Impulswerkstatt : Boote (Legebild Ruderer)

„Es gibt ja auch Menschen, die das Glück haben, am Meer zu wohnen, und für die gestreiftes Sonnenuntergangswasser und unendliche Weiten ganz alltäglich sind.“ So schreibst du, liebe Myriade, in deiner Einladung zu diesem schönen Bild. Bekanntlich bin auch ich eine dieser Glücklichen. Und so könnte ich versucht sein,  aus meinem Archiv diesmal Meeressonnenuntergänge herauszusuchen. Vielleicht tue ich es ja noch. Denn das Sonnenuntergangs-Schauspiel ist einfach zu schön und man bekommt wohl nie genug davon.

Dein Bild hat aber noch eine weitere Besonderheit: es zeigt Spuren sich kreuzender Bahnen – vermutlich sind da Schnellboote langgedüst? Und so dachte ich drüber nach, welche Art von Schiffsverkehr mir denn am meisten zusagt. Das Ergebnis: Boote, gerne auch bis zur Größe eines Kümo (Küstenmotorboot) oder eines Kaiki (griechisches Fischerboot). Geruhsames Segeln, lautloses Rudern und Paddeln sind mir am liebsten. Aber ich mag auch Fähren wie die, die mich als Kind über den heimischen Binnensee und später dann über das Meer zu einer Insel, nach Italien, an die türkische Küste, nach Israel oder Algerien brachten. Auch große altertümliche Frachter mag ich und schaue ihnen lange nach, wenn sie am Horizont entlangziehen,  bin auch schon selbst auf einem gereist, vor vielen Jahren. Containerschiffe sind ein trauriger Anblick, und Schnellboote sind mir verhasst, und ich fürchte sie, wenn sie küstennah über das Wasser rasen.

Natürlich habe ich viele Bilder mit Booten gemacht. Heute legte ich aus grob gerissenen Schnipseln eine neue Szene. Still zieht das Ruderboot durch die Abenddämmerung. Ein Sichelmond zeigt sich zwischen dem farbigen Gewölk. Ich höre nur das leise rhythmische Klatschen und Platschen der Ruder, die ins Wasser tauchen. Manchmal dringt der Ruf eines Nachtvogels an mein Ohr. Die Fische streben lautlos ihren Schlafplätzen zu. Verzaubert ist die Welt.

Eindrucksvollere Bootsbilder gibts natürlich, so zB diese Montage aus Legebild und Foto:

oder auch dieses Gemälde mit gedrängten Bootsleibern (Pigmente, Kleister auf Leinwand)

Oder auch dieser pfeifenrauchende Bötchenfahrer mit angelndem Hund (Legebild)

Danke, Myriade, für die schöne Anregung. Hat mir Freude gemacht.

 

 

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5.3.2021 Will.ie überdenkt ihre Berufswahl (abc-etüde)

Und noch eine dritte Strickjacken-Etüde für Christianes abc-Projekt . Diesmal in feiner Prosa.

abc.etüden 2021 08+09 | 365tageasatzaday

Ich misch mich nicht in Will-ies Entschließungen ein. Es hätte sowieso keinen Sinn, denn wer bin ich, um zu bestimmen, was aus diesem Jahr noch werden kann? Dennoch gebe ich zu, dass mich ihre gestrige Berufswahl „Kriegsberichterstatterin“ konsternierte. Hieß das, dass es neue Kriegsschauplätze geben würde, vielleicht ganz nah bei uns? Überall blinken ja rote Warnlampen:  der Nahe Osten kommt nicht zur Ruhe, die EU-Russland-Beziehungen werden immer angespannter, im Pazifik bilden sich neue Konfliktherde und die alten Kriege in Afrika, Asien und Südamerika schwelen weiter. Der Frieden ist auch hier im Südosten Europas trügerisch, eine dauernde Spannung herrscht zwischen den verschiedenen Spielern, da kann schnell ein übles Feuer ausbrechen, das schwer zu löschen wäre.

Wie froh war ich daher, als ich heute morgen Will.ie entdeckte, wie sie sich Max dem Kater liebevoll näherte. Er lag auf der Gartenbank …

und streckte ihr sein Bäuchelchen hin: „Streichel mich!“ sagte er.  „Ich ziehe auch meine Krallen ein, versprochen!“ Und sie streichelte ihn und kraulte ihn hinterm Ohr und sagte zärtlich zu ihm: „Max, ich glaub, ich werde doch lieber Tierärztin. Oder ich mache ein Asyl für heimatlose Tiere auf, oder beides. Was meinst du?“ – „Tierärztin geht in Ordnung“, schnurrte er. „Aber das mit dem Asyl würde ich nicht so begrüßen. Wer weiß, wer sich da alles einfindet. Allerlei unsicheres Gesindel, elende Kreaturen, Hunde. Ich finde, es reicht völlig, wenn du dich um mich kümmerst. Wenn du willst, kannst du noch ein paar meiner Freunde mitbewirtschaften, dann aber ist wirklich Schluss, würde ich sagen. Stell dir mal vor, du wärst wie diese alberne Nachbarin in langer Strickjacke, die bei jedem Wetter mit ihrem Hund Gassi geht. An jedem Baum bleibt er stehen, um zu pinkeln. Gibt es etwas Alberneres? Nein, du bist zu Besserem geboren, Will.ie. Katzenpflegerin ist ein erstklassiger Beruf. „ (300 Wörter)

Nachbarin führt ihren Hund Gassi

 

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5.3.2021 Will.ie fasst einen Beschluss

Eigentlich will ich schlafen gehen, aber Will.ie sucht Unterhaltung. „Ich weiß jetzt, was ich werden will!“ verkündet sie. „Na, und was?“ frage ich schlaftrunken. „Kriegsberichterstatterin!“. Sofort bin ich hellwach. „Wie bitte? WAS willst du werden?“ – „Na, Fotografin in Kriegsgebieten. Und tu jetzt nicht so, als wüsstest du nicht, was das ist.“ Natürlich weiß ich, was das ist. Aber Will.ie? Und warum? „Stehen uns denn Kriege ins Haus? Ich dachte eigentlich, wir könnten die Kriege mal vergessen. Sicher, es schwelt an allen Ecken und Enden. Aber nun haben wir doch einen friedensliebenden Präsidenten in den USA, und da sollte doch eigentlich….“ –  „Friedensliebend? Ja, spinnst du?“ fährt mir Will.ie dazwischen. „Kaum im Amt, lässt er bombardieren. Und wenn ers nicht war, der es befohlen hat, dann hat er eben nichts zu sagen, und das wäre fast noch schlimmer. Ich habe mich jedenfalls entschlossen.“ – „Aber warum denn bloß?“ frage ich leicht verzweifelt, „der Job ist gefährlich. Wie leicht kann dir da was passieren“. –  „Ich hab rumgelesen“, klärt mich Will.ie auf. „Hab allerlei Biografien gelesen. Schließlich bin ich bald 18 und brauche eine Identität.  Es gibt da sogar extra Internetseiten, wo man eindrucksvolle Frauenbiographien lesen und für sich adaptieren kann. Da konnte ich wählen zwischen Hausfrau und Mutter von acht, Tiefsee-Forscherin, Dichterin, Freiheitskämpferin,  Präsidentengattin, Aussteigerin im Urwald, Radrennfahrerin und eben auch Kriegsberichterstatterin. Die kam dann noch zweimal, erst in dem Film, den wir vorgestern zusammen ansahen, und schließlich noch in einem Eintrag deiner Blogfreunde.“ – „Hä?“ – „Ja. Dieser Olpo schrieb da was über eine Moira. Das gefiel mir. Ihr Name auch. Warum heiße ich nicht Moira wie die Schicksalsgöttin der Griechen?“ – „Warum? Weil du keine Schicksalsgöttin bist, meine Kleine. Nun bin ich aber doch gespannt, was du beim Olpo gelesen hast?“ (https://olponator.wordpress.com/2021/01/31/1678-fiona-abgekupfert/) – „Da steht: Moira ähnelte ihrer Mutter weder äußerlich noch in ihrem Charakter. – Das allein ist schon mal Klasse.  Sie war eine … vielseitig interessierte junge Frau. Genau, das bin ich auch! Das einzige Problem, das sie ihren Lehrern verursachte, war, dass sie sich nicht entscheiden konnten, welche Studienrichtung sie ihr empfehlen sollten. Mit mir würde es Lehrern genaus gehen. Mit sechzehn wurde sie schwanger. Das passt ganz gut. Ich glaub, ich bin auch schwanger.  Mutter Fiona empfahl …Großmutter Fiona versprach … Doch Moira wurde freie Journalistin mit 18 und dokumentierte… die aktuellen Kriege der Welt von Orten in vorderster Linie, an die sich die meisten ihrer männlichen Kollegen nicht um allen Pulitzer-Ruhmes der Welt wegen begeben würden … Also ich finde, die Identität würde mir gut stehen. Was ist Publitzerruhm?“ – „Bitte, Will.ie,  strapazier meine Nerven nicht. Du bist doch nicht etwa schwanger?“ – „Ist das alles, was dich interessiert? Meine Berufswahl ist dir wohl schnuppe?  Vermutlich denkst du wie Moiras Großmutter: du unterstützt mich, bis ich auf eigenen Füßen stehen kann. Aber ich versichere dir: ich kann allein für mich sorgen. Und auch für mein Kind. Wenn ich denn eins krieg. “

O weh! „wenn ich denn eins krieg“… krieg… Krieg … Kriegsberichterstatterin. Dieses Kind ist wirklich ein bisschen strapaziös. Wenn ich bedenke, was für ein liebes Kind es als Will.i war! Will es denn direkt in sein Unglück rennen?

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Will.ie dichtet (kata-strophische abc-Etüde)

abc.etüden 2021 08+09 | 365tageasatzaday

„Ich hab hier zwei neue Legebilder, Will.ie. Und brauch ne Geschichte dazu. Kannst du mir helfen?“

„Lass mal sehen.  Ah, diesmal keine Scherben? Nix mit Sterben?“

„Nun hör mal zu, Will.ie. In der Geschichte muss ich drei Wörter unterbringen, und zwar Strickjacke, trügerisch, entdecken. So sind die Regeln des Spiels, das Christiane jede zwei Wochen neu eröffnet. Die Wörter sind diesmal von Wortgeflumselkritzelkram.“ – „Wie bitte? Ist das ein Name?“ – „Schon, ist der Name eines Blogs. Die Blogbetreiberin heißt Sabine.“

„Und wo ist das Problem? Sone Geschichte lässt sich doch leicht zusammenreimen“ – „Leicht? Dann zeig mal, was du kannst, Will.ie!“

„Hm, also…

Beginnen wir mit dem ersten Bild:

Kommt ein Vogel angeflogen

Ist dem Peter sehr gewogen

Und der Peter freut sich mächtig

Streckt die Hände aus andächtig

Drauf lässt sich der Vogel nieder …

Singt dem Peter hübsche Lieder.

„Bitte, Will.ie, so geht das nicht. Ich brauche eine Geschichte mit den drei Wörtern: Strickjacke…“ – „Ach ja, klar. Strickjacke trügerisch entdecken. Also noch mal von vorn!

Der Junge von nebenan

Der hat eine Strickjacke an.

 Die ist ihm zu groß

Hängt ihm über die Hos.

Das ist nicht ideal

Ist ihm aber scheißegal.

Die Oma, die steht rum

Und denkt, der Junge ist dumm.

Doch will sie nicht anecken

Und verschwindet um drei Ecken.

Da hat Frau Frunse ihn entdeckt

Die ist auch nicht sehr aufgeweckt

Die sieht den Vogel, ruft „Geh weg

Sonst machst du auf dem Weg noch Dreck.“

Der Vogel sagt

„Eh man mich plagt

adee,

ich geh!“

das tut dem Nachbarjungen weh.

Er wollte gern nen Vogel haben

Sich stets an seinem Anblick laben

Er wollt ihn füttern und ihn lehren

Nur ihn allein, sonst nichts begehren.

Doch leider, ach, wie trügerisch

Sind Vögel,  ich zähm einen Fisch.“

„Nun ja“, sage ich. „Die Wörter sind drin. Und reimen tut es sich auch. Aber ob das nun eine Geschichte ist?“ – „Wenn du eine bessere hast: bitte!“ kommt Will.ies schnippische Antwort. Also überlass ich es dir, lieber Leser, liebe Leserin, zu urteilen, ob das nun eine Geschichte ist.

 

 

 

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3.2.2021 Will.ie liest und imaginiert sich vom Ende her (zwei Gemälde zu Humboldt, Conquista)

Will.ie liest und liest. Sie frisst die Bücher förmlich in sich hinein. Massen von Büchern. Zum Glück haben wir genug Bücher diversester Richtungen, es gibt Nachschub für fast jeden Geschmack – Geschmacklosigkeit ausgenommen. Will.ie hockt inmitten dieser Haufen von Büchern, stöbert, blättert, liest vorwärts und rückwärts. Bleibt an einem Satz hängen, streicht ihn dick an, schmeißt das Buch dann in die Ecke, angelt sich ein anderes. Ich lasse sie gewähren, frage mich aber doch: Was ist das nun wieder für eine Manie?

„Suchst du was Bestimmtes?“ frage ich schließlich. „Vielleicht kann ich dir einen Tipp geben.“ – „Ich suche eine passende Identität“, murmelt Will.ie und greift sich das nächste Buch. Die Vermessung der Welt ist der Titel. Aha, Daniel Kehlmann, Alexander von Humboldt, Carl Friedrich Gauß. Ich merke, wie sie sich in den Text förmlich reinfallen lässt, lasse sie lesen.

Mathematik, Zahlen, Forschen, die Welt vermessen – ja, denke ich, da steckt viel Will.i drin. In die Richtung hätte er sich entwickeln können. Und Will.ie mit ihrem Trip nach Amerika, von dem sie als Rothaut zurückkam… Allerdings sind diese beiden Männer, so wie Kehlmann sie schildert, ziemlich unangenehme Typen. Einseitig, borniert, in seiner menschlichen Entwicklung recht zweifelhaft, dieser Gauss. Und Humboldt? ein mutiger, sogar tollkühner Reisender, systematisch das Unvermessene Erforschender, ein Aufklärer und Entmystifizierer, aber  ist nicht auch er ein bisschen lächerlich mit seiner Bruderfixierung, seinen pädophilen Neigungen? Und beide ahnen am Ende, dass ihre glanzvollen Taten nichts als eine Gelegenheit für der Mächtigen sind, sich die Welt ein Stück mehr zu unterwerfen. „Embedded Science“ – Wissenschaft im Dienste der Herrschenden.

Diese meine Überlegungen unterbricht Will.ie. „Hör mal, was hier steht! ‚Ihm fiel ein, daß Gauß von einer absoluten Länge gesprochen hatte, einer Gerade der nichts mehr hinzugefügt werden konnte. Für ein paar Sekunden, im Zwischenreich von Wachen und Schlaf, hatte er das Gefühl, daß diese Gerade etwas mit seinem Leben zu tun hatte.‘  Mir scheint, es hat vor allem mit meinem Leben zu tun. Ich weiß ja bestimmt, habs bei meinem Flug über Amerika erfahren, dass der Jahreswechsel schon unterwegs ist und das kommende Jahr sich vorbereitet, sich zu inkarnieren. Ich ahne nicht, ich weiß, dass meine Zeit unausweichlich am 31.Dezember endet. Und da ich das weiß, werde ich mich keinen Täuschungen hingeben wie diese beiden. Ich will nicht als vertrottelte Alte enden!“

„Und? Wie willst du das verhindern?“ frage ich, und ich fürchte, mein Ton ist ein bisschen sarkastisch. -„Das weiß ich noch nicht. Ich suche halt noch nach einer passenden Identität“. Ach, diese Jugend! In meinem Herzen aber wünsche ich ihr und mir, dass es ihr gelingen möge und dass sie am Ende ihres Jahres nicht dasteht wie ein vertrottelter Alter, den man mit einem Fußtritt ins Nichts befördert und ihm nachruft: ‚Gut, dass es mit dir zu Ende geht! Verschwinde! Auf ein Neues, das besser werden möge als du! Prost Neujahr!‘

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Alexander von Humboldts Reise nach Südamerika habe ich in zwei Blog-Einträgen erwähnt.

Am 18.12.2015 zeigte ich ein Gemälde, das direkt aus meiner Beschäftigung mit Kehlmanns Roman hervorgegangen ist.  https://gerdakazakou.com/2015/12/18/alexander-von-humboldts-reise-nach-suedamerika/. Hier nur das Gemälde.

Einen Tag später,  am 19.12.2015, zeigte ich eine andere Gemäldereihe,  in der ich die Zerstörung der Inka-Kultur imaginierte. inhttps://gerdakazakou.com/2015/12/19/conquista/ Hier nun nur die letzte Version:

 

 

 

 

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2.3.2021 Mit Will.ie am Meer (tägliches Zeichnen)

Es ist schön, eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, neben sich zu fühlen, wenn man hinuntergeht ans Meer, sich auf den Felsen einer Mole setzt, hinschaut auf die Wasserfläche, in der die tiefstehende Sonne eine Lichtbahn malt, den kleinen Skizzenblock aus der Jackentasche fischt, auch einen Stift findet und beginnt, die Häuserfront des Dorfes zu zeichnen.

Die junge Frau, fast noch ein Kind, atmet neben dir. Sie ist nicht mehr aufgeregt, nicht überkandidelt von zu viel Unterhaltung und Reisen und Wechsel, sondern kommt zu sich. Sie fragt sich vielleicht: Wer bin ich nun mit meinen 60 Tagen, siebzehnjährig, eben noch ein Junge, nun Frau? Wie fühlt sich der Tag an, wie das gestern, das morgen?

Wir sprechen nicht. Das ist nicht nötig. Ich kenne das ja, weiß wie es ist, siebzehn zu sein und ein Mädchen oder auch eine junge Frau, wie es sich anfühlt, an einem Meer zu sitzen, den leichten Wind zu spüren, dem Plätschern der Wellen zu lauschen, damals wie heute, weh und wild das Innere, nach außen gefasst.

Ich zeichne in meinem Winzlingsblock die Häuserreihe. Ich zeichne sorgfältig, konzentrirt, die Häuser, die Mauern, das Geröll, die Bäume, den Berg. Will.ie sitzt nicht weit entfernt. Sie blickt aufs Meer. Manchmal steht sie auf, reckt sich, macht ein paar Schritte. Einmal ruft sie laut, wie ein Vogel im Sturm.

Ich zeichne noch andere Häuser, aus anderem Blickwinkel. Manchmal geht das Sonnenlicht wie ein Scheinwerfer über die Wände, die hell aufleuchten, während scharfe  Schatten sich bilden.

Es tut gut, sie neben mir zu wissen. „Na, meine Weitgereiste? Wie fühlt es sich hier an für dich?“ frage ich schließlich. Aber wo ist sie denn? Eben war sie doch noch…. Ah! Sie tanzt!

 

 

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2.3.2021 Was ist nur mit Will.ie los?! Besorgte Gedanken und neue Einsichten.

Die Nacht war kurz, und geschlafen habe ich schlecht. Die Gespräche mit Will.ie gingen mir durch den Kopf, unruhig wendete ich sie hin und her. So manches wollte sich mir nicht zusammenreimen. War alles wirklich so harmlos gewesen, wie sie erzählte? War ihr etwas zugestoßen? Log sie mir was vor?

Ihre merkwürdigen Wahrnehmungen: New York eine ausgestorbene Stadt! Als wir dort waren, ging es auf den Straßen rund. Menschen jeder Couleur, Autos jeder Machart, Geschäfte jeder Art, Imbisse für jeglichen Geschmack – ein endloses Gewusel.

Und dann dieses Kleidchen und die dicke Schminke! „Wenn man ein Mädchen ist, muss das so“, hatten ihr ihre Galane gesagt und sie in eine Spelunke geführt, „Puff“ nannte sie den verqualmten Ort. Hatten sie nur getanzt und vielleicht geraucht? Was geraucht? Was hatte ihr der eine auf seinem goldenen Teller gereicht? Was ist zwischen ihr und dem andern passiert, der eine rote Raute wie im Triumph schwenkt? Die roten Schnipsel – war das Konfetti oder vielleicht… ihr Blut? Hatte sie ihre Jungfernschaft verloren?

Sie sei dann weitergereist, in die Wüste, zu den Indianern. Saß auf einem Indianerpferd – gleichgültig, fast mit Widerwillen hatte sie davon berichtet. Und ihre zynische Art, über sich und den Casinobetrieb der „Rothäute“ zu reden … nein, das war nicht mein Will.i, wie ich ihn kannte. Da war etwas Neues in ihm entstanden, das ich verstehen musste. In ihm – in ihr – auch das kann ich noch nicht wirklich einordnen. Ist er nun ein Mädchen? War er immer ein Mädchen und ich hatte ihn für einen Jungen gehalten? War er bzw sie transgender aus innerer Notwendigkeit oder weil das eben heutzutage „so muss“? Was ist überhaupt ein weibliches, ein männliches Wesen, gibt es da seelische Unterschiede? Und wenn ja, welche? Will.i könnte ich mir nie in so einem Kleidchen vorstellen, umgekehrt wäre es problemlos: Will.ie als Junge gekleidet, auf dem Rücken eines Indianerpferdchens, das ginge prima. Auch mit Kumpels losziehen, rauchen, einen draufmachen – warum nicht? Das ist Jungenart, das brauchen sie, um erwachsen zu werden. Aber ein Mädchen mit Kleidchen und Stöckelschuh? Was ist ihre Rolle, was ihr Geschick?

Bin ich altmodisch? Fehlt mir das richtige Verständnis der Zeit, in der ich lebe? Ich selbst war freilich … Aber reden wir nicht von mir, sondern von Will.i-Will.ie, von heute, von jetzt.

Ach, da ist sie ja! „Guten Morgen, Will.ie!“ Unausgeschlafen schaut sie aus, nach einem Kaffee gelüstet es sie. Soll sie haben. Ich werde sie aushorchen, aber nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. „Wie hast du geschlafen? Komm, wir trinken einen Kaffee zusammen, und dann erzählst du mir noch was von deiner Reise, ja? Du wolltest mir doch noch sagen, was das für Herrschaften waren, mit denen du zu den Indianern geflogen bist. Und dann wasch dir mal diese schwere Schminke aus dem Gesicht, die sieht höllisch aus.  Brauchst du diese Karnevalsmütze noch?“

Will.ie gähnt, streckt sich, reibt sich die Augen. „Schon gut,“  sagt sie, „du willst wissen, was da in New York wirklich passiert ist“.  – „Nein, nein!“ antworte ich erschrocken. „Du brauchst mir nichts zu erzählen, es geht mich ja nichts an.“ – „Feige, was? Keine Lust auf Wahrheiten?“ sagt sie und grinst unter ihrem verschmierten Makeup hervor. „Wie du willst. Reden wir von meinen Mitreisenden. Der eine hatte zwei Gesichter, ein unbestimmtes Alter und nannte sich Janos. Er sagte, er sei unterwegs zum Jahreswechsel. Jedes Jahr mache er diese Route. Und wenn er am Ziel angekommen sei, sei ich tot….

Die andere ist auf demselben Weg, aber noch nicht geboren. Sie inkarniert sich grad.  Wird das Jahr 2022 sein. Meine Ablösung….

Und mach nicht so ein betroffenes Gesicht! Du weißt doch genauso gut wie ich, wie es in der Welt zugeht. Es ist, wie es ist. So, und jetzt hätte ich gern einen Kaffee, bitte!“

 

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2.3.-3.3.2021 Eine lange Nacht mit Will.ie

Erst schlief sie stundenlang auf dem Sofa, dann wollte sie nur noch reden und nicht ins Bett gehen, während meine Augen immer mehr zufielen. So sind sie, die jungen Leute. Aber ich will nicht meckern, denn ich bin ja froh, dass Will.i bzw Will.ie zurück ist. Ohne ihn bzw sie fühle ich mich, als sei ich aus der Zeit gefallen. Wie sich das anfühlt? Na, eben aus der Zeit gefallen, nicht dazugehörig, irgendwie schon überfällig. Nun wo Will.ie wieder da ist, gehöre auch ich wieder ein wenig dazu. Es lebe die Jugend.

Das sage ich ihr auch, und sie ist einverstanden: Es lebe die Jugend. Das sagen sie auch drüben, auf der andern Seite des Atlantik, versichert mir Will.ie, sie seien ganz verrückt damit: Young müsse man sein, egal wieviele Jahre man auf dem Buckel habe. Aber neuerdings interessierten sie sich auch für die Alten, in jeder Form: die Alten, die nicht sterben dürfen wie sonst, und die Früheren, die sie umgebracht haben und die nun als real Americans oder Indigenes ein Comeback haben, ja, die Indianer, die mit den Federhüten. Zu denen sei sie nämlich gereist.

„Ja, wie denn?“ frage ich, um sie anzufeuern. „wie bist du denn dahin gereist?“ „Durch die Luft, wie denn sonst!“ kommt ihre Antwort. Klar, Will.ie ist eine Luftreisende, besonders in Vollmondnächten. „Ich fand eine nette Kumpanei, die mir das Fliegen beibrachte…

Das waren Typen wie ich, nur älter. Der eine war schon ein rechter Methusalem, mehr als 500 Jahre, der kannte noch echte Indianer und Büffel und ich weiß nicht was. Er behauptete, er sei das Jahr 1497. Da seien die Briten im Norden und die Spanier im Süden angekommen und hätten ein ziemliches Gemetzel unter den Indianern angefangen. Und auch unter den Büffeln. Aber es gebe noch ein paar Überlebende, keine Büffel zwar, wohl aber Indianer, wenn ich wollte, könnte er mich hinbringen. Ich wollte, und also flogen wir nach Colorado, aber da war nicht viel los, wems gefällt, mitten in der Wüste auf nem Indianerpferd rumzusitzen, also ich war da ein bisschen fehl am Platz…

Will.ie in Colorado auf einem Indianerpferd

Und so gings weiter nach Palm Springs, wo ich mich für älter ausgab, um ins Casino reinzukommen. Doller Kasten, sag ich dir, piekfein, und überall die großen Limousinen. Gehört den Rothäuten. Weil mir das gefiel, wurde auch ich eine Rothaut. Kann man in den Staaten werden, in Windes Eile. Es reicht, dass man erklärt: mein Opa war eine Rothaut. Fertig. Naja, die Indianer sind dann ein bisschen verschnupft, besser man hat da jemanden, der es einem auch bescheinigt. Jedenfalls bin ich nun eine Eingeborene, ich habs schwarz auf weiß. Da kann ich sogar ein Casino aufmachen und zahle keine Steuern. Wie findest du das?“

„Nun“, sage ich. „Wie du meinst“. – „Begeistert klingst du ja nicht grad. Was passt dir denn nicht?“ fragt Willl.ie schnippisch. „Warum soll ich nicht machen, was alle tun?“ – „Nun“, murmele ich, „wie du meinst“. Und denke an die Geschicke der Indianer. Und was aus ihnen geworden ist. Und dass mein Will.i sich doch sehr verändert hat. Der ist nicht nur eine Frau geworden, sondern da ist noch was anders mit ihm passiert. Er war ja immer schon scharf auf Zahlen. Aber doch nicht auf schnelles Geld? Auf Roulette? Auf American Way of Life? Ich seufze vernehmlich. „Wer waren denn die anderen beiden Herrschaften, mit denen du da gereist bist?“ frage ich schließlich.

Aber da ist es schon Morgen und der Himmel rötet sich, Besser, wir legen uns ein wenig aufs Ohr. Gute Nacht!.

 

 

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1.3.2021 Will.ie ist zurück! Geburtstag und die zweite Verwandlung.

„O, da bist du ja! Wo warst du denn solange, mein Will.i? Seit vorgestern, als du so wütend hinausgestürmt bist wie ein Verrückter … He, oder soll ich sagen: wie eine Verrückte? Du hast dich ziemlich verändert in den zwei Vollmondnächten, wo du weg warst! Bist du etwa eine Will.ie geworden?“

Will.i lächelt verschmitzt und blinzelt mir zu. „Warum nicht eine Will.ie? Leben wir nicht in einer Transgenderzeit? Und überhaupt: ich hatte Geburtstag und bin ja schließlich nicht nur für weiße Männer zuständig!“

Geburtstag? Nach ein wenig Nachdenken wird mir klar: Will.i wurde im Licht des Vollmonds geboren und feiert an jedem Vollmond Geburtstag! Am ersten Februar war sein erster Geburtstag, Vollmond auch damals, und er verschwand, rutschte von der Burg Haravgi (gänzendes Morgenrot) auf einem Längengrad nach Kenia zur African Lady, sauste dann hinüber nach Japan… und kam als Afrikaner zurück. Beweis? Hier, wenns beliebt.

Will.i trifft Shin.nin im Land der aufgehenden Sonne

Und nun ist er eben als junges Mädchen oder soll ich sagen: als junge Frau? zurückgekommen, als eine Will.ie. Da muss ich ja wohl sie zu ihm sagen. Das ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber warum nicht? Es gibt Schlimmeres, an das man sich gewöhnen muss.

Außerdem gefällt mir Willie. Ein charmantes, lustiges Wesen ist das, ein Lichtblick in meiner heute matttrüben Stube.

„Und?“ frage ich gespannt. „Wo warst du? Wo hast du dich herumgetrieben?“ – „Solltest du dir ja eigentlich denken können!“, antwortet Will.ie mit breitem Grinsen. „Siehst du nicht, wie ich aussehe? Eine Rothaut bin ich geworden! Hab mich an einen Mondstrahl gehängt und bin mit ihm immer nach Westen gezogen, über das große Meer. Viele Schiffe traf ich, große und kleine, Flugzeuge, Satelliten, Sterne und Planeten, ging auch tiefer, spielte mit den Fischen, den Vögeln, den Gestirnen. Da war es dann, dass ich merkte, wie ich zur Frau wurde.

Ich trieb dann weiter nach Westen. Gleich neben dem Meer ragt die Stadt New York auf, die ist riesig, mit tiefen Häuserschluchten. Da musste ich landen, denn da kam kein Mondstrahl hin.“

Will.ie auf einem Segler in Manhattan

„Und? hast du neue Freunde gewonnen?“ Denn Freunde zu gewinnen, ist doch das wichtigste im Leben eines jungen Menschen, der Geburtstag hat und auf Reisen ist. „Na, es geht so“, kommt die etwas rätselhafte Antwort. „Wen sollst du da schon kennenlernen. Nachts sind die Straßen einfach nur leer, wie ausgestorben.  Und wenn du doch wen triffst, ist er maskiert und reißt er vor dir aus, als wärst du der Teufel.  Wahrscheinlich, weil ich keine Maske trage.  Zwei der Maskierten waren schließlich ganz lustig, nahmen mich in einen verqualmten Puff mit und verpassten mir das outfit, das ich jetzt trage. Ich musste mir auch die Augen und den Mund anmalen. Sie sagten, das gehört so, wenn man ein Mädchen ist und Fasching feiert. Was ist Fasching?“

Ja, was ist Fasching?  Woher soll das Kind wissen, was Fasching ist? So viel weiß es schon, so weit ist es herumgekommen, aber dass man an Fasching maskiert herumgeht, das weiß es nicht. Fasching ist ja heuer verboten.  … Grad will ich zu einer Erklärung ansetzen, da gähnt Will.ie heftig. „Als es Morgen wurde, reiste ich weiter. Aber nun muss ich ein bisschen schlafen, ja? Siestazeit. Später erzähl ich dann weiter“.

 

 

 

 

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Montags ist Fototermin Der Berg gegenüber

Ich sehe ihn immer, täglich. Immer gleitet mein Blick über diesen Horizont, den der Berg mit dem Himmel bildet, gleitet hinauf zum Himmel mit seinem wechselnden Gewölk und hinab in die Tiefen, zu den Olivenhainen und kleinen Zypressenwäldchen. Seit ich hier wohne, seit zwanzig Jahren, zeichne ich mit den Augen diese Linie nach. Manchmal habe ich sie auch mit dem Stift nachgezeichnet. Fotografiert habe ich sie selten, denn es ist schwierig, sie als Ganzes zu erfassen. Heute habe ich es mit einem Panoramafoto versucht. Aufsteigend vom Meer (links) wandert der Blick langsam hinauf, folgt der Linie, die von Wolkenflammen umzüngelt ist.

Herangezoomt:

Die Farben wechseln ständig. Hier der Aufstieg von Meer, am 13. Januar 2021

Ein anderer Blick, leicht bevölkt, vom 8.Januar 2021

Ein Sturm kommt auf, am 28. Oktober 2020

Am 8. Oktober 2020, die Hänge im Frühlicht

Am 20. September 2020, mit Blick auf Kalamata des Nachts

Am 14. Juli 2020

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