„Wozu quälst du dich mit diesen Perspektivzeichnungen?“ fragt mich Will.ie heute morgen, als ich die Außentreppe unseres Hauses zeichne. „Erstens kriegst du es sowieso nicht richtig hin, und zweitens ist das überhaupt keine Kunst, sondern höchsten technisches Zeichnen.“ – Ich schaue von meiner täglichen Zeichnung auf und Will.ie an.
„Ich weiß, dass das keine Kunst ist, Will.ie, und es stimmt auch, dass es mit meiner Perspektive hinten und vorne hapert. Aber ich liebe die Herausforderung, etwas zu tun, was mir schwer fällt. Und diese Treppe fällt mir verdammt schwer.“ – „Da gibts bestimmt nützlichere Herausforderungen!“ wendet Will.ie ein. „Warum gehst du nicht in die Küche und versuchst, Pastizio zu machen? Ich wette, dass dir das auch schwer fällt, aber du könntest es lernen und wir alle hätten was Leckeres zu essen.“ – „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“, sage ich abwehrend, denn die Küche ist nicht mein liebster Aufenthaltsort. „Ich quäle mich lieber mit den Herausforderungen des Zeichnens ab. Wenn du Lust zum Kochen hast: Bitte schön!“
Ich nehme den schwarzen Kugelschreiber und arbeite verbissen an meiner Zeichnung weiter. Es muss mir doch gelingen, diese vermaledeite Treppe perspektivisch richtig abzubilden. Und diesen Schatten, der die Hälfte der Treppe bedeckt, will ich auch begreifen. Natürlich wird er mir zu dunkel.

Will.ie hat nur Spott für meine Versuche übrig. „Deine Zeichnung ist einfach nur überflüssig und zum Wegschmeißen. Warum machst du nicht einfach ne Treppenlinie, da weiß jeder, was es ist und kann sich den Rest dazudenken. Maler sollten dem Betrachter nicht die Fantasie absprechen.“
„Ja, ja“, murmele ich, und kann eine leichte Verstimmung nicht verbergen. „Ich habe ja auch schon ne Masse Bilder gemalt, in denen ich der Fantasie Raum gebe. Wenn man jung ist, meint man, es käme nur auf den starken Ausdruck und den guten Willen an. Später erkennt man dann irgendwann, dass er auch beim Zeichnen und Malen Gesetze gibt, die man kennen sollte, bevor man sie übertritt.“ – „Und warum ist es nötig, die Gesetze zu kennen, bevor man sie übertritt? Geht es nicht auch ohne diese? Einfach drauflos malen und fertig?“ – „Du wirst schon noch merken, dass es bei allen Tätigkeiten besser ist, man weiß, was man tut und warum. Bei allen! Ob du nun Köchin oder Tierärztin, Katzenpflegerin oder Kriegsberichterstatterin, Dichterin oder Pilotin, Politikerin oder Hausfrau mit sieben Kindern oder was auch immer werden willst. Malerei ist da keine Ausnahme. Wenn man nicht weiß, wie die Perspektive funktioniert, kann man sie zwar verachten und drauflosmalen, aber ein Bild überzeugt erst, wenn der Maler sich auskennt und dann ganz bewusst die Gesetze übertritt. Stell dir vor, ich wollte kochen und wüsste nichts davon, was in ein Pastizio gehört, und würde einfach nur frei fantasieren. Da käme ein schönes Kuddelmuddel raus.“ – „Das ist was anderes,“ widerspricht Will.ie. „Ein Bild soll gefallen, nicht schmecken.“
Ich seufze. Wie soll ich ihr nur klarmachen, was ich meine? „Komm, wir schauen mal ein paar Kunstbücher an. All diese Maler kennen sich bestens mit der Perspektive aus. Das weiß ich, weil es frühe Arbeiten von ihnen gibt. Sie haben dann später begonnen, von dem, wie sich uns die Welt im Alltag darstellt, zu abstrahieren, zu konstruieren, mit den Gesetzen zu spielen. Aber immer spürt man, dass sie die Gesetze beherrschen. Das erst gibt ihren Bildern Kraft und Tiefe. Schau mal: Begonnen hat es mit Cezanne…“
„Na schön,“ räumt Will.ie nach einem gründlichen Durchgang durch die Moderne schließlich ein. „Ich dachte, die haben einfach nur so gemalt, wie es ihnen in den Kopf kam. Die Malerei scheint ja eine ganze Wissenschaft zu sein. Also für mich wäre das nichts. Und du? Willst du nun ewig mit diesen Perspektivübungen weitermachen?“ – „Nein, Will.ie. Ich mache sie ja auch nicht zum ersten Mal. Es ist ein bisschen wie Fingerübungen beim Klavierspielen. Wenn ich keine Zeit und Kraft für ein größeres Werk habe, kann ich doch immer üben. Es tut mir gut, immer mal wieder genau zu beobachten und mich zu disziplinieren. Sonst fange ich an zu schlampen.“ – „Und wie sehen deine Zeichnungen aus, wenn du schlampst?“ – „Ach, Will.ie! Die sind für mich ungenießbar und ich schmeiße sie weg. Hier, schau mal Arbeiten an, die ich aufgehoben habe, egal aus welcher Zeit: immer steckt Perspektive drin. Auch dann, wenn ich sie absichtlich verändere. Sogar in den Legearbeiten. Ich glaub, ich kann gar nicht anders.“
Will.ie legt den Kopf schief, beguckt sich diese und andere Blätter und befindet schließlich: „Offenbar kannst du tatsächlich nicht anders. Aber das bedeutet ja wohl nicht, dass andere es nicht anders können, oder?“