Schwanenwege: Das ägyptische Mahl

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWeihnachten ists, da soll man mit Geschenkgesten nicht sparen. Also gebe ich jetzt den nächsten Abschnitt meines Romans in Umlauf. Wo waren wir stehengeblieben? Ludwig, frisch gebadet und gewandet und mit einer gehörigen Portion Wiskey im Blutkreislauf, betritt leise den Salon, während Johannes noch in der Küche herumwirtschaftet. Als erstes fällt ihm ein beleuchtetes Gemälde auf: „das Brustbild einer dunkelhaarigen noch recht jungen Frau, ihr Kopf saß graziös auf einem anmutig geneigten Hals, der in ein matt schimmerndes Decolleté überging….Etwas ging von ihrem vollen, müde lächelnden Mund aus, was Ludwig bekannt vorkam und ihn erschütterte, doch konnte er sich nicht entsinnen, wo er es schon gesehen hatte. Neben diesem Bild hing eine kleine kunstvoll gerahmte Reproduktion. Sie zeigte einen jungen Mann, der rätselhaft lächelte und mit einer Hand gen Himmel wies. Es war, wie Ludwig sich erinnerte, Johannes der Täufer, gemalt von Leonardo da Vinci. Ein wenig weiter links war auf einem silbergetriebenen Ständer eine Ikone aufgestellt, auch sie zeigte Johannes den Täufer, doch nun als hagere Gestalt mit riesigen Flügeln. ….            250px-johannes_der_taeufer_ikone

Ludwigs Blick ging zwischen den beiden Johannessen hin und her. Er konnte keine Ähnlichkeit feststellen, und doch war ihm gewiss, dass sie beide auf denselben Menschen verwiesen.“

Ludwig schaut sich weiter um, entdeckt einen Webstuhl, plötzlich beunruhigt von dem Gedanken, dass Johannes mit einer Frau zusammenleben könnte. Misstrauisch inspiziert er den Bücherschrank (keine Romane, keine Lyrik) und betritt einen kleineren Nebenraum, der sich als Johannes Arbeitszimmer entpuppt.1300050a

Und nun also weiter im Text:

Bücherregale bis zur Decke, ein Zeichentisch mit ausgerollten Pergamenten, Zirkeln und Linealen, ein schwerer Schreibtisch mit Globus, Himmelssextant und Stapeln von Büchern, einem Computer, Sets von Disketten, beschriftet und in schönster Ordnung.  Auf das oberste Pergament war sorgfältig eine Landkarte gezeichnet, offenbar eine Pause von einem alten Atlas, schwer zu sagen, welche Küsten hier abgebildet waren. Mit dünner Feder waren farbige Linien eingetragen, die an verschiedenen Punkten ansetzten und sich sternförmig verzweigten.      images

„Gefällt dir mein Portolan?“, hörte Ludwig, bevor er Johannes, der sich über seine Schulter beugte, wahrgenommen hatte. Wie bei etwas Unerlaubtem ertappt, fuhr er herum und stieß dabei mit Johannes zusammen. Der lachte und rieb sich das Kinn. „Na, du hast ja einen ganz schön harten Schädel. Unter welchem Sternzeichen bist du denn geboren? Warte, lass mich raten. Stier vielleicht, mit dem Widder im Aszendenten? Nein?  Na ja, ich mein es nicht im Ernst. Du hast es wohl mehr mit dem Wasser zu tun, oder?“

Ludwig nickte, immer noch benommen. „Krebs“, murmelte er.

150px-the_seven_planets_-_luna_the_moonLuna als Herrscherin des Krebses (Stich von Hans Sebald Beham, 1539)

„Entschuldige, ich hab dich nicht kommen hören. Sag mal, was ist ein Portolan?“ „Erklär ich dir später. Jetzt wollen wir erst essen, ja?“

Der Tisch in der Küche war liebevoll gedeckt. Weißes Porzellan, Schüsselchen mit Vorspeisen, hohe Gläser mit einem wasserklaren Getränk, Kerzen. „Ägyptisch“, sagte Johannes mit einer weitausholenden Geste. „Pharaonisch, soweit das die  bescheidenen Möglichkeiten meiner Küche erlaubten. Ich hoffe, es schmeckt dir. Übrigens steht dir der Morgenmantel sehr gut, und er passt zum ägyptischen Mahl. Ich hätte mich auch umziehen sollen.“

In den kleinen Porzellanschüsseln befand sich allerlei Salatartiges und Püriertes, nichts extrem Exotisches, wie Ludwig, der in den Dingen der Küche Experimente scheute, beruhigt feststellte. Johannes entschuldigte sich, dass er kein Fladenbrot,  sondern nur geröstetes Weißbrot anbieten könne, und auch der Schnaps sei nicht ägyptisch, sondern türkisch, aus Izmir. Doch, so erklärte er stolz, seien alle Pürees frisch von ihm hergestellt worden, er hasse Konserven – und er wies auf einen Auberginenbrei und einen anderen, gelblichen: „Humus, aus Kichererbsen, nicht ganz klassisch vielleicht, mir fehlten einige Zutaten“, empfahl einen Gurkensalat mit Joghurt, frischer Minze und Knoblauch,  füllte eine gelbe schwerflüssige Suppe in bereitgestellte Schalen – Linsensuppe, mit dem feinen Duft des Kardamon, die er mit gerösteten Weißbrotstückchen und feingehackter Petersilie bestreute. Nach den Vorspeisen gebe es Nusskufta, das sei ein Gericht aus Rindfleisch und Nüssen, auch Räucherschinken, Zwiebeln und Tomaten und natürlich frische Petersilie gehörten dazu, er sei selbst gespannt, ob es ihm gelungen sei, denn die ägyptische Küche sei ihm eher fremd, er habe aber ihr Treffen unter dem Himmel der Pharaonen gebührend würdigen wollen.

„Also, was ein Portolan ist, willst du wissen?  Es handelt sich um eine Art Seekarte, die Ende des 13. Jahrhunderts plötzlich aufkam. Zuerst erschienen in Italien solche Karten, dann auch in Portugal, Spanien und England. Sie entstanden irgendwie aus dem Nichts. Sehr merkwürdig und spannend das. Sie waren auf Tierhäute gezeichnet, Schaf oder Ziege, manchmal auch Rind, nie größer, oft kleiner als ein bis anderthalb Meter, so groß wie die Tierhaut eben war, einschließlich des Halses, den man mit benutzte. Keine Karte gleicht der anderen, alles sind Unikate.  Von manchen gibt es heute nur noch Fetzen, andere sind vollständig erhalten. Diese kleinen tragbaren, wie der Name sagt, Karten waren die Vorläufer der großen Atlanten, die dann im 14. Jahrhundert aufkamen. Ein besonderes Wunderwerk ist der sogenannte Katalanische Atlas des jüdischen Kartographen Cresques, Sohn des Abraham. Die Juden waren führend auf diesem Gebiet, das sich damals, zu Beginn der großen Entdeckungsfahrten, sehr schnell entwickelte. Cresques’ Sohn Jehuda, ein Converso, also zwangschristianisierter Jude, der sich dann Jacobus Ribes nannte, lehrte als alter Mann an der berühmten Karthographenschule, die Heinrich der Seefahrer in Sagres, im äußersten Südwesten Portugals, gegründet hatte. Ohne Gelehrte wie Meister Jacopo wären die großen Entdeckungsfahrten der Portugiesen undenkbar gewesen. Kolumbus verließ sich auf die Seekarten und geheimen Logbücher seines verstorbenen Schwiegervaters, des Kartographen Bartolomeu Perestrelo, der übrigens ebenfalls konvertierter Jude war. Aber iss doch! Ist der Humus gelungen?“europe_mediterranean_catalan_atlas-jpeg

Und während Johannes die Speisen zureichte und Schnaps und Wasser in bereitgestellte Gläser goss, auch Eis dazu gab, erzählte er von den in die Portolani eingezeichneten Radien, die von unsichtbaren Kreismittelpunkten ausgingen. „Sie zeigten bis zu 32 Kompassrichtungen an. Durch sie versuchte man, die Verzerrung, die bei der Projektion der sphärischen Form der Erde auf eine ebene Karte entsteht, auszugleichen. Vom Land zeichnete man normalerweise nur die Küstenlinien, die aber mit größter Präzision. Das Hinterland malte man mit schönen Vignetten aus, ich versuche mich auch darin, aber nun ja, vielleicht fehlt es mir an Geduld.

Ich kann dir nachher gern ein paar solcher Karten zeigen. Es ist auch eine schöne Reproduktion der Piri-Reis-Karte dabei, die in letzter Zeit wieder sehr in der Diskussion ist. Piri Reis war ein türkischer Admiral, der im 16. Jahrhundert lebte. Bis heute rätselt man, welche Quellen er benutzte. Die Küsten von Südamerika und Westafrika sind so genau abbildet, als hätte er sie von einem Satelliten aus gesehen. Für die Darstellung hat er eine Methode der sphärischen Projektion benutzt, die die Ägypter entwickelten, als sie ihr Land vermaßen und die Plätze für die Pyramiden bestimmten.“   piri_reis_world_map_01

„Machst du das als Hobby, oder verbindest du damit einen beruflichen Zweck?“ fragte Ludwig ungeschickt in eine Pause seines Gastgebers hinein. Die Geschwindigkeit, mit der Johannes seine Kenntnisse ausbreitete und gleichzeitig mit seinen schönen schlanken Händen die Suppe ausschenkte, das geröstete Brot über den Tisch reichte und die Schälchen mit den Musen zurechtrückte, machte Ludwig schwindeln. Unter anderen Umständen hätte ihn die Kartographie der Alten sehr wohl interessiert, doch nun verlangte ihn dringend danach, mehr über Johannes und seine Lebensumstände zu erfahren.

„Weder noch“, antwortete Johannes lachend. „Oder meinetwegen beides. Für mich gibt es diesen Unterschied kaum. Alles tue ich aus eigener Wahl, ohne durch äußere Zwecke und Verpflichtungen gebunden zu sein. Ich interessiere mich dafür, meine Denk- und Vorstellungswelt zu erweitern, Geheimnissen nachzuforschen, die von der üblichen Wissenschaft nicht berührt werden. Wenn ich dabei auf Dinge stoße, die für Gleichgesinnte von Interesse sein können, suche ich nach Wegen, solche Menschen zu finden. So einer bist nun du. Ich habe dich an der Selbstvergessenheit erkannt, mit der du das Lied gepfiffen hast.“

„Johannes Tauler“, sagte Ludwig, denn eine bessere Antwort fiel ihm nicht ein. Ihm wurde die Situation immer rätselhafter. Was wollte Johannes von ihm? Womit finanzierte er seinen aufwendigen Lebensstil? Lebte er allein? Wer war die Frau auf dem Gemälde? Was war mit dem Webstuhl? Gedankenlos – oder jedenfalls nicht bei der Sache, denn all diese Fragen sprossen gleichzeitig in seinem Kopf auf und wucherten dort wie Unkraut – häufte er sich den Teller voll mit einem bräunlichen Gemisch, das Johannes inzwischen aus dem Ofen geholt und auf den Tisch gestellt hatte, und begann, es in sich hineinzuschaufeln.

„Na, wie schmeckt dir meine Nusskufta?“, fragte Johannes, der sich vorsichtig ein Stück von dem Gericht abschnitt.

Ludwig fuhr auf, errötend. „Entschuldige“, stammelte er, „ich war in Gedanken. Das ist also ägyptisch? Woraus besteht es denn eigentlich? Ach, warte, du hast es vorhin schon gesagt. Nüsse und Hackfleisch, nicht wahr? Und hier sehe ich auch noch Tomaten als Dekoration. So, ja, es schmeckt ausgezeichnet.“

Johannes nahm einen Happen auf die Gabel, schnupperte daran, kaute sorgfältig und schien dem Geschmack in Andacht zu lauschen, als wäre es eine ferne Musik. Dann erklärte er: „Das Hack muss aus reinem Rindfleisch sein. Schweinehack ist Moslems verboten,  wie du weißt. Wichtig ist, die Nüsse, übrigens sind es Wal- und Haselnüsse, sehr fein zu hacken. Der Räucherschinken gibt dem ganzen dann die besondere Note, aber auch hier musst du aufpassen, dass du nicht etwa Schinken vom Schwein nimmst, das wäre ein schlimmer faux-pas. Schmeckst du die Petersilie heraus? Ich lege Wert darauf, dass ich immer frische Kräuter im Haus habe, ich ziehe sie in Blumentöpfen. Der Geschmack ist dann doch ein ganz anderer. Damit sich die Gewürze entfalten können, muss man natürlich auch den richtigen Topf wählen, in diesem Fall einen Tontopf, er ist nicht so kalt-neutral wie Metall oder Glas, sondern hüllt alles in das irdische Feuer des Tons ein.“

Ludwig wagte es nicht hinunterzuschlucken, er saß da und kaute, doch beim besten Willen konnte er keinen Petersiliengeschmack ausmachen, ob nun von getrockneter oder frischer oder gar selbstgezüchteter Petersilie. Das irdene Feuer des Tons oder hatte Johannes irdisch gesagt?  – schön klang das, aber schmecken? Gut, die Nüsse, die spürte er jetzt zwischen den Zähnen, sie waren tatsächlich sehr klein gehackt, und ihm kam es so vor, als läge darüber ein feiner Hauch von Räucherschinken. Er schluckte schließlich hinunter, nahm einen Schluck Schnaps, häufte etwas von der Speise auf die Gabel, schnupperte, wie es zuvor Johannes getan hatte, schloss sogar die Augen, um besser riechen zu können  – und tatsächlich, jetzt war alles da: Petersilie, Nuss, Rauch, das Feuer des Tons, Ägypten mit dem schwarzen Schlick des Nils, aus dem die Menschen ihre Gefäße brannten und ihre Häuser bauten. Flog er nicht über dem glitzernden Band des Nils, der durch einen schmalen Streifen Grün mäanderte, während sich nach Westen und Osten in rötlichen Wellen die Wüste dehnte?

In seinen Traum drang erneut Johannes’ melodische Stimme. Wovon sprach sie jetzt? Ach, wieder von der sphärischen Geometrie der Ägypter! Wie machte Johannes es nur, so behände die Abgründe zwischen hier und dort, heute und damals zu überspringen und von der Nusskofta und den Töpfen aus irdenem Feuer zu einer Abhandlung über die  Pyramidengeometrie hinüberzuwechseln? Alles griff bei ihm so glatt ineinander, geschliffen und funkelnd wie die Gläser war seine Rede, füllte die Stille und ließ keine Lücke, um dem Menschen Johannes fragend auf die Spur zu kommen. „Wer bist du, Johannes!“ wollte Ludwig rufen, „wer webt auf dem Webstuhl, wer ist die Frau auf dem Bild? Wie lebst du? Wer sind deine Freunde? Wirst du mich auch morgen kennen?“, doch das war nicht möglich.

„Die älteste der Pyramiden“, sagte er gerade, „und sogar der älteste erhaltene Großsteinbau der Weltgeschichte ist, wie du sicher weißt, die Stufenpyramide von Saqqara bei Memphis, der Waage der Länder. Saqqara liegt genau auf der ursprünglichen Zentralachse Ägyptens. Schlägt man von Saqqara aus einen Kreisbogen mit einem Radius von 200 km, dann wird das Delta exakt eingeschlossen. 200 km, das sind  200 000 m. Und ein Meter ist, na klar, genau der zehnmillionste Teil des Meridians von Paris, gemessen von Pol zu Pol!

Du wirst mir einwenden“, fuhr Johannes fort und schob Ludwig einen Teller mit einer puddingartigen Süßspeise zu, „dass der Urmeter erst Ende des 18. Jahrhunderts festgelegt wurde und die Ägypter ganz andere Maßeinheiten hatten. Aber merkwürdig ist es dennoch, nicht war? Vielleicht kommt man weiter, wenn man berücksichtigt, dass die Lagebestimmung der Cheops-Pyramide offenbar durch Bogenminuten vorgenommen wurde. Kannten die alten Ägypter also die Kugelgestalt der Erde? Oder haben sie sich des Sekundenpendels bedient, der in Europa im 17. Jahrhundert wieder aufkam? Der Radius des Kreisbogens, der die Cheops-Pyramide mit dem äußersten Rand des Deltas verbindet, beträgt jedenfalls genau hundert Bogenminuten, was 100 geographischen Meilen entspricht.“

Ludwig  kannte die Geschichte des Meters, sie gehörte zu seinem Lehrstoff. Mit schiefem Grinsen und um nicht wie ein Blödian am Tisch zu sitzen, murmelte er: „Du kennst dich aus! Dann erzähl ich dir sicher nichts Neues, wenn ich dir sage, dass ein von Punkt hapy-pi geschlagener Kreisbogen, der ganz Ober- und Unterägypten einschließt, einen Durchmesser von exakt einem Zehntel des Erdkreises hat.“

„Stimmt!“ Johannes nickte zufrieden. „Um diesen Punkt mathematisch genau zu kalkulieren, musste man den Umfang der Erde kennen. Das ist schon erstaunlich genug. Aber mir scheint, dass sich dahinter noch ein anderes, tieferes Geheimnis verbirgt. Die großen Bauten Ägyptens liegen auf der Achse des Nils wie die Chakren auf der Wirbelsäule, vom Wurzelchakra im äußersten Süden bis hinauf nach Behdet im Delta. Behdet heißt ja tatsächlich Krone.“

chakra-chart                                   (Bild gefunden bei https://faszinationmensch.com/)*

Bei dieser Wendung schaute Ludwig überrascht auf und traf auf Johannes’ Augen, die groß und dunkel in dem etwas zu bleichen Gesicht standen. Wovon sprach er da? Chakren auf Ägyptens Wirbelsäule? Eben war er doch noch bei der Kartographie und Geometrie der Alten gewesen? Doch warum nicht? Nun waren also die Chakren dran. Ludwig überließ sich widerstandslos der träumerischen Substanz, die sich, vielleicht infolge des ungewohnten Schnapses, in ihm ausbreitete.

Er ließ sich auf dem Strom des Nils treiben, von den Katarakten des Südens bis hinauf in die Krone des Deltas, spürte ihm in seiner Wirbelsäule nach, dachte sich den Punkt Hapy-Pi auf der Höhe seines Kehlkopfes, nahm einen großen Schluck aus dem Schnapsglas und fühlte die Hitze abwärts steigen, meinte aber zugleich zu spüren, wie sich die Mündungsarme des Nils radienartig außer- und oberhalb seines Kopfes in den Raum verströmten. Hapy-Pi, dachte er verschwommen, „glückliches Pi“, und er schlug versuchsweise einen Kreisbogen hinab zu seinem nun heftig klopfenden Herzen. Die Vereinigung des Nils mit dem Delta, dachte er vage, daraus wurde ich geboren.how-long-is-the-nile-river_2

Und wie aus einem Traum heraus und ganz zusammenhanglos murmelte er: „Weißt du, Johannes, mein Vater hieß Nils. Wie der Nil. Er ist plötzlich gestorben, als ich zwölf war. Auf einmal war er tot. Meine Mutter hat es gar nicht bemerkt. Sie hat auch mich nicht bemerkt, als sie gestern ohne Nachricht verschwunden ist, auf Reisen gegangen, wer weiß wohin, vielleicht ist sie jetzt in Genua, der Swen ist nämlich abgestürzt, und Swantje ist abhanden gekommen. Auf deinen Portolani sind 32 Kompassrichtungen eingetragen, sagst du, wie soll ich da Mutter und Schwester finden?“

Ludwigs Zunge wurde immer schwerer, während er fortredete: „Es gibt so viele Richtungen, die Erde ist ja eine Kugel, das wussten schon die Alten und maßen sie aus. Mein Vater Nils wusste viel davon zu erzählen, er war Mathematiker und ein Gelehrter, aber ich bin nur ein Lehrerlein und schwul und wüsste gern, was du an mir findest“.

Durch den Tränenschleier, der sich vor seinen Augen ausbreitete, sah er Johannes’ Gesicht, das sich – oder kam es ihm nur so vor? – in einer Grimasse des Widerwillens verzog. Erschrocken wischte sich über die Augen, nuschelte „Entschuldigung, mir ist der Schnaps anscheinend schlecht bekommen“ und stand auf. „Ich geh dann wohl besser“, brachte er noch heraus und wandte sich zur Tür.


*Auge des Horus (zitiert nach https://faszinationmensch.com/)

„Das Kronen-Chakra … In der ägyptischen Mythologie wird das geöffnete Dritte Auge das Auge des Horus genannt. Das physische linke Auge beherrscht den Mond und die weibliche, manifeste physische Welt, und das rechte Auge beherrscht die männliche, nicht-manifeste spirituelle Welt. deshalb bringt das rechte Auge des Horus Spirit hinunter in die Materie und bringt dann diesen Geist/Spirit in das linke Auge von Horus. Auf diese Weise bleibt das Dritte Auge geöffnet und ist in der physischen Welt geerdet und voll aufnahmebereit.“

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, alte Kulturen, Leben, Mythologie, Natur, Psyche, Reisen, Träumen abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

22 Antworten zu Schwanenwege: Das ägyptische Mahl

  1. kunstschaffende schreibt:

    Liebe Gerda,
    noch als ich mit meiner Mutti beim Essen saß, kam die Nachricht Deines Beitrags mit Fortsetzung.
    Ich konnte es kaum erwarten, wie es weitergeht mit mit Ludwig und Johannes! Jetzt liege ich auf dem Sofa und habe, mit Hochspannung, gelesen was sich weiter ereignete.
    Und wieder ist alles offen! Die beiden Protagonisten haben sich sicher aus einem schicksalhaften Grund getroffen, vielleicht liegt der Grund in der Geschichte der Vergangenheit. Aufjedenfall bin ich so fasziniert und begeistert, dass ich Dich bitten, nein erstmal mich bei Dir bedanken muss, weiter zu erzählen wie es mit den Beiden weitergeht und bis dass Geheimnis gelüftet ist, warum die Beiden sich begegnet sind.
    Ich bin keine Leseratte, doch Du könntest mich dazu machen!😊😉

    Sei ganz herzlich gegrüßt liebste Gerda und nochmals ❤Dank!😘

    Lg Babsi

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Da gibst du mir schon wieder einen tüchtigen Schupps, liebe Babsi! Vielen Dank dafür! Soll ich, muss ich? Muss wohl, denn ich möchte dich wahrlich nicht quälen und auf die Folter spannen 😉
      Bis zur Auflösung ist es allerdings sehr weit – zu weit für diesen Blog, fürchte ich. Ich erzähle aber gern noch ein wenig weiter . Liebe Grüße Gerda

      Gefällt 1 Person

      • kunstschaffende schreibt:

        Ja liebe Gerda, dass wäre natürlich wunderbar!
        Du solltest Deinen Roman veröffentlichen, ich würde es sofort kaufen! Ich verstehe sehr gut, dass Du nicht zuviel davon Preis geben willst! Die Kopierer stehen sicher schon in den Startlöchern mit kleinen Veränderungen haben sie neuen wertvollen Stoff!
        Du solltest es mit By© Gerda Kazakou kennzeichen oder eben wie man es bei Schriftstellern macht!
        Aufjedenfall bist Du zu allem Anderen, auch noch eine fantastische Schriftstellerin!

        LG Babsi

        Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Danke für deinen Zuspruch und den Tipp, liebe Babsi. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, was jemand mit meinen Gedanken anfangen will, aber du hast recht, ich muss ein copyright und ein Kopierverbot bzw reblog-Verbot anbringen. Ich frag meine Schwiegertochter, sobald sie vom Urlaub zurück ist. ich glaube, sie weiß da gut Bescheid. LG Gerda

      Gefällt 1 Person

  2. Christiane schreibt:

    (Will den Zauber hier nicht zerstören, aber ist meine Mail angekommen? Ist gestern abend raus.)

    Gefällt 1 Person

  3. bruni8wortbehagen schreibt:

    ich lese wohl von hinten nach vorne. *lacht*, na macht nix, es gibt Schlimmeres, dachte ich…

    Ich lese gebannt und empfinde ein Prickeln, das mir den Morgen aufhellt
    glückliches Pi lese ich und dann öffnet sich eine Welt, die so voller Geheimnis steckt,
    daß ich wohl doch von Anbeginn an lesen sollte, liebe Gerda

    Lächelnde liebe Grüße von Bruni

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      O, eine Rückwärts-Leserin! (Ich habe den Roman teilweise auch von hinten nach vorn geschrieben).
      „Von Anfang an“ ist übrigens gut! Ich habe, angeregt durch den Weihnachts-Kontext, mit einem Stück vom „Vierten Tag“ begonnen („Es kommt ein Schiff geladen“) und, da einige die Fortsetzung wünschten, dann weiteres veröffentlicht. Der Roman selbst beginnt mit einem „Vorabend“ – geht dann weiter durch sieben Tage, die dem Zweck dienen, den Wandlungen von fünf bis sieben Helden zuzuschauen….Schwanenwege sind mysteriös. LG Gerda

      Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      🙂 prima! aber den Vorabend wirst du nicht finden, der ist hier nicht veröffentlicht.

      Gefällt 1 Person

  4. bruni8wortbehagen schreibt:

    welch eine Fülle von Wissen breitet sich vor mir aus, liebe Gerda,
    und doch frage ich mich am Ende vor allem, was sieht Ludwig wirklich?
    Sieht er Widerwillen oder irrt er sich hier?

    Gefällt mir

  5. gkazakou schreibt:

    Tja so gehts, liebe Bruni, am Ende läuft es doch immer auf die Frage hinaus, was ein Mensch für den anderen fühlt. Aber unser Geist will auch beschäftigt sein, nicht wahr? Liebe Grüße dir! Gerda

    Gefällt 1 Person

  6. bruni8wortbehagen schreibt:

    Genau so ist es wohl, liebe Gerda 🙂

    Gefällt 1 Person

  7. kormoranflug schreibt:

    Chakra-Studien in der Ägyptischen Mythologie und Schnaps vertragen sich nur schwer. Grüsse zwischen den Jahren.

    Gefällt 1 Person

  8. Pingback: Griechisches Alphabet des freien Denkens: Π wie παιδί, παίζω, παιδεία (Kind, spielen, Erziehung) | GERDA KAZAKOU

  9. Pingback: Dem Pi-Tag gewidmet: ein Kapitel aus den „Schwanenwegen“ | GERDA KAZAKOU

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.