6.3.2021 Mit Will.ie über Kunst reden

„Wozu quälst du dich mit diesen Perspektivzeichnungen?“ fragt mich Will.ie heute morgen, als ich die Außentreppe unseres Hauses zeichne. „Erstens kriegst du es sowieso nicht richtig hin, und zweitens ist das überhaupt keine Kunst, sondern höchsten technisches Zeichnen.“ – Ich schaue von meiner täglichen Zeichnung auf und Will.ie an.

„Ich weiß, dass das keine Kunst ist, Will.ie, und es stimmt auch, dass es mit meiner Perspektive hinten und vorne hapert. Aber ich liebe die Herausforderung, etwas zu tun, was mir schwer fällt. Und diese Treppe fällt mir verdammt schwer.“ – „Da gibts bestimmt nützlichere Herausforderungen!“ wendet Will.ie ein. „Warum gehst du nicht in die Küche und versuchst, Pastizio zu machen? Ich wette, dass dir das auch schwer fällt, aber du könntest es lernen und wir alle hätten was Leckeres zu essen.“ – „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“, sage ich abwehrend, denn die Küche ist nicht mein liebster Aufenthaltsort. „Ich quäle mich lieber mit den Herausforderungen des Zeichnens ab. Wenn du Lust zum Kochen hast: Bitte schön!“

Ich nehme den schwarzen Kugelschreiber und arbeite verbissen an meiner Zeichnung weiter. Es muss mir doch gelingen, diese vermaledeite Treppe perspektivisch richtig abzubilden. Und diesen Schatten, der die Hälfte der Treppe bedeckt, will ich auch begreifen. Natürlich wird er mir zu dunkel.

Will.ie hat nur Spott für meine Versuche übrig. „Deine Zeichnung ist einfach nur überflüssig und zum Wegschmeißen. Warum machst du nicht einfach ne Treppenlinie, da weiß jeder, was es ist und kann sich den Rest dazudenken. Maler sollten dem Betrachter nicht die Fantasie absprechen.“

„Ja, ja“, murmele ich, und kann eine leichte Verstimmung nicht verbergen. „Ich habe ja auch schon ne Masse Bilder gemalt, in denen ich der Fantasie Raum gebe. Wenn man jung ist, meint man, es käme nur auf den starken Ausdruck und den guten Willen an. Später erkennt man dann irgendwann, dass er auch beim Zeichnen und Malen Gesetze gibt, die man kennen sollte, bevor man sie übertritt.“ –  „Und warum ist es nötig, die Gesetze zu kennen, bevor man sie übertritt? Geht es nicht auch ohne diese? Einfach drauflos malen und fertig?“ – „Du wirst schon noch merken, dass es bei allen Tätigkeiten besser ist, man weiß, was man tut und warum. Bei allen! Ob du nun Köchin oder Tierärztin, Katzenpflegerin oder Kriegsberichterstatterin, Dichterin oder Pilotin, Politikerin oder Hausfrau mit sieben Kindern oder was auch immer werden willst.  Malerei ist da keine Ausnahme.  Wenn man nicht weiß, wie die Perspektive funktioniert, kann man sie zwar verachten und drauflosmalen, aber ein Bild überzeugt erst, wenn der Maler sich auskennt und dann ganz bewusst die Gesetze übertritt. Stell dir vor, ich wollte kochen und wüsste nichts davon, was in ein Pastizio gehört, und würde einfach nur frei fantasieren. Da käme ein schönes Kuddelmuddel raus.“ – „Das ist was anderes,“ widerspricht Will.ie. „Ein Bild soll gefallen, nicht schmecken.“

Ich seufze. Wie soll ich ihr nur klarmachen, was ich meine? „Komm, wir schauen mal ein paar Kunstbücher an. All diese Maler kennen sich bestens mit der Perspektive aus. Das weiß ich, weil es frühe Arbeiten von ihnen gibt.  Sie haben dann später begonnen, von dem, wie sich uns die Welt im Alltag darstellt,  zu abstrahieren, zu konstruieren, mit den Gesetzen zu spielen.  Aber immer spürt man, dass sie die Gesetze beherrschen. Das erst gibt ihren Bildern Kraft und Tiefe. Schau mal: Begonnen hat es mit Cezanne…“

 

„Na schön,“ räumt Will.ie nach einem gründlichen Durchgang durch die Moderne schließlich ein. „Ich dachte, die haben einfach nur so gemalt, wie es ihnen in den Kopf kam. Die Malerei scheint ja eine ganze Wissenschaft zu sein. Also für mich wäre das nichts. Und du? Willst du nun ewig mit diesen Perspektivübungen weitermachen?“ – „Nein, Will.ie. Ich mache sie ja auch nicht zum ersten Mal. Es ist ein bisschen wie Fingerübungen beim Klavierspielen. Wenn ich keine Zeit und Kraft für ein größeres Werk habe, kann ich doch immer üben. Es tut mir gut, immer mal wieder genau zu beobachten und mich zu disziplinieren. Sonst fange ich an zu schlampen.“ – „Und wie sehen deine Zeichnungen aus, wenn du schlampst?“ – „Ach, Will.ie! Die sind für mich ungenießbar und ich schmeiße sie weg. Hier, schau mal Arbeiten an, die ich aufgehoben habe, egal aus welcher Zeit: immer steckt Perspektive drin. Auch dann, wenn ich sie absichtlich verändere. Sogar in den Legearbeiten. Ich glaub, ich kann gar nicht anders.“

Will.ie legt den Kopf schief, beguckt sich diese und andere Blätter und befindet schließlich: „Offenbar kannst du tatsächlich nicht anders. Aber das bedeutet ja wohl nicht, dass andere es nicht anders können, oder?“

 

 

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Architektur, Erziehung, Kunst, Leben, Legearbeiten, Malerei, Meine Kunst, Willi, Zeichnung abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

23 Antworten zu 6.3.2021 Mit Will.ie über Kunst reden

  1. pflanzwas schreibt:

    Tolle Arbeiten Gerda. Die schwarz-weißen auf Aquarellpapier (?, Nr 10 und 11) gefallen mir besonders gut. Ja, man kann sicher auch ohne diese Kenntnisse arbeiten, aber mit ihnen kann man noch mal eine ganz andere Wirkung erzielen. Deine Will.ie-Geschichten sind super erzählt!

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Almuth. Ja, Tusche auf Aquarellpapier, auch Ölkreide. Die machte ich zu meinem 60. Geburtstag, den ich in meinem Atelier in Athen feierte (das einzige Mal in meinem Leben lud ich groß ein). Es waren sehr kleine Arbeiten, insgesamt 100. Jeder Besucher konnte sich eine aussuchen, diese blieben übrig.

      Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      es sind noch ein paar mehr übrige geblieben, ich glaube so an die zwöllf. Die Gäste waren nicht namentlich eingeladen,sondern die Einladung erging an alle Freunde und deren Freunde und Partner und wer sonst noch kommen mochte..

      Gefällt 1 Person

  2. kopfundgestalt schreibt:

    Es gibt ja Musiker,die Zeichen für eine Musik schon als solche ansehen, denn bekannte Stücke sind ja im Kopf da oder abrufbar in einer musiksammling.
    Genauso könnte man ein leeres Blatt mit „treppe der kazakous“ beschriften.

    Gefällt 1 Person

  3. Verwandlerin schreibt:

    Wundervoll, deinen Ausführungen zu folgen: Kunst, Philosophie, Psychologie, Humor – alles da.

    LG Marion

    Gefällt 2 Personen

  4. Vielleicht mal – zur eigenen Beruhigung und Bestätigung der grundsätzlichen Einwände, bei gleichzeitiger Belehrung, dass es eben auch in der Kunst und der Wahrnehmung und der Kunst der Wahrnehmung eine Entwicklung gibt, ja, geben sollte – zu den ganz Alten? Von Lasceaux bis zu den Kirchenmalern vor der Renaissance? Halt damals, als man sich mit der Perspektive, mit der Tiefe des Bildes noch schwertat beziehungsweise sei für ein überflüssiges Detail hielt, das von der eigentlichen Botschaft nur ablenkt (die da lauten kann: danke unserer Beschwörungstänze ist der der Bison jetzt tot und wir haben zu essen! Oder: esset alle davon, das ist mein Leib…). Was ja hier auch die Anregung der jungen Wilden war.
    Erst auf dieser Grundlage entwickelte sich langsam, ganz langsam, die Kunst bis zur quasi fotorealistischen Darstellung. Um dann wieder, nicht zuletzt weil es die Photografie jetzt gab, sich wieder gewaltsam von der reinen Wiedergabe zu lösen.
    Aber bei alledem: nichts gegen gutes Essen!

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Danke, liebe Petra, für deinen kunsthistorischen Abriss, in dem du die Vor-Renaissance-Zeit ins Auge fasst, um dann einen Sprung in die Nach-Fotografische Moderne zu tun und Erklärungen für die Entwicklungen zu liefern. Ich sehe manches ein wenig anders und ergreife die Gelegenheit, meine Gedanken dazu aufzuschreiben:
      Es gab zur Zeit der Höhlenmalerei durchaus schon ein perspektivisches Wahrnehmen, viele Bisons sind perspektivisch richtig gemalt, man sieht welche, die auf dich zustürmen oder von dir wegrennen. Aber die Perspektive spielt in weitläufigen, nicht zugebauten Landschaften nur eine untergeordnete Rolle. Ob die Szenen tatsächllich aus naturmagischen Gründen in die Höhlen gemalt wurden, wissen wir nicht, wir nehmen es nur an.
      Die europäische Entwicklung von der antiken Malerei zur christlich-mittelalterlichen ist, was die Perspektive anbetrifft, ein Rückschritt: Über den griechischen Maler Apelles wird gesagt, dass man versucht war, die gemalten Früchte zu ergreifen um sie aufzuessen, so realistisch waren sie gemalt. Wir kennen sie leider nur vom Erzählen, wohl aber kennen wir die griechisch-klassischen Skulpturen und die Bas-Reliefs, die ohne perspektivisches Sehen undenkbar wären Die frühchristliche Kirchenmalerei ist, wie auch die frühchristliche Baukunst und Bildhauerei, und Wissenschaft überhaupt, ein enormer Rückschritt gegenüber dem, was vorher bereits zur höchsten Blüte gebracht worden war – daher auch die Explosion der Künste und der Wissenschaft in der Renaissance, die das Altertum wieder entdeckte. Für die flache byzantinische Malerei, die bis heute geübt wird, gibt es geistige Gründe: Die Figuren sollen nicht dreidimensional erscheinen, damit der, der sie anschaut, nicht das Bild, sondern die dahinter sich eröffnende geistige Präsenz des Heiligen wahrnimmt. Das aber ist eine Sonderentwicklung in der Malerei, die sich nicht durchgesetzt hat und rein klerikal blieb. Im katholischen Raum gibt es sie seit der Renaissance nicht mehr.
      Was nun den Einfluss der Fotografie auf die Malerei anbetrifft, so ist er vielfältig – als neues Hilfsmittel bis hin zur fotorealistischen Malerei -, aber der verbreiteten These, dass die moderne Malerei begann, weil sie durch die aufkommende Fotografie obsolet wurde und etwas Eigenes entgegensetzen wollte, finde ich einseitig oder sogar falsch. Es gab eine gewaltige technische Revolution im 19. Jahrhundert, die Welt veränderte sich durch die menschliche Aktivität in einem nie dagewesenen Maße – und dieser Geist ist es meiner Meinung nach, der auch die bildende Kunst erfasste. Es ist der Geist der Naturbeherrschung und -veränderung, der großen menschlichen Experimente, der Maschine. Dieser Geist wirkt bis in die Gegenwart und ist auch in der Kunst noch immer vorherrschend, aber abgewandelt entsprechend den Veränderungen der Natur- und Materialbeherrschung im außerkünstlerischen Raum. Aber es gibt Revolten dagegen. Manche Menschen sehnen sich zurück in eine Welt, in der die Erde eine Scheibe und so wie vor dem menschlichen Eingreifen ist. Solche Künstler kümmern sich nicht um die Perspektive, sie greifen auf die Materialien der Erde zurück und ihre Kunst soll wieder magische Kräfte einfangen und entfalten. Sie wiederbeleben die Höhlenmalerei, so wie sie sie verstehen, und verehren die frühesten Kunstwerke als den wahrsten menschlichen Ausdruck, gegenüber dem alles andere Rückschritt und Perversion sei. Das ist eine der unzähligen Sonderentwicklungen der heutigen Kunst. Ansätze dazu gibt es bereits seit dem 19. Jahrhundert als Reaktion auf die technische Entwicklung (Romantik) und speziell in der Malerei bei Gauguin oder Van Goghs japanischen Bildern, und dann verstärkt zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Picassos Rückgriff auf afrikanische Masken, Noldes Südseebilder eetc pp.

      Gefällt 2 Personen

      • O ja, und mein kurzer Ausflug in, zugegeben, wilden Sprüngen, sollte auch gar nicht abschließend sein (sonst müßte man ja auch keine dicken Bücher über derlei Themenkreise verfassen), sondern nur eine Anregung geben, in welche Richtung die stürmische Jugend gerne mal blicken und Horizont und Perspektiven erweitern und überprüfen könnte.

        Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Genau so sehe ich auch meinen Kommentar. Hab noch einmal herzlichen Dank!

      Gefällt mir

  5. Mitzi Irsaj schreibt:

    Für mich ist das was du zeichnest liebe Gerda durchaus Kunst. Auch das was du schreibst. Über den Begriff könnte man lange diskutieren. Aber darum geht es gar nicht. Ich finde es sehr schön zu lesen wie du geduldig erklärst und habe es genossen die vielen Beispiele, Zeichnungen und Bilder zu sehen.

    Gefällt 1 Person

  6. PPawlo schreibt:

    Hinter deinen winzigen Bilder verbergen sich große Schätze!
    Der Unterhaltung bin ich schmunzelnd gefolgt. Liebe Grüße , Petra

    Gefällt 1 Person

  7. Wundervoll, Deine Gespräche mit will.ie, selbst wenn sie Dich scheinbar angreift. Sie möchte sich an Dir reiben, Dich anstacheln und verwirren. Gut, daß es ihr nicht gelingt 🙂
    OK, die Schatten auf der Treppe waren ein bissel dunkel, aber was solls, Ich fand die Treppe gelungen, liebe Gerda, und die anderen Zeichnungen von Dir sind alle sehr kunstvoll und total gut. Mir gefällt vor allem das Portrait Deines Mannes.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.