3.2.2021 Will.ie liest und imaginiert sich vom Ende her (zwei Gemälde zu Humboldt, Conquista)

Will.ie liest und liest. Sie frisst die Bücher förmlich in sich hinein. Massen von Büchern. Zum Glück haben wir genug Bücher diversester Richtungen, es gibt Nachschub für fast jeden Geschmack – Geschmacklosigkeit ausgenommen. Will.ie hockt inmitten dieser Haufen von Büchern, stöbert, blättert, liest vorwärts und rückwärts. Bleibt an einem Satz hängen, streicht ihn dick an, schmeißt das Buch dann in die Ecke, angelt sich ein anderes. Ich lasse sie gewähren, frage mich aber doch: Was ist das nun wieder für eine Manie?

„Suchst du was Bestimmtes?“ frage ich schließlich. „Vielleicht kann ich dir einen Tipp geben.“ – „Ich suche eine passende Identität“, murmelt Will.ie und greift sich das nächste Buch. Die Vermessung der Welt ist der Titel. Aha, Daniel Kehlmann, Alexander von Humboldt, Carl Friedrich Gauß. Ich merke, wie sie sich in den Text förmlich reinfallen lässt, lasse sie lesen.

Mathematik, Zahlen, Forschen, die Welt vermessen – ja, denke ich, da steckt viel Will.i drin. In die Richtung hätte er sich entwickeln können. Und Will.ie mit ihrem Trip nach Amerika, von dem sie als Rothaut zurückkam… Allerdings sind diese beiden Männer, so wie Kehlmann sie schildert, ziemlich unangenehme Typen. Einseitig, borniert, in seiner menschlichen Entwicklung recht zweifelhaft, dieser Gauss. Und Humboldt? ein mutiger, sogar tollkühner Reisender, systematisch das Unvermessene Erforschender, ein Aufklärer und Entmystifizierer, aber  ist nicht auch er ein bisschen lächerlich mit seiner Bruderfixierung, seinen pädophilen Neigungen? Und beide ahnen am Ende, dass ihre glanzvollen Taten nichts als eine Gelegenheit für der Mächtigen sind, sich die Welt ein Stück mehr zu unterwerfen. „Embedded Science“ – Wissenschaft im Dienste der Herrschenden.

Diese meine Überlegungen unterbricht Will.ie. „Hör mal, was hier steht! ‚Ihm fiel ein, daß Gauß von einer absoluten Länge gesprochen hatte, einer Gerade der nichts mehr hinzugefügt werden konnte. Für ein paar Sekunden, im Zwischenreich von Wachen und Schlaf, hatte er das Gefühl, daß diese Gerade etwas mit seinem Leben zu tun hatte.‘  Mir scheint, es hat vor allem mit meinem Leben zu tun. Ich weiß ja bestimmt, habs bei meinem Flug über Amerika erfahren, dass der Jahreswechsel schon unterwegs ist und das kommende Jahr sich vorbereitet, sich zu inkarnieren. Ich ahne nicht, ich weiß, dass meine Zeit unausweichlich am 31.Dezember endet. Und da ich das weiß, werde ich mich keinen Täuschungen hingeben wie diese beiden. Ich will nicht als vertrottelte Alte enden!“

„Und? Wie willst du das verhindern?“ frage ich, und ich fürchte, mein Ton ist ein bisschen sarkastisch. -„Das weiß ich noch nicht. Ich suche halt noch nach einer passenden Identität“. Ach, diese Jugend! In meinem Herzen aber wünsche ich ihr und mir, dass es ihr gelingen möge und dass sie am Ende ihres Jahres nicht dasteht wie ein vertrottelter Alter, den man mit einem Fußtritt ins Nichts befördert und ihm nachruft: ‚Gut, dass es mit dir zu Ende geht! Verschwinde! Auf ein Neues, das besser werden möge als du! Prost Neujahr!‘

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Alexander von Humboldts Reise nach Südamerika habe ich in zwei Blog-Einträgen erwähnt.

Am 18.12.2015 zeigte ich ein Gemälde, das direkt aus meiner Beschäftigung mit Kehlmanns Roman hervorgegangen ist.  https://gerdakazakou.com/2015/12/18/alexander-von-humboldts-reise-nach-suedamerika/. Hier nur das Gemälde.

Einen Tag später,  am 19.12.2015, zeigte ich eine andere Gemäldereihe,  in der ich die Zerstörung der Inka-Kultur imaginierte. inhttps://gerdakazakou.com/2015/12/19/conquista/ Hier nun nur die letzte Version:

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Antworten zu 3.2.2021 Will.ie liest und imaginiert sich vom Ende her (zwei Gemälde zu Humboldt, Conquista)

  1. Myriade schreibt:

    Deine Kartonteile finde ich sehr interessant

    Gefällt 3 Personen

  2. kopfundgestalt schreibt:

    Embedded…
    Stelle dir mal Wissenschaft vor ohne Auftrag. Wie sollte das gehen?

    Gefällt mir

  3. Verwandlerin schreibt:

    Ich lese deine Ausführungen immer wieder gern, liebe Gerda.

    Ist wie Gymnastik für Intellekt und Fantasie…

    Gefällt 1 Person

  4. elsbeth weymann schreibt:

    Moin, moin Gerda ….Willi.ie ist und bleibt spannend !! Kehlmann scheint mir allerdings höchst freihändig mit den Daten seiner Protoganisten umzugehen… Vieles völlig faktenfrei zu erfinden . Man muss ihn wohl als freigestaltenden Künstler ,nicht als Historiker lesen. ??
    https://www.uni-potsdam.de/verlagsarchivweb/html/6019/html/holl.htm
    Dein Gemälde Conquista hat mich SEHR !! berührt. …die hellen Gestalten in der Mitte, die „weiter“ zu ziehen scheinen ?…trotz unfassbarer Zerstörungsgewalt, im Namen von Europa und Christentum (!)….blieb etwas Unzerstörbares. Dieser Gedanke kam mir, als wir in Cajamarca, in dem Adobe Haus waren, in dem der letzte Inka hingerichtet wurde…geführt von einer jungen indigenen, im Urteil sehr eigenständigen Archäologin. Sie strahlte dieses stolze Unzerstörbare aus. Ohne Verharmlosung— und ohne Hass….Ich frage mich manchmal nach diesen vielfältigen Konfrontationen der Kulturen heute–weltweit– auch wenn sie durch Flucht bedingt sind. Was geschieht hier ? …manchmal sogar Brückenschläge…
    Liebe Grüße –auch an die Will.i`s-in beiderlei Gestalt !
    elsbeth

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Liebe Elsbeth, was du da über dein Erleben im „Adobehaus“ (das Wort höre ich erstmals) berichtest, berührt mich tief. Deine anschließenden Gedanken sind auch meine. Wenn man all diese mörderischen Konflike und Vertreibungen der Vergangenheit und Gegenwart nicht inbezug auf das Leiden, das sie für den einzelnen Menschen brachten und bringen, sondern hinsichtlich der langfristigeren Ergebnisse anschaut, meint man zu erkennen, wie sich zwischen Tätern und Opfern neue Beziehungen herausbilden, die wichtige Impulse für die Menschheitsentwicklung setzen. Außerdem kommt es zu neuen geistigen Bewegungen und Begegnungen, zu Befruchtungen, ohne die eine Kultur wohl absterben würde.
      Zu Kehlmanns Darstellung der Humboldt-Brüder habe ich in dem früheren Eintrag ähnliches gesagt. Ich nenne solche romanhafte „Verwertung“ historischer Persönlichkeiten auch Leichenfledderei. Dennoch ist es lobenswert, dass der Autor zwei heute fast vergessene Menschen und ihre historische Leistung – meinetwegen auch in romanhafter Form – unserer Zeit nahegebracht hat. Die Art ihres Denkens und Handelns, ihre „Vermessung der Welt“, ist ja fast grundlegend für unsere Epoche, aber die wenigsten sich sich dessen bewusst.

      Gefällt 1 Person

  5. Willi.e liest kreuz und quer. Auch so kann ein Anfang von Belesenheit sein, doch dann sollte es jemanden geben, der neue und auch noch andere Impulse setzt. (Gerda ist da *lächel*, wie gut)
    Die Vermessung der Welt war für mich ein hochinteressanter Roman und setzte für mich die Impulse, mich mit Humboldt und Gauss ein wenig mehr zu beschäftigen, aus reiner Neugierde, die Kehlmann mit seinem Buch in mir geweckt hatte. An meine Allgemeinbildung dachte ich dabei nicht 🙂

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