Dem Pi-Tag gewidmet: ein Kapitel aus den „Schwanenwegen“

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Soeben las ich Joachim Schlichtings zugleich amüsanten und Überraschendes zu Tage fördernden Eintrag zum heutigen Pi-Day, zur Feier der „irrationalen“ Wunder-Zahl Π (Pi) also, die jedem Kreise innewohnt. Unweigerlich fiel mir ein Kapitel der „Schwanenwege“ ein, in dem dieses Pi herumspukt.  Wer hier schon  länger mitliest, weiß von meinem unvollendeten Romanprojekt, von dem ich bisweilen Abschnitte veröffentlicht habe (unter dem Stichwort „Schwanenwege“ findest du mehr).

Wir befinden uns auf S. 262-274 des Manuskriptes (na ja, mit der Hand habe ich es nicht geschrieben, es ist ein Typoskript), am Nachmittag des vierten Tages (sieben sind es insgesamt) und Ludwig – der mittlere Bruder der Winrod-Familie, 36,  ist in der eleganten Jugendstil-Villa von Johannes gelandet, den er kurz zuvor im Hamburger Planetarium bei der Präsentation „Die Sterne der Pharaonen“ kennengelernt hatte. Ludwig, der sich in einer verzweifelten Seelenlage befindet, hat, während Johannes ein „ägyptisches Mahl“ vorbereitet,  im exquisiten Bad gebadet und sich am bereitgestellten Wiskey bedient. Nun tappt er im geliehenen Morgenmantel die Treppe hinunter und …

…trat in einen großen kunstvoll ausgeleuchteten Salon. Aus einer nur angelehnten Tür im Hintergrund, die offenbar zur Küche führte, drangen Geräusche, wie sie beim Kochen entstehen. Eine eigentümliche Duftmischung lag in der Luft, gewoben aus feinen Essenzen und den Gerüchen der Küche. Zögernd blieb er stehen. Sollte er Johannes seine Hilfe anbieten? Doch nein, nein, es war zu früh für eine erneute Begegnung. Er wollte sich erst ein wenig vertraut machen mit Johannes’ Umgebung. Wer war dieser junge Mann, wie lebte er?

Ich streiche hier zwei Szenen und könnte mit dem Streichen weitermachen, bis ich schließlich zum Pi komme. Aber dazu habe ich keine Lust, es wäre gegen den Geist dieser Zahl, die dem Kreis eingeschrieben ist. Kommt eine Kreisbewegung etwa auf kürzestem Weg ans Ziel? Wenn sie überhaupt ans Ziel kommt… „Irrational“ nennt man das Pi, denn wie viele Stellen hinter dem Komma du auch errechnest, den Zahlenraum des Pi erschöpfst du nie, er dehnt sich „bis in alle Ewigkeit“. So wie ich mit diesem Roman nie an ein Ende gekommen bin.

Schön bebildert kannst du das Kapitel hier weiterlesen. Falls du aber keine Lust auf  Bilder hast, kopiere ich dir jetzt den Text noch mal pur.

 

Was Johannes wohl las? Oder die Frau, wenn es eine solche gab? Kunstbände überwogen bei weitem, das sah er sofort. Mit seitlich geneigtem Kopf überflog er rasch die Titel. Da gab es alte Atlanten, Himmelskarten, Abhandlungen über Architektur, Mathematik und Geometrie, viel Fremdsprachiges war darunter. Manche der Rücken waren schon sehr brüchig, die geprägten Schriftzeichen kaum noch zu erkennen. Romane gab es anscheinend nicht in diesem Schrank. Auch keine Lyrik.

Unschlüssig wandte er sich um, da bemerkte er, dass sich an den Salon ein kleinerer Raum anschloss. Ludwig blickte hinein. Dies also war Johannes’ Arbeitszimmer: Bücherregale bis zur Decke, ein Zeichentisch mit ausgerollten Pergamenten, Zirkeln und Linealen, ein schwerer Schreibtisch mit Globus, Himmelssextant und Stapeln von Büchern, einem Computer, Sets von Disketten, alle beschriftet und in schönster Ordnung. Woran er wohl arbeitete? Auf das oberste Pergament war sorgfältig eine Landkarte gezeichnet, offenbar eine Pause von einem alten Atlas, schwer zu sagen, welche Küsten hier abgebildet waren. Mit dünner Feder waren farbige Linien eingetragen, die an verschiedenen Punkten ansetzten und sich sternförmig verzweigten.

„Gefällt dir mein Portolan?“, hörte Ludwig, bevor er Johannes, der sich über seine Schulter beugte, wahrgenommen hatte. Wie bei etwas Unerlaubtem ertappt, fuhr er herum und stieß dabei mit Johannes zusammen. Der lachte und rieb sich das Kinn. „Na, du hast ja einen ganz schön harten Schädel. Unter welchem Sternzeichen bist du denn geboren? Warte, lass mich raten. Stier vielleicht, mit dem Widder im Aszendenten? Nein?  Na ja, ich mein es nicht im Ernst. Du hast es wohl mehr mit dem Wasser zu tun, oder?“

Ludwig nickte, immer noch benommen. „Krebs“, murmelte er. „Entschuldige, ich hab dich nicht kommen hören. Sag mal, was ist ein Portolan?“

„Erklär ich dir später. Jetzt wollen wir erst essen, ja?“

Der Tisch in der Küche war liebevoll gedeckt. Weißes Porzellan, Schüsselchen mit Vorspeisen, hohe Gläser mit einem wasserklaren Getränk, Kerzen. „Ägyptisch“, sagte Johannes mit einer weitausholenden Geste. „Pharaonisch, soweit das die  bescheidenen Möglichkeiten meiner Küche erlaubten. Ich hoffe, es schmeckt dir. Übrigens steht dir der Morgenmantel sehr gut, und er passt zum ägyptischen Mahl. Ich hätte mich auch umziehen sollen.“

In den kleinen Porzellanschüsseln befand sich allerlei Salatartiges und Püriertes, nichts extrem Exotisches, wie Ludwig, der in den Dingen der Küche Experimente scheute, beruhigt feststellte. Johannes entschuldigte sich, dass er kein Fladenbrot,  sondern nur geröstetes Weißbrot anbieten könne, und auch der Schnaps sei nicht ägyptisch, sondern türkisch, aus Izmir. Doch, so erklärte er stolz, seien alle Pürees frisch von ihm hergestellt worden, er hasse Konserven – und er wies auf einen Auberginenbrei und einen anderen, gelblichen: „Humus, aus Kichererbsen, nicht ganz klassisch vielleicht, mir fehlten einige Zutaten“, empfahl einen Gurkensalat mit Joghurt, frischer Minze und Knoblauch,  füllte eine gelbe schwerflüssige Suppe in bereitgestellte Schalen – Linsensuppe, mit dem feinen Duft des Kardamon, die er mit gerösteten Weißbrotstückchen und feingehackter Petersilie bestreute. Nach den Vorspeisen gebe es Nusskufta, das sei ein Gericht aus Rindfleisch und Nüssen, auch Räucherschinken, Zwiebeln und Tomaten und natürlich frische Petersilie gehörten dazu, er sei selbst gespannt, ob es ihm gelungen sei, denn die ägyptische Küche sei ihm eher fremd, er habe aber ihr Treffen unter dem Himmel der Pharaonen gebührend würdigen wollen.

„Also, was ein Portolan ist, wolltest du wissen?  Es handelt sich um eine Art Seekarte, die Ende des 13. Jahrhunderts plötzlich aufkam. Zuerst erschienen in Italien solche Karten, dann  auch in Portugal, Spanien und England. Sie entstanden irgendwie aus dem Nichts heraus. Sehr merkwürdig und spannend das. Sie waren auf Tierhäute gezeichnet, Schaf oder Ziege, manchmal auch Rind, nie größer, oft kleiner als ein bis anderthalb Meter, so groß wie die Tierhaut eben war, einschließlich des Halses, den man mit benutzte. Keine Karte gleicht der anderen, alles sind Unikate. Von manchen gibt es heute nur noch Fetzen, andere sind vollständig erhalten. Diese kleinen tragbaren, wie der Name sagt, Karten waren die Vorläufer der großen Atlanten, die dann im 14. Jahrhundert aufkamen. Ein besonderes Wunderwerk ist der sogenannte Katalanische Atlas des jüdischen Kartographen Cresques, Sohn des Abraham. Die Juden waren führend auf diesem Gebiet, das sich damals, zu Beginn der großen Entdeckungsfahrten, sehr schnell entwickelte. Cresques’ Sohn Jahuda, ein Converso, also zwangschristianisierter Jude, der sich dann Jacobus Ribes nannte, lehrte als alter Mann an der berühmten Karthographenschule, die Heinrich der Seefahrer in Sagres, im äußersten Südwesten Portugals, gegründet hatte. Ohne Gelehrte wie Meister Jacopo wären die großen Entdeckungsfahrten der Portugiesen undenkbar gewesen. Kolumbus verließ sich auf die Seekarten und geheimen Logbücher seines verstorbenen Schwiegervaters, des Kartographen Bartolomeu Perestrelo, der übrigens ebenfalls konvertierter Jude war. Aber iss doch! Ist der Humus gelungen?“

Und während Johannes die Speisen zureichte und Schnaps und Wasser in bereitgestellte Gläser goss, auch Eis dazu gab, erzählte er von den in die Portolani eingezeichneten Radien, die von unsichtbaren Kreismittelpunkten ausgingen. „Sie zeigten bis zu 32 Kompassrichtungen an. Durch sie versuchte man, die Verzerrung, die bei der Projektion der sphärischen Form der Erde auf eine ebene Karte entsteht, auszugleichen. Vom Land zeichnete man normalerweise nur die Küstenlinien, die aber mit größter Präzision. Das Hinterland malte man mit schönen Vignetten aus, ich versuche mich auch darin, aber nun ja, vielleicht fehlt es mir an Geduld.

Ich kann dir nachher gern ein paar solcher Karten zeigen. Es ist auch eine schöne Reproduktion der Piri-Reis-Karte dabei, die in letzter Zeit wieder sehr in der Diskussion ist. Piri Reis war ein türkischer Admiral, der im 16. Jahrhundert lebte. Bis heute rätselt man, welche Quellen er benutzte. Die Küsten von Südamerika und Westafrika sind so genau abbildet, als hätte er sie von einem Satelliten aus gesehen. Für die Darstellung hat er eine Methode der sphärischen Projektion benutzt, die die Ägypter entwickelten, als sie ihr Land vermaßen und die Plätze für die Pyramiden bestimmten.“

„Machst du das als Hobby, oder verbindest du damit einen beruflichen Zweck?“ fragte Ludwig ungeschickt in eine Atempause seines Gastgebers hinein. Die Geschwindigkeit, mit der Johannes seine Kenntnisse ausbreitete und gleichzeitig mit seinen schönen schlanken Händen die Suppe ausschenkte, das geröstete Brot über den Tisch reichte und die Schälchen mit den Musen zurechtrückte, machte Ludwig schwindeln. Unter anderen Umständen hätte ihn die Kartographie der Alten sehr wohl interessiert, doch nun verlangte ihn dringend danach, mehr über Johannes und seine Lebensumstände zu erfahren.

„Weder noch“, antwortete Johannes lachend. „Oder meinetwegen beides. Für mich gibt es diesen Unterschied kaum. Alles tue ich aus eigener Wahl, ohne durch äußere Zwecke und Verpflichtungen gebunden zu sein. Ich interessiere mich dafür, meine Denk- und Vorstellungswelt zu erweitern, Geheimnissen nachzuforschen, die von der üblichen Wissenschaft nicht berührt werden. Wenn ich dabei auf Dinge stoße, die für Gleichgesinnte von Interesse sein können, suche ich nach Wegen, solche Menschen zu finden. So einer bist nun du. Ich habe dich an der Selbstvergessenheit erkannt, mit der du das Lied gepfiffen hast.“

„Johannes Tauler“, sagte Ludwig, denn eine bessere Antwort fiel ihm nicht ein. Ihm wurde die Situation immer rätselhafter. Was wollte Johannes von ihm? Womit finanzierte er seinen aufwendigen Lebensstil? Lebte er allein? Wer war die Frau auf dem Gemälde? Was war mit dem Webstuhl? Gedankenlos – oder jedenfalls nicht bei der Sache, denn all diese Fragen sprossen gleichzeitig in seinem Kopf auf und wucherten dort wie Unkraut – häufte er sich den Teller voll mit einem bräunlichen Gemisch, das Johannes inzwischen aus dem Ofen geholt und auf den Tisch gestellt hatte, und begann, es in sich hineinzuschaufeln.

„Na, wie schmeckt dir meine Nusskufta?“, fragte Johannes, der sich vorsichtig ein Stück von dem Gericht abschnitt.

Ludwig fuhr auf, errötend. „Entschuldige“, stammelte er, „ich war in Gedanken. Das ist also ägyptisch? Woraus besteht es denn eigentlich? Ach, warte, du hast es vorhin schon gesagt. Nüsse und Hackfleisch, nicht wahr? Und hier sehe ich auch noch Tomaten als Dekoration. So, ja, es schmeckt ausgezeichnet.“

Johannes nahm einen Happen auf die Gabel, schnupperte daran, kaute sorgfältig und schien dem Geschmack in Andacht zu lauschen, als wäre es eine ferne Musik. Dann erklärte er: „Das Hack muss aus reinem Rindfleisch sein. Schweinehack ist Moslems verboten,  wie du weißt. Wichtig ist, die Nüsse, übrigens sind es Wal- und Haselnüsse, sehr fein zu hacken. Der Räucherschinken gibt dem ganzen dann die besondere Note, aber auch hier musst du aufpassen, dass du nicht etwa Schinken vom Schwein nimmst, das wäre ein schlimmer faux-pas. Schmeckst du die Petersilie heraus? Ich lege Wert darauf, dass ich immer frische Kräuter im Haus habe, ich ziehe sie in Blumentöpfen. Der Geschmack ist dann doch ein ganz anderer. Damit sich die Gewürze entfalten können, muss man natürlich auch den richtigen Topf wählen, in diesem Fall einen Tontopf, er ist nicht so kalt-neutral wie Metall oder Glas, sondern hüllt alles in das irdische Feuer des Tons ein.“

Ludwig wagte es nicht hinunterzuschlucken, er saß da und kaute, doch beim besten Willen konnte er keinen Petersiliengeschmack ausmachen, ob nun von getrockneter oder frischer oder gar selbstgezüchteter Petersilie. Das irdene Feuer des Tons oder hatte Johannes irdisch gesagt?  – schön klang das, aber schmecken? Gut, die Nüsse, die spürte er jetzt zwischen den Zähnen, sie waren tatsächlich sehr klein gehackt, und ihm kam es so vor, als läge darüber ein feiner Hauch von Räucherschinken. Er schluckte schließlich hinunter, nahm einen Schluck Schnaps, häufte etwas von der Speise auf die Gabel, schnupperte, wie es zuvor Johannes getan hatte, schloss sogar die Augen, um besser riechen zu können  – und tatsächlich, jetzt war alles da: Petersilie, Nuss, Rauch, das Feuer des Tons, Ägypten mit dem schwarzen Schlick des Nils, aus dem die Menschen ihre Gefäße brannten und ihre Häuser bauten. Flog er nicht über dem glitzernden Band des Nils, der durch einen schmalen Streifen Grün mäanderte, während sich nach Westen und Osten in rötlichen Wellen die Wüste dehnte?

In seinen Traum drang erneut Johannes’ melodische Stimme. Wovon sprach sie jetzt? Ach, wieder von der sphärischen Geometrie der Ägypter! Wie machte Johannes es nur, so behände die Abgründe zwischen hier und dort, heute und damals zu überspringen und von der Nusskofta und den Töpfen aus irdenem Feuer zu einer Abhandlung über die  Pyramidengeometrie hinüberzuwechseln? Alles griff bei ihm so glatt ineinander, geschliffen und funkelnd wie die Gläser war seine Rede, füllte die Stille und ließ keine Lücke, um dem Menschen Johannes fragend auf die Spur zu kommen. „Wer bist du, Johannes!“ wollte Ludwig rufen, „wer webt auf dem Webstuhl, wer ist die Frau auf dem Bild? Wie lebst du? Wer sind deine Freunde? Wirst du mich auch morgen kennen?“, doch das war nicht möglich.

„Die älteste der Pyramiden“, sagte er gerade, „und sogar der älteste erhaltene Großsteinbau der Weltgeschichte ist, wie du sicher weißt, die Stufenpyramide von Saqqara bei Memphis, der Waage der Länder. Saqqara liegt genau auf der ursprünglichen Zentralachse Ägyptens. Schlägt man von Saqqara aus einen Kreisbogen mit einem Radius von 200 km, dann wird das Delta exakt eingeschlossen. 200 km, das sind  200 000 m. Und ein Meter ist, na klar, genau der zehnmillionste Teil des Meridians von Paris, gemessen von Pol zu Pol!

Du wirst mir einwenden“, fuhr Johannes fort und schob Ludwig einen Teller mit einer puddingartigen Süßspeise zu, „dass der Urmeter erst Ende des 18. Jahrhunderts festgelegt wurde und die Ägypter ganz andere Maßeinheiten hatten. Aber merkwürdig ist es dennoch, nicht war? Vielleicht kommt man weiter, wenn man berücksichtigt, dass die Lagebestimmung der Cheops-Pyramide offenbar durch Bogenminuten vorgenommen wurde. Kannten die alten Ägypter also die Kugelgestalt der Erde? Oder haben sie sich des Sekundenpendels bedient, der in Europa im 17. Jahrhundert wieder aufkam? Der Radius des Kreisbogens, der die Cheops-Pyramide mit dem äußersten Rand des Deltas verbindet, beträgt jedenfalls genau hundert Bogenminuten, was 100 geographischen Meilen entspricht.“

Ludwig  kannte die Geschichte des Meters, sie gehörte zu seinem Lehrstoff. Εr konnte den Schülern nur schwer begreiflich machen, dass ein Raummaß wie der Meter heute von einem Zeitmaß abgeleitet wurde. Wie wär’s, dachte er, wenn ich das Problem nächstens als Dreisatz einkleide? ,Ein Lichtstrahl im Vakuum braucht 1/299.792.458 Sekunden, um einen Meter zurückzulegen. Wie lange braucht Johannes, um von Hamburg nach Ägypten und wieder zurück zu gelangen?’

Mit schiefem Grinsen und um nicht wie ein Blödian am Tisch zu sitzen, murmelte er dann: „Du kennst dich aus! Dann erzähl ich dir sicher nichts Neues, wenn ich dir sage, dass ein von Punkt hapy-pi geschlagener Kreisbogen, der ganz Ober- und Unterägypten einschließt, einen Durchmesser von exakt einem Zehntel des Erdkreises hat.“

„Stimmt!“ Johannes nickte zufrieden. „Um diesen Punkt mathematisch genau zu kalkulieren, musste man den Umfang der Erde kennen. Das ist schon erstaunlich genug. Aber mir scheint, dass sich dahinter noch ein anderes, tieferes Geheimnis verbirgt. Die großen Bauten Ägyptens liegen auf der Achse des Nils wie die Chakren auf der Wirbelsäule, vom Wurzelchakra im äußersten Süden bis hinauf nach Behdet im Delta. Behdet heißt ja tatsächlich Krone.“

Bei dieser Wendung schaute Ludwig überrascht auf und traf auf Johannes’ glänzende Augen, die groß und dunkel in dem etwas zu bleichen Gesicht standen. Wovon sprach er da? Chakren auf Ägyptens Wirbelsäule? Eben war er doch noch bei der Kartographie und Geometrie der Alten gewesen? Doch warum nicht? Nun waren also die Chakren dran. Ludwig überließ sich widerstandslos der träumerischen Substanz, die sich, vielleicht infolge des ungewohnten Schnapses, in ihm ausbreitete.

Er ließ sich auf dem Strom des Nils treiben, von den Katarakten des Südens bis hinauf in die Krone des Deltas, spürte ihm in seiner Wirbelsäule nach, dachte sich den Punkt Hapy-Pi auf der Höhe seines Kehlkopfes, nahm einen großen Schluck aus dem Schnapsglas und fühlte die Hitze abwärts steigen, meinte aber zugleich zu spüren, wie sich die Mündungsarme des Nils radienartig außer- und oberhalb seines Kopfes in den Raum verströmten. Hapy-Pi, dachte er verschwommen, „glückliches Pi“, und er schlug versuchsweise einen Kreisbogen hinab zu seinem nun heftig klopfenden Herzen. Die Vereinigung des Nils mit dem Delta, dachte er vage, daraus wurde ich geboren.

Und wie aus einem Traum heraus und ganz zusammenhanglos murmelte er: „Weißt du, Johannes, mein Vater hieß Nils. Wie der Nil. Er ist plötzlich gestorben, als ich zwölf war. Auf einmal war er tot. Meine Mutter hat es gar nicht bemerkt. Sie hat auch mich nicht bemerkt, als sie gestern ohne Nachricht verschwunden ist, auf Reisen gegangen, wer weiß wohin, vielleicht ist sie jetzt in Genua, der Swen ist nämlich abgestürzt, und Swantje ist abhanden gekommen. Auf deinen Portolani sind 32 Kompassrichtungen eingetragen, sagst du, wie soll ich da Mutter und Schwester finden?“

Ludwigs Zunge wurde immer schwerer, während er fortredete: „Auch wenn Harald und Gise helfen, es gibt so viele Richtungen, die Erde ist ja eine Kugel, das wussten schon die Alten und maßen sie aus. Mein Vater Nils wusste viel davon zu erzählen, er war Mathematiker und ein Gelehrter, aber ich bin nur ein Lehrerlein und schwul und wüsste gern, was du an mir findest“.

Durch den Tränenschleier, der sich vor seinen Augen ausbreitete, sah er Johannes’ Gesicht, das sich – oder kam es ihm nur so vor? – in einer Grimasse des Widerwillens verzog. Erschrocken wischte er sich über die Augen, nuschelte „Entschuldigung, mir ist der Schnaps anscheinend schlecht bekommen“ und stand auf. „Ich geh dann wohl besser“, brachte er noch heraus und wandte sich zur Tür, doch hielt ihn Johannes’ Stimme zurück.

„Mensch Ludwig, warte, wo gehst du denn hin mitten in der Nacht und in diesem Outfit? Du schläfst doch bei mir, ich dachte, das wäre klar. Du bist schwul, sagst du, das ist doch kein Grund zum Heulen, denkst du, das hab ich nicht gemerkt? Nun setz dich schon wieder, ich mache uns einen starken Kaffee, dann wird dir schon besser werden. Oder warte, wir gehen rüber ins Wohnzimmer, da haben wir es gemütlicher, ich räume dann später ab“, und er sprang auf, ging zu Ludwig, umarmte ihn und führte ihn in den Salon zu einer Sitzecke.

Ludwig versuchte, den Schwindel in seinem Kopf und eine aufkommende Übelkeit zu unterdrücken, doch vergebens. Kaum saß er, dreht sich alles um ihn, und schwankend stand er wieder auf. „Bitte, wo ist hier eine Toilette“, stammelte er, plötzlich tief beschämt über seine offensichtliche Betrunkenheit. Johannes wies auf eine Tür, und allein gelassen, erbrach Ludwig in die Toilettenschüssel, was er an Ägyptischem zu sich genommen hatte, wusch Gesicht und Hände unter fließendem kaltem Wasser, spülte den Mund aus, blickte sich, immer noch leicht schwankend und die Hände ums Waschbecken geklammert, von Nahem in die Augen, murmelte Selbstbeschimpfungen, bis eine neue Welle von Übelkeit ihn an die Toilettenschüssel zurückzwang, wiederholte nun schon deutlich erleichtert das Waschen, richtete sich auf und ging mit recht stetem Schritt ins Wohnzimmer zurück, wo er sich auf einem Sofa niederließ.

So, jetzt war es also heraus, das hinuntergeschlungene Essen und dass er schwul war, und Johannes hatte ihn nicht rausgeschmissen. Wo steckte er nur? Der Duft von Kaffee drang, zusammen mit klappernden Geräuschen, aus der Küche. Wusch Johannes ab?

Bevor Ludwig sich wieder auf die Füße stellen konnte, erschien Johannes schon mit einem Tablett. „Türkischer Kaffee“, sagte er stolz, „doppelt stark und bitter für dich, der Zucker würde dir jetzt nicht gut tun. Und nun erzähl mal, was war das vorhin mit deiner Mutter und deinen Geschwistern?“

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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23 Antworten zu Dem Pi-Tag gewidmet: ein Kapitel aus den „Schwanenwegen“

  1. Du solltest das Pi nicht zur Entschuldigung nehmen, deinen Roman zuende zu schreiben oder ihn kreisförmig in sich selbst zurücklaufen zu lassen.

    Gefällt 5 Personen

    • gerda kazakou schreibt:

      Danke für den Tipp, Joachim! Selbstverständlich würde ich mich nicht trauen, meine eigene Unvollkommenheit mit der heiligen Wunderzahl Pi zu entschuldigen.
      In sich selbst kann ich die Romanhandlung nicht zurücklaufen lassen, dann wäre es ja ein Ouroboros–Roman. Es handelt sich aber um einen siebentägigen Entwicklungsroman mit open end, in dem durch eine Katastrophe alle Mitglieder einer Familienkonstellation in Krisen und Lernprozesse verwickelt werden, die sie mit den mythischen Urgründen ihres Bewusstseins in Berührung bringen und verändert zurücklassen.
      Ihr Seelenführer ist freilich ein Trickser – eine italienische Abart des Gottes Hermes.

      Gefällt 1 Person

  2. Deine Aufnahme von den Pyramiden sind übrigens exzellent.

    Gefällt 2 Personen

  3. afrikafrau schreibt:

    sehr spannend und vielschichtig, unbedingt weiterschreiben bitte…….

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  4. afrikafrau schreibt:

    self publishing, eine Möglichkeit, so habe ich dies auch geschafft!!!!!

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  5. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, mir fiel das gerade ein Verlag ein bei dem du dich mal vorstellen könntest: https://www.stories-and-friends.de/ – schau mal selbst – ich kam drauf, weil dort vor drei, vier Jahren Matthias Engels ein Buch veröffentlicht hat, das neben vielen Fakten eben auch das Fiktive hat: Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun
    Romanbiografie über Aufstieg und Fall der beiden außergewöhnlichen Schriftsteller Oscar Wilde und Knut Hamsun, die mehr gemeinsam haben, als man denkt.

    Wie immer habe ich all das gerne gelesen und verneige mich vor deinem Wissen!
    Herzlichst, Ulli

    Gefällt 3 Personen

    • gerda kazakou schreibt:

      danke, Ulli. Mein Wissen solltest du nicht zu hoch einschätzen, es ist das Wissen von Johannes – und der ist mir noch immer ein Rätsel. Ist er vielleicht nur ein Klugscheißer und Verführer? Oder ist er ein hoher Geist und Seelenführer? Ganz von dieser Welt ist er ja nicht – wie alle meine Nebenfiguren existieren sie eher im Bereich der Archetypen als im Hier und Jetzt. .
      Insofern weiß ich auch nicht, ob ein Verlag interessiert wäre, der sich mit real existierenden Poeten Geld verdient. Aber ich schaue mal nach und danke dir für den Tipp. Einen schänen Abend wünsche ich dir!

      Gefällt 3 Personen

    • gerda kazakou schreibt:

      Aber nein! Es gibt gute und weniger gute KomodiantInnen, TragödInnen, und alle möglichen Genren, wie du weißt. Manchmal trifft man sogar solche, die sich selbst so überzeugend darstellen und an sich glauben, dass die Zuschauer hingerissen sind…. 😉

      Gefällt 2 Personen

  6. afrikafrau schreibt:

    self-publishing je nachdem bieten sehr viel an Marketing, Verkauf etc. eine große Auswahl tummelt sich auf dem Markt, habe ca. 1 Jahr gesucht und alles darüber gelesen und für ich das Passende
    gefunden. Klar Wunder, je nach Thema, darf man keine erwarten.

    Gefällt 1 Person

    • gerda kazakou schreibt:

      herzlichen Dank. ich bin wahrscheinlich zu faul, will alles auf dem Tablett serviert kriegen. Aber vielleicht….ausschließen will ich gar nichts. Grad las ich bei Ulrike Sokul die Besprechung eines Buches, das im Selbstverlag erschien und das sie sehr lobte. Interessant war dabei, dass die Autorin bei Lesungen mit Musikern zusammenarbeitet und auch ein Video dazu aufgenommen hat. ich denke, das wär auch was für dich. Welchen self-publisher hast du denn eigentlich am Ende genommen?

      Liken

  7. afrikafrau schreibt:

    epubli.de Berlin, alles durchlesen bitte, für mich annehmbar, sehr gute Betreuung und Informationen. Layout einhalten- . Word -umwandeln in PDF Dateien- persönlich empfand ich es als durchaus zu bewältigen, wenn man die Information aufmerksam anschaut..Empfehlenswert!!!!!
    Bei Veröffentlichung ( epbli,amazon und andere um ISBN und anderes muss man sich nicht kümmern……

    Gefällt 1 Person

  8. gerda kazakou schreibt:

    ganz herzlichen Dank, Afrikafrau! das ist sehr hilfreich.

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  9. finbarsgift schreibt:

    Da ich ja mal Mathematiker war, habe ich im fin, liebe Gerda, auch schon öfters Einträge über Pi gepostet.
    Hier mal zwei Beispiele:
    https://finbarsgift.wordpress.com/2014/07/14/die-zahl-pi-szymborska/
    https://finbarsgift.wordpress.com/2015/01/30/pi-kate-bush-metamorphose-escher/
    Liebe Morgengrüße
    vom Lu

    Gefällt 1 Person

  10. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    nun habe ich Wort für Wort und Zeile für Zeile Deinen Text gelesen, weiß nicht, ob ich es schon mal so akribisch genau gemacht habe und stelle wieder fest, wie irre leicht und dann immer spannender werdend Du eine Handlung aufbauen kannst, die mit so viel Wissen gespickt ist. Noch wirkt Johannes wie ein excellenter Verführer, charismatisch und begehrlich, aber wieso er einen Moment einen angewiderten Gesichtsausdruck hatte, das kann ich mir nicht recht erklären, denn er stellt sich ja sehr anders dar. Johannes hat ihn da wohl ertappt, er sah, was er nicht hätte sehen dürfen…
    Er sah die urechten Gefühle seines geheimnisvollen Gegenübers.
    Natürlich müsste dieser Roman zu einem Verlag, liebe Gerda. Ich denke, es brauchte auch einen Lektor mit großem Fingerspitzengefühl, der Dir gerecht werden könnte.

    Herzlichst, Bruni

    Gefällt 1 Person

    • gerda kazakou schreibt:

      Ich fühle mich froh und geehrt durch deine sorgfältige Lektüre, liebe Bruni. Du legst den Finger auf eine Stelle, die auch für mich rätselhaft ist. Es gibt ein paar andere ähnliche Stellen, die dem Johannes einen gefährlich-dämonischen Zug verleihen. Hier stellt sich die Frage: schaut Johannes angewidert – oder ist es eine Projektion von Ludwig, weil er sich gar nicht vorstellen kann, dass dieser schöne junge Mann ihn, das viel ältere „lächerliche“ (so sieht er sich selbst) schwule Lehrerlein ernstnehmen und lieben könnte. Ludwig leidet so sehr unter Selbstverminderung und Liebesmangel, dass sein Blick auf die Welt davon getrübt ist.
      Ich versuche, diesen Konflikt Ludwigs mit sich selbst im Laufe des Buches aufzulösen. Das ist Ludwigs Lernprozess.
      Alle meine Helden – Mutter und fünf Geschwister – machen einen solchen Konflikt durch, der bei jedem anders aussieht und verläuft…..

      Gefällt 1 Person

      • www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

        Du verlangst viel von Deinem Leser, Deiner Leserin, liebe Gerda, und deshalb verlangt Dein Romanstoff nach einem Verlag, der hochkarätige, preisverdächtige Literatur verlegt.
        Es gibt sie, Du solltest sie ansprechen und da wäre dann auch ein entsprechender Lektor.

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    • gerda kazakou schreibt:

      Was den Lektor mit Fingerspitzengefühl anbetrifft: wo wäre so einer zu finden??

      Gefällt 1 Person

    • gerda kazakou schreibt:

      ich habe damals, liebe Bruni, gleich zehn Verlage angesprochen, von denen ich Lust gehabt hätte, verlegt zu werden. Einige antworteten mit einem höflichen Nein, andere gar nicht. ich machte dann noch einen zweiten Versuch mit weniger bekannten Verlagen, da war das Ergebnis sogar noch schlechter. Weder meine Thematik noch meine Person reißen die Lektoren vom Stuhl hoch. Aber natürlich, man hört immer mal wieder, dass der oder jener beim 100. Anlauf es schaffte und dann tatsächlich ein Bestselller wurde zur großen Freude des mutigen Verlags. Das ist so wie die Legende vom Tellerwäscher, der es zum Millionär brachte. Realistischerweise sollte ich den Selbstverlag ins Auge fassen, falls ich das Projekt jemals abschließe. Danke für dein Mitdenken und Ratschlagen!

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