Schnipselstories

Wann habe ich eigentlich die neuen Schnipsel in Betrieb genommen? Aha, am 4. März. Auf einmal waren die scharfkantigen Glasscherben nicht mehr gefragt, und stattdessen traten diese bläulich-gestreiften grob gerissenen Schnipsel in Aktion. Sie waren plötzlich da, wurden zu Mamas, Vögeln, Knaben, Hunden, Bäumen, Booten, Meeren, Felsen.

Heute, zwischen gewichtigen Terminen, formten sie sich neu. Zuerst wurden sie zu einem fröhlichen Freilichtmaler. Seine Staffelei steht, elegant das eine Bein voran, auf dem welligen Grund, die Bäume gewähren von hinten Schutz, während nach vorne freie Sicht auf einen Leuchtturm ist.  Möwen kreisen über seinem Haupt.

Hier siehst du den Freilichtmaler noch mal von Nahem.

Später fanden sich zwei andere Freizeitler ein. Mit sich führten sie ihre Drohnen, die sie durch die Luft sausen ließen. Welch erhabenes Gefühl, wenn die Fliegenden dem Befehl des Fingerdrucks gehorchen!

Der kleine Herr im Unterstand hat andere Gedanken. Ja, ja. Aber welche?

Dies Bilderlegen mit Schnipseln entspannt mich mehr als alles andere und macht mich fähig, mit schwierigen Situationen umzugehen.  Ich kann es wärmstens empfehlen.

 

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Gute Nacht, angenehme Träume! (doppeltes Legebild mit Boot)

Ich habe dieses doppeltgroße Legebild aus zwei normalgroßen digital zusammengefügt. Die Originale:

Küstenwanderung

Schifflein auf bewegter See

Die verwendeten Schnipsel sind auf beiden Bildern dieselben.

 

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Baumlinien (tägliches Zeichnen)

Nah herangerückt bin ich heute an einen Olivenbaum, um ein wenig mehr von den fließend-verknorpelnden Oberflächen seines Stammes zu erfassen.

Zwei Skizzen entstanden:

Wie sehr sich diese Linien doch von den armselig-technischen Linien moderner Gebäude unterscheiden! (Diese Zeichnung zeigte ich gestern)

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Landeskunde und ein bisschen zeichnen

Zweimal wöchentlich fahren wir zum Einkaufen nach Kalamata. Eigentlich dürfen wir das nicht mehr, denn erlaubt sind nur 2 km Bewegung rund um die Wohnung.  Wir könnten das Benötigte beim Supermakt bestellen und uns bringen lassen. So stellen es sich unsere Regierenden vor.

Wir fahren trotzdem. Würden wir erwischt, sollten wir 300 E Strafe bezahlen. Ja ja, wundert euch nur. Das ist Covid-Regime.

Nun, ich gehe sowieso nicht in Supermärkte, wo Maskenpflicht besteht, bin aber als Chauffeurin gefragt. Mein Mann macht die Einkäufe, und ich wandere solange auf Wegen, wo ich möglichst niemandem begegne.  Traurig. Aber so ist das nun schon seit einem Jahr, mit geringen Unterbrechungen. Man will die touristische Saison retten. Funktioniert freilich nicht, die Zahlen steigen, grad hatten wir einen Rekord an Krankenhauseinweisungen. Das ändert nichts an der Politik. Bis zum bitteren Ende, der totalen Pleite.

Ich wandere nicht nur herum, sondern zeichne auch zwischendurch. Zum Beispiel diesen Gebäudekomplex hinter dem Supermarkt. Das Krickelkrackel vor dem Staketenzaun sind etwas krüppelige Oleanderbüsche.

In Griechenland herrschen andere Bausitten als in Deutschland. Man baut, wie man mag oder kann. Da gibt es kleine zerfallende Häuschen, geputzte Einfamilienhäuser, Wohnmaschinen, verwilderte Flächen mit Baumbestand, Gärtchen, Bauruinen, schicke Villen, alles nebeneinander. Die Straßen sind „irgendwie“, teils asphaltiert, teils Erde und Stein, Löcher, Unkraut, hier und da ein Stück Bürgersteig.  Bei meinem Herumwandern bleibe ich auf einer Leerfläche stehen, wo irgendwer einen Unterstand für sein Feuerholz gebaut hat, im Hintergrund die Stämme von Oliven.

Nicht weit davon entfernt verlustieren sich hinter einem Gitter Hühner und ein Hahn. Ich gehe näher, um sie zu zeichnen, aber da beginnen sie gleich ein großes Spektakel, und so wird nicht viel aus der Zeichnung.

Ein sehr alter Mann hat mein Tun wohl beobachtet, jedenfalls überquert er etwas mühsam die Straße und fragt er mich, was ich treibe. Ich erkläre es ihm, aber er versteht nicht. Sein Gehör. Ich weise auf mein Hörgerät und wir verstehen uns: zwei Taube. Er kann auch nicht gut sehen, gesteht er mir. Eine Maske trägt er nicht, und so sehe ich ein richtiges Gesicht, mit großer Nase und mächtigem Kinn, alt und freundlich die Augen. Gerne würde ich ihn zeichnen. Wir plaudern ein wenig und verabschieden uns, als kennten wir uns schon seit Kindesbeinen.

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9.3.2021 Ziegen hinter dem Zaun. Und was wichtig ist. (Fotografien)

„Ziegen und Ziegenbock musst du schreiben“, ermahnt mich Will.ie. „Du kannst den Bock nicht zur Ziege machen, damit würdest du ihn diskriminieren. Er ist zwar nur einer in einer ganzen Herde von Ziegen, aber es ist ungerecht zu sagen: Liebe Ziegen! Es muss heißen Liebe Ziegen, verehrter Bock!“. – „Ach“, sage ich, „fängst du jetzt auch mit dem Gendern an? Ich dachte, es wär egal, ob Mann oder Frau….

links Ziege, rechts Bock

…Ich will übrigens gar nicht bestreiten, dass es einen Unterschied zwischen Ziegen und Ziegenböcken gibt, aber darauf kommt es gerade nicht an.“ – „Und worauf kommt es an?“ fragt Will.ie. – „Na, darauf, dass diesen Tieren zwei Beine zusammengebunden wurden, damit sie nicht entkommen, und dass sie alle hinter einem Zaun stehen und demnächst einem Schlachter zugeführt werden. Alle haben das gleiche Schicksal, egal ob Ziege oder Bock.“ – Will.ie ist nicht überzeugt: „Bist du da so sicher? Der Bock wird doch sicher noch benötigt, damit die Ziegen Nachwuchs kriegen, oder?“ – Ich: „Weiß ich nicht. Kann sein. Und manche Ziegen dürfen sicher auch noch ne Weile leben, sofern sie als Muttertiere taugen. Das ändert aber nichts daran, dass sie alle gefangen sind. Schau dir doch mal diesen kläglichen Bock an. Hast du schon mal einen Bock im Freien gesehen? Nein? Ich schon. Auf  Samothrake. Mächtige Gestalt, langes braunes Fell, breites Gehörn, goldene Augen. Ich sag dir: der war wie ein Gott!“

Die Fotos entstanden, als wir heute die Ziegen – ja, auch den Bock, und auch den Hund, der mich immer ankläfft und auch schon mal übel gebissen hat – mit Brot fütterten.

 

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Montags ist Fototermin: Landschaft mit Zypressen, tägliche Zeichnung

Große Landschaften zu zeichnen, finde ich schwierig. Wie soll man ihre gewaltige Größe in ein kleines kleines viereckiges Format sperren?

Heute wanderte ich durch Olivenhaine, kleine Schluchten und wildes Gestrüpp, und immer anders öffneten sich Blicke hinauf zu den Bergrücken, hinab zum Meer. Die Oliven-Landschaft wird durch kleine Zypressenwälder und provisorisch angelegte Feldwege gegliedert, auf denen ich wanderte.

Wenn ich solche Wege gehe, kommt mir stets die Rilkezeile in den Sinn „Wege gehen weit ins Land und zeigens“. Ich bleibe stehen, betrachte den Weg mit seiner lehmigen Bruchkante, den Gänseblümchen und dem Grünzeug, zücke meinen winzigen „Reporterblock“ und skizziere den Weg mitsamt den Olivenbäumen, die auf verschiedenen Höhen des steil abfallenden Geländes wachsen,  In der Ferne die Horizontlinie des Meeres.

Dann wende ich den Blick Richtung Berghang, der über und über mit Oliven bestanden ist und von wilden Zypressen gekrönt wird. Die nahen Zypressen sehe ich von oben. Im Tal scheint ein heller Weg auf.

Danach fotografiere ich nur noch. Die Atmosphäre ist trüb, wahrscheinlich wabert darin die Asche vom Ätna-Ausbruch.

Obgleich alles blüht, was ich in dieser Jahreszeit erwarte, kommt mir der Frühling geschwächt vor.  So freue ich mich besonders über die Bienen, die die erblühte Wolfsmilch eifrig verkosten.

 

 

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8.3.2021 Will.ie am Frauentag

Statt mit „Guten Morgen“ begrüßt Will.ie mich heute mit „Frauentag!“ Sie mag die von der UNO beschlossenen Sondertage, sie geben ihrem Ein-Jahres-Leben Rhythmus und Bedeutung. Dieses Jahr hat die UNO – wie könnte es anders sein – herausgefunden, dass Frauen auch in der Covid-19-Welt nicht gleichberechtigt in Führungspositionen anzutreffen sind.

This year, the theme for International Women’s Day (8 March), “Women in leadership: Achieving an equal future in a COVID-19 world,” celebrates the tremendous efforts by women and girls around the world in shaping a more equal future and recovery from the COVID-19 pandemic and highlights the gaps that remain.

„Tja, wir haben ein Equality-Problem“, sage ich finster zu Will.ie. „Das Problem ist nicht, dass in der schönen neuen Covid-19-Welt Arbeitslosigkeit, Hunger, Kinderarmut und Verzweiflung grassieren, während einige Mitbürger sich dumm und dämlich verdienen, sondern dass wir Frauen in dieser schönen neuen Welt zu wenig zu sagen haben. Willst du nicht doch lieber wieder zum Mann mutieren?“

Will.ie schaut mich verständnislos an. „Wieder zum Mann mutieren? was meinst du damit?“ Nun verstehe ich nicht. Sollte Will.ie etwa vergessen haben, dass sie noch vor kurzem ein Will.i war?  Vorsichtig tippe ich an: „Als du klein warst, hast du wie ein Junge ausgeschaut und hattest typische Jungeninteressen: Technik, Rechnen und so. Erst in Amerika wurdest du dann zur Frau.“ – „‚Typische Jungeninteressen‘? – sag mal, in welcher Welt lebst du eigentlich? In den USA wurde ich, da hast du recht, das, was ihr in eurer Generation wohl ‚zur Frau werden‘ nanntet. Aber was hat das mit Mutieren zu tun? Wenn ich erst ne Führungsposition ergattert habe, zeig ich allen, was ne Harke ist.  Ob Mann oder Frau, ist doch ganz egal.“

‚Ganz egal‘. Och. Und ich dachte, wir Frauen wären irgendwie anders. Gefühlvoller, liebevoller, brüderlicher (pardon, schwesterlicher), kreativer, friedliebender, nährender, weiser, anpassungsfähiger, meinetwegen auch unlogischer, abhängiger, hysterischer, gemeiner… jedenfalls anders. Dass die Welt folglich anders aussehen würde, wenn Frauen ans Ruder kämen.

Hat Will.ie Recht? Ist es wirklich „ganz egal“, obs Männer oder Frauen sind, die die Politik bestimmen, uns die Lebensfreude vermasseln und unsere Erde zugrunde richten? Kommt es am Ende gar nicht aufs Geschlecht an, sondern auf die Strukturen, die Rollen, die Interessen, die Qualität des Denkens und die Ziele des Handelns?

Schöne neue Covid-19-Welt, wo auch das Gleichheitsproblem gelöst ist.

 

 

 

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Projekt ABC bei Wortman. E wie Esel

https://wortman.wordpress.com/2021/03/07/projekt-abc-e-wie-einstichstelle/

 

Mein Beitrag: E = Esel

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2021/01/img_7214.jpg

Quert ein Esel deinen Weg,

sieh es an als Privileg.

Und wenn er streunt

dann werd sein Freund

Vielleicht schreit er I a

Ja ja ja ja ja ja!

Diese Esel sprayte der griechischen Spraykünstler „Skitzofrenis“. Ich sah sie mitten in der Pampa an einem Wasserreservoir und fotografierte sie.

Und hier noch ein christlicher Jungesel mit seinem sehr liebenswerten Freund und Hüter.

 

 

 

 

 

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7.3.2021 Mit Will.ie über den Ölbaum reden (Kunst am Sonntag, Ölbaumzeichnungen 2019-20)

Beim heutigen Spaziergang macht mich Will.ie auf einen besonders eindrucksvollen Olivenbaum aufmerksam. Ich bewundere und liebe Olivenbäume ja sehr, aber diesen sehe ich zum ersten Mal. „Boah, eine großartige Gestalt, Will.ie!“ sage ich begeistert. „Und hohl scheint er auch zu sein.“

Gemeinsam umrunden wir ihn, betasten ihn, horchen in ihn hinein, blicken in seine Höhlungen und durch seine Öffnungen, umschmeicheln ihn, übertreffen uns gegenseitig in lobenden Worten: „großartig – gigantisch — herrlich – wie er strömt – wie stark er ist – schau mal die Windungen – wie tief er wohl in den Boden reicht – wie kräftig er ist, ein Held.“

„Wie alt er wohl ist?“ fragt Will.ie andächtig. „Bestimmt schon hundert Jahre, oder?“ – „Mach tausend draus“, antworte ich lachend. „Auf Kreta gibt es einen, der ist schon über viertausend Jahre alt.“ – „Das heißt, dieser hier wurde vielleicht schon im Jahr 1021 gepflanzt?“ – Ich schaue amüsiert auf Will.ie. Da kommt doch der alte Will.i-Geist zum Vorschein: Rechnen, Zahlen! „Nun ja, vielleicht nicht grad im Jahr 1021, kann sein, auch im Jahr 934 oder 1201, wer will das schon so genau wissen. Und wahrscheinlich wurde er auch nicht gepflanzt, sondern vermehrte sich von allein. Die Vögel transportieren die Früchte, und wo der Kern hinfällt, wächst dann ein neuer Baum. Heute pfropft man zum Vermehren junge Triebe auf alte Stämme, dann entwickeln sie sich schneller. Ob man es damals auch schon so machte, weiß ich nicht.“ – „Gibt es schon immer Olivenbäume?“ will Will.ie wissen. Sie hängt offenbar noch an den Zahlen fest. „‚Immer‘ ist ein großes Wort, Will.ie. Wer kann schon wissen, wie es vor einer Million Jahren war. Aber man weiß inzwischen, dass der Olivenbaum in Griechenland endemisch ist.“ – „Endemisch?“ – „Ja, er wurde nicht hierher importiert, sondern hat sich von selbst entwickelt. Es sei denn, der Mythos stimmt, dass der Baum göttlichen Ursprungs ist und die Göttin Athene den ersten auf der Akropolis gepflanzt hat. Auch das geschah, wenn, in vorhistorischer Zeit. Abgebrannt ist er dann, als die Perser Athen einnahmen.“ – „Wann war das?“ – „480 vor unserer Zeitrechnung“ – „Also vor 2501 Jahren!“ schließt Will.ie blitzschnell  – „Das älteste Olivenblatt hat man auf Santorin gefunden, eingeschlossen in Ascheschichten, die vom großen Vulkanausbruch stammen.“  – „Vulkanausbruch? Gab es hier denn Vulkane?“ – „Nein, hier nicht, Will.ie, aber in der Ägäis gabs einen sehr großen, und als der ausbrach, fiel die ganze damalige Welt in Schutt und Asche.“ – „Und wann war das?“ – Ach diese Jahreszahlen! Wer kann sich die denn alle merken? Ich nicht. Also googeln wir und finden, der Vulkanausbruch fand über den Daumen gepeilt vor  3700 Jahren statt. „Und Homer kannte den Olivenbaum auch schon“, erzähle ich weiter. „Besonders als Material für Streitäxte. Homer lebte irgendwann vor 2800 Jahren“, füge ich hastig hinzu, um einer erneuten Datumsanfrage zuvorzukommen.

Doch der Atreid’, ausziehend das Schwert voll silberner Buckeln,
Sprang auf Peisandros hinan. Der hob die schimmernde Streitaxt
Unter dem Schild, die ehrne, geschmückt mit dem Stiele vom Ölbaum,
Schöngeglättet und lang; und sie drangen zugleich aneinander.“

Will.ie zieht die Stirn kraus. „Ich mag Kriege nicht. Hat der Ölbaum das verdient? Ich dachte, er wär ein Symbol des Friedens. Streitäxte gehören begraben. Das sagen auch meine Brüder, die Rothäute.“ Wie freut sich da mein Herz.  Ich umarme Will.ie fest und rufe glücklich: „Ja, ein Symbol des Friedens ist er. Und Kriege können uns gestohlen bleiben! Übrigens hat Homer auch bessere Verwendungen für den Ölbaum angegeben. Odysseus hat für den Bau seines Ehebetts einen lebendigen Baum benutzt. So konnte niemand das Bett verrücken. Außer ihm und seiner Frau wusste das niemand. Es war dann auch ihr Erkennungszeichen, als Odysseus nach zweimal zehn Jahren von Krieg und Irrfahrt heimkam.

Innerhalb des Gehegs war ein weitumschattender Ölbaum,
Stark und blühenden Wuchses; der Stamm glich Säulen an Dicke.
Rings um diesen erbaut’ ich von dichtgeordneten Steinen
Unser Ehegemach, und wölbte die obere Decke,
Und verschloß die Pforte mit festeinfugenden Flügeln.
Hierauf kappt’ ich die Äste des weitumschattenden Ölbaums,
Und behaute den Stamm an der Wurzel, glättet’ ihn ringsum
Künstlich und schön mit dem Erz, und nach dem Maße der Richtschnur;
Schnitzt’ ihn zum Fuße des Bettes, und bohrt’ ihn rings mit dem Bohrer,
Fügete Bohlen daran, und baute das zierliche Bette,
Welches mit Gold und Silber und Elfenbeine geschmückt war;
Und durchzog es mit Riemen von purpurfarbener Stierhaut.

Den Baum hat Odysseus damit leider ziemlich kaputtgemacht. Denn wenn man einen Hauptast abhaut, geht auch die entsprechende Hauptwurzel ein. Dennoch hat der Baum die Misshandlung anscheinend nicht übel genommen.“

Zu Hause zeige ich Will.ie dann meine Mappe mit Zeichnungen von Olivenbäumen. Die in unserem Garten habe ich schon alle konterfeit, 38 sind es. Und ein paar andere auch. Will.ie staunt nicht schlecht. „Du liebst diese Bäume wohl sehr, ja?“ – „Ja, Will.ie. Und es ist ein Verbrechen, einen einzigen zu fällen. Diese Bäume geben dem Menschen, was er zum Leben braucht, und sie selbst verlangen fast nichts als Gegengabe. Nur unsere Liebe.“

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2016/03/img_6096.jpg

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6.3.2021 Mit Will.ie über Kunst reden

„Wozu quälst du dich mit diesen Perspektivzeichnungen?“ fragt mich Will.ie heute morgen, als ich die Außentreppe unseres Hauses zeichne. „Erstens kriegst du es sowieso nicht richtig hin, und zweitens ist das überhaupt keine Kunst, sondern höchsten technisches Zeichnen.“ – Ich schaue von meiner täglichen Zeichnung auf und Will.ie an.

„Ich weiß, dass das keine Kunst ist, Will.ie, und es stimmt auch, dass es mit meiner Perspektive hinten und vorne hapert. Aber ich liebe die Herausforderung, etwas zu tun, was mir schwer fällt. Und diese Treppe fällt mir verdammt schwer.“ – „Da gibts bestimmt nützlichere Herausforderungen!“ wendet Will.ie ein. „Warum gehst du nicht in die Küche und versuchst, Pastizio zu machen? Ich wette, dass dir das auch schwer fällt, aber du könntest es lernen und wir alle hätten was Leckeres zu essen.“ – „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“, sage ich abwehrend, denn die Küche ist nicht mein liebster Aufenthaltsort. „Ich quäle mich lieber mit den Herausforderungen des Zeichnens ab. Wenn du Lust zum Kochen hast: Bitte schön!“

Ich nehme den schwarzen Kugelschreiber und arbeite verbissen an meiner Zeichnung weiter. Es muss mir doch gelingen, diese vermaledeite Treppe perspektivisch richtig abzubilden. Und diesen Schatten, der die Hälfte der Treppe bedeckt, will ich auch begreifen. Natürlich wird er mir zu dunkel.

Will.ie hat nur Spott für meine Versuche übrig. „Deine Zeichnung ist einfach nur überflüssig und zum Wegschmeißen. Warum machst du nicht einfach ne Treppenlinie, da weiß jeder, was es ist und kann sich den Rest dazudenken. Maler sollten dem Betrachter nicht die Fantasie absprechen.“

„Ja, ja“, murmele ich, und kann eine leichte Verstimmung nicht verbergen. „Ich habe ja auch schon ne Masse Bilder gemalt, in denen ich der Fantasie Raum gebe. Wenn man jung ist, meint man, es käme nur auf den starken Ausdruck und den guten Willen an. Später erkennt man dann irgendwann, dass er auch beim Zeichnen und Malen Gesetze gibt, die man kennen sollte, bevor man sie übertritt.“ –  „Und warum ist es nötig, die Gesetze zu kennen, bevor man sie übertritt? Geht es nicht auch ohne diese? Einfach drauflos malen und fertig?“ – „Du wirst schon noch merken, dass es bei allen Tätigkeiten besser ist, man weiß, was man tut und warum. Bei allen! Ob du nun Köchin oder Tierärztin, Katzenpflegerin oder Kriegsberichterstatterin, Dichterin oder Pilotin, Politikerin oder Hausfrau mit sieben Kindern oder was auch immer werden willst.  Malerei ist da keine Ausnahme.  Wenn man nicht weiß, wie die Perspektive funktioniert, kann man sie zwar verachten und drauflosmalen, aber ein Bild überzeugt erst, wenn der Maler sich auskennt und dann ganz bewusst die Gesetze übertritt. Stell dir vor, ich wollte kochen und wüsste nichts davon, was in ein Pastizio gehört, und würde einfach nur frei fantasieren. Da käme ein schönes Kuddelmuddel raus.“ – „Das ist was anderes,“ widerspricht Will.ie. „Ein Bild soll gefallen, nicht schmecken.“

Ich seufze. Wie soll ich ihr nur klarmachen, was ich meine? „Komm, wir schauen mal ein paar Kunstbücher an. All diese Maler kennen sich bestens mit der Perspektive aus. Das weiß ich, weil es frühe Arbeiten von ihnen gibt.  Sie haben dann später begonnen, von dem, wie sich uns die Welt im Alltag darstellt,  zu abstrahieren, zu konstruieren, mit den Gesetzen zu spielen.  Aber immer spürt man, dass sie die Gesetze beherrschen. Das erst gibt ihren Bildern Kraft und Tiefe. Schau mal: Begonnen hat es mit Cezanne…“

 

„Na schön,“ räumt Will.ie nach einem gründlichen Durchgang durch die Moderne schließlich ein. „Ich dachte, die haben einfach nur so gemalt, wie es ihnen in den Kopf kam. Die Malerei scheint ja eine ganze Wissenschaft zu sein. Also für mich wäre das nichts. Und du? Willst du nun ewig mit diesen Perspektivübungen weitermachen?“ – „Nein, Will.ie. Ich mache sie ja auch nicht zum ersten Mal. Es ist ein bisschen wie Fingerübungen beim Klavierspielen. Wenn ich keine Zeit und Kraft für ein größeres Werk habe, kann ich doch immer üben. Es tut mir gut, immer mal wieder genau zu beobachten und mich zu disziplinieren. Sonst fange ich an zu schlampen.“ – „Und wie sehen deine Zeichnungen aus, wenn du schlampst?“ – „Ach, Will.ie! Die sind für mich ungenießbar und ich schmeiße sie weg. Hier, schau mal Arbeiten an, die ich aufgehoben habe, egal aus welcher Zeit: immer steckt Perspektive drin. Auch dann, wenn ich sie absichtlich verändere. Sogar in den Legearbeiten. Ich glaub, ich kann gar nicht anders.“

Will.ie legt den Kopf schief, beguckt sich diese und andere Blätter und befindet schließlich: „Offenbar kannst du tatsächlich nicht anders. Aber das bedeutet ja wohl nicht, dass andere es nicht anders können, oder?“

 

 

 

 

 

 

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