8.3.2021 Will.ie am Frauentag

Statt mit „Guten Morgen“ begrüßt Will.ie mich heute mit „Frauentag!“ Sie mag die von der UNO beschlossenen Sondertage, sie geben ihrem Ein-Jahres-Leben Rhythmus und Bedeutung. Dieses Jahr hat die UNO – wie könnte es anders sein – herausgefunden, dass Frauen auch in der Covid-19-Welt nicht gleichberechtigt in Führungspositionen anzutreffen sind.

This year, the theme for International Women’s Day (8 March), “Women in leadership: Achieving an equal future in a COVID-19 world,” celebrates the tremendous efforts by women and girls around the world in shaping a more equal future and recovery from the COVID-19 pandemic and highlights the gaps that remain.

„Tja, wir haben ein Equality-Problem“, sage ich finster zu Will.ie. „Das Problem ist nicht, dass in der schönen neuen Covid-19-Welt Arbeitslosigkeit, Hunger, Kinderarmut und Verzweiflung grassieren, während einige Mitbürger sich dumm und dämlich verdienen, sondern dass wir Frauen in dieser schönen neuen Welt zu wenig zu sagen haben. Willst du nicht doch lieber wieder zum Mann mutieren?“

Will.ie schaut mich verständnislos an. „Wieder zum Mann mutieren? was meinst du damit?“ Nun verstehe ich nicht. Sollte Will.ie etwa vergessen haben, dass sie noch vor kurzem ein Will.i war?  Vorsichtig tippe ich an: „Als du klein warst, hast du wie ein Junge ausgeschaut und hattest typische Jungeninteressen: Technik, Rechnen und so. Erst in Amerika wurdest du dann zur Frau.“ – „‚Typische Jungeninteressen‘? – sag mal, in welcher Welt lebst du eigentlich? In den USA wurde ich, da hast du recht, das, was ihr in eurer Generation wohl ‚zur Frau werden‘ nanntet. Aber was hat das mit Mutieren zu tun? Wenn ich erst ne Führungsposition ergattert habe, zeig ich allen, was ne Harke ist.  Ob Mann oder Frau, ist doch ganz egal.“

‚Ganz egal‘. Och. Und ich dachte, wir Frauen wären irgendwie anders. Gefühlvoller, liebevoller, brüderlicher (pardon, schwesterlicher), kreativer, friedliebender, nährender, weiser, anpassungsfähiger, meinetwegen auch unlogischer, abhängiger, hysterischer, gemeiner… jedenfalls anders. Dass die Welt folglich anders aussehen würde, wenn Frauen ans Ruder kämen.

Hat Will.ie Recht? Ist es wirklich „ganz egal“, obs Männer oder Frauen sind, die die Politik bestimmen, uns die Lebensfreude vermasseln und unsere Erde zugrunde richten? Kommt es am Ende gar nicht aufs Geschlecht an, sondern auf die Strukturen, die Rollen, die Interessen, die Qualität des Denkens und die Ziele des Handelns?

Schöne neue Covid-19-Welt, wo auch das Gleichheitsproblem gelöst ist.

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Erziehung, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Politik, Psyche, Willi abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

19 Antworten zu 8.3.2021 Will.ie am Frauentag

  1. versspielerin schreibt:

    ich dachte schon seit längerem, dass will.ie ganz schön schlau ist 🙂

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  2. gkazakou schreibt:

    Ein „Kind ihrer Zeit“ eben. 😉

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  3. Werner Kastens schreibt:

    Wenn ich mich recht erinnere soll es bei den Amazonen aber auch nicht zimperlich hergegangen sein, weil sie offensichtlich die gleichen Herrschafts-Strukturen aufgebaut hatten wie unter den Königen üblich?

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    • gkazakou schreibt:

      Donnerwetter, hast du damals auch schon gelebt, lieber Werner? Als was denn? Als Frau oder als Mann?

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    • gkazakou schreibt:

      Nein, Werner. Drum stelle ich ja auch die Fragen.

      Selbstverständlich bin ich für Gleichberechtigung aller Menschen, ob Mann, Frau oder irgendwas dazwischen. Das aber ist bei der UNO (Equality) gar nicht die Frage, sonders es geht um „Führungspositionen“, die als solche ja Ungleichheit – ein Oben und Unten – einschließen. Gegen diese Ungleichheiten bin ich, denn ich habe keine Lust, dass mir jemand sagt, wie ich zu leben habe – egal ob das nun eine Frau oder ein Mann ist. Und für sehr viele geht es um weit mehr, nämlich um die Frage, ob sie überhaupt leben dürfen (Krieg, Armut).

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  4. Gisela Benseler schreibt:

    Diese erfundene Mann/Frau-Figur bringt manches – mit Dir – auf den Tisch. Nun leben wir in einer realen Welt. Aber das mit der schönen neuen Welt ist narürlich in Wirklichkeit … Aber Du sagst es ja.

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  5. Susanne Haun schreibt:

    „Kommt es am Ende gar nicht aufs Geschlecht an, sondern auf die Strukturen, die Rollen, die Interessen, die Qualität des Denkens und die Ziele des Handelns?“
    Ja, liebe Gerda!

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  6. Will.i*e hat nicht recht , dass es egal ist, ob Mann oder Frau… Allerdings mutieren (um bei deinem Audruck zu bleiben) manche Frauen unversehens zu Männern, wenn sie die Führungsposition erst einmal erreicht haben… also dann, wenn sie es gar nicht mehr nötig hätten.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke für deine bestimmte Antwort, Joachim. Es ist nicht egal. Aber worin besteht, bezogen auf die politischen Handlungsweisen und Ziele, der Unterschied? Und gibt es so was wie „typische Jungeninteressen“? Das sind eigentlich meine Fragen.

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  7. Die Qualität des Denkens und die Ziele des Handelns

    Ja, das ist das Wichtigste, und in diesem Fall ist es egal, wer entscheidet, Mann oder Frau

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    • gkazakou schreibt:

      Das scheint mir auch so zu sein, Bruni. Und dass die Vorstellung, mehr Frauen in der Politik würden etwas zum Besseren verändern, eine Illusion ist. Ich finde es selbstverständlich, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sein müssen, in allem und jedem, und insofern sind die Ziele der Frauenbewegungen durchaus aktuell und berechtigt, aber man soll sich nichts vormachen: Frauen sind nicht per se die besseren Menschen.

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    • gkazakou schreibt:

      Jeder Mensch ist anders, liebe Bruni 😉 die Geschlechtszugehörigkeit ist mir ein zu grobes Raster, um die Menschen zu unterscheiden. Was weiß ich schon über die Milliarden meiner Geschlechtsgenossinnen?

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  8. Ja, das ist wahr, was wissen wir als Einhelperson über andere Frauen.
    Wir meinen, sie zu kennen und zu verstehen, aber vermutlich kratzen wir da auch nur an der Oberfläche, an dem, was sie uns zeigen

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  9. Wenn man bedenkt wie lange der Weg zur Gleichberechtigung der Frau bereits gegangen worden ist und noch lange nicht zuende ist, dann müssen wir auch aufpassen, daß das Gewonnene nicht mehr verloren geht! Es geht nicht um Macht, aber Chancengleichheit!

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