Mein zweiter Eintrag zu D für das Projekt ABC bei Wortman
D wie DAIMON, gesehen im alten Ghetto von Bologna.
Ein Dämon kommt selten allein.
Mein zweiter Eintrag zu D für das Projekt ABC bei Wortman
D wie DAIMON, gesehen im alten Ghetto von Bologna.
Ein Dämon kommt selten allein.
Gestern abend hatten wir Besuch. Nach dem Spaghettiessen ließen wir uns rund um den Kamin nieder, um zu erzählen. Das gedämpfte Lampenlicht und das Feuer im Kamin ließen nicht viel mehr als die hellen Gesichter, Gliedmaßen, Hosenbeine kennen. Aber ich konnte nicht widerstehen: endlich mal wieder bewegte menschliche Modelle zeichnen!
Vor dem Kamin sitzend
Paar auf der Couch
zwei
Am 10. Februar – Will.i wurde grad 41 Tage alt – hatte ich eine Auseinandersetzung mit ihm. Ihr erinnert euch, wie er herumsprang – ein kleiner großer Zampano – und schrie:
„Nur weil ihr alt und müde seid und Angst habt, muss ich hier rumsitzen und mich zu Tode langweilen! Warum reist ihr nicht? Warum fliegt ihr nicht mindestens mal zum Mond? Warum träumt ihr nicht groß? Warum lauft ihr mit diesen lächerlichen Masken rum? Ihr seid einfach nur jammervoll!“ Und wütend übermalte und überklebte er das erstbeste Bild, das er auf der Staffelei fand.
Ich schob seinen Aufstand damals auf die beginnende Pubertät. Denn weder bin ich alt noch müde noch habe ich Angst. Ich verstand aber, dass er, der seit seiner Geburt unser Gefühl des Eingesperrtseins und der eingeschränkten Bewegungsfreiheit miterlebt, uns für feige und lächerlich hält. Warum tun wir nicht einfach, was uns passt? Warum rebellieren wir nicht? Warum „fliegen wir nicht zum Mond“?
„Es geht eben nicht“, sagte ich ihm damals, denn ich hatte wirklich keine Lust, ihm den Irrsinn der Maßnahmen im einzelnen zu erläutern. Und das mit dem Mond – wie sollte ich ihm erklären, dass wir nicht mal unser Haus verlassen dürfen, ohne den Behörden darüber Rechenschaft zu geben, während andere derweil sogar zum Mars aufbrechen?
Jetzt ist Will.i 58 Tage alt alt – man könnte ihn für sechzehn halten -, und er lässt sich nicht mehr mit schlichten Worten abspeisen. Er will wissen, was gespielt wird. Und da er inzwischen des Lesens mächtig und im WWW unterwegs ist, als sei es seine natürliche Umwelt, fischt er täglich irgendwelche Nachrichten aus dem Netz und hält sie mir vor die Nase. Heute war es ein Artikel in der FR (Frankfurter Rundschau). „Erst machen sie die Flasche mit dem großen Gespenst auf, so dass alle Leute sich vor Angst in die Hose machen, und dann sagen sie: Besen Besen seis gewesen. Du wirst sehen, sie werden alles vertuschen!“ so Will.i mit funkelnden Augen und gerunzelter Stirn. – „Wovon redest du eigentlich, Will.i?“ – „Hier, lies selbst!“ Und ich lese: „Hinzu kommt eine neue Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation. Die WHO geht offenbar davon aus, dass die Pandemie bereits in wenigen Monaten vorbei sein wird. Grundlage dessen, sei der weltweite Rückgang im Bereich der Neuinfektionen. Hans Henri Kluge, WHO-Regionaldirektor Europa, sagte Medien des dänischen Rundfunks: „Es wird weiterhin ein Virus geben, aber ich glaube nicht, dass Einschränkungen nötig sein werden.“
„So!“, sage ich. und dann: „So, so.“ Mehr sage ich erstmal nicht. Denn was soll man sagen, wenn einem zu viel auf einmal einfällt? Dann frage ich aber doch noch mal nach: „Was meinst du mit vertuschen?“ – „Na, sie werden sagen, dass diese Grippe wegen all der Maßnahmen und wegen der Impferei zum Stillstand gekommen ist. Dabei wäre sie es ohnedies. Lies doch weiter: Klaus Stöhr, Epidemiologe, Virologe und ehemaliger WHO-Funktionär warnte bereits vor geraumer Zeit, Mutanten falsch einzuschätzen. Laut Stöhr zeige die historische Entwicklung, dass ein plötzliches Nachlassen des Infektionsgeschehens wahrscheinlich sei. Er verglich die Corona-Pandemie dabei mit zwei Influenza-Pandemien, der asiatischen Grippe und der Honkong-Grippe. In beiden Fällen sei das Infektionsgeschehen genauso schnell abgeflacht, wie es sich aufgebaut hätte.“
„Na ja“, murmele ich, denn ich kann einfach nicht glauben, dass nun das, was ich seit einem Jahr predige, offizielle Wahrheit sein könnte. „Das ist vielleicht die Meinung von diesem Virologen, aber es gibt andere.“ – – „Wenn du weiterlesen würdest, wüsstest du, dass es auch andere gibt“, fährt mich Will.i an. „Lies doch! Schon gut, du willst nicht, also lese ich es dir vor: Stöhrs Einschätzung wird offenbar durch eine neue Studie aus den USA gestützt. Diese wurde vor Kurzem im Fachmagazin „Science“ veröffentlicht – und kommt zur Prognose: Das Coronavirus werde sich „endemisch“ entwickeln, sprich: sich nur noch sehr lokal verbreiten.“
Langsam löst sich etwas in mir. Mir ist, als sähe ich irgendwo am Horizont ein Stückchen freien Himmel, eine Öffnung, einen Hoffnungsschimmer. „Das wäre ja zuu schön!“ sage ich. „Aber warum bist du so wütend, Will.i? Eigentlich ist es doch ein Grund zur Freude.“ – „Was soll da ein Grund zur Freude sein?“ schreit er aufgebracht. „Erst regieren sie alles in Grund und Boden und machen unsere Zukunft kaputt, und dann rühmen sie sich, dass sie eine Pandemie, die überhaupt keine ist, besiegt haben? Sollen wir sie dafür noch loben und uns durch Kniefälle bedanken? Ich glaub, ich brauche Luft!“ und weg ist er.
Da stehe ich nun und weiß nicht, was ich von all dem halten soll. Zögernd ergreife ich den Pinsel. Erstmal all das Schwarze, das Will.i reingeschmiert hat, übertünchen, denke ich. Schließlich ist Frühling. Überpinseln, übertünchen, übertuschen. Vertuschen. Gut so. Alles ist einigermaßen weiß übertüncht. Aber wie geht es weiter? Aufwärts? Abwärts? Große Rutsche nach unten? Fluchtweg? Haupt- und Nebenwege? Spaltung? Sackgasse? Verlies? Fenster und dahinter die nächste Wand? O Schitt! Vielleicht stehen Will.i trotz allem schwierige Zeiten bevor.
Will.i mag meine Glasscherbenbilder. „Sie erzählen Geschichten“, sagt er.
„Und welche Geschichte erzählt dies Bild?“ frage ich ihn. Sofort beginnt Will.i: „Es ist an einem heißen Abend in Afrika. Dort, wo es fast nur noch Kakteen gibt und die Wüste beginnt. Da treffen sich zwei Männer. Der eine lebt immer dort, er hat die Farbe der Erde angenommen. Der andere kommt von weither, wahrscheinlich aus den USA. Auf seinem Kopf trägt er einen Hut wie die Cowboys, aber er ist doch anders, denn der Hut hat eine besondere Eigenschaft: Er sagt seinem Träger immer, in welche Richtung er gehen muss, wenn er ein Ziel im Kopf hat. Das ist einerseits sehr praktisch, denn so kann er sich nicht verirren. Andererseits ist es aber auch unpraktisch, denn ich finde, Umwege sind oft viel interessanter als der direkte Weg. Nun also ist er hier gelandet, am Rande einer Wüste, und es sieht so aus, als wüsste er, was er hier sucht. Er will ein Tauschgeschäft machen und glaubt, dass es zu seinem Vorteil sein wird. Ein Schlauberger und Abenteurer, wie viele unterwegs sind. Der schwarze Mann ist aber auch nicht auf den Kopf gefallen. Er kennt solche Leute wie den weißen Mann, er durchschaut sie. Für ihn sind sie aus Glas. Und wenn er sich nun hinsetzt und mit dem Palaver anfängt, so weiß er sehr genau, worauf er es abgesehen hat: er will sich in den Besitz des Hutes bringen. Er möchte nämlich weg aus dieser Gegend, wo es immer trockener wird, und der Hut könnte sehr brauchbar sein, um ihm den Weg zu zeigen, wie er hier am schnellsten wegkommt…. Aber wieso soll ich die Geschichte eigentlich allein erzählen? Das ist langweilig. Besser wäre es, jeder fügt ein Stück hinzu und es kommt eine Scherbengeschichte zusammen, passend zum Scherbenbild.“
Mir gefällt die Idee. Sie ist irgendwie tief symbolisch. Zerbrochen in viele Stücke, immer neu zusammengesetzt, immer neu erzählt wird die Geschichte dieser Welt! Ein buntes Kaleidoskop! Schüttelt man ein wenig, ändert sich das Bild.
„Aber ist es nicht zu schwer, wenn man nur ein Bild hat?“ frage ich den Will.i. „Vielleicht fällt einem dazu nichts Rechtes ein. Was meinst du, soll ich zwei Bilder zusammenfügen, so dass die Fantasie schneller in Bewegung kommt? Zum Beispiel so?
Oder ist es dann noch schwieriger? Was meinst du?“ – „Da fragst du besser deine Leser und Leserinnen“, antwortet mir Will.i. „Die sollen dir ja die Geschichten erzählen helfen. Wenn sie Lust haben, nehmen sie das Bild mit den drei Leuten hinzu, oder sie erzählen einfach meine Geschichte weiter. Sie ist ja nicht zu Ende, oder?“
Also frage ich euch: Habt ihr Lust, an Willi.s Glasscherbenspiel teilzunehmen? Und wenn ja: wollt ihr immer nur ein Bild, oder doch lieber zwei oder drei?
Will.i ist gespannt, ob ihr Lust zum Weiter-Erzählen habt. Und ich auch.
„Viel gibt es noch nicht zu sehen“, sage ich zu Will.i, der nach Kalamata mitkommen will, wo ich mit zwei Frauen verabredet bin. Wir wollen die Räumlichkeit fotografieren, in der wir unseren Behindertentreff einrichten wollen. „Du wirst enttäuscht sein“.
Am Ende ist er aber nicht enttäuscht, sondern ganz im Gegenteil sogar recht eifrig. „Gute Gegend“, meint er anerkennend, als er durch einen Seitenaufgang und ein eisernes Schiebedach auf die Dachterrasse gelangt ist. „Und richtig groß, da passen viele Tische drauf, und eine Bar und jede Menge Blumenkübel und Sonnenschirme!“
„Ok, zugegeben, hier muss noch allerlei renoviert werden, aber das schaffen wir schon.“ Sein „das schaffen wir“ freut mich natürlich, besonders das „wir“, das ihn einschließt, beeindruckt mich. Will.i will uns also unterstützen, bravo!
Die Terrasse ist wirklich riesig, aber noch vollkommen ungesichert, und der Zugang ist alles andere als behindertengerecht. Der Umbau wird unsere finanziellen Möglichkeiten vorerst übersteigen – es sei denn, wir finden noch einen großzügigen Spender wie den, der uns für die Ersteinrichtung 12 000 E zur Verfügung gestellt hat!
Das Geld werden wir für den Hauptraum brauchen. Jetzt, wo wir unsere Immobilie leergeräumt und im hellen Licht der wieder hergestellten Elektrizität betrachten, sehen wir die vielen Schäden: Feuchtigkeit an der Rückwand der Küche, schlecht verlegte elektrische Leitungen, bröckelnder Putz, mürbes Holz der Türrahmen.
Die Fenster sind sehr hoch und arg klein – aber es ist ein schützenswerter Altbau und Veränderungen an der Fassade bedürfen einer Extra-Genehmigung. Die Architektin, die die Pläne für die Umgestaltung kostenlos entworfen hat, möchte mehr Licht hineinbringen. Schön wärs ja!
Sie ist eine erfahrene Architektin und macht uns Mut. Alles nicht so schlimm, für alles finden sich Lösungen! Und ich summe in Gedanken die Schlussstrophe der Dreigroschenoper: „Wenn das nötge Geld vorhanden, ist das Ende meistens gut“.
„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg,“ merkt Will.i an. „Es wird schön“, sagt Ingrid. „Keine Bange“, sagt Eleftheria. „Das kriegen wir schon hin.“
Auch ich bin voller Hoffnung: Es wird klappen! Unser Ziel ist, zwei Wochen vor Ostern fertig zu sein, damit wir eröffnen können: mit Cafe, Basar und Werkbank, mit Blumenkübeln vor der Tür und Bildern an der Wand, mit Musik und Tanz und vielen Besuchern.e
Wer nicht träumt, der nicht gewinnt!
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Falls Du etwas zur Realisierung dieser schönen Pläne beitragen möchtest:
EPIKOURIOS APOLLON
Soziale Genossenschaftliche Unternehmung zur beruflichen Integration behinderter Menschen
Kalamata/Griechenland
e-mail epapollon@gmail.com
Kontonummer IBAN GR44 0171 3450 0063 4514 4492 438
Spenden in jeder Höhe sind hoch willkommen.

Christiane lädt ein, Wortgeflumselkritzelkram spendete drei Wörter. Draus habe ich zwei Kata-Strophen gestrickt und hoffe, es ist mir nicht völlig missglückt.
I
Trügerisch ist dieses Wetter
Eben denkste, lieber Vetter!
Wat ne Wärme welche Pracht
Wie die Sonn vom Himmel lacht
Nun will ich mich nicht verstecken
Will die Männerwelt erschrecken!
Um Männerherzen zu erweichen
Könnte dieses Blüschen reichen!
Doch die Oma die ist weise
Und ins Ohr mir flüstert leise
Sonne lacht, doch liebes Lieschen
Nur mit einem Sommerblüschen
Ist der Schnupfen gar nicht weit
Jetzt ist Strickjackenzeit
II
Eben ist die Schule aus
Der Ali strebt auch gleich nach Haus
Da sieht er eine süße Maid
Die trägt nen Blüschen busenweit
Er denkt, das ist doch sehr viel netter
Zumal bei diesem Frühlingswetter
Als sich mit Schal und Mantel quälen
Ich sollte Hemd und Weste wählen
Da würd die Süße nach mir schaun
Und ich, ich würde mich auch traun
Ihr offen hinterherzublicken
Und einen Gruß und Kuss zu schicken
Doch Mama sagt, ja täusch dich nisch
Die Weiber die sind trügerisch
sie tändeln gern und wolln dich necken
du wirst das sicher bald entdecken
Wenn Mädchen nur im Blüschen gehn
Sollst in die andre Richtung sehn
Sonst ist der Kummer gar nicht weit
Dies ist Strickjackenzeit!

Mein Startpunkt für die Zimmerreisen ist heute der Kaminsims. Ihr wisst, Heide von der Puzzleblume hat zu solchen Reisen angeregt, durch die wir die Gelegenheit haben, aus dem Vierlerlei unserer Haushalte das eine und andere auszuwählen und eine persönliche Geschichte daran zu knüpfen. Und ich muss sagen, ich finde nicht nur die Idee, sondern auch die Geschichten, die sich bisher entwickelt haben, irgendwie ganz besonders, persönlich anrührend.
Heute also sehe ich Will.i, wie er vor dem Kaminsims steht und schief lächelt. „Gehts noch?“ sagt er, als ich ihn auf das anspreche, was er da entdeckt hat. Und tatsächlich: eine Eule als Weihnachtsmann, dazu auch noch Ende Februar, auf dem Kaminsims! Gehts noch?
Aber so ist es nun mal in unserem Haushalt: Alles geht, was irgendwie von Ferne mit Eulen zu tun hat. Und sammelt sich auf dem Kaminsims oder einem Regal, einer Wand oder einem Stuhl, einem Fenster oder auch in der Luft hängend an.
„Du musst das verstehen“, sage ich zu Will.i. „Dies ist ein Geschenk und als solches vor Kritik bewahrt. Jeder, der zu uns kommt, bringt eben irgendwann eine Eule mit, das ist unausweichlich. Und jeder will eine Eule bringen, die es in unserer Sammlung noch nicht gibt. Ganz einfach ist das nicht, denn wir haben inzwischen hunderte. In der Athener Wohnung, die du leider noch nicht kennst, haben wir sogar eine Extra-Vitrine, um all die Eulen angemessen unterzubringen.“ – „Ja, spinnt ihr eigentlich?“ fragt Will.i nun leicht verstört. „Warum sagt ihr den Leuten nicht, sie sollen gefälligst aufhören, euch Eulen zu bringen? Wollt ihr am Ende noch eine dritte Wohnung aufmachen, damit die Eulen alle Platz haben?“
Nein, nein, möchte ich antworten. Nein, wir wollen keine dritte Wohnung, nein wir brauchen auch keine, denn die Eulen sind ja klein, nein,wir wollen auch niemandem sagen, keine Eulen mehr zu bringen und nein: auch wir wollen nicht aufhören, von jeder Reise Eulen heimzubringen. Hoffentlich können wir bald wieder reisen.
„Mit den Eulen“, so murmele ich stattdessen, „mit den Eulen verbindet sich eine ganz besondere Geschichte.“ Da wird sogar der Will.i hellhörig. „Erzähl!“ – „Na gut, es war in dem Jahr, als ich Panos kennenlernte. Das war im April 1967 in Kiel. Er demonstrierte, weil in seiner Heimat Griechenland Militärs die Macht übernommen und eine Diktatur errichtet hatten.“ -„Eine Diktatur?“ – „Ja, Will.i. In Griechenland waren viele Menschen unzufrieden und streikten immer wieder. Sie wollten eine Regierung, die sich endlich um ihre Bedürfnisse kümmerte. Aber das passte manchen nicht, und so ließen sie Panzer auffahren, verhafteten eine Menge Menschen, die das Volk „aufgewiegelt“ hatten und setzten sich an die Stelle der gewählten Regierung. Das passiert leider immer wieder, überall in der Welt. Viel wusste ich nicht von Griechenland, aber das wenige reichte, damit auch ich auf die Straße ging. Und so lernte ich Panos kennen.“ – „Und was hat das mit den Eulen zu tun?“ – „Es gibt in Deutschland eine Redensart: ‚Eulen nach Athen tragen‘, die kannte ich, und so schenkte ich ihm eine Eule und sagte: ‚Mach dir keine Sorgen, du wirst schon noch viele Eulen nach Athen tragen‘. Wir haben dann geheiratet und von jeder Reise eine Eule mitgebracht. Auch Freunde begannen, uns Eulen zu schenken. Nach sieben Jahren waren es schon eine ganze Menge. Dann wurden die Militärs zum Teufel gejagt, die Demokratie kehrte zurück und Panos konnte in seine Heimat reisen.“ – „Und hat all die Eulen mitgenommen, um sie nach Athen zu tragen…“, meint Will.i grinsend. „Nein, nein, nicht sofort. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich endlich nach Athen umsiedeln konnte. Und die Eulen nach Athen brachte. Seither sind viele dazugekommen. Zum Beispiel diese hier. Die machen die drei Affen nach. Nix sagen – nix sehen – nix hören. Ganz aktuelle Eulen“.
„Was willst du damit sagen?“ fragt Will.i misstrauisch. „Dass wir in einer Diktatur leben?“ – „Ach was, mein Will.i. Wir leben in einer Demokratie, mit einer gewählten Regierung. Und die meisten sind froh, dass sie diese Regierung haben.“ „Du nicht?“ – „Doch, doch, ich auch. Nur grassiert jetzt eine Krankheit, und ich bin mit vielem nicht einverstanden, was die Regierung deshalb beschließt und anordnet. Und zwar nicht nur hier, sondern auch in anderen Ländern, so auch in Deutschland. Ich sage zum Beispiel: diese Maßnahmen sind schlimmer als die Krankheit. Wenn ich es sage, sind mir meine Freunde böse und wollen nichts mehr mit mir zu tun haben“. – „Das versteh ich nicht. Wieso sind sie dir böse, wenn du sagst, was du meinst?“ – „Ja, Will.i, das weiß ich auch nicht. Vielleicht haben sie Angst, dass sie krank werden, oder sie denken, wenn sie mit mir befreundet sind, kriegen sie Ärger.“ – „Aber wieso? Wir leben doch in einer Demokratie, sagst du?“ – „Ja schon, aber auch in einer Demokratie wollen die meisten nichts zu tun haben mit denen, die anderer Meinung sind als die meisten. Aber lass man, pst! reden wir lieber nicht laut darüber, sonst gibt es gleich wieder Kloppe. Besser wir legen eine Eule, damit wir was zu essen kriegen.“
Sehr viel Lebensqualität hängt vom Blick ab, den du von drinnen nach draußen tun kannst. Auf Myriades Foto blickt man von einer tiefen Dunkelheit in eine gemäßigte Helligkeit, denn viel Licht lassen die eng gepackten Hinterhofhausdächer und der graue Himmel auch draußen nicht zu, und das wenige wird durch eine feine Spitzengardine zusätzlich gebrochen.

Wie anders ist der Blick durch meine Eulenfenster! Zwar sind sie auch recht klein, aber es sind sieben, keine Wand ist ohne Fenster. Hinzu kommt eine Eulen-Glastür, die in den Garten führt. Und wenngleich der große Raum immer ein wenig im Dämmer liegt, kann sich keine tiefe Dunkelheit einnisten.
Alles, was ich von drinnen nach draußen wahrnehme, wird von diesen Eulenfenstern gerahmt. Wie auf diesen vier Ausblicken.
Die Eule ist in unseren beiden Haushalten – in Athen und in der Mani – allgegenwärtig, und es ist wahrhaftig kein Zufall, dass die Fenster- und Türvergitterungen dieses Motiv aufweisen.
Warum das so ist – davon werde ich ein wenig in meinem Eintrag „E wie Eule“ im Kontext der „Zimmerreisen“ erzählen, zu denen Heide von „Puzzleblume“ einlädt.
Hier nur so viel:
Als dies Steinhaus in der Mani entstand, faszinierten mich die leeren Fensteröffnungen. Sie boten einen herrlichen Ausblick ins weite Fruchtland, hinunter bis zum Meer, hinauf ins Gebirge. Ungern ließ ich es zu, sie durch Fensterrahmen zu verengen und durch Glas zu verschließen – aber das musste ja sein. Jalousien, wie hier üblich, wollte ich aber nicht. Ganz ohne Schutz gegen Einbrüche ginge es aber auch nicht. Und so beschlossen wir, die Fenster zu vergittern.
Normale Gitter geben einem Haus das Flair eines Gefängnisses. Ich wollte Gebogenes haben, das sowohl ein Gefühl von Sicherheit als auch von Offenheit vermittelt. Gebogen = geborgen, dachte ich. Und wie ich so saß und überlegte, kam mir die Idee: Mach doch ein Eulengitter! Ich skizzierte den Einfall und brauchte nun nichts weiter zu tun, als einen Schlosser zu finden, der die Skizze in Eisen umsetzen würde. Wunderbarerweise fand sich ein solcher: Er passte die Form der Eule an die wechselnde Größe der Fenster höchst geschickt an, fügte noch Zierrate hinzu – und seither schauen wir durch diese angenehmen Öffnungen, die, wenn man es nicht besser weiß, auch Herzen sein könnten.
Die Türvergitterungen aber traute sich dieser geschickte Schlosser nicht zu, und so empfahl er uns einen Kollegen, der es tatsächlich schaffte, das Eulenmotiv – nun schon leicht ins Klassisch-Griechische verändert – auch für die Türen anzupassen.
Gestern, nach der Lektion über die Perspektive, hatte ich Lust, mich noch mal an der Realität abzuarbeiten. Am Hafen fand ich einen Poller, um mich drauf zu setzen, zückte meinen Winzlingsblock und einen blauen Kugelschreiber, um die Straßenszene perspektivisch richtig nachzuzeichnen.
Ein wenig wacklig wurde die Zeichnung – aber man bedenke, hier ist Erdbebengebiet, die Stadt wurde vor 35 Jahren fast dem Erdboden gleichgemacht. Da dürfen dann auch die heutigen Mauern noch nachbeben. Was mir besonders auffiel, war, dass der gepflasterte Teil des Platzes rechts – daneben beginnt das Hafenbecken – schnurgrade auf eine sehr hohe Palme zuläuft, die wie ein Ausrufungszeichen die Senkrechte anzeigt. Das Gebirge dahinter war gestern recht dunkel und nahegerückt, so dass sich ein dramatischer Kontrast mit den helleren Häusern ergab.
Leichter und und frühlingshafter ist diese Farbversion: