24.2.2021 Will.i fragt nach den Eulen und der Demokratie – eine Zimmerreise

Mein Startpunkt für die Zimmerreisen ist heute der Kaminsims. Ihr wisst, Heide von der Puzzleblume hat zu solchen Reisen angeregt, durch die wir die Gelegenheit haben, aus dem Vierlerlei unserer Haushalte das eine und andere auszuwählen und eine persönliche Geschichte daran zu knüpfen. Und ich muss sagen, ich finde nicht nur die Idee, sondern auch die Geschichten, die sich bisher entwickelt haben, irgendwie ganz besonders, persönlich anrührend.

Heute also sehe ich Will.i, wie er vor dem Kaminsims steht und schief lächelt. „Gehts noch?“ sagt er, als ich ihn auf das anspreche, was er da entdeckt hat. Und tatsächlich: eine Eule als Weihnachtsmann, dazu auch noch Ende Februar, auf dem Kaminsims! Gehts noch?

Aber so ist es nun mal in unserem Haushalt: Alles geht, was irgendwie von Ferne mit Eulen zu tun hat. Und sammelt sich auf dem Kaminsims oder einem Regal, einer Wand oder einem Stuhl, einem Fenster oder auch in der Luft hängend an.

„Du musst das verstehen“, sage ich zu Will.i. „Dies ist ein Geschenk und als solches vor Kritik bewahrt. Jeder, der zu uns kommt, bringt eben irgendwann eine Eule mit, das ist unausweichlich. Und jeder will eine Eule bringen, die es in unserer Sammlung noch nicht gibt. Ganz einfach ist das nicht, denn wir haben inzwischen hunderte. In der Athener Wohnung, die du leider noch nicht kennst, haben wir sogar eine Extra-Vitrine, um all die Eulen angemessen unterzubringen.“ – „Ja, spinnt ihr eigentlich?“ fragt Will.i nun leicht verstört. „Warum sagt ihr den Leuten nicht, sie sollen gefälligst aufhören, euch Eulen zu bringen? Wollt ihr am Ende noch eine dritte Wohnung aufmachen, damit die Eulen alle Platz haben?“

Nein, nein, möchte ich antworten. Nein, wir wollen keine dritte Wohnung, nein wir brauchen auch keine, denn die Eulen sind ja klein, nein,wir wollen auch niemandem sagen, keine Eulen mehr zu bringen und nein: auch wir wollen nicht aufhören, von jeder Reise Eulen heimzubringen. Hoffentlich können wir bald wieder reisen.

„Mit den Eulen“, so murmele ich stattdessen, „mit den Eulen verbindet sich eine ganz besondere Geschichte.“ Da wird sogar der Will.i hellhörig. „Erzähl!“ – „Na gut, es war in dem Jahr, als ich Panos kennenlernte. Das war im April 1967 in Kiel. Er demonstrierte, weil in seiner Heimat Griechenland Militärs die Macht übernommen und eine Diktatur errichtet hatten.“ -„Eine Diktatur?“ – „Ja, Will.i. In Griechenland waren viele Menschen unzufrieden und streikten immer wieder. Sie wollten eine Regierung, die sich endlich um ihre Bedürfnisse kümmerte. Aber das passte manchen nicht, und so ließen sie Panzer auffahren, verhafteten eine Menge Menschen, die das Volk „aufgewiegelt“ hatten und setzten sich an die Stelle der gewählten Regierung. Das passiert leider immer wieder, überall in der Welt. Viel wusste ich nicht von Griechenland, aber das wenige reichte, damit auch ich auf die Straße ging.  Und so lernte ich Panos kennen.“ – „Und was hat das mit den Eulen zu tun?“ – „Es gibt in Deutschland eine Redensart: ‚Eulen nach Athen tragen‘, die kannte ich, und so schenkte ich ihm eine Eule und sagte: ‚Mach dir keine Sorgen, du wirst schon noch viele Eulen nach Athen tragen‘. Wir haben dann geheiratet und von jeder Reise eine Eule mitgebracht. Auch Freunde begannen, uns Eulen zu schenken. Nach sieben Jahren waren es schon eine ganze Menge. Dann wurden die Militärs zum Teufel gejagt, die Demokratie kehrte zurück und Panos konnte in seine Heimat reisen.“ – „Und hat all die Eulen mitgenommen, um sie nach Athen zu tragen…“, meint Will.i grinsend. „Nein, nein, nicht sofort. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich endlich nach Athen umsiedeln konnte. Und die Eulen nach Athen brachte. Seither sind viele dazugekommen. Zum Beispiel diese hier. Die machen die drei Affen nach. Nix sagen – nix sehen – nix hören. Ganz aktuelle Eulen“.

„Was willst du damit sagen?“ fragt Will.i misstrauisch. „Dass wir in einer Diktatur leben?“ – „Ach was, mein Will.i. Wir leben in einer Demokratie, mit einer gewählten Regierung. Und die meisten sind froh, dass sie diese Regierung haben.“  „Du nicht?“ – „Doch, doch, ich auch. Nur grassiert jetzt eine Krankheit, und ich bin mit vielem nicht einverstanden, was die Regierung deshalb beschließt und anordnet. Und zwar nicht nur hier, sondern auch in anderen Ländern, so auch in Deutschland. Ich sage zum Beispiel: diese Maßnahmen sind schlimmer als die Krankheit. Wenn ich es sage, sind mir meine Freunde böse und wollen nichts mehr mit mir zu tun haben“. – „Das versteh ich nicht. Wieso sind sie dir böse, wenn du sagst, was du meinst?“ – „Ja, Will.i, das weiß ich auch nicht. Vielleicht haben sie Angst, dass sie krank werden, oder sie denken, wenn sie mit mir befreundet sind, kriegen sie Ärger.“ – „Aber wieso? Wir leben doch in einer Demokratie, sagst du?“ – „Ja schon, aber auch in einer Demokratie wollen die meisten nichts zu tun haben mit denen, die anderer Meinung sind als die meisten. Aber lass man, pst! reden wir lieber nicht laut darüber, sonst gibt es gleich wieder Kloppe. Besser wir legen eine Eule, damit wir was zu essen kriegen.“

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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25 Antworten zu 24.2.2021 Will.i fragt nach den Eulen und der Demokratie – eine Zimmerreise

  1. pflanzwas schreibt:

    Eine schöne Geschichte Gerda und eine witzige Eulensammlung 🙂 Was es nicht alles für Eulen gibt. Ich glaube, so viele verschiedene sah ich hier noch nie. Wie schön, daß sie dich mit deinem Mann verbinden! Gibt es den Satz Eulen nach Athen tragen im Griechischen nicht? Das kommt doch aus Griechenland?!

    Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Doch, Almuth, den Spruch gibts auch auf griechisch, sogar auf Altgriechisch. Aber das wusste ich damals natürlich nicht. «κομίζω Γλαύκα εις Αθήνας», Αristophanes, die Vögel. Bedeutet, etwas allseits Bekanntes so zu erzählen, als sei es eben erst erfunden worden. Die lokale Legende sagt, dass dieser Spruch nach langer Vergessenheit wieder bemüht wurde, als der bayrische König Otto als König Otto I in Athen einzog. Er brachte eine lebende Eule mit, die ihm in Piräus als Geschenk übergeben worden war. Aber die Athener, die dachten, Otto hätte die Eule aus München mitgebracht, um die Stadt Athen zu ehren, die bekanntlich die Eule im Stadtwappen trug, machten sich über ihren neuen König lustig. Ha, er trägt Eulen nach Athen! Das war 1834. Und wurde seither zu einem geflügelten Wort.

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  2. Johanna schreibt:

    Gerda, das ist ganz prima! Die Eulengeschichte ist so auch für mich aufgefrischt, Dein vielschichtiger Austausch mit Will.i sagt es klipp und klar und die Eule am Ende ist eine tolle Lösung! (Bis die nächste unausweichliche Frage kommt…)

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  3. puzzleblume schreibt:

    Deine Eulensammlung, die über die Jahre wächst und wächst, als Zeichen der Verbundenheit finde ich sehr schön, den Eulenteller auch.

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  4. finbarsgift schreibt:

    Was für eine feine Eulengeschichte …
    Schön sich zu erinnern wie das gemeinsame Leben damals begann.
    Herzliche Morgengrüße vom Lu

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  5. Gisela Benseler schreibt:

    Eine schöne Eulensammlung. Und Worte, die ihre Aussage haben. Ich kann ihnen nicht widersprechen, suche aber nach einer höheren Erklärung, wofür vielleicht das Wort „Schicksal“ paßt.

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  6. Linsenfutter schreibt:

    Moin Gerda.
    Solltest Du zu den Lesern gehören, die auch so einen widerlichen Kommentar, der angeblich von mir stammt, erhalten haben, dann schaue bitte auf meinen Blog und bilde Dir danach eine Meinung.
    Danke.
    LG Jürgen

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Lieber Jürgen, zum Glück ist b ei mir so was noch nicht anfekommen, aber ich las dasselbe von Serap, auch ihr Blog wurde anscheinend gekidnappt. Es ist sehr ekelhaft, aber hab eine Sorge. Wir alle kennen dich und wissen. was von dir kommen kann, was nicht. Liebe Grüße! Gerda

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  7. und die Eulensammlung wusch und wuchs …
    *diese Maßnahmen sind schlimmer als die Krankheit.*
    Das denken bei uns inzwischen auch viele Menschen, liebe Gerda!
    Auch in einer Demokratie wird gelogen. Das ist einfach so und wird sich nie ändern.

    Gefällt 1 Person

  8. Leinwandartistin schreibt:

    So eine wunderschöne Eulengeschichte, mir ist das Herz aufgegangen.

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