlich in diesen:

abc-etüde: Aus dem Leben eines Knirpses (Kata-Strophen mit glücklichem Ausgang)

abc-Etüde: Was sich im Zirkuszelt tat (eine Kata-Strophe)

abc-etüde: Metamorphose des Knirpses (Strophen)

In den folgenden Kata-Strophen nehme ich auf die drei Vorgänger-Etüden Bezug. Daher der Titel:

Reminiszenzen

Der Knirps, den die Gerlinde einst besaß,

und  ihn im Eislokal vergaß

weil  – ich erzählte es dir –

jemand in Mafia-Manier

erschossen wurde wo sie saß

und ihr Speiseeis grad aß…

Der Knirps,  den Arabelle,  die vorbei kam

bemerkt  und schleunigst  an sich nahm

für ihre Nummer im Zirkuszelt

so dass er sah die große Welt…

Den dann zurück sich holte die Gerlinde,

zu seinem Unglück, wie ich finde,

zumal sie ihn nun beinah hasste

und den Entschluss alsbald auch fasste

ihn wegzuwerfen, den Alten

mit seinen Knicken und Falten….

Der Knirps, den die Frau Käthe

zu Lampenschirm und Susis Hosen umnähte

Du mochtest ihn, so wie mir schien

Erinnerst dich sicher gern an ihn….

 

Den Knirps, den hätt ich gern in diesem Nieselregen

Der nass mich macht und Schlamm aus allen Wegen.

Der einmal weich, dann wieder härter prasselt

Und mir die neue Zopffrisur vermasselt,

Den Knirps, den hätt ich gern, oder auch einen andern

Denn ohne Knirps im Regen ist schlecht wandern.

Und wenn ich mich nicht irre,  bleibt das Wetter schlecht

Ach hätt ich doch nen Knirps, nen treuen Knecht!

Schnipsellegebild vom 14.3.2019, mit ein paar Schnipseln von Jürgen Küster (Buchalov), Susanne Haun, Ulli Gau und mir.

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Dem Pi-Tag gewidmet: ein Kapitel aus den „Schwanenwegen“

eigenes Foto

Soeben las ich Joachim Schlichtings zugleich amüsanten und Überraschendes zu Tage fördernden Eintrag zum heutigen Pi-Day, zur Feier der „irrationalen“ Wunder-Zahl Π (Pi) also, die jedem Kreise innewohnt. Unweigerlich fiel mir ein Kapitel der „Schwanenwege“ ein, in dem dieses Pi herumspukt.  Wer hier schon  länger mitliest, weiß von meinem unvollendeten Romanprojekt, von dem ich bisweilen Abschnitte veröffentlicht habe (unter dem Stichwort „Schwanenwege“ findest du mehr).

Wir befinden uns auf S. 262-274 des Manuskriptes (na ja, mit der Hand habe ich es nicht geschrieben, es ist ein Typoskript), am Nachmittag des vierten Tages (sieben sind es insgesamt) und Ludwig – der mittlere Bruder der Winrod-Familie, 36,  ist in der eleganten Jugendstil-Villa von Johannes gelandet, den er kurz zuvor im Hamburger Planetarium bei der Präsentation „Die Sterne der Pharaonen“ kennengelernt hatte. Ludwig, der sich in einer verzweifelten Seelenlage befindet, hat, während Johannes ein „ägyptisches Mahl“ vorbereitet,  im exquisiten Bad gebadet und sich am bereitgestellten Wiskey bedient. Nun tappt er im geliehenen Morgenmantel die Treppe hinunter und …

…trat in einen großen kunstvoll ausgeleuchteten Salon. Aus einer nur angelehnten Tür im Hintergrund, die offenbar zur Küche führte, drangen Geräusche, wie sie beim Kochen entstehen. Eine eigentümliche Duftmischung lag in der Luft, gewoben aus feinen Essenzen und den Gerüchen der Küche. Zögernd blieb er stehen. Sollte er Johannes seine Hilfe anbieten? Doch nein, nein, es war zu früh für eine erneute Begegnung. Er wollte sich erst ein wenig vertraut machen mit Johannes’ Umgebung. Wer war dieser junge Mann, wie lebte er?

Ich streiche hier zwei Szenen und könnte mit dem Streichen weitermachen, bis ich schließlich zum Pi komme. Aber dazu habe ich keine Lust, es wäre gegen den Geist dieser Zahl, die dem Kreis eingeschrieben ist. Kommt eine Kreisbewegung etwa auf kürzestem Weg ans Ziel? Wenn sie überhaupt ans Ziel kommt… „Irrational“ nennt man das Pi, denn wie viele Stellen hinter dem Komma du auch errechnest, den Zahlenraum des Pi erschöpfst du nie, er dehnt sich „bis in alle Ewigkeit“. So wie ich mit diesem Roman nie an ein Ende gekommen bin.

Schön bebildert kannst du das Kapitel hier weiterlesen. Falls du aber keine Lust auf  Bilder hast, kopiere ich dir jetzt den Text noch mal pur.

 

Was Johannes wohl las? Oder die Frau, wenn es eine solche gab? Kunstbände überwogen bei weitem, das sah er sofort. Mit seitlich geneigtem Kopf überflog er rasch die Titel. Da gab es alte Atlanten, Himmelskarten, Abhandlungen über Architektur, Mathematik und Geometrie, viel Fremdsprachiges war darunter. Manche der Rücken waren schon sehr brüchig, die geprägten Schriftzeichen kaum noch zu erkennen. Romane gab es anscheinend nicht in diesem Schrank. Auch keine Lyrik.

Unschlüssig wandte er sich um, da bemerkte er, dass sich an den Salon ein kleinerer Raum anschloss. Ludwig blickte hinein. Dies also war Johannes’ Arbeitszimmer: Bücherregale bis zur Decke, ein Zeichentisch mit ausgerollten Pergamenten, Zirkeln und Linealen, ein schwerer Schreibtisch mit Globus, Himmelssextant und Stapeln von Büchern, einem Computer, Sets von Disketten, alle beschriftet und in schönster Ordnung. Woran er wohl arbeitete? Auf das oberste Pergament war sorgfältig eine Landkarte gezeichnet, offenbar eine Pause von einem alten Atlas, schwer zu sagen, welche Küsten hier abgebildet waren. Mit dünner Feder waren farbige Linien eingetragen, die an verschiedenen Punkten ansetzten und sich sternförmig verzweigten.

„Gefällt dir mein Portolan?“, hörte Ludwig, bevor er Johannes, der sich über seine Schulter beugte, wahrgenommen hatte. Wie bei etwas Unerlaubtem ertappt, fuhr er herum und stieß dabei mit Johannes zusammen. Der lachte und rieb sich das Kinn. „Na, du hast ja einen ganz schön harten Schädel. Unter welchem Sternzeichen bist du denn geboren? Warte, lass mich raten. Stier vielleicht, mit dem Widder im Aszendenten? Nein?  Na ja, ich mein es nicht im Ernst. Du hast es wohl mehr mit dem Wasser zu tun, oder?“

Ludwig nickte, immer noch benommen. „Krebs“, murmelte er. „Entschuldige, ich hab dich nicht kommen hören. Sag mal, was ist ein Portolan?“

„Erklär ich dir später. Jetzt wollen wir erst essen, ja?“

Der Tisch in der Küche war liebevoll gedeckt. Weißes Porzellan, Schüsselchen mit Vorspeisen, hohe Gläser mit einem wasserklaren Getränk, Kerzen. „Ägyptisch“, sagte Johannes mit einer weitausholenden Geste. „Pharaonisch, soweit das die  bescheidenen Möglichkeiten meiner Küche erlaubten. Ich hoffe, es schmeckt dir. Übrigens steht dir der Morgenmantel sehr gut, und er passt zum ägyptischen Mahl. Ich hätte mich auch umziehen sollen.“

In den kleinen Porzellanschüsseln befand sich allerlei Salatartiges und Püriertes, nichts extrem Exotisches, wie Ludwig, der in den Dingen der Küche Experimente scheute, beruhigt feststellte. Johannes entschuldigte sich, dass er kein Fladenbrot,  sondern nur geröstetes Weißbrot anbieten könne, und auch der Schnaps sei nicht ägyptisch, sondern türkisch, aus Izmir. Doch, so erklärte er stolz, seien alle Pürees frisch von ihm hergestellt worden, er hasse Konserven – und er wies auf einen Auberginenbrei und einen anderen, gelblichen: „Humus, aus Kichererbsen, nicht ganz klassisch vielleicht, mir fehlten einige Zutaten“, empfahl einen Gurkensalat mit Joghurt, frischer Minze und Knoblauch,  füllte eine gelbe schwerflüssige Suppe in bereitgestellte Schalen – Linsensuppe, mit dem feinen Duft des Kardamon, die er mit gerösteten Weißbrotstückchen und feingehackter Petersilie bestreute. Nach den Vorspeisen gebe es Nusskufta, das sei ein Gericht aus Rindfleisch und Nüssen, auch Räucherschinken, Zwiebeln und Tomaten und natürlich frische Petersilie gehörten dazu, er sei selbst gespannt, ob es ihm gelungen sei, denn die ägyptische Küche sei ihm eher fremd, er habe aber ihr Treffen unter dem Himmel der Pharaonen gebührend würdigen wollen.

„Also, was ein Portolan ist, wolltest du wissen?  Es handelt sich um eine Art Seekarte, die Ende des 13. Jahrhunderts plötzlich aufkam. Zuerst erschienen in Italien solche Karten, dann  auch in Portugal, Spanien und England. Sie entstanden irgendwie aus dem Nichts heraus. Sehr merkwürdig und spannend das. Sie waren auf Tierhäute gezeichnet, Schaf oder Ziege, manchmal auch Rind, nie größer, oft kleiner als ein bis anderthalb Meter, so groß wie die Tierhaut eben war, einschließlich des Halses, den man mit benutzte. Keine Karte gleicht der anderen, alles sind Unikate. Von manchen gibt es heute nur noch Fetzen, andere sind vollständig erhalten. Diese kleinen tragbaren, wie der Name sagt, Karten waren die Vorläufer der großen Atlanten, die dann im 14. Jahrhundert aufkamen. Ein besonderes Wunderwerk ist der sogenannte Katalanische Atlas des jüdischen Kartographen Cresques, Sohn des Abraham. Die Juden waren führend auf diesem Gebiet, das sich damals, zu Beginn der großen Entdeckungsfahrten, sehr schnell entwickelte. Cresques’ Sohn Jahuda, ein Converso, also zwangschristianisierter Jude, der sich dann Jacobus Ribes nannte, lehrte als alter Mann an der berühmten Karthographenschule, die Heinrich der Seefahrer in Sagres, im äußersten Südwesten Portugals, gegründet hatte. Ohne Gelehrte wie Meister Jacopo wären die großen Entdeckungsfahrten der Portugiesen undenkbar gewesen. Kolumbus verließ sich auf die Seekarten und geheimen Logbücher seines verstorbenen Schwiegervaters, des Kartographen Bartolomeu Perestrelo, der übrigens ebenfalls konvertierter Jude war. Aber iss doch! Ist der Humus gelungen?“

Und während Johannes die Speisen zureichte und Schnaps und Wasser in bereitgestellte Gläser goss, auch Eis dazu gab, erzählte er von den in die Portolani eingezeichneten Radien, die von unsichtbaren Kreismittelpunkten ausgingen. „Sie zeigten bis zu 32 Kompassrichtungen an. Durch sie versuchte man, die Verzerrung, die bei der Projektion der sphärischen Form der Erde auf eine ebene Karte entsteht, auszugleichen. Vom Land zeichnete man normalerweise nur die Küstenlinien, die aber mit größter Präzision. Das Hinterland malte man mit schönen Vignetten aus, ich versuche mich auch darin, aber nun ja, vielleicht fehlt es mir an Geduld.

Ich kann dir nachher gern ein paar solcher Karten zeigen. Es ist auch eine schöne Reproduktion der Piri-Reis-Karte dabei, die in letzter Zeit wieder sehr in der Diskussion ist. Piri Reis war ein türkischer Admiral, der im 16. Jahrhundert lebte. Bis heute rätselt man, welche Quellen er benutzte. Die Küsten von Südamerika und Westafrika sind so genau abbildet, als hätte er sie von einem Satelliten aus gesehen. Für die Darstellung hat er eine Methode der sphärischen Projektion benutzt, die die Ägypter entwickelten, als sie ihr Land vermaßen und die Plätze für die Pyramiden bestimmten.“

„Machst du das als Hobby, oder verbindest du damit einen beruflichen Zweck?“ fragte Ludwig ungeschickt in eine Atempause seines Gastgebers hinein. Die Geschwindigkeit, mit der Johannes seine Kenntnisse ausbreitete und gleichzeitig mit seinen schönen schlanken Händen die Suppe ausschenkte, das geröstete Brot über den Tisch reichte und die Schälchen mit den Musen zurechtrückte, machte Ludwig schwindeln. Unter anderen Umständen hätte ihn die Kartographie der Alten sehr wohl interessiert, doch nun verlangte ihn dringend danach, mehr über Johannes und seine Lebensumstände zu erfahren.

„Weder noch“, antwortete Johannes lachend. „Oder meinetwegen beides. Für mich gibt es diesen Unterschied kaum. Alles tue ich aus eigener Wahl, ohne durch äußere Zwecke und Verpflichtungen gebunden zu sein. Ich interessiere mich dafür, meine Denk- und Vorstellungswelt zu erweitern, Geheimnissen nachzuforschen, die von der üblichen Wissenschaft nicht berührt werden. Wenn ich dabei auf Dinge stoße, die für Gleichgesinnte von Interesse sein können, suche ich nach Wegen, solche Menschen zu finden. So einer bist nun du. Ich habe dich an der Selbstvergessenheit erkannt, mit der du das Lied gepfiffen hast.“

„Johannes Tauler“, sagte Ludwig, denn eine bessere Antwort fiel ihm nicht ein. Ihm wurde die Situation immer rätselhafter. Was wollte Johannes von ihm? Womit finanzierte er seinen aufwendigen Lebensstil? Lebte er allein? Wer war die Frau auf dem Gemälde? Was war mit dem Webstuhl? Gedankenlos – oder jedenfalls nicht bei der Sache, denn all diese Fragen sprossen gleichzeitig in seinem Kopf auf und wucherten dort wie Unkraut – häufte er sich den Teller voll mit einem bräunlichen Gemisch, das Johannes inzwischen aus dem Ofen geholt und auf den Tisch gestellt hatte, und begann, es in sich hineinzuschaufeln.

„Na, wie schmeckt dir meine Nusskufta?“, fragte Johannes, der sich vorsichtig ein Stück von dem Gericht abschnitt.

Ludwig fuhr auf, errötend. „Entschuldige“, stammelte er, „ich war in Gedanken. Das ist also ägyptisch? Woraus besteht es denn eigentlich? Ach, warte, du hast es vorhin schon gesagt. Nüsse und Hackfleisch, nicht wahr? Und hier sehe ich auch noch Tomaten als Dekoration. So, ja, es schmeckt ausgezeichnet.“

Johannes nahm einen Happen auf die Gabel, schnupperte daran, kaute sorgfältig und schien dem Geschmack in Andacht zu lauschen, als wäre es eine ferne Musik. Dann erklärte er: „Das Hack muss aus reinem Rindfleisch sein. Schweinehack ist Moslems verboten,  wie du weißt. Wichtig ist, die Nüsse, übrigens sind es Wal- und Haselnüsse, sehr fein zu hacken. Der Räucherschinken gibt dem ganzen dann die besondere Note, aber auch hier musst du aufpassen, dass du nicht etwa Schinken vom Schwein nimmst, das wäre ein schlimmer faux-pas. Schmeckst du die Petersilie heraus? Ich lege Wert darauf, dass ich immer frische Kräuter im Haus habe, ich ziehe sie in Blumentöpfen. Der Geschmack ist dann doch ein ganz anderer. Damit sich die Gewürze entfalten können, muss man natürlich auch den richtigen Topf wählen, in diesem Fall einen Tontopf, er ist nicht so kalt-neutral wie Metall oder Glas, sondern hüllt alles in das irdische Feuer des Tons ein.“

Ludwig wagte es nicht hinunterzuschlucken, er saß da und kaute, doch beim besten Willen konnte er keinen Petersiliengeschmack ausmachen, ob nun von getrockneter oder frischer oder gar selbstgezüchteter Petersilie. Das irdene Feuer des Tons oder hatte Johannes irdisch gesagt?  – schön klang das, aber schmecken? Gut, die Nüsse, die spürte er jetzt zwischen den Zähnen, sie waren tatsächlich sehr klein gehackt, und ihm kam es so vor, als läge darüber ein feiner Hauch von Räucherschinken. Er schluckte schließlich hinunter, nahm einen Schluck Schnaps, häufte etwas von der Speise auf die Gabel, schnupperte, wie es zuvor Johannes getan hatte, schloss sogar die Augen, um besser riechen zu können  – und tatsächlich, jetzt war alles da: Petersilie, Nuss, Rauch, das Feuer des Tons, Ägypten mit dem schwarzen Schlick des Nils, aus dem die Menschen ihre Gefäße brannten und ihre Häuser bauten. Flog er nicht über dem glitzernden Band des Nils, der durch einen schmalen Streifen Grün mäanderte, während sich nach Westen und Osten in rötlichen Wellen die Wüste dehnte?

In seinen Traum drang erneut Johannes’ melodische Stimme. Wovon sprach sie jetzt? Ach, wieder von der sphärischen Geometrie der Ägypter! Wie machte Johannes es nur, so behände die Abgründe zwischen hier und dort, heute und damals zu überspringen und von der Nusskofta und den Töpfen aus irdenem Feuer zu einer Abhandlung über die  Pyramidengeometrie hinüberzuwechseln? Alles griff bei ihm so glatt ineinander, geschliffen und funkelnd wie die Gläser war seine Rede, füllte die Stille und ließ keine Lücke, um dem Menschen Johannes fragend auf die Spur zu kommen. „Wer bist du, Johannes!“ wollte Ludwig rufen, „wer webt auf dem Webstuhl, wer ist die Frau auf dem Bild? Wie lebst du? Wer sind deine Freunde? Wirst du mich auch morgen kennen?“, doch das war nicht möglich.

„Die älteste der Pyramiden“, sagte er gerade, „und sogar der älteste erhaltene Großsteinbau der Weltgeschichte ist, wie du sicher weißt, die Stufenpyramide von Saqqara bei Memphis, der Waage der Länder. Saqqara liegt genau auf der ursprünglichen Zentralachse Ägyptens. Schlägt man von Saqqara aus einen Kreisbogen mit einem Radius von 200 km, dann wird das Delta exakt eingeschlossen. 200 km, das sind  200 000 m. Und ein Meter ist, na klar, genau der zehnmillionste Teil des Meridians von Paris, gemessen von Pol zu Pol!

Du wirst mir einwenden“, fuhr Johannes fort und schob Ludwig einen Teller mit einer puddingartigen Süßspeise zu, „dass der Urmeter erst Ende des 18. Jahrhunderts festgelegt wurde und die Ägypter ganz andere Maßeinheiten hatten. Aber merkwürdig ist es dennoch, nicht war? Vielleicht kommt man weiter, wenn man berücksichtigt, dass die Lagebestimmung der Cheops-Pyramide offenbar durch Bogenminuten vorgenommen wurde. Kannten die alten Ägypter also die Kugelgestalt der Erde? Oder haben sie sich des Sekundenpendels bedient, der in Europa im 17. Jahrhundert wieder aufkam? Der Radius des Kreisbogens, der die Cheops-Pyramide mit dem äußersten Rand des Deltas verbindet, beträgt jedenfalls genau hundert Bogenminuten, was 100 geographischen Meilen entspricht.“

Ludwig  kannte die Geschichte des Meters, sie gehörte zu seinem Lehrstoff. Εr konnte den Schülern nur schwer begreiflich machen, dass ein Raummaß wie der Meter heute von einem Zeitmaß abgeleitet wurde. Wie wär’s, dachte er, wenn ich das Problem nächstens als Dreisatz einkleide? ,Ein Lichtstrahl im Vakuum braucht 1/299.792.458 Sekunden, um einen Meter zurückzulegen. Wie lange braucht Johannes, um von Hamburg nach Ägypten und wieder zurück zu gelangen?’

Mit schiefem Grinsen und um nicht wie ein Blödian am Tisch zu sitzen, murmelte er dann: „Du kennst dich aus! Dann erzähl ich dir sicher nichts Neues, wenn ich dir sage, dass ein von Punkt hapy-pi geschlagener Kreisbogen, der ganz Ober- und Unterägypten einschließt, einen Durchmesser von exakt einem Zehntel des Erdkreises hat.“

„Stimmt!“ Johannes nickte zufrieden. „Um diesen Punkt mathematisch genau zu kalkulieren, musste man den Umfang der Erde kennen. Das ist schon erstaunlich genug. Aber mir scheint, dass sich dahinter noch ein anderes, tieferes Geheimnis verbirgt. Die großen Bauten Ägyptens liegen auf der Achse des Nils wie die Chakren auf der Wirbelsäule, vom Wurzelchakra im äußersten Süden bis hinauf nach Behdet im Delta. Behdet heißt ja tatsächlich Krone.“

Bei dieser Wendung schaute Ludwig überrascht auf und traf auf Johannes’ glänzende Augen, die groß und dunkel in dem etwas zu bleichen Gesicht standen. Wovon sprach er da? Chakren auf Ägyptens Wirbelsäule? Eben war er doch noch bei der Kartographie und Geometrie der Alten gewesen? Doch warum nicht? Nun waren also die Chakren dran. Ludwig überließ sich widerstandslos der träumerischen Substanz, die sich, vielleicht infolge des ungewohnten Schnapses, in ihm ausbreitete.

Er ließ sich auf dem Strom des Nils treiben, von den Katarakten des Südens bis hinauf in die Krone des Deltas, spürte ihm in seiner Wirbelsäule nach, dachte sich den Punkt Hapy-Pi auf der Höhe seines Kehlkopfes, nahm einen großen Schluck aus dem Schnapsglas und fühlte die Hitze abwärts steigen, meinte aber zugleich zu spüren, wie sich die Mündungsarme des Nils radienartig außer- und oberhalb seines Kopfes in den Raum verströmten. Hapy-Pi, dachte er verschwommen, „glückliches Pi“, und er schlug versuchsweise einen Kreisbogen hinab zu seinem nun heftig klopfenden Herzen. Die Vereinigung des Nils mit dem Delta, dachte er vage, daraus wurde ich geboren.

Und wie aus einem Traum heraus und ganz zusammenhanglos murmelte er: „Weißt du, Johannes, mein Vater hieß Nils. Wie der Nil. Er ist plötzlich gestorben, als ich zwölf war. Auf einmal war er tot. Meine Mutter hat es gar nicht bemerkt. Sie hat auch mich nicht bemerkt, als sie gestern ohne Nachricht verschwunden ist, auf Reisen gegangen, wer weiß wohin, vielleicht ist sie jetzt in Genua, der Swen ist nämlich abgestürzt, und Swantje ist abhanden gekommen. Auf deinen Portolani sind 32 Kompassrichtungen eingetragen, sagst du, wie soll ich da Mutter und Schwester finden?“

Ludwigs Zunge wurde immer schwerer, während er fortredete: „Auch wenn Harald und Gise helfen, es gibt so viele Richtungen, die Erde ist ja eine Kugel, das wussten schon die Alten und maßen sie aus. Mein Vater Nils wusste viel davon zu erzählen, er war Mathematiker und ein Gelehrter, aber ich bin nur ein Lehrerlein und schwul und wüsste gern, was du an mir findest“.

Durch den Tränenschleier, der sich vor seinen Augen ausbreitete, sah er Johannes’ Gesicht, das sich – oder kam es ihm nur so vor? – in einer Grimasse des Widerwillens verzog. Erschrocken wischte er sich über die Augen, nuschelte „Entschuldigung, mir ist der Schnaps anscheinend schlecht bekommen“ und stand auf. „Ich geh dann wohl besser“, brachte er noch heraus und wandte sich zur Tür, doch hielt ihn Johannes’ Stimme zurück.

„Mensch Ludwig, warte, wo gehst du denn hin mitten in der Nacht und in diesem Outfit? Du schläfst doch bei mir, ich dachte, das wäre klar. Du bist schwul, sagst du, das ist doch kein Grund zum Heulen, denkst du, das hab ich nicht gemerkt? Nun setz dich schon wieder, ich mache uns einen starken Kaffee, dann wird dir schon besser werden. Oder warte, wir gehen rüber ins Wohnzimmer, da haben wir es gemütlicher, ich räume dann später ab“, und er sprang auf, ging zu Ludwig, umarmte ihn und führte ihn in den Salon zu einer Sitzecke.

Ludwig versuchte, den Schwindel in seinem Kopf und eine aufkommende Übelkeit zu unterdrücken, doch vergebens. Kaum saß er, dreht sich alles um ihn, und schwankend stand er wieder auf. „Bitte, wo ist hier eine Toilette“, stammelte er, plötzlich tief beschämt über seine offensichtliche Betrunkenheit. Johannes wies auf eine Tür, und allein gelassen, erbrach Ludwig in die Toilettenschüssel, was er an Ägyptischem zu sich genommen hatte, wusch Gesicht und Hände unter fließendem kaltem Wasser, spülte den Mund aus, blickte sich, immer noch leicht schwankend und die Hände ums Waschbecken geklammert, von Nahem in die Augen, murmelte Selbstbeschimpfungen, bis eine neue Welle von Übelkeit ihn an die Toilettenschüssel zurückzwang, wiederholte nun schon deutlich erleichtert das Waschen, richtete sich auf und ging mit recht stetem Schritt ins Wohnzimmer zurück, wo er sich auf einem Sofa niederließ.

So, jetzt war es also heraus, das hinuntergeschlungene Essen und dass er schwul war, und Johannes hatte ihn nicht rausgeschmissen. Wo steckte er nur? Der Duft von Kaffee drang, zusammen mit klappernden Geräuschen, aus der Küche. Wusch Johannes ab?

Bevor Ludwig sich wieder auf die Füße stellen konnte, erschien Johannes schon mit einem Tablett. „Türkischer Kaffee“, sagte er stolz, „doppelt stark und bitter für dich, der Zucker würde dir jetzt nicht gut tun. Und nun erzähl mal, was war das vorhin mit deiner Mutter und deinen Geschwistern?“

 

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Zurück in Maroussi

Vom Süden der Peloponnes bis zu unserem Athener Vorort Maroussi sind es ca 3 Stunden Autofahrt – die ganze Strecke bequemste Autobahn. Im Herzland Arkadien sind die Berge noch immer überschneit, und die Luft ist so klar, dass jede Krume zu erkennen ist. Ab Korinth wird der Verkehr dichter.
Meine erste Inspektion gilt immer dem Balkon mit seinem eher dürftigen Blumenschmuck. Der Sturm, der auch unterwegs sehr stark war, hat die kleineren Blumentöpfe zu Boden gefegt. Doch vertrocknet scheint nichts zu sein. Das Aprikosenbäumchen hat ein paar zarte rosa Blüten, der kräftige Avokado ein neues Bündel Blätter getrieben. Beide stammen aus  Kernen verzehrter Früchte, die ich irgendwann mal in einen Blumentopf gesteckt habe. Die Primeln des Vorjahrs sind wiedergekommen. In der Küche malt das Abendlicht Muster an die Wand mit dem Janosch-Plakat. So weit, so gut.

Und was steht auf dem gelben Sticker meiner Freundin Helma, unterhalb des Schriftzugs von Janosch? „Auge um Auge macht die ganze Welt blind“. Klug gesagt und gut, es immer vor Augen zu haben.

Die Ölbäume meines Mani-Gartens müssen ein Weilchen ohne mich auskommen – und ich ohne sie.

in meinem Olivenhain, 12.3.2019

 

 

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Olivenbaum No. 8

Da wir morgen für ein paar Tage nach Athen reisen, wollte ich heute unbedingt noch einen Olivenbaum zeichnen. Also trug ich einen Stuhl zu dem Baum neben meinem Autoabstellplatz und hoffte, dass ich die Zeichnung beenden konnte, bevor es regnete. Es war zwar ziemlich windig, blieb aber weitgehend trocken. Nur einmal prasselten Tropfen aus dem Himmel auf mein Blatt, bevor ich es schützen konnte.

Beim Fotografieren kam sogar kurz die Sonne heraus, so dass ich ein Licht-Schatten-Foto machen konnte, das die heutige Atmosphäre im Garten recht gut wiedergibt.

Hier nun meine bisherige Ernte im Überblick:

Es tut mir leid, dass ich die Oliven-Serie jetzt unterbrechen muss.  Ich melde mich dann wieder aus Athen.

 

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