7.3.2021 Mit Will.ie über den Ölbaum reden (Kunst am Sonntag, Ölbaumzeichnungen 2019-20)

Beim heutigen Spaziergang macht mich Will.ie auf einen besonders eindrucksvollen Olivenbaum aufmerksam. Ich bewundere und liebe Olivenbäume ja sehr, aber diesen sehe ich zum ersten Mal. „Boah, eine großartige Gestalt, Will.ie!“ sage ich begeistert. „Und hohl scheint er auch zu sein.“

Gemeinsam umrunden wir ihn, betasten ihn, horchen in ihn hinein, blicken in seine Höhlungen und durch seine Öffnungen, umschmeicheln ihn, übertreffen uns gegenseitig in lobenden Worten: „großartig – gigantisch — herrlich – wie er strömt – wie stark er ist – schau mal die Windungen – wie tief er wohl in den Boden reicht – wie kräftig er ist, ein Held.“

„Wie alt er wohl ist?“ fragt Will.ie andächtig. „Bestimmt schon hundert Jahre, oder?“ – „Mach tausend draus“, antworte ich lachend. „Auf Kreta gibt es einen, der ist schon über viertausend Jahre alt.“ – „Das heißt, dieser hier wurde vielleicht schon im Jahr 1021 gepflanzt?“ – Ich schaue amüsiert auf Will.ie. Da kommt doch der alte Will.i-Geist zum Vorschein: Rechnen, Zahlen! „Nun ja, vielleicht nicht grad im Jahr 1021, kann sein, auch im Jahr 934 oder 1201, wer will das schon so genau wissen. Und wahrscheinlich wurde er auch nicht gepflanzt, sondern vermehrte sich von allein. Die Vögel transportieren die Früchte, und wo der Kern hinfällt, wächst dann ein neuer Baum. Heute pfropft man zum Vermehren junge Triebe auf alte Stämme, dann entwickeln sie sich schneller. Ob man es damals auch schon so machte, weiß ich nicht.“ – „Gibt es schon immer Olivenbäume?“ will Will.ie wissen. Sie hängt offenbar noch an den Zahlen fest. „‚Immer‘ ist ein großes Wort, Will.ie. Wer kann schon wissen, wie es vor einer Million Jahren war. Aber man weiß inzwischen, dass der Olivenbaum in Griechenland endemisch ist.“ – „Endemisch?“ – „Ja, er wurde nicht hierher importiert, sondern hat sich von selbst entwickelt. Es sei denn, der Mythos stimmt, dass der Baum göttlichen Ursprungs ist und die Göttin Athene den ersten auf der Akropolis gepflanzt hat. Auch das geschah, wenn, in vorhistorischer Zeit. Abgebrannt ist er dann, als die Perser Athen einnahmen.“ – „Wann war das?“ – „480 vor unserer Zeitrechnung“ – „Also vor 2501 Jahren!“ schließt Will.ie blitzschnell  – „Das älteste Olivenblatt hat man auf Santorin gefunden, eingeschlossen in Ascheschichten, die vom großen Vulkanausbruch stammen.“  – „Vulkanausbruch? Gab es hier denn Vulkane?“ – „Nein, hier nicht, Will.ie, aber in der Ägäis gabs einen sehr großen, und als der ausbrach, fiel die ganze damalige Welt in Schutt und Asche.“ – „Und wann war das?“ – Ach diese Jahreszahlen! Wer kann sich die denn alle merken? Ich nicht. Also googeln wir und finden, der Vulkanausbruch fand über den Daumen gepeilt vor  3700 Jahren statt. „Und Homer kannte den Olivenbaum auch schon“, erzähle ich weiter. „Besonders als Material für Streitäxte. Homer lebte irgendwann vor 2800 Jahren“, füge ich hastig hinzu, um einer erneuten Datumsanfrage zuvorzukommen.

Doch der Atreid’, ausziehend das Schwert voll silberner Buckeln,
Sprang auf Peisandros hinan. Der hob die schimmernde Streitaxt
Unter dem Schild, die ehrne, geschmückt mit dem Stiele vom Ölbaum,
Schöngeglättet und lang; und sie drangen zugleich aneinander.“

Will.ie zieht die Stirn kraus. „Ich mag Kriege nicht. Hat der Ölbaum das verdient? Ich dachte, er wär ein Symbol des Friedens. Streitäxte gehören begraben. Das sagen auch meine Brüder, die Rothäute.“ Wie freut sich da mein Herz.  Ich umarme Will.ie fest und rufe glücklich: „Ja, ein Symbol des Friedens ist er. Und Kriege können uns gestohlen bleiben! Übrigens hat Homer auch bessere Verwendungen für den Ölbaum angegeben. Odysseus hat für den Bau seines Ehebetts einen lebendigen Baum benutzt. So konnte niemand das Bett verrücken. Außer ihm und seiner Frau wusste das niemand. Es war dann auch ihr Erkennungszeichen, als Odysseus nach zweimal zehn Jahren von Krieg und Irrfahrt heimkam.

Innerhalb des Gehegs war ein weitumschattender Ölbaum,
Stark und blühenden Wuchses; der Stamm glich Säulen an Dicke.
Rings um diesen erbaut’ ich von dichtgeordneten Steinen
Unser Ehegemach, und wölbte die obere Decke,
Und verschloß die Pforte mit festeinfugenden Flügeln.
Hierauf kappt’ ich die Äste des weitumschattenden Ölbaums,
Und behaute den Stamm an der Wurzel, glättet’ ihn ringsum
Künstlich und schön mit dem Erz, und nach dem Maße der Richtschnur;
Schnitzt’ ihn zum Fuße des Bettes, und bohrt’ ihn rings mit dem Bohrer,
Fügete Bohlen daran, und baute das zierliche Bette,
Welches mit Gold und Silber und Elfenbeine geschmückt war;
Und durchzog es mit Riemen von purpurfarbener Stierhaut.

Den Baum hat Odysseus damit leider ziemlich kaputtgemacht. Denn wenn man einen Hauptast abhaut, geht auch die entsprechende Hauptwurzel ein. Dennoch hat der Baum die Misshandlung anscheinend nicht übel genommen.“

Zu Hause zeige ich Will.ie dann meine Mappe mit Zeichnungen von Olivenbäumen. Die in unserem Garten habe ich schon alle konterfeit, 38 sind es. Und ein paar andere auch. Will.ie staunt nicht schlecht. „Du liebst diese Bäume wohl sehr, ja?“ – „Ja, Will.ie. Und es ist ein Verbrechen, einen einzigen zu fällen. Diese Bäume geben dem Menschen, was er zum Leben braucht, und sie selbst verlangen fast nichts als Gegengabe. Nur unsere Liebe.“

https://gerdakazakou.files.wordpress.com/2016/03/img_6096.jpg

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter alte Kulturen, Erziehung, Fotografie, Geschichte, griechische Helden, Krieg, Leben, Meine Kunst, Mythologie, Natur, Willi, Zeichnung abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

20 Antworten zu 7.3.2021 Mit Will.ie über den Ölbaum reden (Kunst am Sonntag, Ölbaumzeichnungen 2019-20)

  1. Das ist ein sehr erhellender Dialog, den du hier mit Will.ie führst. Die Ölbäume sind wirklich tolle Geschöpfe und offenbar sehr geschichtsträchtig. Während meiner Formenterazeit hat ein reicher Mensch einen abgestorbenen sehr alten Ölbaum per Schiff vom Festland kommen lassen. Allein der Transport kostete damals 10 000 DM. (Ja es war ein protziger Deutscher.) Irgenwie spürt man die Aura der Olivenbäume – ich meine der wilden nicht der in den Plantagen.
    Und deine Zeichnungen sind eine wahre Augenweide mit schönen Pareidolien. 🙂

    Gefällt 4 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank, Joachim! Ja, sie sind geschichtsträchtig. Gibt es andere Nutzbäume, die ein so hohes Alter erreichen und dabei Frucht tragen? Und damit die Menschen vieler vieller Generationen ernähren, auch wenn Kriege und Seuchen über sie hinfahren – außer sie werden abgehackt, wie es heute an vielen Orten geschieht, sogar hier, um Platz für Photovoltaik zu schaffen, was den Bauern mehr Geld einbringt als das mühsame Ernten?
      Die Bäume sind quasi lebendige Pareidolien, man braucht gar nicht danach zu suchen. Persönlichkeiten.

      Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Ja, unbedingt, Marion! Drum sind wir untröstlich, wenn einer abgehauen wird oder stirbt.

      Gefällt 3 Personen

  2. ele21 schreibt:

    „Und es ist ein Verbrechen, einen einzigen zu fällen. Diese Bäume geben dem Menschen, was er zum Leben braucht, und sie selbst verlangen fast nichts als Gegengabe. Nur unsere Liebe.“
    Ja❣️ und sie schenken uns so viel❣️

    Gefällt 1 Person

  3. felsenquell schreibt:

    Deine Olivenbäume sind mythische Wesen, sie sprechen zum Herzen.

    Gefällt 1 Person

  4. Mitzi Irsaj schreibt:

    Jahrhunderte oder manchmal Jahrtausende die ein Olivenbaum schon auf dem Buckel hat erstaunt mich immer wieder und lässt mich ein bisschen ehrfürchtig werden. So einem Baum ist es völlig egal wer da kommt und geht und kurz neben ihm stehen bleibt. Und trotzdem gibt es kaum einen schöneren Platz als im Schatten eines Olivenbaum zu sitzen. Könnte ich zeichnen, dann wäre er wohl auch eines meiner liebsten Motive. Wahlweise auch viele andere wunderschöne Bäume.

    Gefällt 1 Person

  5. Gisela Benseler schreibt:

    Willie? (Da entging mit etwas)Du gehst…🌟

    Gefällt 1 Person

  6. Christiane schreibt:

    Was für eine Schönheit, dieser alte Ölbaum! Danke dir, Gerda, ich hoffe immer noch, dass du deine Olivenbaumzeichnungen binden lässt und man sie erwerben kann. Danke für die Freude am Abend! 😁

    Gefällt 2 Personen

  7. Johanna schreibt:

    Die Geschichte der Olivenbäume historisch und mytisch, und Deine Zeichnungen und Betrachtungen würden ein Schatzbüchlein ergeben! Ich erinnere mich, wie die Olivenbäume besondern in der Mani (südlich von Euch) scheinbar zwischen Geröll wuchsen… eine unglaubliche Lebens – Überlebenskraft hat dieser Baum ❣

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Ja, Johanna. Als ich es zum ersten Mal sah, wie diese Bäume aus dem extrem kargen Boden wachsen, der anscheinend nur aus Felsen und Geröll besteht (nicht so bei uns, bei uns ist der Boden reicher), konnte ich es kaum fassen. Die Früchte dieser Bäume, die ohne jede Bewässerung und ohne Düngung auskommen, gehören zu den besten und werden kaum von Schädlingen befallen. .

      Gefällt 1 Person

  8. Wie urig, altehrwürdig ist dieser uralte wuchtig gewachsene Olivenbaum, den Ihr da entdeckt habt, liebe Gerda.
    Deine Zeichnungen der Olivenbäume mag ich sehr und es wäre wirklich ganz wundervcll, gäbe es davon einen Fotoband, bzw. ein Fotobändchen!

    Gefällt 1 Person

  9. Was für ein feiner Beitrag liebe Gerda! Deine große Liebe zu diesen Bäumen zeigen Deine fantastischen Zeichnungen, die ihre so individuelle Ausstrahlung wiedergeben! 👌👌👍Du begeistert immer wieder damit!
    Liebe Grüße Babsi

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.